Goldene Narben: Wyvernfeuer

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Zusammenfassung

IHRE GOLDENE HAUT MACHT SIE ZU EINEM LEBENDIGEN SCHATZ – UND SIE HASST ES. Weggesperrt und von ihrer Stiefmutter rücksichtslos zur perfekten Trophäen-Braut gedrillt, erhält Aubrey endlich ihre Chance auf Freiheit, als der Kronprinz ankündigt, dass er eine Ehefrau sucht. Sie wirft sich in das verhasste, goldenthüllende Kleid und stürmt in die High Society – fest entschlossen, den Prinzen für sich zu gewinnen. Doch sie erregt auch die Aufmerksamkeit eines gefährlich attraktiven Rebellenanführers – und der Wyvern, die Jagd auf Golds wie sie machen, um ihr Feuer zu nähren. Andererseits hat ihr grausames Königreich es vielleicht verdient, zu brennen ... und sie könnte den Funken liefern, der alles in Brand setzt.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
43
Rating
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Altersfreigabe
18+

Prolog

ACHT JAHRE ZUVOR

Ein riesiger Wyvern ragte über mir auf. Die warmen Ölfarben, gemischt mit echtem Blattgold, verliehen dem Gemälde etwas Majestätisches, trotz des gezackten, stacheligen Kamms. Aber diese stechenden Augen waren es, die ihn zum Monster machten. Sie waren riesig, glühten golden und folgten jedem meiner Schritte. Als wüsste er, was ich vorhatte, und würde mich herausfordern.

„Du“, flüsterte ich dem Bild zu. Mein Finger ruhte noch auf dem Futterplatz, der auf der Karte markiert war. „Soll mich der Himmel holen, aber ich werde heute einen von euch sehen.“

Die Türklinke klapperte.

Ich schob die Karte schnell in meine Tasche und schnappte mir ein Buch aus Vaters Regal. Ich schlug es auf und lehnte mich betont lässig gegen seinen Schreibtisch.

Vater kam mit übertriebener Langsamkeit in das kleine Zimmer. Überall hingen seine Kriegstrophäen und Auszeichnungen. Wahrscheinlich wollte er mir genug Zeit geben, um meine Dummheiten zu vertuschen. Ich hatte ihn auf dem Übungsplatz schon weitaus schneller gesehen.

„Bereit für ein Abenteuer?“ Er lächelte. Es war dieses seltene, breite Lächeln, das nur mir galt. Es ließ seine Augen wieder jung und verspielt wirken. Er schob das Buch ein Stück beiseite, um den Titel zu lesen. „Ah, ja, das ist ein gutes Buch. Ich besuche diesen Ort selbst manchmal.“

Ich schlug das Buch zu. „Ich hasse sie.“

„Sie will nur das Beste für deine Zukunft. Das können wir ihr nicht verübeln. Sie stammt aus einer anderen Familie als wir. Sie kann dir Dinge beibringen, bei denen ich kläglich versagen würde.“

„Ich will keine Lady sein.“ Das Wort schmeckte wie bittere Galle.

„Ah“, sagte er, als wäre das vernünftig. Meine Stiefmutter hatte mir versichert, dass es das absolut nicht war. „Manchmal will ich auch nicht die Hohe Wache sein.“

Ich straffte mich. Ich konnte ihn mir als nichts anderes vorstellen. Er war mein ganzes Leben lang ein Wachmann gewesen. Jetzt war er die am höchsten geehrte Hohe Wache der Geschichte. „Was würdest du dann sein?“

Er grinste. Seine Zähne wirkten strahlend weiß gegen seinen dunklen Bart. Er tippte auf das Buch. „Ich wäre ein Abenteurer. Und wenn nicht das, dann ein Held.“

Ich spottete. „Aber du bist ein Held.“ Er hatte den Krieg beendet. Er war der größte Held unseres Königreichs. Ein einfacher Mann, der nur durch seine Taten zum Lord aufgestiegen war.

