Kapitel 1
Kaylee
Alle großen Geschichten sind deshalb so gut, weil sie großartige Charaktere haben, die sich riesigen Problemen stellen müssen. Ich frage mich oft, ob meine Geschichte auch so sein soll. Den Teil mit den Problemen habe ich schon mal abgehakt. Aber ich sehe mich nicht als Heldin in irgendeiner epischen Saga. Wer weiß... vielleicht bin ich auch nur die Nebenfigur in der großartigen Geschichte von jemand anderem.
Ach herje, wo sind bloß meine Manieren? Hallo, mein Name ist Kaylee Oshay. Ich bin das jüngste Kind von Mickey und Lira Oshay. Meine Familie stammt aus einer langen Linie von Betas. Als solche gelten wir als stark, loyal und stolz... aber das bin ich nicht... jedenfalls nicht ganz. Ich meine, ich bin meinem Rudel und meiner Familie gegenüber loyal. Aber in meiner menschlichen Form bin ich viel kleiner als die meisten anderen bei uns. Und mein Wolf ist... anders. Deshalb zweifeln viele an meiner Stärke. Ich bin zwar stolz auf meine Wölfin, aber das ist ein stiller Stolz. Einer, bei dem man nicht angeben oder prahlen muss.
Die anderen Mitglieder unseres Rudels haben mich mein ganzes Leben lang – also seit siebzehn Jahren – nur schief angesehen. Aber morgen beginnt ein neuer Abschnitt, denn morgen werde ich achtzehn. Glaubt mir, jeder ungebundene Wolf im Rudel hat eine Heidenangst davor, dass ich volljährig werde. Keiner von diesen Mistkerlen will mit der mickrigen Beta-Tochter als Gefährtin gestraft sein. Aber ich verrate euch ein kleines Geheimnis... ich will auch keinen von denen.
Der einzige Grund, warum der morgige Tag für mich so wichtig ist, ist mein Abschluss der Kämpferausbildung. Alle anderen Trainees dachten, ich würde das nie schaffen. Sicher, ich bin klein, fast fünfzehn Zentimeter kleiner als die durchschnittliche Wölfin in unserem Rudel. Aber ich bin schnell. Meine Sinne scheinen schärfer zu sein als die der anderen Wölfe hier. Und meine Fähigkeiten als Fährtenleserin sind unübertroffen. Außer meinem Vater kommt da keiner ran – nicht mal unser Alpha kann mir beim Spurenlesen das Wasser reichen.
Ach ja, noch ein bisschen was zu meiner Wölfin, die hier genauso gut reinpasst wie ich. Sie kam früh zu mir... ganze vier Jahre zu früh. In der Welt der Wandler verwandeln sich die meisten Wölfe mit achtzehn das erste Mal. Es sei denn, sie haben Alpha-Blut, dann passiert es meistens mit sechzehn. Früher passiert es nur durch Zwang, wenn der aktuelle Alpha stirbt. Meine Wölfin, Kira, fing schon mit zehn an, Kontakt zu mir aufzunehmen. Meine Familie dachte damals, ich hätte einfach einen imaginären Freund. Mit vierzehn haben wir uns dann zum ersten Mal verwandelt. Da so etwas bei unserer Art völlig unbekannt ist, hielten meine Eltern es für das Beste, die Sache geheim zu halten.
Als wäre ihre frühe Ankunft nicht schon genug, um sie aus der Reihe tanzen zu lassen, tut es ihr Aussehen definitiv. Die Wölfe in unserem Rudel sind alle rostrot oder braun, aber Kira nicht. Mein besonderes Mädchen ist das, was mein Vater eine Chimäre nennt. Die komplette linke Seite ihres Körpers ist tiefschwarz mit einem blassblauen Auge. Die rechte Seite ist im selben feurigen Rot wie meine Haare in Menschengestalt, und ihr rechtes Auge ist silbrig-grau.
Normalerweise haben Wölfe goldene Augen. Aber bei Kira und mir sind die Augen in menschlicher und tierischer Form identisch. Anstatt dass die Augenfarbe meiner Wölfin in meine übergeht, wenn sie kurz unter der Oberfläche ist, leuchten meine Augen einfach nur schwach. Mein Vater meint zwar, dass die anderen Rudelmitglieder vielleicht nicht gut darauf reagieren, wie anders sie ist, aber für mich ist sie perfekt. Wahrscheinlich hilft es, dass das Rudel sowieso nicht gut damit klarkommt, wie anders ich bin. Ich bin es also gewohnt, nicht dazuzugehören.
