Desert World: Aleria

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

In der Wüstenwelt, einer Welt ohne Gleichberechtigung, sucht Alerias Vater, der Fürst von Araketh, nach einem Ehemann für seine gerade volljährig gewordene Tochter: Möglichst aus einflussreichem Hause, um durch dieses Bündnis seine Stellung im Hohen Rat zu festigen. Für Aleria, die dabei kein Mitspracherecht hat, stellt sich damit nicht nur die Frage, wo, oder genauer gesagt, an wessen Seite ihr zukünftiger Platz im Leben sein wird – kann sie unter diesen Umständen überhaupt Liebe finden...? ∼∼∼ Carson Neapolis, der in der Wüstenwelt auf unbestimmte Zeit festsitzt, da das Orakel ihn noch nicht wieder gehen lässt, muss sich notgedrungen mit den Verhältnissen vor Ort arrangieren. Als Heerführer und Herr über Kaēa genießt er hohes Ansehen und auch sein Leben ist momentan wieder im Lot: Eigentlich möchte er nichts mehr, als in Frieden sein Leben zu leben, ohne Politik, ohne Machtkämpfe oder Stammesfehden. ∼∼∼ Zwei Menschen. Zwei Schicksale – oder doch nur ein einziges? Ein romantischer Fantasy-Kurzroman über eine unverhoffte Begegnung und die Macht der gegenseitigen Anziehung.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
4
Rating
4.0 2 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

1 - epulum

Aleria hatte dem Abend seit Tagen entgegengefiebert. Jetzt, wo sie volljährig war, durfte sie bei offiziellen Anlässen mit dabei sein, wenn ihre Familie bei diversen Festlichkeiten zu Gast war oder selbst entsprechende Feiern ausrichtete – endlich stand ihr die kh’elvanische Welt offen...

Ihr Vater hatte anlässlich des Jahrestags der Hausweihe zu einem Festessen eingeladen, und das bedeutete, dass sich ab heute Nachmittag der gesamte Hochadel im Hause Araketh einfinden würde – alles, was Rang und Namen hatte, würde heute hier auftauchen, sogar der Vorsitzende des Hohen Rates sowie der Heerführer von Kh’elvarh. Aleria war neugierig: Zahlreiche Geschichten, ja Legenden rankten sich um Letzteren, denn der Terraner war sogar dem Großen Auge persönlich begegnet, und darum war sie gespannt auf ihn. Wie würde er sein, er, über den so viel geredet wurde? Doch noch viel wichtiger war, dass ihr Vater nun wohl bald anfangen würde, einen Ehemann für sie auszusuchen, jetzt, wo sie das heiratsfähige Alter erreicht hatte, und heute Abend waren Vertreter so gut wie aller Fürstentümer anwesend… Wahrscheinlich war das der eigentliche Grund, dass sie heute mit dabei sein durfte: Sie sollte der Gesellschaft präsentiert werden.

Nun, wie auch immer – der Abend versprach, interessant zu werden.

Sie konnte das Gemurmel schon von weitem hören, als sie sich dem Innenhof näherte. Hier – und in den Säulengängen – hatten sich die Gäste versammelt, bevor das eigentliche Festessen in der Großen Halle beginnen würde.

Ach, was hieß hier „Gemurmel“? Die Anwesenden begrüßten sich, scherzten, unterhielten sich, so wie es bei einem Treffen der Großen Häuser üblich war: Man begegnete sich, um Neuigkeiten auszutauschen, Verbindungen zu festigen, neue Allianzen zu knüpfen und um zu sehen, aber vor allem auch um gesehen zu werden, und die vielfältigen Stimmen hallten an den Wänden des Innenhofes wider und mischten sich mit dem kontinuierlichen Plätschern des Wasserspiels.

Innerlich gefasst betrat sie das Atrium.

Als sie die Menge der Anwesenden in Augenschein nahm, fiel er ihr sofort auf: Es war nicht seine merkwürdigerweise fast schmucklos wirkende Rüstung mit den goldgestickten Keshras und dem weißen Umhang, was ihn von den anderen Gästen deutlich unterschied – prunkvoll gerüstet und mit Ehrzeichen versehen waren diese größtenteils auch – es war vor allem sein kräftig brauner kurzer Haarschopf, der zwangsläufig aus der Masse herausstach, das und der Blick aus seinen dunklen Augen, die jetzt ernst, aber freundlich auf ihrem Vater, seinem Gegenüber und Gesprächspartner ruhten. Sie hatten etwas sehr intensives, seine Augen, stellte sie fest, und sie bemerkte, wie ihr Vater den Blickkontakt immer wieder kurz unterbrechen musste. Das schien seiner guten Laune jedoch keinen Abbruch zu tun – er unterhielt sich so angeregt mit seinem Gast, dass er nun in ein gelöstes Lachen ausbrach. Der Terraner stimmte darin ein, und seine Stimme klang warm, fand sie. Sein Lachen war ansteckend.

