Home for Christmas | Ein kurzer, cleaner Weihnachtsroman

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Zusammenfassung

Eine Großstadtjournalistin kehrt über Weihnachten in ihre Heimat zurück und küsst ausgerechnet den einen Mann, dem sie vor Jahren abgeschworen hat – den besten Freund ihres Bruders. Erlebe Kleinstadt-Chaos, große Gefühle und einen Truck, der nie wieder sauber wird. Tori Gates kam aus Schuldgefühl nach Hause, nicht wegen der Romantik. Sie hat nicht damit gerechnet, sich neu zu verlieben – in ihre Heimatstadt, ihren Kindheitsschwarm oder die Version ihrer selbst, die nicht nur von Koffein und Ehrgeiz angetrieben wird. Das war nicht der Plan. Es ist besser.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
11
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Altersfreigabe
13+

Kapitel 1

Tori Gates

„Ma, auf der Arbeit herrscht gerade der totale Wahnsinn –“, sage ich, werde aber sofort von meiner Mutter unterbrochen.

„Nein, nein, nein – Tori Belle Gates, die Feiertage sind heilig!“, fällt mir Mom ins Wort. „Ich verstehe schon. Du bist jetzt eine Starjournalistin mit eigener Kolumne und hast keine Zeit mehr für deine Familie! Ich habe deinem Vater ja gesagt, dass dieser Job in der Stadt dich uns wegnimmt.“

Da haben wir es wieder. Die jährliche Symphonie der Schuldgefühle, pünktlich wie die Maurer.

„Mom, ich habe es dir schon dreimal gesagt. Ich kann mir die Weihnachtswoche nicht freinehmen –“

„Ach du lieber Gott!“

Ich bewege die Lippen passend zu ihrem Tonfall, noch bevor sie es ausspricht. Nach fünf Jahren mit demselben Gespräch beherrsche ich die Sprache der mütterlichen Märtyrer fließend.

„Ja, ich weiß, ich bin eine schreckliche Tochter“, sage ich. Ich schalte das Handy auf Lautsprecher, damit ich weiter an meinem Artikel über Schmiergelder im Bauamt arbeiten kann. Ein richtig fröhliches Thema für die Feiertage. „Setz es mit auf die Liste. Direkt unter ‚in die Stadt gezogen‘ und ‚mit zweiunddreißig immer noch nicht verheiratet‘.“

„Wage es ja nicht, das jetzt so darzustellen – wir unterstützen deine Unabhängigkeit, Tori Belle –“

Schon wieder der Zweitname. Das ist das zweite Mal in weniger als einer Minute. Wir steigern uns heute schnell.

„– aber Weihnachten? Kannst du uns nicht mal Weihnachten schenken? Dein Vater und ich haben dich seit – wann war das noch, Howard?“ Ihre Stimme wird dumpfer, während sie das Telefon weghält. „Wann haben wir Tori das letzte Mal gesehen?“

Im Hintergrund höre ich Dads gemurmelte Antwort. Wahrscheinlich irgendwas Diplomatisches. Er hat gelernt, sich bei diesen Kämpfen neutral zu verhalten.

„August!“, kommt Moms Stimme in voller Lautstärke zurück. „August! Und du bist nur für eine Nacht geblieben!“

„Es war ein langes Wochenende und ich hatte eine brandaktuelle Story über –“

„Eine brandaktuelle Story.“ Sie sagt es so, als hätte ich behauptet, ich würde Bigfoot jagen. „Deine Cousine Melissa nimmt sich Zeit für die Familie. Und sie leitet ihr eigenes Unternehmen von zu Hause aus, mit drei Kindern –“

Und da ist sie. Die Melissa-Klausel. Ich sollte für diese Anrufe echt ein Bullshit-Bingo einführen.

„Mom, Melissas ‚Unternehmen‘ besteht daraus, nachts um zwei in Facebook-Kommentaren ätherische Öle zu verkaufen.“ Ich nehme einen Schluck Kaffee – inzwischen natürlich kalt – und verziehe das Gesicht. „Ihr Arbeitsweg führt buchstäblich vom Bett zum Laptop. Das ist nicht ganz dasselbe, wie Korruption in der Stadtverwaltung für eine Zeitung mit Redaktionsschluss zu untersuchen.“

„Sie verdient damit sehr gutes Geld, das sollst du wissen. Sie hat sich gerade ein neues Auto gekauft –“

„Einen geleasten Kia, ja, ich habe die siebenundvierzig Posts darüber gesehen.“ Ich scrolle durch meine Notizen und höre nur halb zu. Dieses Gespräch läuft sowieso auf Autopilot. „Hör zu, ich habe in vier Stunden Abgabetermin –“

„Alles ist bei dir immer ein Abgabetermin! Was ist mit deinem Leben, Tori? Was ist damit, Erinnerungen zu schaffen?“

Das Wort „Erinnerungen“ bekommt die volle emotionale Packung ab – die Stimme bricht bei der zweiten Silbe leicht weg. Wirklich oscarverdächtig.

