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Lenas Mondnächte

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Zusammenfassung

Per Zufall landet Lena im Chat „Zur Seligkeit“, sie merkt zunächst gar nicht, dass es sich um eine BDSM-Community handelt. Tomm, der geheimnisvolle Admin des Chatrooms fasziniert sie von Anfang an. Er ist auf der Suche nach seiner „vorherbestimmten Gefährtin“, doch an ihr, Lena, hat er offensichtlich kein Interesse. Sie aber will ihn unbedingt treffen – nicht wissend, worauf sie sich eigentlich einlässt. Sie hofft nur verzweifelt, dass sie diese Gefährtin ist, nach der er schon so lange sucht.

Genre:
Fantasy
Autor:
Sisa Hagen
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
5
Rating
n/a
Altersfreigabe
18+

1. Gefunden

Der Tag an dem Lenas Welt in tausend Scherben zerbrach, lag kaum zwei Monate zurück und alles, woran sie je geglaubt hatte – nämlich das Vertrauen in ihre Unbesiegbarkeit, in ihre Stärke und in ihre Menschenkenntnis – waren mit einem Schlag vernichtet worden. Alles so mühelos, wie sie es sich selber niemals hätte träumen lassen. Es kam ihr wie Jahre vor, wie eine Ewigkeit. Doch es waren erst knappe acht Wochen seit jener verhängnisvollen Nacht vergangen.

Das hier ist Lenas Geschichte. Und ich glaube es ist wirklich besser, wenn ich nicht mittendrin beginne, sondern sie von Anfang an erzähle …

Lena hatte Tomm – ausdrücklich mit zwei „M“, darauf bestand er! – in diesem Chat damals kennengelernt. Einem BDSM-Chat! Aber das merkte sie erst nach einer Weile. Zunächst war es ihr nur merkwürdig vorgekommen, weil man sie immer wieder so ordinär und seltsam anschrieb. „Kleine Hurenfotze“ hatten sie sie genannt, oder „geile Schlampe“. Unfassbar!

Vor Empörung wusste sich Lena nicht anders zu helfen, als sich bei einem der anwesenden Administratoren zu beschweren. Sie konnte doch nicht alle Schreiber auf ignore setzen. Diese Beleidigungen einfach still schlucken wollte sie jedoch auch nicht. Sie musste sich einfach wehren.

Tomm war der Admin an diesem Abend, der Dienst hatte – und sie darüber aufklärte, wohin sie sich in ihrer Unwissenheit verlaufen hatte. Es war unglaublich! Wie konnte man einen BDSM-Chat bitte „Zur Seligkeit“ nennen?

Zugegeben – Lena hatte von Anfang an vermutet, dass sie in einem dieser berühmt-berüchtigten Baggerchats gelandet war. Doch darin sah sie kein Problem. Seit Jahren war sie Single und deshalb schon überreif für eine neue Beziehung – und selbst wenn sich nur eine flüchtige Affäre ergeben hätte, so wäre ihr das lieb gewesen und sie hätte nicht Nein gesagt, um endlich das Gefühl von Einsamkeit loszuwerden. Sie hatte unendliche Sehnsucht nach menschlicher Nähe, vermisste nichts so sehr wie einen warmen Männerkörper an ihrer Seite und in ihren Armen, gar nicht zu reden von all den anderen köstlichen Dingen, die damit in Zusammenhang stünden.

Deshalb hatte sie sich auch ins Internet eingeloggt. Und als ihr auf dieser Chatliste der Name „Zur Seligkeit“ ins Auge gestochen war, dachte sie sich: „Das ist doch schön, das klingt als würde man dort Leute kennenlernen, sich verlieben und mit denen auf Wolke 7 schweben – eben ganz selig!“

Ja, das hatte sie sich gedacht und dabei gelächelt.

Falsch gedacht!

Dieser Tomm verspottete sie ziemlich wegen ihrer Naivität – aber auf eine solch humorvolle Art, dass sie schließlich gar nicht anders konnte, als selbst über ihren „Fehltritt“ zu lachen, der sie in die „Seligkeit“ geführt hatte. Und so kamen sie miteinander in Kontakt, er und sie …

Die Gespräche wurden länger, zu den Chatgesprächen gesellten sich E-Mails und so erfuhr sie nach und nach immer mehr von ihm. Die „Seligkeit“ war sein Chat beispielsweise, er hatte ihn ins Leben gerufen. Und auch, dass er selbst auf der Suche war – schon eine Ewigkeit, wie er es nannte. Aber auch schon eine Ewigkeit lang eine Enttäuschung nach der anderen erlebte. Nie war unter den Frauen mit denen er sich getroffen hatte, diejenige gewesen, welche die Partnerin seines Herzens war – seine für ihn vorherbestimmte Gefährtin!