„Na ja“, sagte er und stupste mich mit dem Knöchel am Kinn an. „Nur wenn ich sehe, dass du erwachsen und glücklich bist. Dann bin ich zufrieden.“

Ich versuchte, mürrisch zu schauen. Aber ich konnte ihm nicht böse sein, nicht wenn er zu Hause war.

Er legte eine warme, starke Hand auf meine Schulter. „Komm jetzt, lass uns essen. Morgen muss ich wieder zum Dienst. Alle Abenteuer beginnen am besten mit vollem Magen.“

Widerwillig legte ich das Buch weg und folgte ihm nach draußen. Immerhin hatte ich die Karte ergattert.

In den Fluren und in unserem neuen, großen Speisesaal standen noch Kisten herum. Die Bediensteten packten eifrig aus und eilten umher. Vater nickte jedem, an dem wir vorbeikamen, anerkennend zu. Bei diesem Anblick vermisste ich den Palast, die Dienerunterkünfte, meine Freunde ... Mein Körper brannte wieder. Es war eine furchtbare Hilflosigkeit, die ich mir am liebsten von der Haut gekratzt hätte.

„Ah, sie beehrt uns.“ Clara erhob sich von ihrem Platz an der langen, glatt polierten Tafel, als Vater eintraf. Ihr Gesicht verzog sich zu einem dieser falschen Lächeln. Es bewegte zwar ihren Mund, veränderte aber nichts an der Gehässigkeit ihrer Augen, die wie Rabenaugen funkelten.

Ihre Tochter Lilianna, dieser schleimige Wurm, stand ebenfalls auf. Mit gebeugtem Kopf und gesenktem Blick. Ich hasste es, dass Clara dasselbe von mir erwartete. So würde ich nicht sein. Ich würde mich nicht beugen und herumschleimen.

Vater winkte beide zum Sitzen und nahm am Kopfende Platz.

Ich ließ mich neben Lilianna auf meinen Stuhl fallen und hielt das Kinn hoch. Ich war keine Lady und würde auch nie eine sein.

„Die Vereinigung unserer Familien markiert ein neues Kapitel in unserem Leben. Damit gehen einige Änderungen einher“, sagte Clara. Ihre Stimme klang honigsüß, als wäre sie schon ewig Teil dieser Familie und nicht erst seit einem Tag. „Dein Vater und ich haben darüber gesprochen. Ab heute wirst du deine Nachmittage mit mir und Lilianna verbringen. Wir werden Benehmen und Etikette studieren.“

„Was?“ Ich knallte meine Hände auf den Tisch und sprang auf. „Ich habe Pläne. Die Nachmittage gehören mir.“

Vaters Kiefer spannte sich an, als er seine Serviette weglegte. „Wir hatten abgemacht, sie langsam daran zu gewöhnen.“

Abgemacht ... Ich starrte ihn mit offenem Mund an. Vater war damit einverstanden.

„Wir müssen so bald wie möglich anfangen“, sagte Clara. „Eine Goldmarkierte wie sie, in diesem Alter? Sie könnte in die Königsfamilie einheiraten, William.“

„Vielleicht, meine Liebe, aber sie ist erst elf. Es ist ihr noch egal, wen oder ob sie überhaupt heiratet.“ Er sah mich mit diesem verräterischen Blick an. Er hatte mir das Kämpfen beigebracht. Er hatte mir gezeigt, wie ich mich gegen die anderen Kinder der Diener behaupten und den Kopf hochhalten konnte. Und jetzt wollte er, dass ich wie sie werde? „Aubrey, meine wilde kleine Kriegerin, es gibt viele Arten von Abenteuern. Das Leben am Hof kann so gefährlich sein wie jede Schlacht. Du wirst die Hilfe einer Mutter brauchen.“

Ich wich zurück und stieß dabei meinen Stuhl um. „Sie ist nicht meine Mutter!“

Ich rannte weg.

