Der Individualist von Martin bei Inkitt
Lesbarkeit anpassen
Aa

Der Individualist

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Magnus ist 16 - ein ganz normaler Schüler. Zumindest nach außen. Doch tief in ihm brodelt etwas. Er fühlt sich anders, fremd in einer Welt, die Gleichheit verlangt. Zwischen dem Wunsch, dazuzugehören, und dem Drang, er selbst zu sein, wächst ein innerer Konflikt - bis er sich in einer dramatischen Ausnahmesituation entlädt. Als seine Klasse in eine Krise stürzt, wird der Schulalltag zum Schauplatz eines erbitterten Kampfes: Lehrer gegen Schüler, System gegen Individuum, Anpassung gegen Freiheit. Gefangen in fiebrigen Traumwelten, durchlebt Magnus diesen Kampf auf erschütternde Weise - und erkennt, dass am Ende nur eine Seite siegen kann. Doch welchen Preis ist er bereit, dafür zu zahlen?

Status:
In Arbeit
Kapitel:
2
Rating
n/a
Altersfreigabe
13+

Mörderische Träume

Fahles Mondlicht durchdringt die vergitterte schmale Lichtöffnung und legt sich wie ein silbriger Schleier über den mit allerlei Gerümpel bedeckten Steinboden.

Nur schemenhaft lassen sich die Gegenstände im nebligen Lichteinfall erahnen: An manchen Stellen durchdringt Farn am Boden liegende verrottende und von Moos bewachsene Holzbretter, die vor langer Zeit von der Decke gefallen zu sein scheinen.

Lange bis zum Boden reichende Schlieren von eingetrocknetem Schmutzwasser werden unterhalb der rechteckigen Lichtluke sichtbar. Wie Jahresringe eines alten Baumes, welcher viele Menschenleben überdauerte, ziehen sich die Kalkränder in immer kleiner werdenden Parabeln zusammen.

Es muss bereits stark und häufig schlammiges Wasser in diese Gruft hineingespült haben. In den Ecken des Raumes hat sich eine dicke dunkle Schimmelschicht auf dem bröckelnden Gestein gebildet – mit pelzigen Haaren wie das Fell eines wilden Tieres. Ein halb zerfallener Stuhl verfault in einer Ecke.

Das Kreischen einer Eule durchdringt die Stille: «Huuu Huhuhuuu». Als eine kleine Kreatur mit leuchtenden Augen wie von wilder Panik getrieben draußen nah an der Luke vorbeihuscht und dabei abgestorbenes Laub aufwirbelt, trägt ein unbehaglich feuchtkalter Luftzug einen leicht modrigen Verwesungsgeruch mit sich in den Raum.

«Tropf, tropf, tropf» triefen Tropfen fast wie im Sekundentakt von der hohen Decke und hallen in der Stille wider. Verrostete Abwasserrohre schlängeln sich wie Adern ohne Puls an den schmutzverkrusteten Wänden die Decke hoch, bis ihre Umrisse von der Dunkelheit verschluckt werden.

Zwei alte Werktische mit abgeblätterter Farbe kauern an einer der drei fensterlosen Wände – der eine überhäuft mit verrostetem Werkzeug, zerbeulten Dosen und brüchigem Metall; der andere steht leer, beinahe bedrückend in seiner Verlassenheit.

«Tropf, tropf, tropf» schlagen Wassertropfen wieder nieder auf die eingefallenen Wangen einer Gestalt, die halb schlafend auf einer harten Holzpritsche kauert. Die schimmelnde Pritsche aus massiven Bohlen streckt sich wie eine Zunge in den gespenstischen Raum – gerade den Werktischen gegenüber.

Schwere Eisenketten, von denen sich blutrot-rostende Schichten abblättern, führen an Kopf- und Fußende je an einer Seite des alten Holzes in das Gestein hinauf – fest verankert in großen augenförmigen Ösen.

An der türlosen Wand gegenüber des Lichteinfalls bäumt sich ein hoher zerbeulter Spind auf, welcher mit einem zerbrochenen Schloss versehen ist.

Ketten halten den Spind an der Wand und lassen ihn im klammen Licht wie eine übermenschlich große Spinne, die auf ihre Beute lauert, wirken. Die Dellen wölben sich nach außen, als ob sich im Inneren eine wütende Bestie ihren Weg nach draußen freizuschlagen versucht hätte.

Abstoßend wirken die nach Urin und Ausdünstungen miefenden Kleiderfetzen, die an dem ausgemergelten Körper auf der Pritsche herunterhängen. Tiefdunkle Augenringe zeugen von einer schweren Erschöpfung dieses Menschen. Sein Gesicht ist von nervösem Zittern der Lider und um die Mundwinkel gezeichnet.

Ein dickflüssiger Speichelfaden seilt sich an einem Mundwinkel wie ein Rest Lebens von dem zerschundeten Körper auf den kalten Boden ab. Er wirkt wie ein Greis. Nassgeschwitzt kleben ihm die mittellangen Haare an Stirn und Wangen.