Hier also ein paar Eckdaten zu mir: Ich bin nur ein Meter fünfundsechzig groß und kurviger als die meisten Wölfinnen hier. Mein Haar ist feuerrot statt rostbraun oder erdbeerblond wie bei den anderen. Meine Augen – diese zweifarbigen Augen, die weder grün noch haselnussbraun sind – passen genau zu Kiras Augen. Und wie ihr euch denken könnt, ist das alles andere als „normal“.
Viel wichtiger als mein Aussehen sind aber meine Pläne nach der Ausbildung. Ich hoffe wirklich inständig, dass ich morgen nicht meinen Gefährten finde. Was ich nämlich eigentlich will, ist zum Rudel meiner Tante in die USA zu reisen. Mein Vater hat zugestimmt: Falls ich bis zum Ende der Abschlussfeier morgen keinen Gefährten gefunden habe, lässt er mich am nächsten Morgen ausfliegen.
Ich habe es also offiziell bis zur Abschlussfeier geschafft und bis jetzt ist kein Gefährte in Sicht! Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie aus dem Häuschen ich bin! Meine Mutter und meine Oma haben die letzten drei Stunden damit verbracht, meine Haare zu stylen, die mir gelockt bis zur Hüfte gehen. Sie haben mich geschminkt – zum Glück eher dezent –, mir das volle Maniküre- und Pediküre-Programm verpasst und mir beim Anziehen geholfen. Jetzt steigen wir alle in den SUV meines Vaters und fahren zur großen Halle im Packhouse. Aber keine Sorge, meine Koffer sind schon gepackt und stehen für morgen bereit!
„Und, Kaylee, bist du aufgeregt? Du könntest heute Abend deinen Gefährten treffen! Es sind Mitglieder aus anderen Rudeln hier, um Freunde und Familie beim Abschluss zu unterstützen. Wer weiß, vielleicht ist einer von ihnen dein Schicksal!“ Meine Mutter ist, Gott segne sie, viel zu hoffnungsvoll. Aber ich weiß, dass es auch daran liegt, dass sie mich nicht so weit wegziehen lassen will.
„Ehrlich gesagt, nicht wirklich. Ich weiß, dass du dir Sorgen machst, weil ich morgen gehe, Mama. Aber ich freue mich einfach riesig darauf, zu reisen und neue Orte zu sehen. Du weißt, dass ich hier nicht nach einem Gefährten suche. Keiner hier respektiert mich, und ich habe es satt, im eigenen Rudel wie eine Außenseiterin behandelt zu werden. Wenn mich die Wölfe in Tante Linnys Rudel so behandeln, hätten sie wenigstens einen Grund dazu.“ Sie wirft mir diesen mitleidigen Blick zu, den sie mir immer schenkt. Sie weiß genau, wie mies ich hier behandelt werde.
„Tja, wir sind da. Mal sehen, was passiert.“ Mein Vater, der gute Seele, klingt bei dem Gedanken, dass ich hier einen Gefährten finden könnte, genauso unglücklich wie ich. Wir steigen alle aus und gehen zum Eingang des Packhouse. Dort warten wir mit der Menge, die sich langsam nach drinnen schiebt. Es dauert fast fünfzehn Minuten, bis wir drin sind und unsere Plätze gefunden haben. Doch bevor ich mich überhaupt setzen kann, trifft mich ein Geruch wie ein Schlag ins Gesicht... Zitrus und Kiefer. Ich stoße ein genervtes Stöhnen aus. Meine Augen suchen den Raum ab, bis sie an einem mir unbekannten Paar grüner Augen hängen bleiben. Aber er sieht mich nicht so an, wie man es von seinem Gefährten erwarten würde... obwohl ich ihn wahrscheinlich auch nicht gerade liebevoll anstarre.
„Oh Gott! Du hast ihn gefunden!“ Ich werfe meiner Mutter einen strengen Blick zu und schaue dann zurück zu dem Mann. Doch er ist weg. Ich versuche, das Wimmern meiner Wölfin zu ignorieren und zwinge mich, mich hinzusetzen. Aber meine Mutter kann es natürlich nicht gut sein lassen.
„Und? Wo ist er?!“ Ich weiß gerade nicht, ob ich mich mehr schäme oder mich über seinen Verschwindibus ärgere.
„Ich weiß es nicht, okay? Gerade war er noch da, im nächsten Moment war er weg. Vergiss es einfach. Offensichtlich wollte er lieber abhauen, als mich als Gefährtin zu haben. Außerdem fangen sie jetzt an.“ Sie muss wohl etwas in meinem Gesicht lesen, das ihr sagt, dass sie besser den Mund hält. Sie nickt nur kurz und schweigt.
