Kapitel 1
Morgan
Jennas Anruf war schrill und drängend und durchschnitt die nächtliche Stille in Morgans Wohnung. „Hast du die Nachrichten gesehen?“, schrie sie fast, sodass Morgan das Telefon von ihrem Ohr wegziehen musste.
„Nicht so laut, Jenna. TV-Nachrichten? Welcher Sender?“, antwortete Morgan mit müder Stimme, während sie nach der Fernbedienung griff.
„9“, flüsterte Jenna, aber ihre Stimme zitterte noch immer seltsam. Morgan schaltete auf Kanal 9, und sofort füllte das eiskalte Gesicht ihres letzten Prozesserfolgs den Bildschirm aus. Ihr Blut gefror in den Adern.
„Er hat drei Leute umgebracht. Sie haben sie im Kofferraum seines Autos gefunden. Er war es, Morgan“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Er hat gestanden. Alles.“
„Oh Gott“, hauchte Morgan. Ihre Hände zitterten, als sie die Bilder auf dem Bildschirm sah: die Polizeisperre, der blutverschmierte Boden, das irre Grinsen des Mannes, den sie erst letzte Woche vertreten und vor Gericht freibekommen hatte. Drei Menschen waren tot. Sie waren wegen ihr tot.
„Jenna, ich –“
„Wage es nicht, Morgan“, unterbrach sie sie, und Morgan konnte hören, wie die Tränen in ihrer Stimme aufstiegen. „Wage es verdammt noch mal nicht. Du hast nur deinen Job gemacht. Und zwar gut. Das hier geht nicht auf deine Kappe.“
Ihr ganzer Körper bebte nun, und Morgan spürte, wie ihr Telefon an ihrem Ohr vibrierte. Nachrichten und Anrufe fluteten herein. Ihr Kopf drehte sich.
„Jenna, ich muss Schluss machen“, sagte sie so fest sie konnte und legte auf, bevor ihre Assistentin antworten konnte.
Morgan rannte ins Badezimmer und schaffte es gerade noch rechtzeitig zur Toilette, bevor sie sich übergeben musste. Sie legte sich auf den Boden und drückte ihr Gesicht gegen die kalten Fliesen, um die Übelkeit zu unterdrücken.
Sie lag dort einen Moment, bis sanftes Tapsen auf dem Fliesenboden sie in die Realität zurückholte. Eine feuchte Nase schob sich mit einem leisen Wimmern in ihr erdbeerblondes Haar.
„Hey, mein Mädchen“, murmelte sie und fuhr mit den Fingern durch Scouts dickes, goldenes Fell. „Alles wird gut.“
Scout legte den Kopf schief, als ob sie ihr nicht ganz glauben würde.
Morgan hob ihr Handy vom Sofa auf, wo sie es in der Eile hatte fallen lassen. Sie hatte bereits 19 Textnachrichten und 12 verpasste Anrufe, die meisten aus dem Büro. Sie drückte auf Wahlwiederholung bei dem wichtigsten Anrufer: Guy Stewart, geschäftsführender Partner bei Stewart & Associates in Denver. Morgan arbeitete für Guy, seit sie vor vier Jahren ihr Jurastudium abgeschlossen hatte. Sie war jetzt Associate und stand mit einem Fuß in der Tür zur Junior-Partnerin. Nun ja, das hatte sie zumindest. Sie fragte sich, was nun auf sie zukam, denn normalerweise rief Guy zu so später Stunde nicht an.
Wie erwartet verlor Guy keine Zeit mit Förmlichkeiten.
„Morgen um sieben in meinem Büro“, bellte er, bevor er auflegte.
Aidan
Aidan griff nach den Papieren, die eine nervöse Sekretärin vorsichtig vor ihm auf den Konferenztisch gelegt hatte. „Was habe ich hier vor mir?“
„Es ist ein Enteignungsbescheid, Alpha. Die Regierung hat es auf Ihr Land abgesehen. Wir haben 56 Tage Zeit, um Einspruch einzulegen, sonst verlieren wir das Grundstück“, sagte Colt, Aidans Beta.
„Und wie konnten wir in diese Lage geraten?“, knurrte Aidan. „Das Land steht nicht zur Verfügung. War es nie, wird es nie sein.“ Er sah suchend in die Runde zu seinen Deltas, Gammas, Ältesten, den Anführern seiner Krieger und dem menschlichen Vertreter.
Colts Blick wanderte zum Anwalt des Rudels, und Aidan folgte ihm sofort. Der kleine Mensch räusperte sich und stand auf.
„Nun, ich habe verhandelt –“
„Sie sind gefeuert“, unterbrach ihn Aidan. „Sie kannten die Anweisungen. Keine Verhandlungen. Denken Sie an die Vertraulichkeitsvereinbarung. Wir sind hier fertig.“ Der kleine Mann wollte protestieren, doch als er sah, wie Colt kaum merklich den Kopf schüttelte und Aidans Augen dunkler wurden, ließ er es lieber bleiben. Er nahm seine Aktentasche und schlich aus dem Konferenzraum. Niemand sagte ein Wort.
Aidan drehte sich um und starrte aus dem Fenster. Es war eine Stunde Fahrt bis zu seinen Büros in Gunnison und weitere vier Stunden bis Denver. Er hasste es, von seinem Land weg zu sein, aber diese schleichende rechtliche Bedrohung, die schon über ihm und seinem Vater gelauert hatte, konnte nicht länger ignoriert werden. Aidan hielt sich normalerweise strikt von seinen geschäftlichen Interessen mit Menschen fern, aber wenn es darum ging, sein Land zu schützen, um das Rudel zu bewahren: Dann war das persönlich.
„Was ist der Plan, Alpha?“, fragte Colt. Aidan seufzte und fuhr sich mit der Hand durch das dunkle Haar.
„Wir brauchen einen neuen verdammten Anwalt.“