Aus dem Herrenhaus hinaus in den Hof, wo Ray gerade mit seinem stumpfen Übungsschwert herumwirbelte.

„Endlich! Hast du die Karte? Wir haben nicht— Weinst du etwa?“

Ich packte ihn bei der Hand und rannte weiter.

Er schrie auf, ließ das Schwert fallen und stolperte hinter mir her.

Und dann rannten wir über das Feld in den Wald hinein. Seine Hand hielt mich fest und drückte fester zu, je weiter wir liefen. Er hielt Schritt mit mir. Seine Beine waren zwar länger, aber er passte sein Tempo an. Er musste nicht fragen, warum ich rannte oder was passiert war.

Er kannte mich besser als jeder andere.

Wir rannten gemeinsam durch das Unterholz, das nach uns peitschte und an unserer Haut riss. Ich war nicht so gut bedeckt wie sonst. Die Gefahr fühlte sich berauschend an. Meine goldene Haut lag offen und frei in der modrigen, nach Moos duftenden Waldluft. Ich wollte mir die Kleider komplett vom Leib reißen. Jeden goldenen Fleck wollte ich der Wildnis zeigen. Ich wollte, dass der Wald mich fortträgt, weg von den Büchern, den Lektionen und dem ständigen Stillsitzen. Ich wollte nicht wie ein Vogel im Käfig sein, der seine Flügel nicht ausbreiten kann. So ein Vogel würde ich nie sein.

Ich würde ein Wyvern sein. Eine Kraft, mit der man rechnen musste.

Meine Stiefel sanken in das schlammige Ufer eines Baches ein. Ich blieb japsend stehen. Meine Lunge brannte von den Tränen, die ich nicht zulassen wollte. Ich wischte mir grob über die Wangen.

Ray keuchte neben mir. Er ließ meine Hand endlich los. Wir stützten uns beide auf die Knie und atmetmen die feuchte Luft und den säuerlichen Geruch des tiefen Waldes ein ...

„Riechst du das?“ Etwas ekelhaft Süßliches, fast Ranziges, stieg mir in die Nase. Mir drehte sich fast der Magen um.

Ray schnupperte. Der Schweiß klebte ihm die dunklen Locken an die Stirn. „Riecht furchtbar. Hast du die Karte?“

„Das riecht nach Wyvern.“ Eines dieser Biester, vor denen ich angeblich solche Angst haben sollte. Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht und vertrieb das Brennen in meinen Augen. Ich zog die zerknitterte Karte aus der Tasche und reichte sie ihm.

„Meinst du wirklich?“ Er überflog die Karte, drehte sich ein Stück und zeigte tiefer in den Wald. „Da lang. Es ist nicht mehr weit.“

Ich ging einen Schritt vorwärts.

Ray packte mich am Arm. Seine Finger schlossen sich um die langen Ärmel meines Leinenhemdes. Sein Blick stellte die Frage, die er nicht aussprach. Mein Hemd bedeckte die goldenen Flecken auf meinen Armen. Ein kurzer Ruck an den Schnüren an meinem Hals verbarg den Fleck, der bis zum Schlüsselbein reichte. Aber es verbarg nicht die Sprenkel auf meinem Handrücken oder an meiner Schläfe, die wie verirrte Sommersprossen aussahen.

„Jetzt oder nie“, sagte ich und sah Ray in seine ruhigen, dunklen Augen. Sie hatten dieses tiefe Blau-Braun. Er verstand genau, was ich meinte. „Morgen gehst du zur Wache. Und jetzt sagt meine Stiefmutter, dass ich— “ Meine Stimme versagte.

Morgen, morgen, morgen. Alles änderte sich morgen.

Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen. „Na, dann los.“

Weit hinter uns knackte ein Ast. Wir schraken beide zusammen. Herrgott noch mal, wie konnte Vater so schnell hier sein?