Langsam schritt sie auf die beiden zu.

Ihr Vater hatte derweil den Mundschenk herbeigewinkt, der ihm den reich verzierten Willkommens-Kelch übergab, der für solch besonderen Anlässe vorgesehen war: Gefüllt mit Sheyr anstelle von Wasser, nippte er kurz daran, bevor er ihn dann seinem Gast darbot: „Schön, dass Ihr hier seid. Nochmals willkommen auf Araketh, Lord Kaēa.“

Kh‘andarh elh-Kaēa nahm den Kelch entgegen, trank einen Schluck daraus und reichte ihn zurück an seinen Gastgeber. „Habt Dank für die Einladung und Euer Willkommen, Lord Araketh,“ gab er zurück. „Ich muss sagen – Euer Anwesen ist beeindruckend… Es – “

In diesem Moment hatte er ihr Herannahen bemerkt und unterbrach sich selbst. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, und Aleria errötete unwillkürlich.

Jetzt wurde auch ihr Vater auf sie aufmerksam und drehte sich zu ihr um.

„Ah – Aleria...“ Den noch halbvollen Kelch wieder dem Mundschenk zu übergeben, war Sache eines Augenblicks, dann fasste er sie bei der Hand und wandte sich wieder seinen Gast zu: „Darf ich Euch meine Tochter Aleria vorstellen, Lord Kaēa...?“

Kaēa neigte den Kopf in einer angedeuteten Verbeugung, die Augen dabei nicht von ihr lassend. „Herrin...“

Aleria spürte, wie ihre Wangen glühten. „Lord Kaēa... Ich freue mich, Euch kennenzulernen.“

Er lächelte. „Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“

Das klang überraschenderweise nicht nur so, als ob er das auch wirklich meinte – offensichtlich schien ihm auch zu gefallen, was er da sehen konnte, Aleria konnte sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Sie fühlte sich auf seltsame Art und Weise ertappt, während sein Blick auf ihr ruhte. Verlegen schlug sie die Augen nieder.

Ihr Vater zog sie näher an sich und legte einen Arm um sie. „Meine Tochter hat heute morgen die Worte an das Orakel gesprochen. Darum habe ich ihr auch erlaubt, bei dem Bankett mit dabei zu sein...“

Kh‘andarh elh-Kaēa lächelte. „Kaïdras Segen,“ erwiderte er die traditionelle Formel. „Möge das Große Auge Euch und Eurer Herdfeuer beschützen.“

„...Und das Eure ebenfalls,“ antwortete Aleria leise.

Ihr Vater war gedanklich aber schon wieder woanders. „Aleria,“ richtete er sich nun an sie, „lauf und sieh zu, dass Du Deine Mutter herbeiholst. Wir wollen gleich anfangen.“ Damit war das Festessen gemeint, das nun im Anschluss beginnen sollte. Seiner Tochter hatte er allerdings nur schweren Herzens erlaubt, daran teilzunehmen.

Er lag diesbezüglich im Zwist mit sich selbst – Aleria war jetzt im heiratsfähigen Alter, darum hatte er bereits angefangen, sich Gedanken um einen potentiellen Ehemann für sie zu machen, und natürlich wollte er sie der adligen Gesellschaft vorstellen. Insofern war das Bankett die Gelegenheit... Andererseits fand er, dass sie nicht allzu viel Kontakt mit seinen Gästen pflegen sollte: Seiner Meinung nach war so eine Veranstaltung nur bedingt ein guter Ort für die junge Frau, hatte sie doch die großen goldfarbenen Augen und die Schönheit ihrer Mutter, einer Eri, geerbt... Natürlich floss bei einem solchen Anlass der Wein in Strömen, da ließ er sich als Gastgeber nicht lumpen, und das wiederum ließ bei ihm Befürchtungen aufkommen. Schwierig.

Er blickte ihr nach und seufzte. Wenn sich dieses Thema doch schon erledigt hätte…

„...Ihr macht Euch Sorgen um Eure Tochter...?“ Kaēa schien seine Gedanken erahnt zu haben.

