Kapitel 1 - Der Anfang
Es ist kurz nach Mitternacht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich schon seit Stunden die Decke anstarre. Ich höre meine Mom und Frank im Flur. Sie streiten sich wie jede Nacht, wenn Frank zu viel getrunken hat. Leider ist es eine dieser Nächte, in denen bestimmt das ganze Haus sein Gebrüll hören kann.
Vor zwei Jahren wollte Frank unbedingt ein „City-Typ“ sein. Er hat meine Mom überredet, das Vorstadtleben aufzugeben. Stattdessen gab es volle Straßen, ständige Sirenen und eine billige Wohnung.
Die wütenden Suff-Schreie sind für mich inzwischen wie Hintergrundrauschen. Doch dann geht es im Gespräch plötzlich um mich. Ich kann nicht anders und verdrehe die Augen. Früher hat meine Mom mich immer verteidigt. Aber mittlerweile weiß sie, dass alles friedlicher und einfacher ist, wenn sie ihm einfach zustimmt. Ich verstehe das zwar, aber es fühlt sich trotzdem nicht gut an.
Ich bin unruhig.
Es ist meine letzte Woche in der zwölften Klasse und ich bin gerade achtzehn geworden. Ich weiß immer noch nicht, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Über das College habe ich noch gar nicht nachgedacht. Wie auch, bei dem ganzen Gebrüll und dem Gefühlschaos um mich herum?
Ich spüre, wie die Angst in mir hochkriecht. Also rutsche ich aus dem Bett und schlüpfe in meine Sandalen. Ich schleiche zum Fenster. Mit einem kurzen Ruck entriegele ich es. Ich atme tief durch, als die kühle Nachtluft ins Zimmer strömt.
Vorsichtig klettere ich hinaus und lande leise im Gras. Dann ziehe ich das Fenster hinter mir zu. Das ist einer der wenigen Vorteile, wenn man im Erdgeschoss wohnt.
Das leise Schnurren eines Motors reißt mich aus meinen Gedanken. Ich schaue auf und da steht er.
Josh, mein verdammt süßer Nachbar. Er lümmelt hinter dem Steuer seines Wagens, den Arm lässig aus dem offenen Fenster gelehnt. Unsere Blicke treffen sich und meine Wangen fangen sofort an zu glühen.
Ein langsames, selbstbewusstes Lächeln erscheint auf seinen Lippen. „Ein bisschen spät, um sich rauszuschleichen, oder? Morgen ist Schule, Schätzchen“, neckt er mich.
Mir steigt die Hitze ins Gesicht. „Was bist du? Ein Bulle oder so?“, schieße ich zurück und versuche, cool zu wirken.
Er grinst und legt den Kopf schief, während sein Blick an mir runterwandert. „Na, wo soll es denn um diese Uhrzeit hingehen? Oder ist das ein Geheimnis?“
Ich schaue auf meine Füße. Ich bin nervös und es ist mir peinlich. „Ähm… egal wohin, Hauptsache weg von hier.“
Er versteht. Er wohnt direkt nebenan und hat Franks Ausbrüche oft genug live mitbekommen.
Er hebt träge die Hand und zeigt mir einen Joint, den ich erst jetzt bemerke. „Willst du mal ziehen? Ein bisschen locker werden?“
Das kommt völlig unerwartet und ich lache verlegen. Josh hat mich noch nie beachtet, geschweige denn gefragt, ob ich mit ihm rauchen will. „Danke, aber ich bin nicht so der Typ dafür“, stammle ich, bevor ich mich bremsen kann.
Er zuckt nur mit den Schultern. Dann lehnt er seinen Sitz zurück, als hätte er sowieso nicht mit einem Ja gerechnet.
„Ich sollte lieber gehen“, sage ich schnell. Ich winke kurz und laufe an seinem Auto vorbei. Bitte fall jetzt nicht hin, denke ich mir.
Gleich die Straße runter ist ein kleiner Späti. Da ich keine bessere Idee habe, hole ich mir wohl einfach ein Wasser und laufe dann zurück. Um diese Zeit kann man eh nicht viel machen. Aber ich bin lieber irgendwo anders als in dieser Wohnung.
Als ich die Hauptstraße erreiche, schaue ich hoch und suche Sterne am Himmel.
Natürlich sind da keine. Nicht hier. Nicht in dieser Stadt.
Der Weg ist kurz, aber angenehm. Die leichte Brise gibt ihr Bestes, um meine flatternden Nerven zu beruhigen.
Ich überquere den Parkplatz. Meine Sandalen klatschen leise auf den Asphalt. Ich drücke die Glastür auf. Grelles Neonlicht blendet mich und die Glocke über der Tür bimmelt schrill.