Zehn Minuten nach unserem Gespräch steht der Alpha auf der Bühne. Er hält eine Rede über Stolz, Ehre und Loyalität. Weitere zehn Minuten vergehen, bis die Ersten auf die Bühne gerufen werden. Was ich meinen Eltern – oder sonstwem – nicht erzählt habe: Alpha Finn hat gestern mit mir gesprochen. Er hat mir verraten, dass ich offiziell als Jahrgangsbeste abschließe... und das werden sie alle genau... jetzt erfahren...
„Es ist mir ein großes Vergnügen, unsere beste Kämpferin dieses Jahrgangs zu verkünden. Diese Wölfin hat Integrität, Stärke, Ehre, Loyalität, Freundlichkeit und vor allem Können bewiesen... Kaylee Oshay!“ Ich stehe auf und gehe zur Bühne. Ich kann nicht anders, als das warme Lächeln zu erwidern, das Finn mir schenkt. Er reicht mir mit der linken Hand die Urkunde und schüttelt mir mit der rechten die Hand. Aber dann werde ich wieder von diesen verdammten grünen Augen abgelenkt. Diesmal schaue ich mir den Typen genauer an. Und natürlich muss er unverschämt gut aussehen... abgesehen von dem finsteren Blick, den er fest im Gesicht trägt.
„Danke, Alpha Finn, für all deine harte Arbeit und deinen Einsatz bei unserem Training. Ohne deine Führung wäre ich heute nicht halb so eine gute Kämpferin.“ Ich verbeuge mich respektvoll und verlasse die Bühne. Anstatt zu meinem Platz zurückzukehren, gehe ich direkt zur Tür hinaus. Ich mache mich auf den Weg zur Schotterstraße, die nach Hause führt.
Ich wusste, dass ich heute keinen Gefährten finden wollte. Aber mir war bis jetzt nicht klar, dass ich insgeheim Angst davor hatte, abgelehnt zu werden... und wie es aussieht, wohl zu Recht. Na ja, scheiß drauf und scheiß auf ihn. Ihm hat es offensichtlich nicht gepasst, dass ich seine Gefährtin bin. Also werde ich an meinen Plänen nichts ändern. Morgen fliege ich in die USA zu meiner Tante nach Oregon. Mein Gefährte kann dahin zurückgehen, wo auch immer er hergekommen ist.
Ich weiß nicht, ob ihr schon mal versucht habt zu schlafen, während eure Wölfin jault, wimmert und sich nach einem Gefährten sehnt, der euch nicht mal will. Aber falls nicht, lasst euch sagen: Es ist zum Kotzen. Null von zehn Punkten, würde ich niemandem empfehlen. Ich habe vielleicht eine Stunde geschlafen... und das nicht mal am Stück! Um vier Uhr morgens habe ich es schließlich aufgegeben. Ich bin noch mal alles durchgegangen, um sicherzugehen, dass ich alles habe, und habe mir dann einen Kaffee reingezogen... oder fünf. Mein Vater ist kurz vor sieben endlich aufgestanden. Nach einer tränenreichen Verabschiedung und einer Diskussion mit meiner Mutter, die darauf beharrt, dass ich herausfinden muss, wer mein Gefährte ist, fahren wir endlich zum Flughafen.
„Alpha Finn schickt dich mit dem Jet des Rudels. Er sagte aber, dass noch vier andere Passagiere dabei sind. Ich will, dass du mir vor dem Abflug simst, und wenn du gelandet bist, erwarte ich einen Anruf. Das ist deine Chance für einen Neuanfang, Prinzessin. Nutze sie. Gott, wir werden dich so sehr vermissen.“ Mein Vater war noch nie ein emotionaler Mann. Früher dachte ich sogar, er wäre allergisch gegen Gefühle. Aber das Glitzern in seinen Augen und den Kloß in seiner Stimme kann ich jetzt nicht überhören.
„Ich werde euch auch vermissen, Papa. Aber ich muss das tun. Wenn ich hierbleiben würde, hätte ich das Gefühl zu ersticken.“ Er greift über die Mittelkonsole, nimmt meine Hand und drückt sie fest.
„Ich weiß, Schätzchen. Ich wusste schon immer, dass du für Größeres bestimmt bist als für unsere kleine Welt hier. Ich hoffe wirklich, dass du findest, wonach du suchst, Kaylee.“ Er drückt meine Hand ein letztes Mal und biegt dann auf die Straße zum Flugplatz am Rande unseres Rudelgebiets ab.