Überrascht blickte er den Terraner an. „Ja…“ Er räusperte sich verlegen. „Ich sollte sie eigentlich nicht alleine lassen… Hier sind mir viel zu viele junge Männer.“

Kh’andarh elh-Kaēa lachte leise. „...Ich verstehe. Wenn Ihr wünscht, kann ich Euch helfen, den Abend über ein Auge auf sie zu haben – natürlich nur, wenn das für Euch in Ordnung ist, Lord Araketh.“

Orian elh-Araketh brauchte nur einen kurzen Moment, um sich zu entscheiden, und er nickte schließlich. „Danke. Das wäre für mich eine echte Beruhigung.“ Bei Kaēa konnte er sich relativ sicher sein, dass dieser sein Angebot sehr ernst nehmen würde.

Nachdenklich schaute er seinen Gast an. Ihm war plötzlich ein kühner Gedanke gekommen…

Aleria hatte gerade vor wenigen Wochen ihren 18. Geburtstag gefeiert – den Tag ihrer Volljährigkeit. Der Terraner war auch erst etwa Mitte bis Ende zwanzig, wusste er, wenngleich ihm auch nicht mehr klar war, woher, und von allen Anwesenden hier war er sicherlich der beste Kandidat, den man sich nur für seine Tochter wünschen könnte: Auserwählter des Großen Auges, Heerführer von Kh’elvarh, Ratsmitglied, Herr über die Ebene Kaēa – da spielte die Tatsache, dass er nicht hier geboren war, keine Rolle mehr. Eine solche Verbindung würde dem Hause Araketh viel Ehre einbringen und gleichzeitig...

Nein, korrigierte er sich innerlich sofort wieder. Dieser Gedanke war zu hochfliegend.

...Oder vielleicht doch nicht?

Im Hintergrund erklang nun der Gong, der die Anwesenden in die Große Halle rief: Gleich würde das Festmahl beginnen, und die ersten seiner Gäste machten sich bereits Richtung Haupthaus auf den Weg.

Orian elh-Araketh holte tief Luft. Nun, es hatte sicherlich nicht geschadet, dass Kaēa seine Tochter gerade eben kennengelernt hatte, resümierte er, und dieser schien von ihr durchaus angetan zu sein – das war zumindest sein Eindruck. Also nickte er dem Terraner zu: „Kommt – Ihr müsst hungrig sein. Wir wollen sehen, was an Köstlichkeiten für uns vorbereitet wurde…“ Mit diesen Worten drehte er sich um und marschierte los in Richtung Halle, wo die Dienerschaft gerade begonnen hatte, das Essen aufzutragen.

Nach einem letzten Blick auf die anderen Anwesenden folgte Kaēa ihm nach.

- - -

„...Und, hast du Dir den jungen Orshan mal angeschaut?“

„Mein Gemahl – “ sie berührte ihn liebevoll am Arm – „muss das denn jetzt schon sein? Sie ist so zierlich... so zart noch.“

„Du warst auch zierlich und hast Dich in der Hochzeitsnacht schließlich unter mir gewunden,“ erwiderte ihr Mann ungerührt.

Tayra elh-Araketh protestierte. „Das war bei uns etwas anderes...!“

„Nein, es ist genau dasselbe“, beharrte er. Orian elh-Araketh blickte sie an. „Jetzt schau’ mich nicht so an, meine Liebe – Du weißt, dass sie bald heiraten sollte. – Was hältst du übrigens von Kaēa?“

„Dem Heerführer?“ Tayra wurde gerade alles zu viel, und sie hätte am liebsten irrational und laut gelacht, war sie sich doch einen Moment lang nicht mehr sicher, ob ihr Mann nach den vielen Gesprächen mit den Ratsmitgliedern, aber auch nach dem vielen Alkohol jetzt in einem Anflug von Größenwahn sprach, oder ob ihn vielleicht irgendwelche neuen politischen Ambitionen, von denen sie noch nichts wusste, zu solchen Gedanken trieben... also sagte sie lieber gar nichts.

„Er ist etwa acht Jahre älter als sie, und außerdem munkelt man, der Terraner wäre ein fürsorglicher Liebhaber...“ Er blickte sie an. „Bei ihm müsstest Du keine Angst um unsere Tochter haben,“ fügte er leicht anzüglich grinsend hinzu.

Seine Frau musste das alles erst einmal verdauen, und so antwortete sie: „Hast Du heute Abend nichts anderes im Sinn, als Aleria zu verkuppeln?“

Er lächelte zwar, doch sein Blick war hart: „Sie wird möglichst bald heiraten. Punkt, aus. Und es sollte eine möglichst gute Partie sein, die vorteilhaft für unser Haus ist und uns am besten noch Unterstützung im Hohen Rat einbringt, Liebes. Gerade Du müsstest das doch wissen...“

Tayra elh-Araketh schluckte. Ja, auch ihre Ehe war arrangiert worden – einzig und alleine zu dem Zweck, die Verbindung zwischen ihren Häusern zu festigen und Einfluss auf den Hohen Rat zu nehmen. Mit Orian hatte sie jedoch gewissermaßen noch Glück gehabt, da er sie nicht nur gut behandelte, sondern sie auch respektierte... Bis zu einem gewissen Grade jedenfalls: Bei seinen Entscheidungen holte er zumindest ihren Rat ein, auch wenn er diese dann letztendlich doch ganz alleine traf, manchmal auch gegen ihre Meinung.