Die Verkäuferin schaut kaum von ihrem Handy auf, als ich reinkomme. Ich gehe nach hinten zum Kühlregal, um mir eine Flasche Wasser zu nehmen. Die Glastür zischt zu. Plötzlich spüre ich einen schweren Druck auf der Brust. Meine Haut kribbelt – eine Warnung. Irgendwas stimmt nicht. Ich weiß nicht, woher ich es weiß, aber es liegt förmlich in der Luft.
Ich versuche, das Gefühl abzuschütteln. Ich atme tief ein, um die Panik zu vertreiben, die mir die Kehle zuschnürt. Ich will schnell zur Kasse, bevor ich eine richtige Panikattacke bekomme.
Aber noch bevor ich am ersten Regal vorbei bin...
Ring.
Die Glocke am Eingang schrillt und die Tür fliegt mit voller Wucht auf.
Ich erstarre. Adrenalin schießt mir durch die Adern. Mein Körper schaltet auf Autopilot. Sofort gehe ich hinter dem nächsten Regal in Deckung. Meine Knie knallen hart auf die Fliesen, genau wie die Wasserflasche.
Plötzlich herrscht pures Chaos. Eine Männerstimme brüllt hart und befehlend. Dann kracht etwas Schweres gegen den Tresen.
Ich halte den Atem an. Mein Puls hämmert in den Ohren. Bevor ich mich stoppen kann, riskiere ich einen Blick um die Ecke des Regals.
Ein Mann mit schwarzer Skimaske steht am Tresen. Er wirkt extrem kontrolliert, aber auch aggressiv. Er schreit und fuchtelt wild herum. Und dann sehe ich es: Eine Waffe, die direkt auf die Kassiererin zielt.
Oh Gott, nein, nein, nein. Frank bringt mich um, wenn er erfährt, dass ich mich rausgeschlichen habe und in diese Sache reingeraten bin.
Ich mache mich ganz klein, während das Mädchen hinter der Kasse zitternd an der Registrierkasse herumfummelt. Zwischen dem Rascheln von Geldscheinen und einer Plastiktüte höre ich ihr leises Flehen.
Ich kriege keine Luft mehr. Ich kann mich nicht bewegen. Vor meinen Augen wird es schwarz und mein Herz rast so schnell, dass ich glaube, ohnmächtig zu werden.
Ich drücke meinen Rücken fest gegen das Drahtgestell hinter mir. Ich will unsichtbar werden. Doch dann rascheln die Chipstüten ganz laut.
Ein verängstigtes Wimmern entweicht mir, bevor ich es unterdrücken kann. Es war kaum zu hören, aber der Schaden ist angerichtet. Trotz des Lärms beim Raubüberfall spüre ich es sofort. In meiner Ecke des Ladens herrscht plötzlich eine ohrenbetäubende Stille. Er hat mich gehört.
Mein ganzer Körper verkrampft sich. Ich kneife die Augen fest zu und bete zum Universum, dass ich einfach verschwinde. Dann höre ich es: Das dumpfe Geräusch von schweren Stiefeln. Langsam kommen sie direkt auf mich zu. Die Kassiererin schluchzt immer noch. Aber in meinen Ohren fängt es an zu pfeifen und mir wird schwindelig, während er näher kommt.
Dann hören die Schritte plötzlich auf. Ich will nicht hinsehen. Ich habe zu große Angst vor dem, was ich sowieso schon weiß. Aber die Stille und seine Anwesenheit sind unerträglich. Ich öffne ganz leicht die Augen.
Er ragt über mir auf. Seine breite Gestalt schluckt das ganze Licht, bis ich nur noch ihn sehe. Er legt den Kopf schief. Unter der Maske ist sein Gesicht nicht zu erkennen, während er mich mustert. Ich zittere am ganzen Körper. Ich versuche, mich noch kleiner zu machen und hoffe inständig, dass er einfach weitergeht.
Seine Augen sind dunkel und undurchschaubar, als sie meine treffen.
Ich kann mich nicht rühren. Ich kann nicht schreien. Ich kann nicht mal blinzeln.
Mir wird ganz flau im Magen. Und bevor ich es begreifen kann, bewegt er sich.
Alles geht ganz schnell. Seine Hand schließt sich fest um meinen Arm. Er reißt mich hoch, als würde ich nichts wiegen. Meine Sandalen rutschen weg, während ich versuche, das Gleichgewicht zu halten. Ein erstickter Schrei entweicht mir, voller Panik.
Sein Griff ist besitzergreifend und fest. Seine Fingerspitzen graben sich grob in meinen Arm, während er mich eng an sich heranzieht. Seine Körperwärme strahlt auf mich ab. Er zieht mich so nah ran, dass kein Platz mehr zwischen uns ist. Ich spüre die harten Muskeln unter seinem Shirt, seinen ruhigen Atem und die Spannung unter seiner Haut.
Sein Blick wandert langsam und ganz bewusst an mir runter. Mein Unterleib zieht sich vor Angst und Aufregung zusammen.