„Seine vorherbestimmte Gefährtin!“

Diese Aussage ging ihr ins Blut, streichelte ihre Seele und kribbelte in ihren Nerven. Die Worte faszinierten sie – und das konnte sie nicht verbergen. Immer wieder sagte sie sie vor sich her, ließ sie sich auf der Zunge zergehen und ein wilder Gedanke ließ Hoffnung in ihr wachsen. Was wäre, wenn …

Tomm merkte das schnell. An diesem Abend telefonierten sie das erste Mal miteinander und als er begriff, dass dieser Satz sie sprachlos gemacht hatte, sprach er sie darauf an. Auf die tiefe, glühende Sehnsucht in ihrem Herzen, das Sehnen und das Brennen in ihrem Leib und ihrem Schoß. Sie brauchte es nicht auszusprechen, dass auch sie gerne Jemandes „vorherbestimmte Gefährtin“ wäre – und am liebsten doch die seine.

„Verliere dich nicht in unerfüllbaren Träumen von uns beiden!“, ersparte er ihr nicht die Peinlichkeit, die Warnung in Worte zu fassen. Mit einer tiefen, kehligen Stimme, die sie zum Erschaudern brachte. „Du weißt inzwischen was für ein Chat das ist, in dem wir uns getroffen haben – also kannst du dir auch denken, worauf ich stehe!“

Sie schluckte schwer an ihrer Beschämung, weil er ihre Sehnsüchte sogar am Telefon erkannt – mehr noch, auch ihre geheimsten Träume erraten hatte. Und seufzte nur bedrückt. „Ich weiß …“

„Weißt du das wirklich?“, höhnte er, plötzlich wütend und seltsam zynisch. Und hart. Seine Stimme klang nun wie Eis. „Weißt du oder rätst du nur? Gott, bist du naiv!“

Sie zuckte nur zusammen, bei diesem letzten, fast bösartig klingenden Satz. Sonst ein friedfertiger, harmoniesüchtiger Mensch, das ging ihr nun doch zu weit. Und sie wehrte sich instinktiv dagegen.

„Du kennst mich nicht! Du weißt gar nichts über mich, noch etwas über meine Träume! Also was soll das? Warum beleidigst du mich? Das habe ich nicht verdient!“

Wieder lachte er, noch spöttischer. Und legte dann einfach auf, ohne sich zu verabschieden.

Lena hielt es volle zwei Wochen aus. Sie schickte keine SMS, schrieb keine E-Mail, griff nicht zum Telefon. Und sie blieb der „Seligkeit“ fern. Doch dann, vierzehn Tage später, loggte sie sich doch wieder in dem Chat ein. Tomm war – wie fast jeden Abend – online.

Fast demütig schrieb sie ihn an:

„Bitte, sprich mit mir! Es tut mir leid, dass wir uns gestritten haben! Ich vermisse die Gespräche mit dir so sehr!“

Tomm ließ sich lange Zeit, bis er antwortete. Er war im Chat. Er las die Nachricht. Aber es vergingen Stunden, bis endlich eine Message von ihm kam.

„Ich kann dir nicht mehr bieten, als meine Freundschaft! Wenn dir das genügt …“

Nein – es genügte nicht! Doch wenn er ihr nicht mehr geben konnte, dann wollte sie sich damit zufriedengeben! Wenig war immer noch mehr als nichts, so schnappte sie dankbar nach den Krumen. Und demonstrierte ihm voller Vertrauen ihre Bereitwilligkeit:

„Nur Freundschaft, versprochen!“

Lange Gespräche folgten. Über Gott und die Welt.

Es gab kaum ein Thema, das nicht angeschnitten wurde in den langen Chatgesprächen, E-Mails und Telefonaten. Bald hatte Lena die Übersicht verloren, wie viele Nächte sie mit Tomm am Telefon oder am PC verbracht hatte. Er nahm immer mehr Raum ein in ihrem Leben, wurde immer wichtiger.