Ray zog mich an der Hand und wir liefen wieder los. Wir duckten uns unter Ästen weg, Ranken rissen an unserer Kleidung. Seine Finger zogen mich unaufhaltsam in die Zukunft, ins Ungewisse, in dieses letzte Abenteuer.

Wir traten aus dem Wald auf eine Lichtung. Überall auf dem Boden lagen die Überreste großer Beutetiere. Hauptsächlich Hirsche, wenn man nach dem nächsten Knochenhaufen ging. Summend schwirrten Fliegen an mir vorbei und kitzelten mich an der Nase. Das Gras und das Gebüsch in der Mitte waren komplett niedergetrampelt. Zu meinen Füßen sah ich einen riesigen Krallenabdruck im Boden. Er war größer als ein Teller.

„Wahnsinn“, hauchte ich und schlich weiter auf die Lichtung. Knochen knackten unter meinen Stiefeln. „Glaubst du wirklich, dass sie Mädchen wie mir das Gold aussaugen? In den Geschichten heißt es, sie hinterlassen nur leere Hüllen.“

Ray schnaubte. „Wer hat denn diese ‚leeren Hüllen‘ je gesehen? Aber ausprobieren will ich es heute lieber nicht.“

Am fernen Ende der Lichtung wichen die Bäume an einem steilen Hang zurück. Man konnte die Ebene dahinter sehen. Ich war noch nie so tief im Wald gewesen und hatte diese Seite noch nie gesehen. Ich schlich darauf zu. Die offenen Ebenen hinter dem Wald schienen endlos zu sein. Meine Welt aus Privatlehrern und Waldspaziergängen mit Freunden war so winzig im Vergleich zu dieser Weite. Sie rief nach mir wie ein Lied.

Ray trat neben mich. Sein Blick war starr auf den Horizont gerichtet, als würde er denselben Ruf spüren. Wahrscheinlich tat er das auch. Er würde entkommen, indem er zur Wache ging, genau wie Vater.

Für mich gab es kein Entkommen. Nicht für ein Mädchen mit goldener Haut.

Ich musste heiraten.

Weit entfernt, hinter den goldenen Ebenen aus verdorrtem Gras, lag das Scarland – das Reich der Wyvern. Es war eine trübe, graue Landschaft voller langer, schwarzer Risse. Dort schienen selbst Pflanzen ihren Lebenswillen verloren zu haben.

Ein schimmernder Punkt flog über den bernsteinfarbenen Horizont. Er glänzte golden und rot in den Strahlen der sinkenden Sonne: ein Wyvern. Der Anblick löste eine Wärme in meiner Brust aus. Ich spürte den brennenden Wunsch, einfach wegzufliegen und nie wieder zurückzublicken.

Der Punkt schwebte wie ein Geier in der Luft. Gelegentlich schlug er mit den Flügeln, um an Höhe zu gewinnen, während er am Himmel hin und her kreiste.

Ich trat unbewusst näher. Wenn ich nur sehen könnte, ob sein Nacken voller Stacheln war. Ob die Flügel diese Häute hatten wie auf den Zeichnungen. Ich wollte die Schuppen sehen, die ihn wie einen schillernden Edelstein leuchten ließen.

Ray hielt mich am Ellbogen fest. Seine Finger erinnerten mich sanft an die Gefahr. Wyvern waren gierig auf Gold. Sie waren gierig auf Goldmädchen wie mich.

Ich starrte auf das rissige Land und den glitzernden Punkt, der so harmlos wirkte. „Ich wünschte, Farnell wäre hier, um das zu sehen. Stattdessen hockt er beim Dienst im Feuertunnel.“

„Ich nicht. Er würde nur rumjammern, wie dumm das hier ist.“ Ray grinste breit. „Um ehrlich zu sein: Es ist auch ziemlich dumm.“

Es war fantastisch, nicht dumm.

