* Blaues Licht *
Der Tag neigte sich dem Ende zu und die matt glimmende Sonnenröhre verlosch vollständig. Das sanft, fast unmerklich nach innen gekrümmte Land um Larissa und den anderen Nachtschwärmern verharrte für einen Augenblick in Dunkelheit. Dann schufen Großneugrund und all die anderen Städte ihr eigenes Licht. Die Laternen an den Rändern von Boulevards und Hochstraßen, in Parks und auf öffentlichen Plätzen schalteten sich ein und bunte Werbeholos leuchteten und funkelten um die Wette. Schneller, als Larissa zählen konnte, leuchtete Licht hinter einem, zwei, drei, fünf, vielen, Tausenden und Millionen Fenstern all der Wohnungen, deren Bewohner noch wach waren.
Der Himmel war klar und wolkenlos und die Luft rein und kurz nach dem Verlöschen der Sonnenröhre angenehm lau. Hier, in den Ländern des Frühsommers, musste niemand frieren und keiner litt unter mörderischer Hitze. So hatten es die Erbauer von Larissas Heimat geplant.
›Der Mensch baut‹, sinnierte Larissa. Auf der Erde hatten ihre Ahnen Häuser und Städte, Straßen und Aquädukte gebaut, Stein auf Stein geschichtet, Beton gegossen und Chrom und Glas zu glitzernden Fassaden vereint. Nun baute der Mensch Länder und erschuf neue Welten.
Wo keine Wolken die Sicht verdeckten, sah Larissa all die Städte im Frühsommer und den angrenzenden Jahreszeiten am Himmel aufleuchten und strahlen. Schlechtwetterfronten, die auch Großneugrund heimgesucht hatten, verdunkelten große Teile des benachbarten Himmels. Inmitten der von ihnen geschaffenen Dunkelheit zuckten, waberten und wetterleuchteten Blitze mal fahl und dann wieder grell. Mit Feuchtigkeit gesättigte Luft war aus der Hitzewelle über die Sommerländer gezogen und hatte im Frühsommer ihre Wasserlast vom Himmel stürzen lassen. Nach Tagen voller Blitze und Hagelschlag, Dauerregen und Wolkenbrüchen war der Spuk endlich vorbei und in der Wetterkontrolle hatten sie bedauernd mit den Schultern gezuckt.
Straßen und Gässchen, Parks und Plätze, Boulevards und Hochstraßen füllten sich mit Menschen. Larissa hatte sich bereits vor dem Verlöschen daheim zurecht gemacht. Viel war es nicht und den meisten Aufwand trieb sie für Schminke und Schmuck. Nun ließ sie sich mit anderen Passanten von Rollsteigen zwischen Häusern und unter Brücken und Hochstraßen hindurch tragen. Larissas Ziel war das »Blaue Licht«, ihr nur wenige Kilometer von daheim entferntes und auf der gleichen Seite des Otterflusses gelegenes Lieblingslokal. Langbeinig und auf hohen Pumps ragte Larissa inmitten der anderen Nachtschwärmer auf. Sie war etwas schlaksig und wenn die Rede auf ihre trotz schlanker Finger etwas zu breiten Hände kam, verwies Larissa darauf, dass sie Maschinenführerin war.
Gewöhnlich liefen die Maschinen automatisch und wurden am Monitor oder über Implantat und Interface gesteuert. Gewöhnlich ging es nicht immer zu und wenn nichts mehr ging, brauchte eine Technikerin starke und geschickte Hände. Jetzt allerdings war die Technikerin ganz Frau. Lang und apart gewellt floss ihr hellblondes Haar vom großen Kopf über die Schultern bis zur Rückenbeuge. Sie trug nur Zwei in Eins. Es war mal so eben genug, um den schon immer prallen Hintern und die nunmehr ebenfalls prallen Brüste zu bedecken.