Und bei der Wahl des Ehemannes für Aleria schien er ebenfalls seinen Kopf durchsetzen zu wollen... Ja, so war er.

Der Sohn des Fürsten von Orshan also. Oder vielleicht der Terraner...

Aleria war zwar im heiratsfähigen Alter, doch genau wie sie selbst eher zierlich gebaut – am liebsten hätte sie deshalb noch damit gewartet, sie zu vermählen: War sie trotz ihrer 18 Jahre nicht noch viel zu jung, um Kinder zu haben?

Sie überlegte.

Vielleicht konnte sie das Ganze ja doch noch ein bischen herauszögern... Kh’yan elh-Orshan war ein durchaus zugänglicher Charakter, eher progressiv eingestellt und keiner dieser Hardliner – sicherlich ein gewichtiger Grund, warum ihr Gemahl ihn ins Auge fasste, und obendrein war sie mit seiner Frau Enyia befreundet. Wenn ihres Mannes Wahl also auf Orshan fiel, würde sie diesen Umstand nutzen, um zumindest einen gewissen zeitlichen Aufschub zu erwirken. Und was den Fürst von Kaēa betraf – nun ja, der Terraner war für seinen so ganz un-kh’elvanischen Umgang mit seiner Frau von der Männerwelt insgeheim milde belächelt worden, wusste sie, aber ihr erschien das nun fast wie ein glücklicher Umstand: Bei ihm wäre Aleria sicherlich in guten Händen. Nur hatte ihr Gemahl da einfach viel zu hoch gegriffen... Warum sollte ausgerechnet der Heerführer von Kh’elvarh einer solchen Verbindung zustimmen?

Sie seufzte. „...Wirst Du heute Abend noch mit Kh’yan sprechen...?“ fragte sie schließlich.

Orian elh-Araketh trat hinter sie, legte seine Linke um ihre Taille, seine Rechte besitzergreifend auf ihre Brüste und zog sie an sich, um einen Kuss in ihr Haar zu hauchen. Ihm war völlig egal, dass die anderen Anwesenden ihnen dabei zusehen konnten.

„Ja, meine Liebe, das werde ich.“

Tayra lehnte sich rückwärts an ihn, während er sie kurz streichelte und dabei ihren Nacken küsste, doch sie schwieg.

- - -

Das Festmahl war ausladend und üppig gewesen und neben der überbordenden Auswahl von Speisen und Getränken vor allem von zahlreichen formellen Gesprächen gekennzeichnet: Schnell hatte sich das Thema – da zahlreiche Vertreter des Hohen Rats anwesend waren – in Richtung „Regierungsgeschäfte“ entwickelt, etwas, dem Carson Neapolis eigentlich hatte entfliehen wollen... Doch es war ihm einfach nicht vergönnt. Deshalb ergriff er die erstbeste sich bietende Gelegenheit, um aufzustehen und sich die Beine zu vertreten, sprich, die Pause zu nutzen, bevor der letzten Gang, das Dessert, aufgetragen und damit der Essens-Teil des Banketts beendet sein würde.

Außerdem konnte er auf diese Weise schauen, wo die Tochter seines Gastgebers abgeblieben war: Er war nämlich nicht der Einzige, der diese Idee hatte. Außer ihm flanierten bald etliche der Geladenen durch die angrenzenden Säulengänge zum Innenhof, so dass er seine Schritte beschleunigte und in eine Richtung lenkte, die zu den Nebengebäuden führte – hier würde er mehr Ruhe haben und auch einen Moment für sich allein sein können, bevor er sich auf die Suche nach Aleria machte.

Endlich mal ein paar Minuten ohne die wohlmeinenden Worte der anwesenden Senatoren… Endlich mal ein paar ruhige Minuten an diesem Abend, ohne Politik…!

...Politik.

Ich hasse Politik.

Schließlich erreichte er den breiten Durchgang zum Nachbarkomplex. Zur Seite war dieser offen; zwischen den Säulen konnte er über den dunklen Silhouetten der Gebäude den Sternenhimmel sehen, und er trat ein paar Schritte vor und atmete tief durch.