Hinter uns knackte ein Ast.

Ich wirbelte herum.

Zwei Gestalten stolperten auf die Lichtung voller Tierkadaver.

Ich erkannte beide sofort. Keiner von ihnen war Vater.

Prinz Emory nahm seine übliche, geduckte Haltung ein. Er schob sich sein schlaffes blondes Haar aus den misstrauischen Augen.

Der andere Junge war einen Kopf größer als Emory und fünf Jahre älter als wir beide. Er warf die Schultern zurück und stolzierte über die Lichtung. Maurus Venon. Er war mein neuer Nachbar, seit Vater uns auf dieses Anwesen gebracht hatte. Er war der widerlichste Junge, den ich kannte. Jedes Mal, wenn Lord Venon den Palast besuchte, ließ er seine missratene Brut auf uns Dienerkinder los. Maurus ließ keine Gelegenheit aus, uns in die Schranken zu weisen. Meistens mit Beleidigungen, manchmal mit den Fäusten.

„Ah, du hattest recht, Em“, sagte Maurus gedehnt. Sein kläglicher Versuch eines Schnurrbarts verzog sich zu einem hämischen Grinsen. „Es war tatsächlich die goldene Ratte, die wir mit ihrem Vorzeigehund durch den Wald huschen sahen. Und schau mal, was sie gefunden haben. Einen Wyvern-Futterplatz? Oh Aubrey, das wird deinem Papi gar nicht gefallen.“ Er schnalzte spöttisch mit der Zunge.

„Lauf doch zu deinem zurück, wenn du Schiss hast“, gab ich zurück.

Rays Griff um meinen Arm wurde fester.

Maurus’ Lippe kräuselte sich zu einem Knurren.

„Ist es das wirklich, Aubrey?“, fragte Emory mit gepresster, hoher Stimme. „Ich dachte gestern, du denkst dir das nur aus.“

Ray warf mir einen Blick zu, der sagte: ‚Du hast es ihm erzählt?‘

Ich hatte… verdammt. Gestern lebten wir noch im Palast. Wie fast jeden Nachmittag war Em zu uns runtergeschlichen, um Zeit mit uns zu verbringen. Anscheinend gab es für den Prinzen oben in den königlichen Gemächern keine Diener, mit denen er befreundet sein konnte. Aber ich hätte niemals gedacht, dass Em zum Anwesen der Venons kommen und mir hinterherlaufen würde.

„Das ist es, Prinz“, sagte ich. Ich konnte mir die Schadenfreude nicht verkneifen und zeigte mit dem Finger in den Himmel.

„Dieser winzige Fleck? Das zählt kaum. Em hat mir erzählt, dass du unbedingt einen Wyvern sehen willst.“ Maurus sprach das Wort „Wyvern“ mit spöttischem Unterton aus. Er fuchtelte mit den Händen und kam auf uns zu.

Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Aber Maurus war kein Junge, vor dem man weglief. Das würde ihn nur ermutigen. Stattdessen hob ich das Kinn und sah ihm direkt in die Augen. „Wer will das nicht? Ich sehe meinem Feind lieber ins Gesicht, als mich feige zu verstecken.“

Maurus’ Grinsen wurde breiter, und etwas Gefährliches blitzte in seinem Blick auf. Er packte meinen Ärmel und riss ihn mit einem gezielten Ruck auf. Darunter kamen die glitzernden goldenen Male auf meiner Schulter zum Vorschein. Sie funkelten im Licht der untergehenden Sonne. „Dann leuchte mal für uns, Lady Aubrey Gallant. Lock den Wyvern hierher, damit wir ihn uns ansehen können!“

„Hey!“ Ray stürmte auf Maurus zu.