„Ich schaffe Erinnerungen, Ma. Sie drehen sich nur um Akteneinsicht und Behördenverstöße statt um Lebkuchenhäuser.“ Ich blicke durch die Glaswand zum Büro meines Chefs. Er nimmt gerade den Text eines Praktikanten mit einem Rotstift auseinander, der eigentlich als Waffe eingestuft werden müsste. Wenigstens sitze ich heute nicht auf diesem speziellen Schleudersitz.

„Genau das habe ich deinem Vater prophezeit!“, wird Moms Stimme schriller. „Ich habe gesagt: ‚Howard, sobald sie diesen Job bei dieser Zeitung bekommt, werden wir sie nie wieder sehen!‘ Und hatte ich recht? Hatte ich?“

„Du siehst mich zweimal im Jahr. Statistisch gesehen ist das mehr, als die meisten erwachsenen Kinder ihre –“

„Zweimal! Melissa sieht ihre Mutter zweimal die Woche!“

„Melissa wohnt zwanzig Minuten entfernt in derselben Stadt, in der sie aufgewachsen ist.“ Ich merke, wie ich die Kiefer zusammenpresse. „Ich lebe in einem anderen Bundesstaat. Mit einem Job. Der meine Rechnungen bezahlt. Weißt du noch, Rechnungen? Das Zeug, für das ich laut deiner Meinung bezahlen können sollte, als du mich auf die Journalistenschule geschickt hast?“

„Wage es nicht, diesen Ton mit mir anzuschlagen, Tori Belle Gates –“

Der volle Vor- und Zuname. Zum zweiten Mal. Ich befinde mich offiziell in der Gefahrenzone.

„– wir verlangen nicht viel! Nur eine Woche! Deine Großmutter ist sechsundachtzig Jahre alt! Was glaubst du, wie viele Weihnachten ihr noch bleiben?“

Die Oma-Karte. Natürlich. Ich hätte es kommen sehen müssen, aber es trifft mich trotzdem wie ein Schlag in die Magengrube meiner Schuldgefühle.

„Oma Eileen wird uns alle aus reiner Sturheit überleben, und das weißt du auch“, sage ich, aber meine Stimme klingt nicht mehr ganz so hart. Verdammt. „Die Frau macht immer noch ihre Gartenarbeit selbst und trinkt jeden Abend Whisky. Die wird noch bei meiner Beerdigung spuken.“

„Tori Belle!“

„Was denn? Sie hat mir beim letzten Mal selbst gesagt, dass sie die Hundert vollmachen will, nur um zu sehen, ‚was das ganze Theater soll‘.“ Ich lehne mich in meinem Stuhl zurück und beobachte eine Taube auf dem Fenstersims draußen. Sogar die Taube schaut mich verurteilend an. „Sie ist unzerstörbar.“

„Das ist nicht der Punkt.“ Moms Stimme wechselt in dieses gefährlich leise Register, das irgendwie schlimmer ist als das Herumschreien. „Der Punkt ist, dass die Familie füreinander da ist. Wir nehmen uns Zeit. Wir – wir machen nicht einfach –“

Ihre Stimme bricht ab, und ich höre, dass sie tatsächlich den Tränen nahe ist. Toll. Ganz fantastisch. Jetzt bin ich das Monster, das seine Mutter drei Wochen vor Weihnachten zum Weinen gebracht hat.

Ich schließe die Augen und zähle bis fünf. Der Cursor blinkt spöttisch auf dem Bildschirm vor mir. Der Absatz über Bauunternehmer-Betrug ist erst halb fertig. Das wirklich Nervige daran? Sie hat nicht ganz unrecht. Ich könnte wahrscheinlich ein paar Tage herausschlagen, wenn ich es wirklich versuchen würde. Wenn ich vor Harrison, meinem Chef, kriechen würde. Wenn ich meine Artikel früher abgäbe. Wenn ich zugeben würde, dass ich die Arbeit vielleicht nur als bequeme Ausrede benutze. Denn eigentlich will ich nicht zurück in eine Stadt, in der sich jeder an mich als „Tori Gates, die beim Schulfest geheult hat“ erinnert. Oder als die, die „mit dem Typen zusammen war, der jetzt im Knast sitzt“.