«Tropf, tropf, tropf» perlt das Wasser an seinem Kinn ab. Wimmernd dreht sich die Gestalt schlaftrunken auf die andere Seite und fällt dabei von der Pritsche auf den harten Boden. Erschrocken wachst du dabei auf - das Gesicht bleich wie das Licht des Mondes.

Du wischt dir den Speichelfaden vom Kinn und versuchst dich ruckartig aufzusetzen. Leicht wankend stützt du dich auf deine zitternden knochendürren Arme.

Es gelingt dir nicht klare Gedanken zu fassen. Stattdessen fühlst du ein schmerzhaftes rhythmisches Pochen im Inneren deines Schädels, als ob das Herz plötzlich in deinen Kopf gewandert wäre.

Dir ist übel vom ruckartigen Erwachen aus dem kurzen Tiefschlaf. Deine Umgebung kannst du nur verschwommen wahrnehmen bis sich dein Blick wieder fokussieren lässt.

Du merkst wie sehr du übermüdet bist. Als du versuchst dir den Schlaf aus den Augen zu reiben, spürst du dabei wie deine Hand eine glitschige Spur in deinem Gesicht hinterlässt.

Du versuchst sie mit Speichel wegzuwischen und schmeckst dabei den eisernen Geschmack deines eigenen Blutes. Ein bedrückendes Gefühl macht sich in dir breit. Du musst dich beim Aufprall verletzt haben.

Außerdem riechst du den Gestank von Urin, Schweiß und Erbrochenem. Du fragst dich, wo und wie lange du hier schon bist.

Hektisch irren deine weit aufgerissenen gelblichen Augen, welche mit vielen kleinen blutroten Äderchen durchlaufen sind, ziel- und orientierungslos durch den Raum. Du suchst in der Dunkelheit nervös nach einem Anhaltspunkt, doch die silbergrauen Schatten scheinen sich zu bewegen, als lebten sie.

Mit einem klirrenden Scheppern fällt Metall auf Metall. Wie von Sinnen drückst du dich panisch an die Wand und suchst den Ursprung des Geräusches. Angsterfüllt blickst du auf den Spind am anderen Ende des Raumes, aus dem das Geräusch gekommen ist.

Starr vor Angst nimmst du wahr, wie sich die Tür des Spinds langsam öffnet. Ein tiefer Angstschrei, oder eher ein lautes Wimmern entgleitet deiner Kehle.

Trotz lähmender Furch realisierst du, dass deine Umgebung nichts mit der Realität zu tun haben kann. Du bist in einem Traum gefangen. Die Spindtür öffnet sich nun vollends, und grau-schwarzer Qualm wabert langsam heraus und kriecht dir entgegen.

Du möchtest auf dich aufmerksam machen, damit dich jemand aufwecken kann; dich von diesem schrecklichen Alptraum befreien kann.

Doch dein Mund ist wie gelähmt, du bringst keine Worte hervor, so sehr du dich auch bemühst. Auch den tiefen Wimmerton kannst du nur mit Mühe langsam absondern, da sich deine Brust wie von einem schweren Gewicht beladen anfühlt.

Unzählige Schatten wie menschliche gekrümmte Gestalten lösen sich langsam aus den Qualm. Ihre Bewegungen sind langsam, fast bedächtig, und doch liegt eine unheimliche Präsenz in ihrer Haltung.

Du weißt, dass das alles nicht real sein kann. Doch die lähmende Angst ist so echt wie das Ausbleiben der Sprache und wie der ekelerregende Geruch.

Eine Kreatur fängt an zu wachsen vor einer Vielzahl von Silhouetten, die wie eine stumme Gemeinschaft im Hintergrund lauern und das Geschehen beobachten.

Hilfesuchend blickst du nach der Lichtluke. Doch diese hat sich wie von Geisterhand nach oben bewegt, als ob die Wand still und heimlich noch oben gewachsen wäre und du noch viel tiefer im Kerker liegen würdest.

Du spürst, wie dein Herz schneller schlägt, als die schemenhafte Gestalt langsam ein menschenähnliches Gesicht bekommt. Du erkennst das Gesicht im tiefen Inneren und doch weißt du nicht, wer es ist.

Die Gestalt tritt näher, ihre Hand hebt sich und etwas Metallisches erscheint. Du willst wegrennen. Aber du musst mit Schweiß auf der Stirn feststellen, dass sich der Rauch an deinen Handgelenken und Knöcheln sowie um deinen Hals zu rostigen Schellen mit Ketten, die zur Wand führen materialisiert.

Du willst schreien, doch deine Kehle wird vom immer enger werdenden Metallband an die Wand gedrückt. Da ist eine Pistole. Die Kreatur zielt auf dich. Kein Laut entkommt deinen Lippen, und die Panik ergreift dich mit voller Wucht.

In deinem Inneren hallt ein Gedanke wider: “Ich werde mundtot gemacht. Ich kann nicht mehr sprechen.” Die Gestalt zielt mit einer unheimlichen Präzision und drückt ab.

