Kapitel 1 / Panik
Mindestens einmal im Leben hinterfragen wir unseren Geschmack bei Mรคnnern oder Frauen. Viele Frauen bevorzugen einen netten, anstรคndigen Kerl mit Stabilitรคt, der intelligent ist und keine psychischen Probleme hat. Und dann gibt es da diesen kleinen Prozentsatz an Frauen, die keinen netten Kerl wollen. Sie brauchen ein Monster โ einen Psychopathen. Einen psychisch kranken Mann, den niemand aufhalten kann.
Bis ich ihn traf, war ich mir sicher, dass ich zur ersten Gruppe von Frauen gehรถrte.
Ich war mir vieler Dinge sicher, bevor ich den Psychopathen traf.
Jetzt lรคsst er mich nicht mehr in Ruhe. Er lรคsst mich nicht ohne seine Erlaubnis atmen, nicht, ohne in seiner Nรคhe zu sein. Ich bin in seiner Umarmung gefangen, und das Schlimmste daran ist, dass ich niemals frei sein werde.
โข โข โข
Der Tag, auf den wir alle gewartet haben โ und mit โwirโ meine ich Freya, Jade und mich โ, ist endlich gekommen. Unsere Abschlussprรผfungen waren vorbei, und jeder konnte es kaum erwarten, sich zu betrinken, ich eingeschlossen. Ich bin keine Alkoholikerin, aber ab und zu genehmige ich mir einen Drink. Wegen des Lernstresses, okay?
Als Emery, meine beste Freundin seit vier Jahren, uns erzรคhlte, dass sie eine Party organisiert, sind wir ihr alle um den Hals gefallen. Sie hat die perfekte Hรผtte gefunden, in die mindestens fรผnfzig Leute reinpassen. Obwohl sie viel mehr Leute eingeladen hat.
Ich habe die Tage gezรคhlt, bis ich mich endlich zuschรผtten konnte. Um nicht an die Schule oder meine Familie denken zu mรผssen.
Der Tag war frรผher gekommen, als ich gedacht hatte.
Ich stylte mein langes, schokobraunes Haar mit dem Lockenstab zu weichen Wellen, wรคhrend Freya jedes Kleidungsstรผck aus ihrem Schrank warf. Jade war angezogen und bereit fรผr die Party, nur hatten wir noch eine Stunde Zeit, bis sie losging.
Emery sagte uns, wir sollten anziehen, was wir wollten. Es gab keinen Dresscode. Also entschied ich mich fรผr ein schwarzes, trรคgerloses Oberteil, einen schicken Minirock aus Leder und High Heels.
โGlaubt ihr, sie hat die ganze Schule eingeladen?โ, fragte Freya uns, wรคhrend sie sich wahllos Kleider an den Kรถrper hielt und in den Spiegel sah.
โDie ganze Schule? Du meinst die ganze Stadt.โ Ich lachte. โDu weiรt doch, wie verrรผckt sie bei ihren Partys wird. Sie ist nicht zu bremsen.โ
โJa, da hast du recht.โ Freya nickte, warf die Kleider auf den Boden und nahm sich etwas anderes.
โSie wird sich betrinken, sobald die Party anfรคngtโ, warf Jade ein.
Ich sah sie an und kicherte. โBist du das noch nicht gewohnt? Emery รคndert sich nicht รผber Nacht.โ Ich fuhr mir mit den Hรคnden durch die Haare.
Emery war schon immer ein bisschen verrรผckt, und nicht nur beim Feiern. Es mag klingen, als wรผrden wir uns beschweren, aber so ist es gar nicht. Wir passen einfach nur auf sie auf.
Letztes Jahr gab es einen Vorfall, bei dem sie sich so dermaรen zugeschรผttet hat, dass wir sie nicht finden konnten. Wir haben die ganze Stadt abgesucht, aber ohne Erfolg. Zum Glรผck war Emerys Bruder schnell genug, um sie zu finden, und wir konnten alle erst mal aufatmen.
Emery durfte danach keine Partys mehr geben oder besuchen. Wenn sie also wieder so einen Mist bauen wรผrde wie beim letzten Mal, kรถnnten wir das gemeinsame Trinken und Feiern erst mal an den Nagel hรคngen.
โIst das schwarze oder das rote Kleid besser, Mรคdels?โ, fragte Freya, und wir beide musterten das Kleid. Aber eigentlich wรผrde sie in beiden fantastisch aussehen.