Kleine Städte haben ein langes Gedächtnis und wenig Unterhaltungsmöglichkeiten.

„Mom –“

„Nein, weißt du was? Schön.“ Ihre Stimme wird spröde. „Tu, was du tun musst, Tori. Bleib in deiner Stadt mit deinem wichtigen Job und deinen Terminen. Wir feiern Weihnachten dann eben ohne dich. Schon wieder.“

Die Märtyrer-Rolle ist so dick aufgetragen, man könnte sie auf Brot schmieren.

„Ich werde deiner Großmutter sagen, dass du es nicht geschafft hast. Sie wird sicher Verständnis haben. Auch wenn sie jeden Tag nach dir fragt. Auch wenn sie Rezepte gesammelt hat, von denen sie dachte, dass sie dir schmecken würden. Auch wenn –“

„Okay! Herrgott, Mom –“ Ich halte inne. „Ich meine – hör zu, lass mich mit Harrison reden, okay? Vielleicht lässt sich da was machen.“

Die Stille am anderen Ende der Leitung ist bedeutungsschwer. Kalkulierend. Mom weiß, dass sie gewonnen hat.

„Wirklich?“ Ihre Stimme klingt plötzlich viel leichter, fast unschuldig. Als hätte sie mich nicht gerade zehn Minuten lang emotional fertiggemacht. „Oh, Tori, das wäre wunderbar. Dein Vater wird sich so freuen. Und Oma! Oh, warte erst, bis ich es ihr erzähle –“

„Ich habe ‚vielleicht‘ gesagt, Ma. Ich verspreche gar nichts.“ Aber wir wissen beide, dass ich lüge. In dem Moment, als ich die Möglichkeit erwähnte, hatte ich schon verloren. „Ich muss das meinem Chef vorschlagen, und der ist in letzter Zeit nicht gut drauf –“

„Du bist so gut in deinem Job, Schätzchen. Ich bin sicher, er wird Ja sagen.“

Dieses Hin und Her zwischen Kritik und Lob macht mich ganz schwindelig. Das ist ihr letzter Schachzug – mich erst einwickeln, damit ich später nicht mehr absagen kann, ohne wie das letzte Arschloch dazustehen.

„Er könnte auch Nein sagen“, versuche ich es schwach.

„Wird er aber nicht.“ Sie klingt jetzt siegessicher. Triumphierend. „Weil du brillant bist und er das weiß. Oh, ich muss Tante Carol anrufen! Sie wird völlig aus dem Häuschen sein –“

„Mom, ich habe noch nicht mal gefragt –“

„Und wir machen das Plätzchenbacken! Du hast das Plätzchenbacken immer geliebt. Weißt du noch, als du klein warst und so viele Zimtsterne gegessen hast, dass du dich übergeben musstest –“

„Ja, tolle Erinnerung, danke dafür.“ Ich reibe mir die Schläfen. Hinter meinen Augen braut sich ein Kopfschmerz zusammen. Wahrscheinlich stressbedingt, definitiv mütterbedingt. „Hör zu, ich muss jetzt wirklich los. Echter Abgabetermin. Kein Fake.“

„Okay, okay. Aber du rufst mich an, nachdem du mit deinem Chef gesprochen hast?“

„Sicher, Mom.“

„Noch heute?“

„Wenn ich dazu komme –“

„Tori.“

Ich seufze. Besiegt. Erschöpft. Im Geist entwerfe ich schon die E-Mail an Harrison, von der ich weiß, dass er sie hassen wird. „Ja. Heute. Ich rufe dich heute an.“

„Ich hab dich lieb, Schätzchen! Das wird das schönste Weihnachten überhaupt! Oh, und bring hübsche Sachen mit – wir gehen an Heiligabend in den Gottesdienst und du weißt ja, wie die Leute reden –“

„Tschüss, Mom.“

„– und vielleicht was für die Party der Hendersons am sechsundzwanzigsten! Nichts zu Freizügiges, einfach nur –“

„Ich lege jetzt auf.“

„Ich hab dich lieb!“

„Hab dich auch lieb“, murmele ich und lege auf, bevor sie noch mehr Bedingungen für diese Reise stellen kann, der ich offiziell noch gar nicht zugestimmt habe.