Ich streckte die Hand aus, um Ray aufzuhalten. Oh Himmel, wenn er sich mit dem Sohn eines Lords prügelte—

Bevor ich die Lage unter Kontrolle bringen konnte, versetzte Maurus meiner nackten Schulter einen harten Stoß. Ich hatte nicht damit gerechnet, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Ich stolperte rückwärts. Die lockere Erde am Rand des Abhangs gab unter meinem Stiefel nach. Ich ruderte mit den Armen und versuchte, mich irgendwo festzuhalten. Meine Finger streiften die von Ray, dann packte mich die Schwerelosigkeit des Sturzes.

Ich schlug eine Mannshöhe tiefer auf der harten Wiese auf. Der Aufprall presste mir die Luft aus der Lunge. Mein Hinterkopf schlug auf den trockenen, festgestampften Boden und alles wurde schwarz.

Ich öffnete die Augen. Der Himmel war verschwommen und in ein dunstiges Orange getaucht.

Mein Brustkorb brannte vor Schmerz, und ich bekam keine Luft. Mir war schon oft der Atem geraubt worden, aber verdammt, das tat weh. Ich rappelte mich auf und holte mühsam Luft. „Arschloch.“

Ray… wo war Ray?

„Aubrey, ist alles okay bei dir?“, rief Emory vom Plateau herunter. Er blickte nervös zwischen mir und etwas anderem hin und her, das ich nicht sehen konnte. „Jetzt mal im Ernst, Maurus, hör auf damit!“

Nein, nein, nein. Ich stürzte zur Felswand. Ray. Ich kletterte die lockere Erde hoch, während Steine und Dreckklumpen hinter mir herabkullerten.

Oben angekommen, wäre ich beim Anblick fast wieder abgerutscht.

Maurus thronte über Ray und drückte dessen Arme mit seinen Knien zu Boden. Maurus blutete aus der Nase und ließ einen Dolch in seiner Hand kreisen.

Himmel, Ray hatte ihn geschlagen. „Lass ihn los!“, schrie ich, während ich mich über die Kante hievte. Emory zog mich am Hemd nach oben.

Maurus spuckte Blut aus seiner noch immer laufenden Nase direkt in Rays Gesicht und kicherte. „Warum jetzt aufhören? Der Spaß fängt gerade erst an. Dieser Bauer glaubt, er könne seinen Herrn anfassen. Das geht so nicht. Und außerdem wollte ich schon immer wissen, ob man menschliche Gelenke genauso leicht abtrennen kann wie die von Tieren.“ Maurus bog Rays Faust auf und packte den kleinen Finger.

Ich stürmte auf sie zu, als plötzlich ein schreckliches Läuten ertönte. Instinktiv zuckte ich zusammen und duckte mich, genau wie Emory. Ich hatte es schon oft im Palast gehört, aber ich war noch nie im Freien gewesen, wenn es losging.

Die Wyvern-Glocke.

Ich reckte den Hals und suchte den Himmel ab, aber ich sah nichts…

Emory packte meinen Arm und zerrte mich in Richtung der Bäume. „Wir müssen hier weg!“

Ich wusste, dass ich gehen sollte. Dass ich Deckung suchen musste. Aber ich bewegte mich bereits und riss mich von Emory los. „Ray!“

„Lassen wir der Bestie eine kleine Leckerei da.“ Maurus setzte die silberne Spitze des Dolches am Ansatz von Rays kleinem Finger an.

Ray schrie. Es war kein normaler Schrei. So einen Schrei hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört.

Ich hörte nichts anderes mehr. Ich sah nichts anderes mehr. Nur Ray. Nur die Klinge, die in Rays Schwerthand eindrang. Mein Körper bewegte sich wie von selbst. Ich hob einen Knochen aus den verstreuten Überresten um uns herum auf. Ich rammte das dicke Ende des Oberschenkelknochens gegen Maurus’ Kopf, genau in dem Moment, als das glänzende Silber durch Rays Fleisch schnitt.

Der rosige, leblose Finger fiel ins gelbe Gras.