Die Luft war frisch und klar und trug einen leichten, würzigen Geruch mit sich: Einen kurzen Augenblick fühlte er sich daran erinnert, wie er das erste Mal kh’elvanischen Sandboden betreten hatte… Seitdem hatte diese Welt ihn ihn seinen Bann gezogen, ob er wollte oder nicht, und ihn völlig vereinnahmt, mehr, als er jemals gewollt hatte.

Und bereits einen hohen Tribut von ihm – und Joy – gefordert.

Andererseits…

So schlecht war das Leben auf der Festung auch wieder nicht, seitdem sein Dasein wieder ins Lot gekommen war – hier war er irgendwie trotz der zahlreichen Konzessionen und Anpassungen an die kh’elvanischen Verhältnisse auf eine seltsame Art und Weise endlich er selbst… Andererseits erschien ihm das beinahe auch wiederum unnatürlich, war diese Welt doch so ganz anders als das, was er kannte, und vieles, was die hiesige Gesellschaftsform betraf, war manchmal nur schwer zu ertragen. Ein Grund, warum es dennoch darauf anlegte, das Beste daraus zu machen: Solange er nicht von hier weg konnte, bemühte er sich, das Leben der ihm anvertrauten Menschen ein bischen zu erleichtern. Zumindest ein klein wenig. Wer war er, wenn er das nicht wenigstens versuchen würde?

Die Bevölkerung der Ebene, wenn man mal von den etwas offener eingestellten Städtern in Tabractē absah, hatte ihn, den Außenweltler, anfangs mit Scheu betrachtet und war seinen Ideen mit Unverständnis begegnet, obwohl sie wussten, mit wem sie es zu tun hatten – doch da sie gewohnt waren, zu gehorchen, hatte er die eine oder andere Änderung durchsetzen können, auch wenn es noch dauern würde, bis ein tatsächliches Umdenken einsetzen würde. Außerdem hatte er sich intensiv um Bewässerung und Landwirtschaft gekümmert, und seitdem war das Land förmlich aufgeblüht...

Sein Wirken im Hohen Rat tat das Seinige, auch wenn es mühsam war.

Er schob den Gedanken beiseite.

Nein, die Politik war schon wieder Bestandteil seines Lebens geworden: Das hatte er schon auf dem Mars gehasst, das war ihm auf der Erde genauso zuwider gewesen, und hier rief es bei ihm dieselbe Abneigung hervor… Er seufzte.

Nach einem letzten Blick auf den sternenübersäten Himmel setzte er seinen Weg schließlich fort.

- - -

Aleria hatte ähnliche Gedanken gehabt – das Essen war für sie sehr uninteressant gewesen, die Gespräche der anderen drehten sich vor allem um Politik und die Angelegenheiten des Hohen Rates und waren begleitet von dem üblichen höflichen verbalen Geplänkel. Sie war jedoch auch nicht die einzige gewesen, die sich gelangweilt hatte – am anderen Ende des Tisches hatten z. B. drei junge Männer gesessen, die Söhne der Fürsten von Orshan, Kh’ernanh und Kh‘eliket, wusste sie, und auch diese konnten den Themen ihrer Eltern offenbar wenig abgewinnen. Sie waren schnell aufgestanden, als sich die Möglichkeit dazu ergab, und plötzlich verschwunden.

Aleria fühlte sich inmitten all‘ dieser Menschen auf einmal irgendwie ein bischen einsam: Ihre Freundin Suraya elh-Asna‘ar war ganz offensichtlich nicht mitgekommen, und sie wusste den Grund nicht. Eigentlich hätte sie gerne mit ihr gesprochen, aber das war ja nun nicht möglich...

Sie atmete tief durch. Hauptsache weg von den anderen. Hauptsache ein wenig Zeit für sich selbst.

Zeit zum Nachdenken.

Während des Essens hatte sie immer mal wieder verstohlen zu Kh‘andarh elh-Kaēa hinüber geschaut. Der Terraner hatte neben ihrem Vater gesessen, in einiger Entfernung zu ihr und ihrer Mutter. Er schien ihre Blicke, dem Großen Auge sei Dank, nicht bemerkt zu haben, so sehr war er in Gespräche mit den übrigen Senatoren vertieft, und so hatte sie die Gelegenheit genutzt, um ihn ausgiebig zu studieren: Seine Züge waren ebenmäßig, aber markant, seine Augen unter den dichten, geschwungenen Augenbrauen von einem so dunklen Braun, dass es fast schwarz erschienen. Seine ganze Erscheinung hatte etwas Gewinnendes, etwas, was seine Gegenüber sofort für ihn einnahm, und auch wenn er eine Art Distanziertheit an den Tag legte, vermittelte er trotzdem den Eindruck, sehr nahbar zu sein und vermutlich auch direkt.

