Prolog – Eine Lektion in Stille
Die Tankstelle hatte schon lange keinen Namen mehr.
Die Farbe, die einmal an dem rostigen Schild gehaftet hatte, war längst abgeblättert.
Das Vordach hing durch und war halb eingestürzt. Ein Stützpfeiler war verbogen und ächzte unter der Last der Erinnerungen.
Jedes Fenster war von einer dicken Staubschicht bedeckt.
Die Zapfsäulen waren leere Skelette, deren Schläuche wie Schlingen herabhingen.
Der rissige Asphalt zischte im trockenen Wind. Die Sonne war bereits hinter dem Kamm versunken und tauchte die Wüste in Gold und Blut.
Und an den letzten noch stehenden Pfosten gefesselt –
Ein Mann.
Stacheldraht hatte sich um seine Brust, seine Arme und seine Knöchel gewickelt.
Er war stachelig und verrostet. Er schnitt sich durch seine Kleidung und tief in das Fleisch, wobei das Rot durch die weiße Baumwolle sickerte wie Blumen, die man mit Gewalt durch Kies drückt.
Er hatte vor Stunden aufgehört zu schreien.
Jetzt hing er nur noch erschlafft an dem Pfosten – das Kinn auf die Brust gesunken, der Mund offen, der Brustkorb hob sich in ruckartigen Stößen, als müsste man seine Lungen dazu zwingen, weiterzuarbeiten.
Seine Augen konnten sich kaum fokussieren.
Eines war zugeschwollen.
Das andere verfolgte Schatten durch einen Schleier aus Schmerz.
Um ihn herum standen Motorräder.
Sieben.
Vielleicht acht.
Mattschwarzer Chrom, abgewetzte Ledersitze, lange Lenker, die im sterbenden Licht matt schimmerten.
Die Fahrer saßen bewegungslos wie Wasserspeier da – lehnten an ihren Maschinen, Zigaretten glühten, Getränke schwappten, und sie beobachteten ihn wie Wölfe, die ein Aas umkreisen, das sie sich für den Schluss aufsparen.
Einer von ihnen – hager, blass, ein gezacktes Lächeln in ein viel zu gut aussehendes Gesicht geritzt – warf eine Münze hoch und fing sie auf, ohne hinzusehen.
„Sechs“, sagte er. „Noch sechs Atemzüge. Nicht mehr.“
Ein anderer lachte – ein tiefes, raues Geräusch, die Augen immer noch auf den sterbenden Mann gerichtet. „Du hast doch keine Ahnung, Abel. Ich wette hundert, dass er keine vier schafft.“
Jemand anderes rief aus den Schatten, die Stimme langsam und belustigt: „Ich nehme sieben. Er zuckt, als würde er immer noch glauben, dass ihn jemand rettet.“
Sie lachten – leise, tierisch, wie das Geräusch von etwas, das seine Krallen durch Knochen zieht.
Zwei Schatten gehörten nicht zum Kreis.
Sie standen abseits.
Rechts draußen, direkt hinter dem bröckeligen Bordstein.
Einer klein.
Einer groß.
Die kleinste schattenhafte Gestalt – in schwarze Kleidung gehüllt, die behandschuhten Hände noch von etwas Frischerem als der Dämmerung verschmiert – stand da mit leicht geneigtem Kopf, als sei das Sterben des Mannes eine Kunstform.
Sie sprachen nicht.
Der große Schatten neben ihnen tat es.
„Fünfzehn Minuten“, sagte er mit einer Stimme wie in Öl getränkter Kies. „So lange stirbt er schon.“
Die kleinste schattenhafte Gestalt sagte nichts.
Sie trat nur einen Schritt vor – der Stiefel traf den Beton so leise wie Staub – und ging in die Hocke.
Sie betrachteten das Gesicht des Mannes.
Der Stacheldraht hatte beide Wangen aufgeschnitten. Seine Lippen waren zerfetzt und bluteten.
Mit jedem Atemzug bildete sich Blut am Mundwinkel.
Er sah sie nicht an – konnte er nicht – doch sein Körper zitterte einmal, als wüsste er, dass sie da waren.
Der große Schatten trat näher, seine Stiefel hallten.
„Weißt du noch, wie er heißt?“
Ein kleines Nicken.
Dann ein Flüstern.
„Donovan Parr.“
Sie zeichneten die Form seines Namens in die Luft – die Finger fuhren die Silben nach, wie bei einem Ritual.
„Er holte Mädchen von Orten, an denen sie sich sicher fühlten“, sagten sie leise. „Verkaufte sie für Muskelentspanner und Videotechnik.“
„Benutzte ihre Namen, um Lebensmittel zu kaufen.“
Der Mann zuckte.
Ein Gurgeln entwich seinen Lippen.
Er versuchte zu sprechen, doch sein Kiefer konnte die Form nicht halten.
Einer der Biker lachte. „Drei noch!“
Die kleinste schattenhafte Gestalt stand nicht auf.
Berührte ihn nicht.
Zog nur einen kleinen Gegenstand aus der Jackentasche.
Porzellan.
Rissig.
Glatt.
Eine Maske.
Zart.
Leer.
Sie traten vor und platzierten die Maske mit beiden Händen behutsam auf sein Gesicht.
Nicht um ihn zu verstecken.
Um ihn zu markieren.
Um es ihnen zu zeigen.
Sie standen auf.
Sahen zu dem großen Mann neben ihnen.
„Werden sie es sehen?“, fragten sie. „Werden sie wissen, was es bedeutet?“
Er antwortete nicht sofort.
Der Mann am Pfosten machte einen letzten Atemzug – ein brüchiges Rasseln.
Sein Körper zuckte.
Wurde still.
Der große Schatten zündete sich eine Zigarette an, die Augen auf der Leiche.
„Sie werden es sehen“, sagte er schließlich. „Sie werden es nur nicht verstehen. Zumindest noch nicht.“
Die kleinste schattenhafte Gestalt wandte sich ab.
Die Biker begannen sich zu bewegen – Motoren heulten auf, Schatten glitten zurück in ihre Sättel.
Der Körper blieb aufrecht, vom Draht und der Endgültigkeit an den Pfosten genagelt.
Und die Porzellanmaske starrte zurück in die Wüste – ausdruckslos, sauber, beobachtend.