Und sie war so unendlich dankbar dafür. Vertrieb es doch die Einsamkeit, die all die Jahre zuvor wie ein bleierner Schleier über ihrem Leben hing und ihr das Gefühl gegeben hatte, niemand wollte sie. Jetzt war das anders. Sie hatte Tomm, einen Freund – und der mochte mit ihr reden!

Ja, sie war einsam gewesen – vor ihm. Sogar erbärmlich einsam. Doch das erkannte sie erst jetzt, wo die Nächte mit ihm nur so dahinflogen, und aber tagsüber die Stunden zäh wie Sirup dahin tröpfelten.

Freundschaft war vielleicht auch ein zu starkes Wort für das, was sie beide verband. Sie begegnete ihm offen und unvoreingenommen, hielt keinerlei Geheimnisse vor ihm zurück. Erzählte ihm alles, bis es kaum mehr etwas gab, was er nicht über sie wusste. Selbst ihre einsamsten und dunkelsten Momente verbarg sie nicht vor ihm.

Tomm jedoch hielt sich bedeckter. Auch er erzählte viel von sich, und doch beschlich sie manchmal das Gefühl, dass er etwas vor ihr zurückhielt. Es kam ihr vor, als gäbe es eine Seite an ihm, die er vor ihr verbarg. Manchmal hatte sie sogar das Gefühl, in ihm schwelte etwas Dunkles! Hatte er womöglich psychische Probleme?

Und da waren auch noch jene Nächte, in denen er nicht im Chat war. Nächte, in denen sie ihn bitterlich vermisste, weil ihr ihre eigene Einsamkeit überdeutlich bewusst wurde. Nächte, über die er sich aber ausschwieg. Und sie wagte es nie, ihn danach zu fragen.

Im Laufe der Monate fiel ihr jedoch auf, dass vor diesen „Mondnächten“ der Kontakt zu ihr immer etwas spärlicher war. Und das fiel immer auf Zeiten, zu denen bestimmte Frauen in seinem Chat anwesend waren – nämlich immer dann, wenn er keine Zeit hatte, um mit ihr zu telefonieren und sich nur auf das Chatten mit ihr beschränkte.

Sie beobachtete das eine Weile und begann dann zu ahnen warum das so war – nämlich, weil er sich gerade einer von diesen Anderen widmete. Sie umwarb und sie vorbereitete. Um sich in diesen Nächten, in denen er nicht online war mit ihnen zu treffen.

Es gab also andere Frauen. Frauen, die ihm vermutlich auch das gaben, was er brauchte – nämlich das, was er ihr nicht zutraute. Seine Neigung betreffend, das hatte sie längst verstanden.

Monatelang nahm sie das hin. Und versuchte, Verständnis aufzubringen und an der Freundschaftsebene festzuhalten.

Bis es anfing, wehzutun. Eines Nachts ertappte sie sich selbst dabei, wie sie bitterlich weinte. Sie hatte sich im Chat eingeloggt und er war wieder einmal nicht online. Es war eine von diesen „Mondnächten“. So hatte sie begonnen, diese Nächte heimlich für sich selbst zu nennen.

Sogleich verfluchte sie sich selbst, nannte sich verrückt und wischte sich die dummen Tränen ab. Schob diese seltsame Stimmung einfach auf den Vollmond. Der beeinflusste ja bekanntlich alle Leute, und war nicht nur für Ebbe und Flut zuständig.

Sie zwang sich dazu, über sich selbst zu lachen – nur um dann in der nächsten Sekunde gleich wieder verzweifelt in Tränen auszubrechen, da sie sich die schlimmsten Bilder vorstellte. Von dem, was da womöglich gerade geschah und was er gerade mit einer anderen Frau machte.

Was nun wirklich lachhaft war! Wie konnte sie sich Bilder von ihm, zusammen mit einer anderen Frau vorstellen? Wenn sie weder wusste, wie er aussah, noch wie die andere Frau? Aber mit rationellen Überlegungen war es einfach nicht mehr getan, die Gefühle die sie bewegten, ließen sich nicht mehr mit Vernunft besänftigen.

Sie kämpfte lange dagegen an. Und verlor dann doch den Kampf gegen sich selber.

Eine Weile hielt Lena es noch aus.

Weil sie merkte, dass diese Frauen nach den „Mondnächten" nie wieder in den Chatroom kamen. Ihr fiel auch auf, wie er sich danach immer verstärkt ihr und ihren nächtlichen Gesprächen widmete, als hätte er ein schlechtes Gewissen. Doch das konnte nicht sein, warum auch?

