Teil 1 - Die Dinge, die im Dunkeln bleiben
Prolog
„Manchmal, in den stillen Stunden der Nacht, flüstert der Wald Dinge, die kein Mensch hören sollte.”
– Aus dem Tagebuch der Eva Prager, gefunden am 2. März
Der Regen fiel senkrecht, wie Nadeln aus Glas. Die Straße war leer, kein Licht weit und breit. Nur der Wald stand da, unbewegt – als würde er atmen.
Eva Prager schloss die Tür zu ihrer kleinen Hütte am Waldrand. Es war spät. Oder früh. Sie wusste es nicht mehr. Die Tage verschwammen in letzter Zeit. Seit das Flüstern begonnen hatte.
Anfangs hatte sie geglaubt, es sei der Wind. Dann eine ihrer Katzen. Dann – ihr Verstand.
Aber inzwischen war sie sich sicher: Der Wald sprach mit ihr. Und er sagte Dinge, die niemand hören sollte.
Sie nahm das Notizbuch vom Fensterbrett. Das alte, mit den ledernen Ecken und dem weichen Papier. Darin stand alles – das Rascheln, die fremden Worte, die Zeichen an der Baumrinde.
Und der Schatten. Dieser Schatten, der nachts zwischen den Bäumen stand und sie beobachtete. Groß. Dürre Glieder. Ein Gesicht, das sie nie ganz erkennen konnte. Nur: Es hatte keinen Mund. Nur Augen, die brannten wie Kohle im Nebel.
Sie schrieb noch etwas:
„Wenn ich morgen nicht mehr bin – er war es. Der, der die Kinderlieder rückwärts singt.”
Dann schloss sie das Buch, löschte das Licht – und stellte sich mitten ins Dunkel.
Am nächsten Morgen fand ein Spaziergänger ihren Hund. Angeleint an einen Baum. Zitternd. Verängstigt.
Von Eva keine Spur. Nur das Tagebuch lag da, aufgeschlagen, an exakt derselben Stelle wie ein Jahr zuvor ein anderer: Hans Reidinger. Vermisst. Nie gefunden.
Die Polizei wurde gerufen.
Und mit ihr – Nicholas Krammer und Ellie Maybach.
Kapitel 1
Der Regen hatte sich verzogen, aber die Dämmerung hielt das Land in einem blassen, grau-violetten Licht, das den Übergang von Tag zu Nacht beinahe unmerklich vollzog. Nebelschwaden lagen wie atmende Wesen auf den moosbedeckten Waldböden rund um Bayerisch Gmain. Das Tal wirkte in sich gekehrt, verschlossen – als würde es sich gegen jede Form von Aufklärung wehren.
Nicholas Krammer saß auf der Motorhaube seines Dienstwagens, eine Zigarette in der linken Hand, die rechte locker auf den Oberschenkel gestützt. Die kleine Flamme seines Feuerzeugs flackerte im Wind, bevor sie sich resigniert zurückzog.
„Du rauchst wieder”, sagte Ellie, die neben ihm aus dem Schatten der Bäume trat, ihre Jacke bis zum Hals geschlossen. Ihre Stimme war leise, fast wie ein Gedanke, den man aussprechen musste, um sich seiner selbst zu vergewissern.
„Ich hab nie richtig aufgehört”, murmelte Nicholas, ohne sie anzusehen. „Nur gelegentlich verdrängt.”
Sie schwieg einen Moment. Dann lehnte sie sich neben ihn an den Wagen, ließ sich die feuchte Luft ins Gesicht wehen.
„Was, wenn das alles nicht vorbei ist?” fragte sie schließlich. „Was, wenn das hier nur der Anfang war?”
Er antwortete nicht sofort. Stattdessen beobachtete er eine Elster, die in einem kahlen Baum hockte, den Kopf schief gelegt, als lausche sie.
„Dann hören wir nicht auf zu suchen”, sagte er schließlich. „Bis auch das letzte Stück Wahrheit aus dem Dreck geholt ist.”
Am nächsten Morgen schien kurz die Sonne, aber ihre Wärme reichte kaum aus, um das klamme Gefühl aus den Kleidern zu vertreiben. Das neue Ermittlungsteam aus München hatte sich bereits auf dem Kommissariat eingefunden – ein junger, ehrgeiziger Staatsanwalt, ein paar LKA-Beamte mit ernsten Gesichtern und der Drang, alles schnell und effizient zu lösen.
Aber was sie nicht verstanden: Hier draußen, in den Bergen, in den Wäldern, funktionierte Zeit anders. Sie kroch. Verlor sich. Vergrub sich im Wurzelwerk der Vergangenheit.
Nicholas saß in der kleinen Küche im ersten Stock des Reichenhaller Kommissariats und blätterte in einem alten Vermisstenfall. „Markus Steiner, 11 Jahre alt. 1993 verschwunden, in einem Ferienlager bei Inzell zuletzt gesehen.”
„Steiner?” Ellie kam mit zwei dampfenden Kaffeebechern herein und stellte einen vor ihm ab. „Verwandt mit Lukas Steiner, dem ersten Opfer?”