»Hereinspaziert, junge Frau.«
Laschi grinste anzüglich. Das tat es bei allen Gästen, Gästern und Gastinnen, die ihre mehr oder weniger entblößten Leiber im »Blauen Licht« zur Schau stellten, sie enthüllten und verfremden ließen. Das vierschultrige und intersexuelle Türsteher winkte Larissa mit der unteren linken Hand unter dem großen Torbogen hindurch. Im Vorübergehen grabschte es ein bisschen. Die sechs Finger seiner unteren linken Hand schlossen sich um Larissas Hinterbacke. Larissa schluckte. Wenigstens hatte es keinen Schwanz. Die Schwänze kamen noch früh genug und von überall her in das Abschlepplokal. Bei ihnen war Laschi nicht weniger frivol als bei der Gastin, die ihr Geschlecht gewechselt hatte.
Das Vierschultrige hatte schon im »Blauen Licht« gearbeitet, als Lars dorthin gegangen war. Ihn hatte es mit einer Mischung aus Abwarten und Vorsicht behandelt. Da war wieder ein junger Mensch ins Lokal gekommen, der nicht zu sich selbst gefunden hatte. Sein sandfarbener Vollbart hatte Laschi nicht darüber hinweggetäuscht. Nach kurzer Zeit war der Bart weg und der Mensch, der er war, noch immer nicht da. Laschi nahm es gelassen. Nur zu oft versprach Jugend alles und hielt nichts. Lars versprach nichts.
Dann kam Larissa und ihre Pumps machten sie einen halben Kopf größer als Lars. Laschi hatte gestrahlt. Der junge Mensch hatte zu sich gefunden. Das Intersexuelle hatte sie sogleich und voll und ganz akzeptiert. Es hatte Larissa auch das erste Mal mit der linken unteren Hand an den Fickarsch gefasst. Links unten war ganz unten und sie war nur eine devote Frau. Ärger und Erregung hatten bei dieser Feststellung in Larissa gekämpft. Spontan hatte sie ihre Hände auf Laschis obere Schultern gelegt und das Vierschultrige abgeknutscht. Auch eine devote Frau war eine Frau!
Larissa stöckelte in den blau, violett und in Magenta schimmernden Hof, dem das »Blaue Licht« seinen Namen verdankte. Der Hof war kaum mehr als eine Aussparung zwischen schmalen Hochhäusern für Büros und Geschäfte, die nur ein unregelmäßiges Stück Land auf der anderen Seite der Welt frei ließen. Zehntausende Kilometer entfernt funkelten winzig klein die Lichter einer anderen Stadt. Es mochte Seerose oder Fünfblatt sein. Ohne Zugriff auf den Datenraum wusste Larissa das nicht so genau.
Egal.
Larissa tanzte. Eng spannte sich Stoff um ihren prallen Arsch und die straffen Titten. Ach, der Stoff drückte. Weg damit! Zwei in Einem flogen irgendwohin und befreit atmete Larissa auf. Sie tanzte nackt. Sie war eine Sub und verrichtete ihre Arbeit an den Maschinen unter dem Einteiler bis auf Höschen und BH nackt. Jetzt hatte sie frei und trug keinen Einteiler. Sonst trug sie auch nichts. Magenta, violett und blau spielten die Lichter des »Blauen Licht« über hüllenloser blasser Haut. Blau, violett und Magenta verliehen die Lichter des Abschlepplokals dem im Frühsommer so verbreiteten Einheitsblond von Larissas Haaren einen mystischen Glanz. Larissa tanzte nackt und sie tanzte nicht allein. Ein dunkler und stämmiger Vierschultriger tanzte mit ihr. Ihr Zwei in Eins hatte er in seine Tasche gestopft. »Kriegst du nachher wieder.« Sein Grinsen entblößte eckige und unregelmäßige Zähne. »Komm!«
Mit dem linken oberen Arm hakte er sich bei ihr unter. Die linke untere Hand streichelte ihren Arsch. Sie war nur eine Sub. Larissa schmiegte sich an ihn, willig und bereit. Eng aneinander geschmiegt gingen sie zum Portal am Torbogen. Sein Rahmen leuchtete und versprach unendliche Weiten. Das Portal des »Blauen Licht« gehörte zum ständig wachsenden öffentlichen Portalnetz, das unzählige Orte verband. Der Vierschultrige mochte sonstwo wohnen und nach neuen Welten war Larissa nicht zumute. »Wir gehen zu mir«, entschied sie. Er nickte, die linke untere Hand noch immer auf ihrem Arsch.