Ich werfe mein Handy auf den Schreibtisch und starre es an, als hätte es mich persönlich verraten. Was es in gewisser Weise auch hat. Dieses kleine Rechteck aus Glas und Aluminium hat mich gerade zu einer Woche in meiner Heimatstadt verdonnert. Eine Woche voll von „Oh, Tori ist wieder da!“ und „Man hört, du schreibst jetzt oben in der Stadt!“ und „Hast du jemanden kennengelernt?“ und endlosen, endlosen Fragen, warum ich nicht mehr wie Melissa bin.

Wunderbar. Einfach wunderbar.

Durch das Glas sehe ich, wie Harrison aus seinem Büro kommt. Der Praktikant hinter ihm sieht aus, als hätte er gerade eine Naturkatastrophe überlebt. Harrison fängt meinen Blick auf und macht eine „Komm mal her“-Geste.

Klasse. Als ob dieser Tag nicht schon toll genug wäre.

Ich schnappe mir mein Notizbuch und meinen Kaffee. Er ist immer noch kalt, immer noch bitter und damit das perfekte Sinnbild für mein Leben. Ich mache mich auf den Weg zu seinem Büro. Bringen wir es hinter uns.

Harrison ist Ende fünfzig, sieht immer verknittert aus und hat die Laune eines Bären mit Kater. Er ist aber auch der beste Redakteur, den ich je hatte. Das ist der einzige Grund, warum ich bei seinen legendären Wutausbrüchen noch nicht hingeschmissen habe.

„Gates“, grunzt er, ohne vom Bildschirm aufzusehen. „Sag mir, dass du was zur Story über die Bebauungspläne hast.“

„Fünfzehnhundert Wörter. Bis heute Abend liegen sie bereit für deinen roten Korrekturstift des Grauens.“ Ich lasse mich auf den Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch sinken. Dort stapeln sich Zeitungen, Kaffeetassen und etwas, das letzte Woche mal ein Sandwich war. „Eigentlich wollte ich mit dir über etwas reden ...“

„Nein.“

Ich blinzle. „Du weißt doch noch gar nicht, was ich ...“

„Du hast diesen Blick drauf.“ Endlich schaut er hoch. Seine Augen sind hinter der Drahtbrille zusammengekniffen. „Diesen ‚Ich brauche einen Gefallen‘-Blick. Drei Leute liegen mit Grippe flach, es ist die Woche vor Weihnachten und das Rathaus hat gerade eine kurzfristige Pressekonferenz für morgen angekündigt. Ich brauche dich dafür.“

Mir rutscht das Herz in die Hose. „Morgen? Ich dachte, Jenkins ist fürs Rathaus zuständig?“

„Jenkins ist einer von den dreien mit Grippe. Er liegt kotzend im Bad und schreibt mir SMS über seinen bevorstehenden Tod.“ Harrison lehnt sich zurück, sodass sein Stuhl protestierend quietscht. „Also nein. Was auch immer du willst – frei, mehr Geld oder ein Pony – die Antwort ist Nein.“

Ich sollte es gut sein lassen. Einfach nicken, den Auftrag annehmen und meine Mutter zurückrufen. Ich würde ihr sagen, dass es nicht klappt. Sie wäre enttäuscht, aber sie würde es verkraften. Wahrscheinlich. Irgendwann.

Aber dann denke ich an das Zittern in ihrer Stimme. Das schlechte Gewissen. Ich war seit August nicht mehr zu Hause, und selbst da war es nur ein kurzer Zwischenstopp.

„Ich brauche die Weihnachtswoche frei“, sage ich.

Harrison starrt mich an, als hätte ich ihn gerade gebeten, nackt durch die Redaktion zu tanzen.