Maurus kippte wie ein nasser Sack von Ray herunter, aber das reichte nicht. Ich war nicht schnell genug gewesen. Ich kroch zu Ray, zu dem Blut, das in kleinen Stößen aus dem rohen, blutigen Stumpf spritzte.

„Nein“, schluchzte ich. Ich hielt seine Hand fest und starrte in seine entsetzten, dunklen Augen. Morgen. Morgen sollte er zur Wache gehen. Ich riss meinen Ärmel ganz ab und presste ihn gegen seine Hand. Sofort wurde der Stoff nass, warm und rot.

Rays freie, unverletzte Hand packte mein nacktes Handgelenk. „Aubrey“, sagte er. In seiner Stimme lag die ganze Schwere der Gefahr — und meiner Entblößung.

Als seine Finger die Goldflecken an meinem Gelenk berührten, breitete sich ein seltsames Kribbeln in meinem Körper aus. Ich schnappte nach Luft, und Rays Augen wurden groß, als ob er es auch spürte.

Etwas packte mich an der Schulter und riss mich nach hinten. Ein Wyvern, ich wusste es, aber—

Maurus schleuderte mich in den Dreck und drückte mir seine Knie auf die Brust. Er grinste mich an. Das Blut aus seiner Nase klebte an seinen Zähnen. Er legte beide Hände um meinen Hals. „Es ist egal, dass dein Vater eine Adlige geheiratet hat. Es ist sogar egal, dass der König ihm unser Land gegeben hat. Er ist immer noch nichts weiter als ein wertloser Bauer und wird es immer bleiben. Genau wie du. Egal wie viel Gold auf deiner Haut wächst, die hohen Häuser werden deine Familie immer als das sehen, was sie ist: ein Haufen Ratten.“

Seine Worte entfachten ein hasserfülltes Feuer in mir. Dieser Junge, der Rays Finger abgeschnitten hatte. Der Rays Zukunft zerstört hatte. Ray wollte Gardist werden und aufsteigen, genau wie mein Vater. Er durfte nicht gewinnen. Ich würde es nicht zulassen. Vor meinen Augen tanzten schwarze Punkte. Er war größer als ich, stärker als ich. Was hatte Vater mir beigebracht? Du bist kleiner, also kämpfe schlauer. Ich tastete um mich herum. Ich suchte nach irgendetwas, das ich als Waffe benutzen konnte. Ein Stein. Ein Ast. Ein…

Kühles Metall. Der Dolch. Ich zögerte nicht. Ich packte ihn und stieß zu.

Maurus wich ruckartig zurück. Die Spitze der Klinge streifte nur die Seite seines Halses. Ich hatte daneben getroffen. Himmel, ich hatte ihn verfehlt.

Blut sammelte sich an dem Schnitt und floss dann in einem stetigen roten Strom herab. Er wich zurück, wobei er meine Oberschenkel fast zerquetschte, und presste eine Hand auf die Wunde. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor. Seine Augen trafen meine, wütend und hasserfüllt.

Ich starrte trotzig zurück und hielt den Dolch bereit.

Ein ohrenbetäubendes Brüllen zerriss die Luft.

Maurus riss den Kopf hoch. Über uns brach eine Wolke aus Gelb und Rot hervor.

Eine erstickende Hitze hüllte uns ein. Maurus schrie — ein Geräusch, das fast so schrecklich war wie das von Ray. Er rollte sich zur Seite und riss meinen Körper über seinen.

Ein brennender Schmerz schoss durch meinen Rücken und meine Schultern. Auch das Handgelenk, das ich schützend vor mein Gesicht hielt, brannte. Es fühlte sich an, als würden tausend Nadeln in mein Fleisch stechen.

Die Hitze verschwand schlagartig.

Der Boden bebte, als das Tier ganz in der Nähe landete. Maurus stieß mich von sich und kroch weg. Der Ärmel seines Hemdes war geschmolzen. Darunter kam verkohltes, schwarzes Fleisch an Schulter und Arm zum Vorschein.