Es dauert zehn Minuten, bis mein Gepäck verladen ist – alles außer meiner Laptoptasche, denn die kommt auf jeden Fall mit in den Jet. Nach einem sehr schweren Abschied gehe ich zum Flugzeug und steige die Metallstufen hinauf. Wisst ihr, dass das Schicksal manchmal ein echtes Miststück sein kann? Tja, gerade verhält es sich wie eine totale Zicke. In dem Moment, als ich die Mitte der Treppe erreiche, nehme ich diesen unverwechselbaren Geruch wahr: Zitrus und Kiefer. Na toll, das wird wohl ein langer, angespannter Flug!
„Hallo, Ms. Oshay! Mein Name ist Maura. Ich bin die Flugbegleiterin und kümmere mich heute um Sie und die anderen Passagiere. Kann ich Ihnen etwas bringen, bevor wir abheben?“ Diese Wölfin sieht genauso aus wie die Frauen in meinem Rudel: groß, schlank und ziemlich perfekt. Aber der Unterschied ist: Sie sieht mich nicht an, als wäre ich eine Aussätzige.
„Freut mich sehr. Könnte ich für den Moment vielleicht eine Flasche Wasser haben? Und wenn wir in der Luft sind, wäre ein Kaffee super.“ Ihr Lächeln bleibt unverändert und sie deutet sogar eine leichte Verbeugung an.
„Natürlich! Ich bringe es Ihnen sofort! Bitte suchen Sie sich einen freien Platz und machen Sie es sich bequem.“ Ich gehe an ihr vorbei, richte den Gurt meiner Laptoptasche und betrete den Sitzbereich. Dort entdecke ich sofort die Quelle meines Elends... meinen Gefährten. Er sitzt hinten links bei zwei anderen Männern, während ihnen gegenüber eine Frau sitzt, die starr auf ihr Handy starrt. Ich lasse mich auf einen der vorderen Plätze mit Tisch nieder, baue meinen Laptop auf und hole mein Handy raus, um meinem Vater zu schreiben.
Ich: Hey, ich sitze auf meinem Platz und wir heben gleich ab. Ich melde mich, wenn ich gelandet bin. Hab euch lieb!
Die Verbindung zum WLAN im Flugzeug klappt problemlos. Zuerst schicke ich meiner Tante eine E-Mail, dass wir losfliegen. Dann schreibe ich Finn, um mich zu bedanken, dass ich den Rudel-Jet nehmen darf und nicht mit den überfüllten Linienflügen der Menschen reisen muss. Sobald ich angeschnallt bin, vertiefe ich mich in die E-Mail, die meine Tante mir gestern geschickt hat. Darin stehen der Trainingsplan für die Kämpfer ihres Rudels, die Listen für die Patrouillen und die Anforderungen für die Wache. Es ist klar, dass das Lone Ridge Rudel besser strukturiert ist und härter trainiert als mein Rudel. Darauf freue ich mich definitiv.
„Hier, bitte sehr, Ms. Oshay.“ Maura stellt eine Flasche Wasser auf den Tisch, immer noch mit diesem strahlenden Lächeln.
„Bitte nennen Sie mich Kaylee. Und vielen Dank, Maura.“ Man sieht an ihrem breiten Lächeln, dass sie es nicht gewohnt ist, dass die Leute so höflich und locker mit ihr umgehen.
„Sehr gerne, Kaylee. Ich bringe den Kaffee, sobald wir unsere Reiseflughöhe erreicht haben.“ Ich danke ihr und widme mich wieder meinem Bildschirm. Trotz des ständigen Winselns und Jaults meiner Wölfin schaffe ich es, alles zu überfliegen... obwohl meine Sinne ständig von diesem verdammten Geruch abgelenkt werden.
Wir sind seit elf Stunden unterwegs. Vor zwei Stunden haben wir einen Tankstopp eingelegt. Maura hat dafür gesorgt, dass meine Kaffeetasse immer voll blieb. Die meiste Zeit habe ich damit verbracht, mir den Aufbau des Rudels und die Patrouillenwege von Lone Ridge anzusehen. Ich habe Stellen markiert, an denen die Patrouillen Lücken haben oder schwach besetzt sind... ich schätze, das ist so ein Hobby von mir. Das habe ich früher regelmäßig mit Alpha Finn gemacht. Ich mache mir allerdings keine Hoffnungen, dass der Alpha von Lone Ridge so offen für Vorschläge ist – erst recht nicht von einer Neuen, die gerade erst achtzehn geworden ist.
Great opening chapter! Kaylee is already becoming a person I would want to be friends with. Can't wait to see where the story goes, and who is he?
She's the top fighter in her class, faster, has superior tracking skills, works on the patrol strategies and is an outcast in her own pack. The Alpha shoulders the blame for allowing the pack to treat her so poorly.
I really like her and her and her wolf sounds amazing