Dann atmet er tief und zufrieden aus. Seine Brust vibriert dabei ganz leicht.
„Na,“ murmelt er mit tiefer, sanfter Stimme. „Was für eine nette Überraschung.“
Jedes Wort trieft vor Belustigung, Hunger und Interesse. Als hätte er sich schon längst entschieden. Als würde ich jetzt ihm gehören.
Ich wehre mich und versuche mich aus seinem Griff zu winden, aber er bewegt sich kein Stück. Es scheint ihn eher noch anzustacheln.
Er atmet scharf ein, ein leises Geräusch, das fast nach Genugtuung klingt. Seine Finger drücken noch fester zu und hinterlassen bestimmt blaue Flecken. Er schleift mich in Richtung Ladenausgang.
„Hör auf!“, schreie ich. Meine Stimme bricht vor Panik. „Bitte!“, rufe ich laut.
Seine Reaktion kommt sofort und ist brutal.
Er rammt mich gegen seine Brust. Mir bleibt die Luft weg, während er mich fest umklammert. Seine Stimme ist nur noch ein tiefes Grollen an meinem Ohr.
„Lass den Scheiß“, warnt er mich leise und wütend.
Ich erstarre. Der Schrei stirbt mir im Hals ab, während seine Drohung meine Sinne vernebelt. Dann senkt sich sein Blick. Langsam. Ganz träge. Von meinen Augen zu meinen Lippen und wieder zurück.
Mein Magen zieht sich zusammen. Hitze und Angst kämpfen in mir gegeneinander.
Ich blicke kurz zur Kasse, zu dem Mädchen, das immer noch weint. Aber es ist zu spät.
Mit einem Ruck rammt der Mann seine Schulter gegen die Eingangstür und stößt sie mit Gewalt auf. Ein Arm hält mich fest, der andere umklammert die Tasche mit dem Bargeld.
Ich schreie wieder, trete um mich und kämpfe. Aber dadurch wird er nur noch schneller. Er reißt die Hintertür eines Wagens auf und schubst mich hinein.
Ich lande hart auf dem Sitz, meine Knie knallen gegen das Polster. Ich versuche mich aufzurappeln, aber die Tür fliegt schon zu. Ich bin eingesperrt.
Ich höre das Schloss klicken. Gefangen. Die Panik trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube. Meine Beine gehorchen mir nicht mehr. Ich bringe keinen Ton raus. Ich kralle meine Finger in den Türgriff. Ich will wieder schreien, aber es kommt nichts. Die andere Tür geht auf… die Fahrerseite.
Er steigt ein und lässt den Motor in einer fließenden Bewegung an. Für einen Moment sieht er mich an. Selbst durch die Maske erkenne ich, dass er völlig aufgedreht und begeistert ist.
Er legt den Rückwärtsgang ein.
Ich fliege nach vorne und knalle gegen den Vordersitz. Aber den Schmerz merke ich vor lauter Schock kaum.
Die Reifen quietschen. Die Stadt verschwimmt vor meinen Augen und meine Welt verschwindet hinter uns.
Ich mache mich ganz klein, völlig außer Atem und zitternd. „Das passiert nicht wirklich“, flüstere ich. „Das kann nicht wahr sein.“
Aber es ist wahr.
Ich schlinge die Arme um meine Knie und presse die Stirn gegen meine zitternden Hände. Mir ist speiübel. Ich sollte eigentlich im Bett liegen. Nicht hier. Nicht im Auto dieses Fremden. Ich weiß nicht, wie lange wir fahren. Minuten? Stunden? Die Straße wird zu einem monotonen Rauschen, nur unterbrochen vom Brummen der Reifen und dem Pochen in meinen Ohren.
Dann knirscht Kies unter den Reifen. Das Auto biegt von der Straße ab und hält abrupt an. Mein Kopf schnellt hoch. Ich suche panisch durch die Fenster nach einem Hinweis, wo wir sind… Aber ich sehe nur Dunkelheit.
Der Motor stirbt ab. Er rührt sich nicht… er sitzt einfach nur da. Als würde er auf etwas warten.
Ich versuche zu sprechen. Zu betteln. Zu schreien… Aber es kommt kein Ton heraus.
Dann geht seine Tür auf und wird zugeschlagen. Ich höre das Geräusch seiner Stiefel, wie er um das Auto herum zu meiner Seite kommt.
Die Schritte stoppen direkt vor meiner Tür. Ich höre auf zu atmen. Ich sitze völlig hilflos da und bin wie eingefroren.
Ich warte.
Und dann… herrscht Stille.
-----✨️✨️-----
Gefällt dir die Geschichte? Bitte hilf mit, sie am Leben zu erhalten!
Deine Reaktionen und Kommentare sind das Beste für mich!
-----✨️✨️-----