Dann hatte sie die anderen Anwesenden betrachtet: Unter den jüngeren der Gäste, das bedeutete im Klartext die anwesenden Fürstensöhne und die jüngeren Clanführer, waren auch etliche gutaussehende mit dabei – der jüngste Sohn des Herrn von Kh’eliket mit seinen grünen Augen und den schwarzen Locken zum Beispiel – doch mit dem Heerführer konnten sie alle nicht mithalten.

Sie lächelte unwillkürlich.

Halt – hatte sie etwa begonnen, etwas für ihn zu empfinden...?

Sie rekapitulierte den Moment, in dem sie ihm das erste Mal gegenüber gestanden hatte: Wie er sie angesehen hatte... Sie erschauerte unwillkürlich.

Aleria lehnte sich kurz gegen die kühle Wand und schloss die Augen. Und versuchte, sich vorzustellen, dass er nun vor ihr stand...

Nur um plötzlich erschrocken die Augen wieder aufzureißen: Vor ihr sah sie die drei, die sie vorhin schon am Ende des Tisches bemerkt hatte.

„Hallo, Aleria,“ fing der erste an und kam näher.

Da sie nicht zurückweichen konnte, versuchte sie, erst einmal gelassen zu bleiben. „Und Du bist....?“ bemühte sie sich so gelangweilt wie möglich zu sagen, obwohl sie den jungen Fürstensohn längst erkannt hatte.

„Nēeram elh-Kh‘eliket,“ raunte er ihr ins Ohr, als er sich kurz zu ihr vorbeugte. Dann trat er eins, zwei Schritte zurück und musterte sie von Kopf bis Fuß, bevor er ihr schließlich wieder so nahe kam, dass sie den Alkohol in seinem warmen Atem wahrnehmen konnte: „...So hübsch… und so alleine, junge Herrin...?“ Er wandte den Kopf zu seinen beiden Kumpels, die in zwei, drei Schritt Entfernung hinter ihm standen und anzüglich grinsten, bevor er wieder einen Schritt zurück trat. „Wir leisten Dir gerne Gesellschaft.“

„Danke,“ erwiderte Aleria mit so fester Stimme, wie sie konnte, „aber ich brauche keine Gesellschaft. Ich bin gerne alleine.“

„...Das ist aber gar nicht nett,“ sagte er leise und trat wieder auf sie zu. „Wir wollen uns doch nur ein bischen mit Dir unterhalten…“

„Aber ich möchte mich nicht mit Euch unterhalten,“ entgegnete sie so gefasst wie möglich. „Und außerdem muss ich jetzt langsam wieder zurück zu meinen Eltern.“ Sie versuchte, seitlich an ihm vorbeizukommen, doch der Sohn des Fürsten von Kh’eliket war schneller als sie und versperrte ihr nicht nur den Weg, sondern versuchte jetzt auch, sie wieder gegen die Wand zu drücken.

„Na na… so kratzbürstig…“ Er grinste anzüglich.

Jetzt wurde es Aleria mulmig und seine Nähe unangenehm. „Du bis Gast hier in diesem Haus,“ fauchte sie, „also benimm‘ Dich auch wie einer.“

Er beugte sich vor. „...Dein Vater wird sicherlich schon sehr bald den meinigen kontaktieren, Kleines, denn ich weiß, dass Du bald heiraten wirst,“ fügte er grinsend hinzu und machte Anstalten, sie zu küssen. „Sollten wir uns nicht vorher schon mal ein bischen kennenlernen...?“

Aleria gelang es, ihm auszuweichen, doch nun versuchte er, mit seinen Armen den Weg zu blockieren, und jetzt bekam sie es doch so langsam mit der Angst zu tun.

„Geh...!“ herrschte sie ihn an.

„Sshhh... nicht so laut, Kleines...“ Er hielt sie am Handgelenk fest und drückte ihr seine freie Hand auf den Mund, um sie zum Schweigen zu bringen, als plötzlich hinter ihm eine scharfe Stimme erklang: „Was geht hier vor...?“

Abrupt ließ Nēeram elh-Kh‘eliket sie los und drehte sich um: Vor ihm stand der Terraner.

...Mist. Ausgerechnet der.

„...Nichts,“ erwiderte der Sohn des Herrn von Kh‘eliket so ruhig und so unschuldig, wie er es in diesem Moment zustanden bringen konnte, und grinste seinen Gegenüber an.