„Bruder”, sagte Nicholas knapp. „Derselbe Nachname, dieselbe Gesichtsstruktur auf dem alten Passfoto. Der kleine Bruder ist damals nie wieder aufgetaucht. Fall wurde archiviert, dann vergessen.”
Ellie nahm neben ihm Platz. Ihre Hände umklammerten den Kaffeebecher, aber ihr Blick war auf das Foto geheftet.
„Was, wenn er nicht gestorben ist?” flüsterte sie. „Was, wenn er... hier draußen geblieben ist?”
Nicholas hob langsam den Blick. In seinen Augen lag etwas Ungeheures, das sich gerade erst zu formen begann.
„Was, wenn er zugesehen hat?”
Ein leiser Windstoß ließ die Fenster klirren.
Zwei Tage später.
Sie fanden den nächsten Leichnam durch einen anonymen Hinweis. Ein alter Mann, Förster im Ruhestand, hatte eine Nachricht in seinem Briefkasten entdeckt. Keine Absenderadresse, nur die Worte: „Folgt den Steinen. Dort, wo der Bach verstummt.”
Der Ort war schwer zu finden. Im nördlichen Zipfel des Untersberg-Gebiets stieg ein kleiner Wildbach durch eine schroffe Schlucht. Zwischen Felsen, unter umgestürzten Bäumen und dichten Moosschichten fanden sie sie schließlich – die Leiche eines jungen Mädchens, kaum älter als 15.
„Verdammt”, flüsterte Nicholas, während er sich auf den nassen Boden kniete. „Sieht aus, als wär sie schon Jahre tot.”
Ellie trat vorsichtig näher. Die Kleidung war zerfallen, aber an einem Handgelenk hing noch ein dünnes Stoffarmband – mit Glöckchen.
„Das ist... das war mal ein Trend unter Teenagern in den 90ern. Ich hatte auch so eines”, murmelte sie.
„Du meinst, sie war zu Lebzeiten ein Kind der 90er?”
„Ja. Und das hier war kein Unfall. Jemand hat sie abgelegt. Genau hier. Und wollte, dass wir sie finden.”
Nicholas stand langsam auf. Der Wind war kalt, und dennoch schien er den Schweiß auf seiner Stirn nicht zu kühlen.
„Er spielt mit uns”, sagte er leise. „Er führt uns Schritt für Schritt zu dem Ort, an dem alles begann.”
In der Nacht träumte Ellie schlecht. Sie sah das Mädchen mit dem Glöckchenarmband, wie es durch einen dunklen Wald rannte, atemlos, voller Panik. Und hinter ihr – eine kindliche Stimme, die sang. Nur ein Wort, immer wieder: „Plätzchen... Plätzchen...”
Sie schreckte hoch, der Schweiß kühl auf ihrer Haut. Es war 3:17 Uhr. Draußen schlug Regen gegen das Fenster ihres Hotelzimmers. Sie griff zum Handy, zögerte – und wählte schließlich Nicholas’ Nummer.
Er nahm beim zweiten Klingeln ab.
„Ich kann nicht schlafen”, flüsterte sie.
„Ich auch nicht.”
Eine Pause. Dann: „Ich komm vorbei”, sagte sie.
Die Hotelhalle war leer, nur eine Nachtlampe brannte. Als Nicholas vor ihrem Zimmer stand, zögerte er, dann klopfte er leise.
Sie öffnete sofort. In Jogginghose und Hoodie, das Haar zerzaust, aber ihre Augen wach.
„Ich will dir was zeigen”, sagte sie, ohne ihn hereinzulassen. „Ich war vorhin im Archiv. Hab alte Tonbänder gefunden, aus den Ermittlungen der 90er.”
Sie legten die Kassette in den Rekorder, und ein dumpfes Rauschen erfüllte das Zimmer. Dann die Stimme eines Ermittlers:
„...das Kind hat erzählt, es habe einen Jungen im Wald gesehen. Er war allein. Dreckig. Hatte eine Puppe dabei. Und er hat gesagt: ‘Die Tiere bringen mir Plätzchen. Aber ich muss still sein.’”
Stille.
Nicholas sah Ellie an.
„Was, wenn Markus Steiner nie weg war? Was, wenn er hier geblieben ist? Und sich über Jahre... verändert hat?”
Ellie flüsterte: „Was, wenn aus einem verlorenen Kind ein Jäger geworden ist?”
Draußen heulte der Wind. Drinnen lag die Wahrheit wie ein Schatten über ihnen.
Und ganz kurz – vielleicht, weil die Angst sie so nah zusammenrückte – berührten sich ihre Hände. Für einen Moment schien die Welt still zu stehen. Keine Worte. Nur der Atem zweier Menschen, die dem Dunkel immer näher kamen.
Noch ahnten sie nicht, was sie wirklich finden würden. Aber der Wald hielt keine Geheimnisse ewig verborgen.
Nicht, wenn jemand bereit war, alle Regeln zu brechen.