Sie haderte lange mit sich und versuchte, alles als unsinnige Überreaktion abzutun.

Sie hatte eigentlich – vernünftig betrachtet – keinen Grund zur Eifersucht. Denn sie erhielt viel Aufmerksamkeit von ihm. Und doch träumte sie davon, noch viel mehr von ihm zu bekommen.

Doch dann begann es wieder von vorne. Wieder fing er an, sie zu vertrösten, er habe keine Zeit zu telefonieren – und sie fühlte unsäglichen Schmerz bei diesen Worten. Ohne weiter nachzudenken, gab sie dem ersten Impuls nach, griff selber zum Telefon und wählte seine Nummer. Einfach so.

Tomm klang überrascht, als er sich meldete und erkannte, wer anrief. Er schnaubte, als er ihre Stimme erkannte und sie ihm dann zaghaft ihren Namen nannte. Dann schwieg er. Sagte nichts, um es ihr zu erleichtern und sie spürte, wie verstimmt er war. Lena zitterte am ganzen Leib, als sie ihren ganzen Mut zusammenkratzte. Krampfhaft umklammerten ihre Finger das Telefon, als sie es endlich aussprach und ihre Sehnsucht in Worte fasste.

„Tomm, bitte – du brauchst dich nicht mit dieser anderen Frau zu verabreden. Ich möchte gerne diejenige sein, die du triffst!“

Es würgte sie in der Kehle, als sie selbst erkannte, wie bittend und flehend das klang. Wie anbiedernd der Tonfall war, in dem sie gesprochen hatte.

Doch wieder schwieg er sich aus.

Eine Ewigkeit.

Als sie schon anfing zu glauben, er hätte einfach den Hörer beiseitegelegt, begann er doch zu reden. „Du Närrin weißt ja gar nicht, worum du mich bittest!“

Das stimmte sogar. Sie hatten nie darüber gesprochen, worauf er tatsächlich stand. Oder was ihm gefiel. Sie hatte auch nur eine vage Vorstellung davon, was BDSM war und es irgendwie auch nie gewagt, sich über dieses Thema zu informieren. Alleine der Gedanke daran war ihr fremd vorgekommen. Und auch seltsam bizarr.

Aber gerade war ihr alles egal. Hauptsache, er traf sich mit ihr! Und nicht mit der anderen aus dem Chat. Also – mal ehrlich! - was hätte sie darauf sagen sollen?

Doch er erwartete gar keine Antwort, denn er sprach weiter bevor sie überhaupt reagieren konnte. „Du dummes Weib – weißt du nicht, was ich mit den Frauen mache, mit denen ich mich treffe?“

Sie schluckte verunsichert. „Ich … ich kann es mir vorstellen!“, hauchte sie krächzend.

Er lachte grob. „Und das wäre?“

„Du fesselst und schlägst sie“, wisperte sie, kaum mehr hörbar – und verlegen, weil er sie zwang, das auszusprechen. Das war aber schon alles, was sie über BDSM wusste.

Tomms Lachen war reiner Hohn. „Das übliche Klischee also!“

„Ist es denn nicht so? Machst du etwas anderes?“ Sie musste es wissen. Woher nahm sie plötzlich den Mut, ihn das zu fragen? Keine Ahnung. Aber die Worte kamen über ihre Lippen, bevor sie sie zurückhalten konnte.

„Nein, natürlich mache ich das auch. Aber auch ganz andere Dinge. Das was ich suche, ist nicht nur eine SM-Beziehung, es ist viel mehr!“, schnappte er.

„Dann erzähl es mir doch einfach!“, bat sie ihn flehentlich. „Ich will nicht länger unwissend sein!“

Er schnaufte tief durch, dann knurrte er: „Nein, egal was du sagst - aber in Wirklichkeit willst du es ja gar nicht wissen, was ich mit diesen Frauen mache!“

„Du triffst sie“, wagte sie sich vor. „Und dann schlägst du sie, vermute ich. Und vielleicht gefällt es ihnen nicht, weil sie danach nie mehr in den Chat zurückkommen. Vielleicht bist du zu hart und zu grausam zu ihnen, meinst du das?“

Tomm war sprachlos. Lange Zeit schwieg er – so lange, bis ihr bewusst wurde, es war ein Fehler gewesen, ihn auf ihre Beobachtung aufmerksam zu machen.