Ich kippte auf die Seite. Mein Rücken fühlte sich ganz falsch an. Es war eine seltsame Mischung aus Schmerz und Taubheit, aus Hitze und eisiger Kälte. Goldperlen bedeckten meine Handrücken und die Ärmel meines verbrannten Hemdes. Mein Blut. Rauch stieg vom Boden unter mir auf. Auch dort klebte geschmolzenes Gold.

Der Wyvern stand nur ein paar Schritte entfernt. Er hockte auf seinen mächtigen Hinterbeinen. Seine riesigen, grün-gold schimmernden Flügel waren breiter als eine Kutsche und mindestens doppelt so hoch wie ich.

Der gewaltige Kopf des Wyvern verdeckte den Himmel. Rauch quoll aus seinen Nüstern. Seine senkrechten Pupillen fixierten mich. Sie verengten sich und weiteten sich dann wieder. Seine schillernden Schuppen glänzten im orangefarbenen Licht der Abendsonne in Gold und Grün.

Diese großen, goldenen Augen zogen mich in ihren Bann. Es war, als würde mich zum ersten Mal jemand wirklich sehen. Ich wurde begehrt. Ich war wertvoll.

Ich konnte den Blick nicht von dieser Schönheit, diesem Grauen und dieser Erhabenheit abwenden.

Ray rutschte neben mir auf das Gras und packte meinen Arm. Er riss mich aus meiner Trance. Todesangst und der Schmerz meiner Verletzungen rasten durch meine Adern. Zusammen mit Ray flüchtete ich über die Knochen des Futterplatzes. Sie waren kein Zeichen für Abenteuer mehr, sondern ein böses Omen. Ich rechnete jeden Moment damit, die Zähne des Wyvern in meinem Rücken zu spüren.

Die Hörner der königlichen Armee erschallten. In Rot gekleidete Wachen zu Pferd stürmten auf die Lichtung.

Sir William Gallant preschte auf seinem riesigen weißen Schlachtross aus dem Wald. Groß und stolz, mit dem Schwert in der Hand. Die Hohe Garde des Königs. Mein Vater, mein Held, mein Retter. Er hatte keine Angst vor Wyvern. Er hatte vor gar nichts Angst.

„Vater“, krächzte ich. Neue Kraft durchströmte mich, während ich über die knackenden Knochen auf ihn zukroch.

Vaters Blick fiel auf mich. Seine entschlossene Miene verflog. Er öffnete die Lippen und formte meinen Namen: „Aubrey.“

Sein erschütterter Gesichtsausdruck tat mehr weh als all meine Wunden.

Dann wurde sein Gesicht wieder starr. Die Maske der Hohen Garde war zurück. „Bringt meine Tochter und die Kinder in Sicherheit. Ich kümmere mich um den Wyvern.“ Seine Worte waren klar und absolut.

Sein Pferd galoppierte an mir vorbei. Am Rand des Abhangs bäumte es sich auf. Die gelben Strahlen der untergehenden Sonne warfen einen Schatten von Vater und seinem erhobenen Schwert. Der Schlachtruf meines Vaters traf auf das Brüllen des Wyvern.

Eine Wache hievte mich auf ein Pferd, während mein Körper zu zittern begann. Ich atmete stoßweise, als der Schock einsetzte. Ray wurde auf ein anderes Pferd gezogen. Er starrte auf seine Hand, auf den verheilten, rosa Stumpf, wo sein kleiner Finger hätte sein sollen.

Das Pferd der Wache drehte ab. Weg von Rays unmöglicher Hand, weg vom gellenden Brüllen des Wyvern und dem hellen Wyvernfeuer.

Vater starb den Tod eines Kriegers, hieß es später. Er sei bei der Verteidigung seines Landes gefallen.

Doch ich kenne die Wahrheit.

Er starb wegen mir.


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