„Das ist ein Witz, oder?“

„Nein, mein Ernst.“

„Gates, wir hatten das Thema doch erst ...“

„Ich weiß, aber ...“ Ich lehne mich vor. „Hör zu, ich liefere die Story zu den Bebauungsplänen früher ab. Ich mache morgen die Pressekonferenz und der Text steht bis zum Abend. Den Bericht vom Stadtrat für den Dreiundzwanzigsten schreibe ich vor. Ich hinterlasse dir genug Material, damit der Teil auch ohne mich läuft.“

„Und was ist mit aktuellen Eilmeldungen? Was ist mit Nachfassberichten? Was ist mit ...“

„Marcus kann das übernehmen. Oder Chen. Oder sonst einer der Reporter, die gerade nicht an Influenza sterben.“ Die Worte sprudeln nur so aus mir heraus. „Ich hatte seit zwei Jahren nicht mal mehr ein langes Wochenende frei, Harrison. Zwei Jahre. Ich bin sicher, das verstößt gegen irgendein Arbeitsgesetz.“

„Wir sind Journalisten. Arbeitsgesetze sind hier nur Vorschläge.“ Aber er wankt. Ich sehe es daran, wie er auf seiner Stiftkappe herumkaut. Das ist zwar eklig, aber ein Zeichen dafür, dass er tatsächlich darüber nachdenkt.

„Eine Woche. Ich habe mein Handy dabei. Wenn etwas Riesiges passiert, schreibe ich von unterwegs ...“

„Von wo aus?“

Ich zögere. Das ist der Punkt, an dem alles scheitern könnte. „South Carolina.“

Er blinzelt. „Du verarschst mich.“

„Schön wär’s.“ Ich sacke tiefer in den Stuhl, der leicht nach altem Kaffee und geplatzten Träumen riecht. „Ein kleines Kaff namens Magnolia Creek. Du hast noch nie davon gehört. Niemand hat das. Das ist dort das Hauptmerkmal.“

„South Carolina.“ Harrison spricht es langsam aus, als müsste er eine Fremdsprache entziffern. „Du willst in unserer stressigsten Woche nach South Carolina.“

„Ich weiß, wie das rüberkommt.“

„South Carolina“, wiederholt er. Wir hängen wohl in einer Endlosschleife fest. „Was gibt es da überhaupt?“

„Meine Familie. Eistee. Und eine aggressive Luftfeuchtigkeit, sogar im Dezember.“ Ich zähle an den Fingern ab. „Ach ja, und ungefähr siebenhundert Leute, die mich immer noch als das Mädchen kennen, das beim Abschlussball aus Versehen den Feueralarm ausgelöst hat. Also das volle Programm für ein Traumziel.“

Harrison nimmt seine Brille ab und reibt sich die Augen, als würde ich ihm Kopfschmerzen bereiten. Zu Recht. „Gates, uns fehlen drei Reporter. Der Bürgermeister stellt morgen wer weiß was an. Der Stadtrat stimmt bald über diesen Mist mit der Umwidmung ab ...“

„Das habe ich alles fertig und eingereicht, bevor ich fahre“, falle ich ihm ins Wort. „Ich erledige alles im Voraus. Das Stück über die Umwidmung ist fast fertig. Ich brauche nur noch deine Korrekturen und ein letztes Zitat von Stadtrat Peterson. Dem jage ich heute noch hinterher. Ich schreibe die Kriminalstatistik für die Feiertage vor, den Jahresrückblick fürs Rathaus und alles andere, was du brauchst.“

„Und wenn was Wichtiges passiert?“

„Ich habe meinen Laptop. Und mein Handy. Das Internet hat es leider sogar in die tiefste Pampa im Süden geschafft.“ Ich lehne mich vor. „Ich will nicht von der Bildfläche verschwinden. Ich will nur meinen Job von einem Ort aus machen, wo der Kaffee schlechter ist und die Damen aus der Kirchengemeinde noch giftiger sind.“

Er schweigt einen Moment und starrt mich an. Er rechnet gerade alles durch und wägt ab, ob es zu viel Stress wäre, mich zu ersetzen.

„Deine Mutter hat dich weichgeklopft, was?“

„Sie hat meinen vollen Namen benutzt. Dreimal.“ Ich schüttle den Kopf. „Tori Belle Gates. Wenn das ‚Belle‘ kommt, ist alles vorbei. Das ist die verbale Entsprechung einer Atombombe.“

„Belle?“ Seine Mundwinkel zucken. „Dein Zweitname ist Belle?“

„Darüber reden wir nicht.“

„Tori Belle Gates“, sagt er und genießt es sichtlich. „Das klingt sehr ... südstaatlerisch.“

„Harrison, ich schwöre bei Gott ...“

„Nein, nein, das ist süß. Sehr vornehm. Wie Magnolienbäume und Limonade auf der Veranda ...“

