(1) Capish
Die blaue Krankenhaus Tür flog mit einem Krachen auf. Vor Schreck verschluckte ich mich an einem Stück Cheddar-Popcorn.
„Ich verbringe keine Sekunde länger in der Nähe dieser Arschlöcher.“ Mia warf die Hände in die Luft, während sie durch den Pausenraum stampfte. Ich hustete, um das Popcornkorn aus meiner Kehle zu befreien, und mein Handy polterte zu Boden.
Ich fluchte, wischte den weißen Käsestaub von meinem Kasack und bückte mich. Ich wollte sichergehen, dass mein Level bei Candy Crush nicht versaut worden war.
Ich schob das Handy in meine Tasche und stand auf, während Mia dramatisch die Metalltür ihres Spinds aufriss.
„Was ist los? Welche Arschlöcher?“ Es war eine relativ ruhige Nacht in der Notaufnahme, obwohl ich so was ungern beschrie. Und ich war erst seit zehn Minuten in meiner Essenspause.
Dr. Mia Chen und ich waren Assistenzärztinnen im selben Krankenhaus in Colorado gewesen. Nach unseren Prüfungen hatte man uns beiden Jobs in der Notaufnahme angeboten.
„Zwei riesige Typen haben ihren Kumpel mit einer Schusswunde reingebracht. Er muss eindeutig operiert werden. Aber dieser eine ‚Freund‘ lässt weder mich noch die Pfleger an ihn ran. Was bringt es, ihn ins Krankenhaus zu schleppen, wenn er mich keine Untersuchung machen lässt?“ Sie starrte wütend in ihren dunklen Spind. „Und dann hatte er die Dreistigkeit, mich auf Russisch anzuschreien, als ob ich einen verdammten Plan hätte, was er da labert –“
Mia behielt bei Patienten und im OP normalerweise einen kühlen Kopf. Dafür respektierte ich sie. Was ich weniger mochte, war, wenn sie ihre Mauern fallen ließ und ihren ganzen emotionalen Müll bei mir ablud. Ich hätte froh sein sollen, überhaupt eine Freundin auf der Arbeit zu haben, aber im Moment war es einfach nur nervig.
„Okay“, fing ich langsam an. „Hat er gesagt, warum er nicht will, dass du seinen Freund anfasst?“
Mia schnappte sich eine Packung Zigaretten. Dabei hatte sie zu Beginn der gestrigen Schicht geschworen, endgültig aufzuhören. Ich verurteilte sie nicht, ich hatte schließlich auch meine Laster.
„Sehe ich so aus, als ob ich Russisch kann? Ana, ich weiß, du hast Pause, aber du musst sie mir abnehmen. Ich gehe jetzt rauchen und bete zu Jesus, dass mir heute Nacht kein weiterer russischer Mafia-Pisser mehr begegnet.“
Ich hielt am Waschbecken inne, kurz bevor ich den Hahn aufdrehen konnte. Meine Finger zitterten. Ich starrte sie böse an und zwang sie, stillzuhalten. „Wie kommst du darauf, dass die bei der Mafia sind?“
Mia warf mir einen vernichtenden Blick mit hochgezogenen Brauen zu. „Süße. Wir sind unter uns. Komm schon.“
Ich rollte mit den Augen. „Wow. Schöne Vorurteile hast du da. Du bist echt ein glänzendes Vorbild für die Menschheit. Eine bescheidene Heilerin des einfachen Volkes. Da kommen mir glatt die Tränen, ehrlich.“
Sie zeigte mir den Mittelfinger und stampfte davon. Ich grinste. Den kleinen Seitenhieb hatte ich mir verdient, da ich jetzt die stolze Ärztin des besagten Arschloch-Trios war.
Ich zog meinen Laborkittel an und betrat Zimmer A mit meinem Laptop in der Hand. Der Boden und der Untersuchungstisch waren voller Blut, aber mein Patient fehlte. Nur zwei Wartungsarbeiter in kompletten Schutzanzügen standen dort und blinzelten mich an.
„Was ist passiert?“, fragte ich mit erhobener Hand.
Einer der Arbeiter, Gabe, nahm seine Maske ab und nickte nach links. „Sie wurden verlegt. Nach ganz hinten. Der Blonde hat rumgeschrien und alle erschreckt.“
„Verstanden.“ Ich wollte gerade gehen, als Gabe meinen Namen rief. Ich blickte über die Schulter zurück.
„Lass dich vom Sicherheitsdienst begleiten. Ich habe solche Typen schon mal gesehen.“ Er schüttelte den Kopf. „Und egal, was du verdienst? Glaub mir, das ist es nicht wert, was dich da drin erwartet.“
Ich lächelte ihm zu und zwinkerte ihm verstehend zu, bevor ich mich auf den Weg in den hintersten Teil der Notaufnahme machte.