Schließlich zischte er aufgebracht. „Wie meinst du das? Sie kommen nicht mehr in den Chat?“

Oje – sollte sie es ihm wirklich sagen? Er war doch jetzt schon so wütend! Aber andererseits – hatte sie wirklich eine Wahl? Lena holte tief Luft. Sie war einfach ein von Grund auf ehrlicher Mensch, sie wollte ihn nicht belügen und ihm auch nichts verschweigen.

„Nun, es ist mir einfach aufgefallen. Du hattest immer wenig Zeit für mich, wenn du eine klargemacht hast. Und wenn du nicht online warst, wusste ich – du hast sie getroffen. Jeden Monat, immer wenn Vollmond ist, und so habe ich eben auch bemerkt, keine von ihnen ist nachher jemals wieder in der ‚Seligkeit’ aufgetaucht ist …“

„Wie kommt es nur, dass ich mich jetzt so überwacht vorkomme?“, grollte er.

Sie zuckte zusammen und fröstelte plötzlich. Wusste, jetzt hatte sie ihn wirklich verletzt. Und vielleicht sogar enttäuscht. Wütend war er auf alle Fälle. Aber da das Kind jetzt aber schon in den Brunnen gefallen war, beschloss sie kurzerhand, sich noch etwas weiter aus dem Fenster zu lehnen.

„Tomm – bitte! Rede doch mit mir! Ich möchte mehr darüber erfahren. Ich möchte wissen, ob ich dir das geben kann, was du suchst – denn ich möchte dich unbedingt kennenlernen!“

Auf einmal, als sie schon gar nicht mehr damit rechnete, kam doch noch eine Reaktion von ihm.

„Du dumme kleine Nutte, du! Was weißt du denn von dem, was ich brauche? Oder mit meinen Frauen mache?“

Wieder zuckte sie bei der höhnisch ausgesprochenen Mehrzahl ‚meine Frauen’ verletzt zusammen – in dem Wissen, genau das hatte er auch beabsichtigt.

„Schlagen? Ich schlage sie nicht nur! Ich quäle sie! Ich bringe sie zum Schreien! Ich lasse sie bluten!“ Und dann schrie er plötzlich: „Ich vernichte sie – und ich werde auch dich vernichten! Also bleib mir bloß vom Leib!“

Es knackste laut, als er die Verbindung unterbrach – so unvermittelt, dass sie deswegen fast ihr eigenes Telefon hätte fallen lassen. Zittrig rang sie nach Atem. Sie hatte versagt. Sie hatte alles falsch gemacht. Statt ihn für sich zu gewinnen, hatte sie ihn ganz offensichtlich verjagt. Jetzt wollte er nichts mehr mit ihr zu tun haben …

Mutlos verkroch sich Lena in ihr Bett. Und versuchte, sich mit der Situation abzufinden. Sie hatte gekämpft. Nun, es zumindest versucht. Und sie hatte keinen Erfolg damit gehabt!

In jener Nacht hatte Lena einen seltsamen Traum. Einen, der sie verwirrte und den sie einfach nicht deuten konnte.

Sie hatte geträumt, aus einem Traum aufzuwachen – einem Traum von Tomm, so wie jede Nacht. Als sie wach wurde, war sie aber nicht alleine gewesen. Jemand stand an ihrem Bett und schaute nachdenklich auf sie hinunter. Tomm! Doch der Tomm dieses Traumes sah so ganz anders aus wie der Tomm, von dem sie sonst immer träumte und wie sie ihn sich insgeheim immer vorgestellt hatte …

Bisher war ihr „Traum-Tomm“ ein sehr gepflegter Mann gewesen. Groß, schlank – Typ Akademiker eben. Blonde kurze Haare mit exaktem Scheitel, funkelnde kluge blaue Augen. So sah sie ihn exquisit angezogen vor sich – vorzugsweise im dunklen Anzug mit passender Krawatte.

Der Tomm, der diese Nacht im Traum an ihrem Bett stand, hatte mit ihrer bisherigen Vorstellung überhaupt nichts gemein. Er war viel größer, an die zwei Meter und breit wie ein Schrank. Nichts zu sehen von akademisch gepflegtem Stil. Er trug derbes Wildleder und ein bis zum Nabel aufgeknöpftes Hemd, das die breite, stark behaarte Brust freiließ. Er war tiefdunkel gebräunt und hatte zottelig wirkende, schwarze Haare – die ihm lang bis über die Schultern fielen. Die Augen funkelten nicht in nordischem Blau, sondern fast gelb und wirkten wie Bernstein, der von innen beleuchtet wurde.