„Ich werde Glitzer in deine Tastatur schütten.“

Er lacht – ein echtes Lachen. Das passiert so selten, dass ich fast vergesse, sauer zu sein. „Na gut. Einverstanden. Aber du lieferst alles früher ab, du bist für Notfälle erreichbar und du stehst in meiner Schuld. Wir reden hier von jedem miesen Auftrag im Januar. Sitzungen der Parkplatzkommission. Jeder Kleinkram vom Bauamt. Und dieser Typ, der ständig wegen der Chemtrails anruft.“

Ich setze mich aufrechter hin. „Dein Ernst?“

„Sehe ich so aus, als würde ich Witze machen?“ Er setzt seine Brille wieder auf. „Und Gates? Wenn du mit einem Südstaaten-Akzent zurückkommst, bist du gefeuert.“

„Hatte ich nicht vor.“ Ich stehe auf und gehe im Kopf schon alles durch, was ich in den nächsten achtundvierzig Stunden erledigen muss. Es wird die Hölle, aber wenigstens meine eigene Hölle. Nicht die meiner Mutter. „Danke, Harrison.“

„Schon gut, schon gut. Und jetzt raus hier. Gib mir die Story zur Bebauung bis heute Abend. Und ich meine bis Dienstschluss, nicht wie sonst erst nachts um drei.“

„Geht klar!“, rufe ich über die Schulter, während ich sein Büro verlasse.

Jetzt muss ich nur noch einen Flug buchen. Geschenke kaufen, verpacken und alles in ein Handgepäck quetschen. Nach dem, was letzten Thanksgiving passiert ist, gebe ich nie wieder einen Koffer auf – möge er in Frieden ruhen, wo auch immer Delta ihn beerdigt hat. Und dann muss ich mich seelisch auf eine Woche vorbereiten, in der mir Schuldgefühle eingeredet werden, ich gemästet werde und Verwandte mich verurteilen, die denken, dass die „Lügenpresse“ das Werk des Teufels ist.

Außerdem brauche ich ein „angemessenes“ Outfit für die Kirche. In der Welt meiner Mutter bedeutet das: „Ich bin erfolgreich, Single und enttäusche Jesus nicht komplett.“ Bonuspunkte gibt es, wenn es die Schultern bedeckt und nicht vermuten lässt, dass ich jemals Sex hatte. Niemals.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Pullover. Der jährliche Wettbewerb um den „hässlichsten Weihnachtspulli“ an Heiligabend. Gewonnen hat bisher immer nur Melissa mit ihren dämlichen handgestrickten Rentier-Monstern samt LED-Lichtern und Glocken. Echten Glocken. Sie bimmelt beim Gehen. Es ist, als würde man von festlichem Vieh verfolgt.

Aber nein, ich bin diejenige, die sich „mehr Mühe geben“ muss.

Natürlich muss ich mich auch auf die üblichen Fragen gefasst machen:

— „Immer noch Single, Schätzchen?“

— „Wann ziehst du wieder nach Hause?“

— „Schreibst du auch mal nette Geschichten?“

— „Melissas Ältester hat gerade den Buchstabierwettbewerb gewonnen. Hast du das gehört?“

Ja, ich habe es gehört. Es stand in jedem Familien-Chat. Mit Fotos. Und einem eigenen Meme, das Carol mit Canva gebastelt hat, was ehrlich gesagt ein Verbrechen ist.

Aber sicher doch. Versammeln wir uns alle um die Bowle und feiern wir Melissas Fünftklässler dafür, dass er Dichloridiphenyltrichlorethan buchstabieren kann. Währenddessen erkläre ich zum zehnten Mal, dass Journalismus nicht nur daraus besteht, Politikern Fragen zuzubrüllen und berühmt zu werden. Es besteht meistens aus öffentlichen Akten, wütenden E-Mails und dem Streit mit Korrektoren darüber, ob ein Semikolon mich „zu eingebildet“ klingen lässt.

Und trotzdem – trotzdem mache ich es. Ich buche das verdammte Ticket. Ich lächle mit zusammengebissenen Zähnen. Ich tauche dort auf, wie eine brave kleine Tochter, in Stiefeln, die nicht annähernd warm genug für die Kirche sind, aber zu teuer waren, um sie nicht zu tragen.

Denn das ist es, was wir tun. Wir fahren nach Hause. Wir halten durch. Wir überleben die Plätzchen, die Vergleiche und die Klumpen aus Marshmallows auf den Süßkartoffeln. Mama, das ist kein Nachtisch, das ist Gemüse, bitte belüg dich nicht selbst.

Ich öffne meinen Browser, seufze und fange an, nach Flügen zu suchen.

Mögen die Weihnachtsspiele beginnen.