Dieser Teil des Krankenhauses wurde kaum genutzt. Er war alt und hatte nicht den gleichen Komfort wie der neuere, vordere Bereich.
Ich zögerte kurz, als die Leuchtstoffröhren im Flur über mir bedrohlich flackerten. Manchmal fühlte es sich hier hinten wie in einem Horrorfilm an.
Nachdem ich tief durchgeatmet hatte, um mich vorzubereiten, setzte ich mein breitestes Lächeln auf und platzte durch die Tür.
„Hallo zusammen! Ich bin Dr. Hansen – oho – das ist ja eine Menge Blut.“ Ein wahnsinnig großer, gebräunter und tätowierter Mann mit braunen Haaren war vornübergebeugt. Er hielt sich die Seite, aus der das Blut wie in einem Film von Tarantino spritzte. Sein schwarzhaariger Begleiter presste die Hand darauf, als ob das den roten Schwall stoppen könnte.
Bevor ich auf sie zugehen konnte, trat ein großer, goldblonder Mann in schwarzen Jeans und Lederjacke vor. Er zwang mich, den Kopf in den Nacken zu legen, um seinen eisblauen Augen zu begegnen.
Irgendwo im Hinterkopf registrierte ich, dass er wahnsinnig gut aussah. Das taten sie alle. Mia hatte vergessen, diesen Teil zu erwähnen. Sie hatte sich wohl zu sehr auf das Geschrei konzentriert.
Der Blondhaarige sagte etwas auf Russisch. Ich blinzelte und bemerkte, dass seine Augen blutunterlaufen und die Pupillen geweitet waren.
Ich legte ihm die Hand auf die Schulter. Er hielt plötzlich mit einem Schnauben inne und starrte mit offenem Mund auf unsere Berührung hinunter. Als hätte ich eine schreckliche, unaussprechliche Tat begangen.
„Ich bin hier, um zu helfen.“ Ich tippte auf mein Namensschild. Dort stand unter meinem Namen und einem kitschig grinsenden Foto in großen Blockbuchstaben deutlich ÄRZTIN. Das Foto war am ersten Tag meiner Assistenzzeit gemacht worden. Der Idiot in der Verwaltung hatte gesagt, er würde mich nur ein neues machen lassen, wenn ich mit ihm ausgehen würde.
Das Bild half also wahrscheinlich nicht gerade dabei, wie ein beruhigendes Symbol für Ruhe und Erfahrung zu wirken, aber hey, ich gab mein Bestes.
Der Russe starrte ungewöhnlich lange auf mein Namensschild. „Anastasia. Hansen.“
Sein Akzent war weg, seine Stimme jetzt sanft. Ich blinzelte über den plötzlichen Sinneswandel. „Ähm, hatten Sie in letzter Zeit ein schweres Kopf-Trauma? Oder haben Sie irgendwelche interessanten Straßendrogen genommen?“
Er grunzte mich nur an und ich tätschelte ihm erneut die Schulter. „Entschuldigung. Stimmt. Darauf kommen wir später zurück. Ich glaube, Ihr angeschossener Freund braucht mich zuerst. Ich werde ihn nur untersuchen, ihm nicht wehtun. Ich habe einen Eid abgelegt und so weiter. Ja?“
Widerstrebend trat der blonde Mann mit einem verlegenen Nicken beiseite.
Der größere Mann, der die Wunde des Opfers hielt, starrte mich kurz an. Dann straffte er sich plötzlich, als würde er mich abwägen.
Wer zur Hölle waren diese Typen?
Ich war einen Meter dreiundsechzig groß, wog so um die sechzig Kilo und hatte null Muskeln. Der super fitte Physiotherapeut, in den ich letztes Jahr verknallt war, hatte mir gesagt, ich sei „süß und weich“. Das war ein Code dafür, dass ich nicht so dünn war, wie ich sein sollte.
Mann, echt jetzt, scheiß auf diesen Kerl.
Aber worauf ich hinauswollte: Ich war nicht bedrohlich. Ich forderte ihn stumm auf, einen Blick auf mein dämliches Ausweisfoto zu werfen, so wie ich es bei seinem Freund getan hatte.
„Ich weiß, dass Sie sich Sorgen um Ihren Freund machen“, begann ich sanft, als seine Schultern zusammensackten. „Aber ich bin hier, um zu helfen. Sonst nichts.“
Der Mann schluckte schwer, sodass sich sein breiter Hals anspannte. Dann nickte er und ließ seinen Freund los. Ich schenkte ihm ein dankbares Lächeln und griff nach einem frischen Paar Neoprenhandschuhen über dem Waschbecken.