Jetzt glühten dessen dunklen Augen unwillig. „Dann muss ich ja auch – nichts – Deinem Vater sagen,“ erwiderte er kalt, während er den jungen Kh‘elvaner vor ihm musterte, „...oder ist da vielleicht doch etwas, was ich ihm besser berichten sollte...?!“

Nēeram war unwillkürlich einen Schritt zurückgewichen; er konnte dem Blick nicht standhalten und schaute zu Boden. Jetzt war es, der sich unwohl fühlte: Er war gerade erst 18 geworden und noch nicht verheiratet – sein Wort hatte deshalb noch kaum Gewicht, schon gar nicht in so einer Sache und erst recht nicht gegen ein Ratsmitglied oder jemanden wie den Heerführer. Und das ärgerte ihn.

Verdammt. Hilfesuchend drehte er sich kurz zu seinen beiden Kumpels um, doch die erschienen völlig erstarrt... Also wandte er sich wieder um: Hier hatte er wohl den Kürzeren gezogen. Er würde wohl oder übel klein beigeben müssen.

„....Nein, Lord Kaēa,“ entgegnete er schließlich.

Die Augen des Terraners blitzten. „...Gut. Dann verschwindet, Ihr drei... Und lasst Euch nicht mehr in ihrer Nähe blicken,“ sagte er ebenso leise.

„Ja, Lord Kaēa…!“

Eilig sah das Trio zu, dass es Land gewann.

Aleria atmete auf.

Jetzt drehte sich Kaēa um zu ihr. „Herrin... Alles in Ordnung...?“ Seine Stimme klang nun wieder so wie immer: Warm und irgendwie wohltuend.

Sie schlug die Augen nieder und nickte. „Danke, Herr...“ Ihre Wangen glühten. Einen Moment lang rang sie mit sich selbst, dann traute sie sich schließlich doch, ihn zu fragen: „...Werdet Ihr etwas meinem Vater sagen...?

Er lächelte, doch sein Blick war ernst. „Nicht, wenn Ihr es so wünscht.“

Schnell nickte sie. Sie mochte ihr Glück kaum fassen. „...Ich – ich danke Euch, Lord Kaēa,“ erwiderte sie erleichtert, mehr konnte sie in diesem Moment nicht hervorbringen, also drehte sie sich um und lief, so schnell sie konnte, zurück in Richtung Haupthaus.

Nachdenklich blickte Carson Neapolis ihr hinterher.

Die Tochter Senator Arakeths war ausgesprochen hübsch, das war sogar ihm aufgefallen, und er fragte sich langsam, ob es etwas zu bedeutet hatte, dass sie stets errötete, wenn er ihr begegnete… Zu seiner Schande musste er sich eingestehen, dass sie auch eine gewisse Wirkung auf ihn hatte, und er schmunzelte unwillkürlich.

Nur, um sich im nächsten Moment selbst zur Ordnung zu rufen: Du bist hier, weil Du hier sein musst. Weil das DIE Sorte gesellschaftliches Ereignis ist, bei der nun mal Deine Anwesenheit erforderlich ist. Genau deshalb bist Du hier, und wegen nichts anderem.

Geräuschvoll atmete er die Luft aus, die er unwillkürlich angehalten hatte, und wandte sich ebenfalls zum Gehen. Er konnte nicht ewig fort bleiben.

- - -

Spät in der Nacht, nachdem ihre Gäste entweder gegangen oder von der Dienerschaft auf ihre jeweiligen Zimmer geführt worden waren, lag Tayra elh-Araketh im Bett und starrte gedankenversunken die Decke an. Es war ein seltsamer Gedanke, ihre Tochter jetzt schon zu verheiraten, obwohl sie mit ihren achtzehn Jahren bereits das Alter dafür hatte… Sie selbst war neunzehn gewesen, als sie mit Orian vermählt worden war, und gerade zwanzig geworden, als dann ihr erstes Kind auf die Welt kam: T’arun, ihr Sohn, war in der Hochzeitsnacht gezeugt worden.

Und jetzt also Aleria…?

Sie war zwar schon lange kein Kind mehr, aber...

Der Gedanke, dass ein Fremder sie berühren könnte, beunruhigte sie.

...Nein, es verärgerte sie.

Ihr Mann kam aus dem Bad und trat zu ihr ans Bett. Er hatte einen undefinierbaren Ausdruck in den Augen, als er sie anschaute. So hatte er sie schon eine Weile nicht mehr angesehen… Wortlos stieg er zu ihr zwischen die Kissen, beugte sich über sie und küsste sie.

Sein Kuss ließ keinerlei Zweifel über seine Absichten aufkommen, und seine Hände, die er derweil auf Erkundung ausgeschickt hatte, hatten längst ihre Schlaftunika hochgeschoben und liebkosten nun verlangend ihre üppigen Brüste.