Er hatte etwas Animalisches an sich. Etwas, das ungleich gefährlicher wirkte als alles, was sie bisher je getroffen hatte, und das ließ sie erschaudern. Und bewirkte, dass sie wie erstarrt in ihrem Bett lag und nicht vermochte, sich zu bewegen. Aus weit aufgerissenen Augen starrte sie die dunkle Gestalt an, die gefährlich massig über ihr aufragte – und erst als ihr das Blut in den Ohren rauschte, wurde ihr bewusst, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.

Aber was konnte ihr schon groß passieren? Immerhin war das ein Traum. Ihr Traum!

Sie fing sich, konzentrierte sich nur noch auf ihn – und streckte ihm dann die Hand entgegen. Bittend. Eine rührend hilflose Geste, voller Sehnsucht und Verlangen nach ihm.

Bitte stoße mich nicht wieder zurück! Sie hoffte, er verstand die stumme Botschaft.

In diesen lodernden Seen aus flüssigem Bernstein blitzte es auf. Mörderisch, fast hasserfüllt. Und dann stürzte er sich auf sie, mit einem grollenden Knurren, das sich anhörte wie das Gebrüll eines Raubtieres, welches gerade ihr Opfer erlegte.

Er kam über sie mit der Gewalt eines Orkans und der Wut eines gereizten Tigers. Sekunden später lagen die Überreste ihres zerfetzten weißen Baumwollnachthemdes zerknüllt zu ihren Füßen. Und fast im selben Augenblick schrie sie auch schon vor Schmerz, als sich langen Krallen gleich, seine Nägel in ihre helle Haut gruben und sie zum Bluten brachten.

Immer stärker wurde der Schmerz, weil die Krallen nicht von ihr abließen – bis sie irgendwann mit einem letzten Aufschrei die Besinnung verlor und im Dunkel versank …

Am Morgen danach wachte sie dann auf und fühlte sich tatsächlich zerschlagen und geschunden. Sich selbst wundernd über die Heftigkeit und die Art des Traumes. Zwischen den Schenkeln war sie wund, als hätte man sie die ganze Nacht genommen – was nicht wirklich unangenehm war, dieses Gefühl hatte sie nur viel zu lange nicht mehr gespürt. Aber als sie das zerrissene Nachthemd am Fußende des Bettes entdeckte, erschrak sie zutiefst.

Sie packte es, um es wegzuwerfen – und starrte dann entsetzt auf ihr eigenes Spiegelbild. Es verschlug ihr den Atem und sie traute ihren Augen kaum.

Drei große Male zierten ihre Haut: eines auf dem Schambein, eines unter der linken Brust direkt über dem Herzen und eines an ihrer Kehle. Es waren tiefe Wunden, sodass sie immer noch nässten und wie Feuer brannten. Seltsam, dass ihr dies zuvor gar nicht aufgefallen war!

Den ganzen Tag über konnte sie nicht aufhören, über diesen seltsamen Traum nachzudenken. Sie grübelte und fragte sich, wo nur die Kratzer auf ihrer Haut herkamen? Auch an den Handgelenken hatte sie Spuren entdeckt – tiefdunkle Blutergüsse, als hätte jemand sie festgehalten. Aber das war doch Quatsch.

Doch da waren auch die roten Flecken auf den Überresten ihres Nachthemdes gewesen – gerade so, als hätte jemand hastig das Blut von ihrem Körper gewischt damit! Sie versuchte sich zu beruhigen. Niemand war bei ihr gewesen. Es war nur ein Traum gewesen! Zugegeben, ein sehr lebhafter – denn anscheinend hatte sie sich dabei sogar selbst verletzt, ohne es zu merken.

So lebhaft, dass sie dabei sogar gekommen war!

Denn das war auch etwas, das sie einfach nicht vor sich selbst leugnen konnte. Sie hatte in diesem Traum einen Orgasmus gehabt. Vermutlich aber erst, nachdem sie in diese geträumte Ohnmacht gesunken war, denn erinnern konnte sie sich daran nicht. Aber die Feuchtigkeit, die ihre Schenkel eingenässt hatte und die immer noch nach dem Aufwachen da gewesen war, war ein zu verräterisches und zu aussagekräftiges Indiz!

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