Aus der kurzen Entfernung zum Untersuchungstisch konnte ich die blutige Wunde auf seinem Rücken deutlich sehen. Sie hatten ihm das Hemd ausgezogen und seinen breiten, muskulösen Körper entblößt. Dieser Typ war in unglaublicher Form.
Um mich nicht zu wiederholen: Das waren sie alle. So sehr, dass es fast wie mit Photoshop bearbeitet aussah.
„Okay. Eine Schusswunde, die …“ Ich spähte hinüber und hob seine Hand an, um auf die gegenüberliegende Seite zu schauen. „Sieht so aus, als wäre sie auf der anderen Seite wieder ausgetreten.“
„Das ist ein gutes Zeichen“, sagte der schwarzhaarige Mann. Ich blinzelte ihn an.
„Nicht immer. Man muss sich Sorgen machen, was die Kugel auf dem Weg nach draußen getroffen hat.“ Ich legte vorsichtig meine Hand auf den Rücken des Patienten. Dann runzelte ich die Stirn und entschied mich dagegen, Druck auszuüben oder herumzutasten. Das brachte nichts. Ich musste sicherstellen, dass seine Organe intakt waren und keine inneren Blutungen vorlagen.
Ich nahm mein Funkgerät und drückte die Sprechtaste. „Hey, Hansen hier. Ich brauche ein CT und ein MRT. Und für alle Fälle bereitet sofort den OP für eine Schusswunde vo –“ Der große Mann schlug mir das Funkgerät aus der Hand. Ich sah zu, wie es auf den Boden krachte.
„Hey!“ Ich hatte schon wieder Candy Crush-Albträume. „Was soll der Scheiß?“
„Keine OP-Säle. Keine Scans. Keine weiteren Augenpaare. Wir haben nicht genug Zeit.“
„Was… bitte?“ rief ich und breitete die Hände aus. „Wovon reden Sie da? Dieser Mann – Ihr Freund – könnte sterben, wenn wir nicht prüfen, ob die Kugel nicht –“
„Wir wollen nur, dass seine Wunden gereinigt und genäht werden. Kein Aufschneiden, kein Röntgen. Kein Herumstochern da drin.“
Ich starrte ihn fassungslos an. Was für eine verdammte Dreistigkeit. Ein Mann, der eindeutig kein Arzt war, wollte mir sagen, was zu tun ist. Ich konnte nur trocken lachen. „Oh, sind Sie etwa vom Fach?“
„Ich war Sanitäter bei der Armee“, sagte der jetzt nicht mehr russisch sprechende Mann und klopfte sich auf die Brust. Ich rollte mit den Augen.
Der Mann nickte seinem Freund zu. „Siehst du? Ilya hat Erfahrung.“
Ich stemmte eine Hand in die Hüfte. „Sir, das hier ist nicht Ihr Krankenhaus. Solche Entscheidungen treffen Sie hier nicht.“ Nicht nur der Schwarzhaarige wurde bei diesen Worten pikiert. Sowohl der Patient als auch Ilya verzogen gleichzeitig das Gesicht, was mich stutzig machte.
„Was genau befürchten Sie eigentlich, das wichtig genug ist, um zu riskieren, dass Ihr Freund verblutet und stirbt?“
„Wir sind Shifter“, antwortete Ilya.
„Ilya“, knurrte der schwarzhaarige Mann seinen Freund warnend an.
Das ließ mich innehalten. „Ähm, ist das so was wie … eine Sekte oder so?“ Eine Motorradgang vielleicht?
„Er ist ein Wolf“, erklärte der Schwarzhaarige in ungeduldigem Ton, nachdem er Ilya mit einem prüfenden Blick bedacht hatte.
Er stand auf und überragte mich mit seinen über ein Meter achtzig bei weitem. Sein harter Gesichtsausdruck tat seiner Schönheit keinen Abbruch. Er hatte scharfe Kieferpartien, hohe Wangenknochen, eine schmale Nase und volle Lippen. Ich starrte ihn nicht an, aber ich merkte, wie mein Hals und meine Ohren heiß wurden, während ich seinem Blick standhielt.
Sein Auftreten machte deutlich, dass er es gewohnt war, Befehle zu geben und dass man ihm gehorchte. „… Und je länger wir ihn bluten lassen, desto schwächer wird er. Desto wahrscheinlicher ist es, dass er sich verwandelt. Vom Menschen zum Wolf. Wenn Sie also nicht wollen, dass jeder in diesem Krankenhaus zu Tode erschreckt wird und Sie es mit einem tollwütigen Wolf zu tun bekommen, der vor Schmerzen durch eine Silbervergiftung den Verstand verliert, dann bleibt das hier in diesem Raum. Unter uns. Nähen Sie ihn zu. Mehr nicht.“
Nun ja. Das war nicht das Verrückteste, was ich diese Woche gehört hatte. Oder heute, um genau zu sein. Zwei Patienten vorher hatte mir ein Mann erzählt, er sei eine Echse aus einem anderen Sonnensystem, bevor er mir auf die Schuhe kotzte.