Du siehst wie die Kugel aus dem Rohr pfeift und auf dich zuschnellt. Doch anstatt dich zu töten, friert die Szene ein.

Ein ohrenbetäubender Knall zerreißt die Stille, und Magnus spürt, wie die Welt um ihn herum in einem Strudel aus Blut und Schmerz versinkt. Die Türe öffnet sich und das Verlies verwandelt sich in einen sterilen Raum mit weißen Wänden.

Mit einem Ruck fährt Magnus hoch. Sein Körper ist schweißgebadet, und sein Atem geht stoßweise. Er blinzelt in das grelle sterile Licht. Die Schatten des verstörenden Traumes sind noch immer in seinen Gedanken. Ist es nur ein Traum gewesen? Oder hat er einen Blick in die tiefsten Abgründe seines eigenen Geistes geworfen?

Eine junge Krankenpflegerin steht in der Türe. «Magnus, aufstehen. Zeit zum Frühstücken. Die Visite wird bald da sein.» Magnus versucht zu antworten, doch er hat einen Kloss im Hals. Hustet, versucht zu sprechen.

Unwillkürlich greift er sich an den Hals und zieht die Finger gleich wieder überrascht zurück: Die Stelle ist leicht geschwollen und druckempfindlich. Der Schrecken lässt ihn fast erstarren. Also doch kein Traum? Mit Mühe und brüchiger Stimme und Schmerzen beim Sprechen bringt er «Guten Morgen» hervor und «Wo bin ich?».

Kapitel
1. Mörderische Träume
Lass Martin wissen, was du von diesem Kapitel hältst!
Ich liebe es

1

Ich liebe es

Lustig

0

Lustig

Pikant

0

Pikant

Spannend

2

Spannend

Emotional

0

Emotional

Tiefgründig

0

Tiefgründig

Herzerwärmend

0

Herzerwärmend

Schockierend

1

Schockierend

Gutes Schreiben

2

Gutes Schreiben

Überzeugende Handlung

1

Überzeugende Handlung

Toller Charakter

0

Toller Charakter

Starker Dialog

0

Starker Dialog

author

Du gehst direkt in die Vollen. Sehr atmosphärisch und eindringlich. Immersiv und Mitgefühl erzeugend. Der Schocker sitzt. Gut platziert. Nicht schlecht. Jetzt bin ich auf den Plot gespannt...

ein Jahr
1
author

Vielen Dank für die tolle Rückmeldung! Das motiviert sehr beim Schreiben :-)

ein Jahr
1
author

Super stimmungsvoller und spannender Anfang. Sehr gut geschrieben! Es ist interessant, diese Verwirrung zwischen Realität und Traum. Ich mag auch die Stielistische Wiederholung des Wassertropfens.
(Das einzige, ich denke ein anderer Name für das erste Kapitel könnte mehr Spannung erwecken. Ich dachte bei dem Titel es wird vielleicht eine langweiligere aufwach szene. Aber das ist nur meine Meinung XD und weiss nicht, ob du kritik magst.)

ein Jahr
2

Weitere Empfehlungen

Charly's Weihnachten

T.M: Ich kann es gar nicht anders sagen also ich liebe diese Geschichte einfach. Sie hat für mich einfach alles was es braucht. Sie hat mich einfach mitgenommen auf eine echt schöne Reise. Danke❤️

Jetzt lesen
Destino Secreto

Karin Rogowski: Gut geschrieben und beschrieben. Die Charaktere und Situationen sind stimmig und nehmen einen gefangen. Mich hat das Buch ab der ersten Zeile fasziniert, genau wie die anderen Bücher davor. Sehr guter Schreibstil und eine sehr gute Übersetzung, nebenbei bemerkt. Dankeschön, dass Du Deine Bücher ...

Jetzt lesen
Welded Shut

user-OTNeRptjHm: Lire les histoires de cette auteure est toujours un vrai régal. Les personnages sont authentiques et attachants. J'ai pris beaucoup de plaisir avec cette histoire très émouvante. Je la recommande.

Jetzt lesen
The Dating Deal

c0urtz: An enjoyable storyline with characters that were easily relatable. I found myself hooked and unable to stop reading. It is well written and made me feel as though I was right there with the characters as they went through their experiences.

Jetzt lesen
The Grumpy Next Door

Rikke: It’s a nice feel good story. It’s funny, romantic and absolutely perfect for a Saturday morning with your morning coffee.

Jetzt lesen
Nothing Between Us

NiSaNa: Beautiful story❤️

Jetzt lesen
Fated to My Ex- Best Friend

annie: Tous est très bien Merci

Jetzt lesen
The Kingsley Contract

María: Al principio me impactó un poco que fuera tan cruel Alexander, con el desarrollo de los capítulos y de su historia personal fui queriendo al personaje, me ha encantado la historia me ha absorbido totalmente. Mi enhorabuena a la escritora y gracias por hacernos la lectura entretenida y emocionante 👏...

Jetzt lesen