โDefinitiv schwarzโ, stellte Jade fest.
โSeh ich auch soโ, sagte ich.
Freya hรถrte auf uns und warf dieses wunderschรถne Kleid nicht wie die anderen hundert auf den Boden.
Danach hรถrten wir etwas Musik, um in Partystimmung zu kommen, und tranken den Wein, den wir versteckt hatten. Jade organisierte unsere Mitfahrgelegenheit zur Hรผtte. Ein Typ namens Kaiden. Die beiden mochten dieselbe Musik und denselben Kleidungsstil, was sie zum perfekten Paar machte. Allerdings ist Jade ein bisschen schรผchtern, also ist Kaiden immer noch friend-zoned. Armer Kerl. Er kann seinen Blick einfach nicht von ihr abwenden.
Er hat uns pรผnktlich abgeholt und die Fahrt war cool. Er ist nicht gerast, wie ich erwartet hatte, wahrscheinlich wegen Jade. Er kรผmmerte sich um ihre Sicherheit.
Wir haben zwanzig Minuten gebraucht, und als wir die vielen Autos und Menschen sahen, blieben uns die Mรผnder offen stehen. Bisher war das die grรถรte Party auรerhalb eines Clubs, auf der wir je waren.
Nachdem Kaiden geparkt hatte, gingen wir rein, um unsere Freundin Emery zu begrรผรen. Wir fanden sie recht schnell. Sie saร auf der Couch und machte mit jemandem rum. Ihr platinblondes Haar war aalglatt. Ihr Make-up war rauchig und dramatisch. Sie trug ein rosafarbenes Minikleid mit dรผnnen Trรคgern und hohe, pinke Absรคtze. Sie sah wie immer perfekt aus.
Wir alle schritten auf sie zu, und als wir ein paar Meter entfernt stehen blieben, rรคusperte ich mich.
โHat die Party nicht erst vor fรผnfzehn Minuten angefangen?โ, fragte ich, und sie riss ihren Mund vom Gesicht des Typen weg.
โOMG! Ihr seid endlich da.โ Sie kreischte und stรผrzte sich auf uns, um uns fest zu umarmen. Ich konnte den Alkohol riechen, der aus ihrem Mund strรถmte.
โDu bringst uns noch um!โ, schrie Freya.
Emery lieร sie endlich los und kicherte. โSorryyy, ich bin einfach so aufgekratzt und bereit, bis zum Morgen zu feiern!โ, rief sie.
Jade schรผttelte den Kopf. โDas wird nicht gut enden.โ
Und sie hatte recht.
Irgendwie saร ich auf dem Schoร eines Typen, den ich nicht kannte. Er war nicht hรคsslich, aber nicht wirklich mein Typ. Seine Hรคnde waren รผberall an meinem Kรถrper, und ich fรผhlte mich nicht ganz wohl dabei. Aber es ist so lange her, dass jemand seine Hรคnde an mir hatte. Ich musste mich fรผr ein paar Minuten gewollt fรผhlen.
Freya und Jade tanzten mitten im Raum mit einer Gruppe von Mรคdchen und Jungs, und von Emery fehlte jede Spur.
Meine Sicht war verschwommen, und mein Kรถrper schwankte hin und her. Ich war nicht gerade bei Sinnen. Keine von uns war das, aber genau das war der Punkt.
Trink, bis du besoffen bist.
Alle hatten eine gute Zeit. Lachten und tanzten. Kรผssten und fickten.
Ich schnappte mir das Getrรคnk von dem Typen, auf dessen Schoร ich saร, und trank es schnell aus. Es brannte in meinem Gehirn, und ich musste kurz aufhรถren zu atmen.
Ich schaffte es, aufzustehen und zu den Mรคdels zu laufen. Freya packte meine Hรคnde und riss sie in die Luft. Wir schwangen unsere Kรถrper und sangen bei dem Song mit, der gerade lief.
Nach vielen Shots lagen ich, Freya und Jade drauรen im Gras. Der See war in der Nรคhe, also blieben wir lieber liegen, anstatt am Ende noch zu ertrinken.
Von Emery fehlte immer noch jede Spur, und obwohl ich sturzbetrunken war, machte ich mir Sorgen um sie. Ich konnte allerdings nicht alleine aufstehen und nach ihr suchen.
โGlaubt ihr, das Leben ist es wert, gelebt zu werden?โ, fing Jade an. โWir werden bald sowieso nur noch Knochen und Asche sein. Wen interessiert das College, wenn wir unser Leben reich irgendwo in Dubai genieรen sollten?โ
Freya und ich lachten hysterisch. Ich meine, sie hatte ja recht.