Wie auch immer, zu behaupten, ein Wolf zu sein, war für eine Notaufnahme morgens um 4 Uhr an einem Donnerstag nicht so bizarr. Da ich noch eine 12-Stunden-Schicht vor mir hatte und das ganze Wochenende Rufbereitschaft hatte, würde das hier morgen sowieso Schnee von gestern sein.
Doch er schien seinen eigenen Worten zu glauben. Tatsächlich schienen alle drei fest davon überzeugt zu sein. Das ließ mich fragen, ob der Russe nicht auf irgendwas drauf war oder eine Kopfverletzung hatte.
„Also …“ Die zerzausten langen Strähnen des Schwarzhaarigen fielen ihm auf eine viel zu attraktive Weise in die Stirn und verdeckten eines seiner Augen. „Bitte. Helfen Sie uns.“
Im Raum wurde es still. Sowohl der Russe als auch der Verletzte sahen ihn ehrfürchtig an.
„Eric“, sagte Ilya mit schwerer Stimme, aus irgendeinem Grund sichtlich gerührt.
Was? Ich blickte zwischen ihnen hin und her und versuchte, diese Dynamik zu verstehen. War es so ungewöhnlich, dass dieser Kerl mal Bitte sagte?
„Ich will Ihrem Freund helfen. Das ist mein Job. Er hat Schmerzen und ich will ihm wirklich helfen.“ Tatsächlich juckte es mir in den Fingern, endlich einzugreifen und dieses ganze Chaos zu ordnen. „Aber es verstößt gegen die Krankenhausrichtlinien und das Protokoll, das zu tun, was Sie verlangen. Ich könnte meinen Job und meine Zulassung verlieren.“
„Dazu wird es nicht kommen“, sagte der Mann, der wohl Eric hieß. Sein Blick war direkt und sicher. „Ich passe auf. Niemand wird es sehen. Ilya hat eine medizinische Ausbildung. Er wird Ihnen assistieren, falls nötig.“
Ich musterte den Mann kurz und zögerte. Seine großen Augen hatten dichte, lange schwarze Wimpern. Ich meine, wie gesagt, sie waren alle schön. Aber dieser Mann wirkte größer, stolzer. Mächtiger. Und seine Worte hatten eine gewisse Überzeugungskraft, die mich dazu drängte, zuzuhören und auf ihn zu achten. Selbst wenn ich das eigentlich nicht wollte.
Ich sah ihren Freund an, der Schmerzen hatte, und presste nervös die Lippen zusammen.
Hier ging es nicht um Stolz oder Ego oder die Einhaltung von Krankenhausrichtlinien. Es ging darum, jemandem zu helfen.
Ich gab ein kurzes Brummen von mir. Ich wusste, dass ich mich bereits entschieden hatte. „Na gut.“
Als ich mein Funkgerät aufhob, spannte Eric sich an, als wäre er bereit, es mir wieder aus der Hand zu schlagen. Ich hob die Handfläche, um ihn zu beruhigen.
„Hansen hier. Letzten Auftrag stornieren. Die Typen sind einfach abgehauen. Ich gehe zurück in die Pause. Funkt mich an, wenn ihr mich braucht.“
„Verstanden, Dr. Hansen“, antwortete der Schichtleiter.
Ich steckte das Funkgerät wieder in meine Tasche, zog die Handschuhe aus und warf sie in den Behälter für Sondermüll. Dann begann ich, mir ein zweites Mal die Hände zu waschen.
„Also, Sie sind Eric. Blondie da drüben ist Ilya. Wie heißt der Patient?“
„Damon“, antwortete Eric.
„Alles klar. Damon, ich werde tun, was ich kann, und die Wunden zunähen. Aber wenn Sie eine innere Verletzung haben und später darunter leiden? Milzriss? Niere? Magen-Darm-Blutung? Ich hoffe, Sie wissen, dass Sie die Rechnung für Ihre Beerdigung an diese beiden Herren schicken können, nicht an mich. Capish?“
„Was ist Capish?“, murmelte Ilya hinter mir.
„Das heißt verstanden, du Idiot“, keuchte Damon hervor. Ich drehte den Kopf überrascht in seine Richtung. Dass er bei diesen offensichtlichen Schmerzen überhaupt noch reden konnte, war erstaunlich.