„...Oh ja… bitte...“ stöhnte sie. Obwohl sie ihm eigentlich immer noch gram war wegen seiner Heiratspläne für ihre Tochter – das, was er da gerade tat, fühlte sich gut an...

Orian elh-Araketh hielt sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf. Schon war er über ihr, schob ihre Schenkel auseinander, verschaffte sich Einlass, und sie sog scharf die Luft ein, als sie ihn in sich spürte, doch er reagierte nicht auf sie, sondern schloss für einen Moment die Augen und gab ein erleichtertes Keuchen von sich, als er ohne weitere Umschweife begann, in sie zu stoßen – offenbar wollte er sich abreagieren… Oder ihr eine Lektion erteilen, weil sie es gewagt hatte, seine Vorstellungen bezüglich ihrer Tochter in Frage zu stellen?

Sie kam nicht weiter dazu, darüber nachzudenken: Seine Bewegungen taten schließlich das ihrige – trotz seiner Dominanz war er fast nie ruppig oder grob zu ihr wie andere Männer zu ihren Frauen – so dass es nach einer Weile anfing, angenehm zu werden und sie nicht anders konnte, als in seinem nun zunehmend schneller werdenden Rhythmus zu seufzen.

Er nahm es mit Genugtuung zur Kenntnis.

„Meine Tayra…“ stieß er zwischen zwei angestrengten Atemzügen hervor und küsste sie, denn er war kurz davor, zu kommen: „Hier – im Bett – gefällst Du mir – am besten…“

Sie erwiderte seinen Kuss, antwortete aber nicht. Sie hatte ihm heute Nacht nichts mehr zu sagen. Trotzdem war sie froh über seine Reaktion, mit ihr zu schlafen: Er hatte es schon eine Zeit lang nicht mehr getan, und hinterher würde alles vielleicht wieder ein bischen anders aussehen, weil er dann bekommen hatte, was er wollte…

Kurz darauf verharrte er schwer atmend zwischen ihren Schenkeln.

Zufrieden mit sich selbst betrachtete er seine Frau, während er sich aufstützte und sein Atem sich langsam wieder normalisierte: Das hätte er schon viel früher tun sollen, resümierte er, bevor er sich endlich vorbeugte, um sie zu küssen – Tayra war nicht nur zugänglicher, sondern auch viel folgsamer, wenn er sich mit ihr befasst hatte…

Jetzt lächelte sie sogar. ...Na also.

Er beugte sich erneut zu ihr herab und küsste sie abermals.

- - -

Aleria elh-Araketh konnte nicht schlafen: Lange lag sie wach und drehte sich von einer Seite auf die andere, während sie ins Halbdunkel starrte. Der Tag war ereignisreich gewesen, und sie infolge dessen ziemlich durcheinander.

Sie würde bald heiraten… Ja, das war mehr als deutlich geworden in den letzten Tagen. Was auch immer ihr Vater beschlossen hatte – es würde geschehen.

Einerseits freute sie sich darauf, endlich ein eigenes Leben führen zu können, ohne die stete Bevormundung durch ihre Eltern, andererseits gruselte sie der Gedanke daran, dass so jemand wie dieser Nēeram elh-Kh’eliket ihr Ehemann werden könnte... Sie schauderte, als sie an seine gierigen Blicke dachte. Wie er sie angeschaut hatte, als er sie festgehalten hatte: Als wäre er am liebsten sofort über sie hergefallen...

Sie wusste in etwa, was in einer Ehe zwischen Mann und Frau geschah, oder zumindest hatte sie eine ungefähre Vorstellung davon, auch wenn ihr nicht klar war, inwiefern das auch wirklich der Wahrheit entsprach – ihre Mutter hatte kaum mit ihr über dieses Thema gesprochen, doch natürlich hatte sie sich mit ihren Freundinnen darüber ausgetauscht: Es war etwas, das vor allem für die Männer äußerst angenehm zu sein schien. Für die Frauen dagegen war es… Na ja.

Bloß nicht Nēeram, flüsterte sie in die Dunkelheit.

Wenn es doch jemand sein könnte wie Lord Kaēa...

...Wie seine dunklen Augen auf ihr geruht hatte, als ihr Vater sie ihm vorgestellt hatte. Bei dem Gedanken daran durchfuhr es sie heiß und intensiv wie ein Stromstoß.

Ja, es hatte eine Art Interesse darin gelegen, musste sie sich eingestehen. Sie gefiel ihm, das hatte sie gespürt.

Sehr sogar.

Und er ihr.

In seinem Blick lag – Begehren...?

Nächstes Kapitel