โVielleicht solltest du Kaiden endlich eine Chance geben, anstatt von Unmรถglichem zu trรคumenโ, murmelte Freya.
โSei nicht so eine Bitch. Du hattest seit einem Jahr kein Date mehrโ, schnauzte Jade zurรผck und nahm einen Schluck Wodka. Igitt. Ich hasste das Zeug.
Wรคhrend sie sich stritten, wie immer wenn sie betrunken waren, schloss ich die Augen, mein Kopf drehte sich, und meine Ohren waren gefรผllt mit dem Chaos. Eigentlich hasste ich Partys, oder zumindest diesen speziellen Teil davon.
Plรถtzlich kam Emery aus der Hรผtte, Wut stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sekunden spรคter tauchte ein Typ hinter ihr auf. Er war groร โ also wirklich sehr groร. Sein schwarzes Haar war etwas lรคnger und zerzaust, und er rauchte eine Zigarette, als hรคtte er es eilig, sie fertig zu rauchen.
Ich konnte ihn nicht richtig erkennen, weil sich alles um mich herum drehte, aber ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen.
Ich hob die Hand und fing an zu winken. โWo warst du??!!โ, schrie ich, und Emery riss die Augen auf. Der Typ auch.
Freya und Jade stritten sich immer noch, und ich fing an zu lachen. Es sah alles sehr komisch fรผr mich aus.
Aus dem Nichts tauchte Emery vor mir auf. Sie hockte sich hin und streichelte meine Wange.
โIch kann sie nicht so zurรผck in die Schlafsรคle gehen lassenโ, flรผsterte sie, und meine Augen fielen zu. Meine Lider waren zu schwer.
โNein. Du verstehst das nicht. Du musst es tun. Fรผr mich, bitteโ, sagte sie.
Da verlor ich das Bewusstsein und wachte dann auf dem Rรผcksitz eines Autos wieder auf. Ich drehte langsam den Kopf zur Seite und sah Freya und Jade, die neben mir schliefen. Ihre Kรถpfe lagen auf den Schultern der jeweils anderen. So sรผร.
Mein Blick wanderte zurรผck zum Beifahrersitz. Der Typ, der mit Emery gesprochen hatte, fuhr das Auto. Meine Augen fielen wieder zu. Ich schlief ein, und als ich aufwachte, schliefen Freya und Jade nicht mehr neben mir.
Meine Sicht war klar, und mein Kopf drehte sich nicht mehr so verrรผckt. Ich fรผhlte mich viel besser, aber ich war immer noch dicht.
Ich konzentrierte mich auf den Beifahrersitz, aber er war leer. Das Auto stand still. Motor aus. Stille. Mein Herzschlag beschleunigte sich, als Panik einsetzte. Ich versuchte die Tรผr zu รถffnen, aber sie war abgeschlossen.
Wurde ich entfรผhrt? Warum ist auรer mir niemand im Auto? Wo sind Freya und Jade?
Ich suchte nach meiner Handtasche und fand sie neben mir. Ich รถffnete sie schnell und schnappte mir mein Handy. Es hatte nur noch ein Prozent.
Die Tรผr รถffnete sich plรถtzlich und der mysteriรถse Typ stieg ein. Er schloss die Tรผr und stieร einen tiefen Seufzer aus. Er war ganz in Schwarz gekleidet. Schwarzer Hoodie und schwarze Jogginghose. Die Kapuze รผber dem Kopf.
Ich schluckte schwer und sah aus dem Fenster, um vielleicht zu erkennen, wo ich war. Aber es war immer noch dunkel, fast Morgen. Ich konnte nichts sehen. Sogar die Fenster waren getรถnt.
Ich sah in den Rรผckspiegel, um das Gesicht des Mannes zu sehen, der mich entfรผhrt hatte, aber es schien, als wรผrde ich bereits beobachtet werden.
Die grauen Augen des Typen durchbohrten mich. Diese Augen sahen aus, als kรถnnten sie mich tรถten. Sie enthielten Dunkelheit.
Mein Herz raste; ich begann zu keuchen.
Bevor ich schreien oder rufen konnte, bekam ich plรถtzlich keine Luft mehr, und diesmal wurde ich lรคnger als nur ein paar Sekunden bewusstlos. Ich war in Ohnmacht gefallen.
