Kapitel 1
Cassia stand am Kai und blickte zu dem gewaltigen Holzschiff hinauf. Sie musste den Kopf weit in den Nacken legen, um die zwei hoch aufragenden Masten zu sehen. Ihr war nie klar gewesen, wie riesig diese Segelschiffe eigentlich waren. Sie hatte nie einen Grund gehabt, sich zu den Docks zu wagen. Sie war noch nie nah genug dran gewesen, um den schweren Geruch von Teer und salzigem Holz zu riechen. Auch das Knarren der Schiffe, wenn sie im Rhythmus der Gezeiten schaukelten, hatte sie noch nie gehört.
„Aus dem Weg, Junge!“
Das Gebrüll direkt hinter ihr ließ sie zusammenfahren. Sie drehte sich um und sah zwei Männer, die eine große Truhe zwischen sich trugen. Cassia stand auf der Gangway, dem hölzernen Steg zwischen Schiff und Kai. Sie ging jedoch nicht weiter, sondern blockierte einfach den Weg. Schnell sprang sie beiseite, um die Männer vorbeizulassen.
„Ist das die Savage Mamba?“, fragte sie. Als Antwort erhielt sie nur ein tiefes Grunzen. Die Männer stapften schwerfällig die Planke hinauf. Ein weiterer Mann folgte ihnen dicht auf den Fersen, einen Seesack über der Schulter.
„Guter Mann, ist das die...“, versuchte sie es bei ihm, wurde aber völlig ignoriert. Na toll. Sie runzelte die Stirn, reihte sich aber hinter ihm ein. Dann überquerte sie den Spalt zwischen dem Dock und dem Deck.
Sie redete sich ein, dass ihr mangelndes Interesse ein gutes Zeichen war. Keiner von ihnen sah sie überrascht an. Niemand fragte sich, warum eine junge Frau an Bord kam. Sie sahen in ihr nur den Jungen, als den sie sich ausgab.
Gestern Abend, vor nur wenigen Stunden, hatte sie ihr Aussehen komplett verändert. Ihr dunkelbraunes Haar, das ihr einst in seidigen Wellen bis zum Rücken gereicht hatte, war nun kurz und jungenhaft verschnitten. Ihr Kleid hatte sie gegen eine Hose und ein zu großes Hemd getauscht, das sie mit einem Gürtel um die Taille eng geschnürt hatte. Sie sah nicht mehr aus wie Cassia, die entflohene Sklavin. Jetzt war sie Cato, der neue Schiffsjunge.
Ja, dachte sie, sollen sie mich ruhig ignorieren. Ich bin nur ein Junge. Hier gibt es nichts zu sehen.
Sie lächelte in sich hinein, als sie die ersten Schritte auf das Schiff setzte. Auf dem Deck herrschte ein riesiges Durcheinander. Sie fühlte sich schrecklich fehl am Platz, doch das machte ihr keine Angst. Als der Wind durch ihr ungewohnt kurzes Haar fuhr, spürte sie einen Schub an Aufregung. Sie war zum ersten Mal im Leben auf einem Boot. Ein neues Kapitel in ihrem Leben begann. Vor allem aber freute sie sich, dass sie tatsächlich damit durchgekommen war. Sie war letzte Nacht nicht gefasst worden. Sie hatte Glück gehabt, diesen Job auf dem Handelsschiff zu finden, und bald würde sie sicher auf hoher See sein.
Der Mann, der sie angeheuert hatte, hatte ihr nicht genau gesagt, was er von ihr erwartete. Sie hatte auch nicht gefragt. Sie hatte die Gelegenheit wie einen Rettungsanker ergriffen. Sie wollte die Chance nicht gefährden, indem sie ihre Unwissenheit zugab. Alles, was sie wusste, war, dass sie der Schiffsjunge sein sollte. Sie sollte sich auf dem Schiff melden, bevor es fertig beladen war. Nun stand sie hier und... was sollte sie eigentlich tun?
Weitere Männer kamen die Gangway herauf und sie wich schnell zur Seite. Diese Männer ignorierten sie genauso wie die anderen. Sie sahen alle rau aus, gezeichnet von jahrelanger Arbeit unter der brennenden Sonne auf dem Meer. Sie wirkten nicht wie ein freundlicher oder einladender Haufen. Sie sahen auch nicht so aus, als würden sie ihre Fragen beantworten wollen, also sparte sie sich die Mühe.
Sie wollte doch nur wissen, ob sie auf dem richtigen Kahn war. Sie war sich ziemlich sicher, aber es gab kein Schild, das den Namen des Schiffes verkündete. Vielleicht war ihr Schweigen ja die Bestätigung. Wäre dies nicht die Savage Mamba, hätten sie dann nicht zumindest „Nein“ gesagt?
Ihre Gedanken schweiften ab, während sie den Blick über das Deck gleiten ließ. Sie verspürte den Drang, alles zu erkunden. Hier oben wirkte das Schiff noch größer als vom Kai aus. Zu ihrer Linken führten Treppen hinauf zu einem höheren Deck. Der Bug des Schiffes lag weit, weit weg zu ihrer Rechten. Sie gab ihrem Entdeckerdrang nur deshalb nicht nach, weil auf dem Deck so viel los war. Überall wuselten Männer herum und sie hatte Angst, ihnen im Weg zu stehen. Sie wollte an ihrem ersten Tag keinen Ärger machen.
Vielleicht sollte sie sich einfach dorthin verziehen, wo weniger los war. Sie hatte kein Gepäck dabei, das sie unter Deck verstauen musste. Sie wusste sowieso nicht, wo sie ihre Koje finden sollte. Es war wohl nicht besonders schlau, so blindlings in die Sache hineinzugehen. Aber welche Wahl hatte sie schon? Auf einem Schiff zu fliehen, verkleidet als Junge, war ihre beste Option. Auf den Landstraßen würden sie nach ihr suchen. Zu Fuß oder in der Stadt würde man sie sofort finden. Auf einem Schiff würden sie sie niemals entdecken.
Sie ging auf die Treppe zu, weg von der Gangway und dem Trubel. In diesem Moment fiel ihr etwas ins Auge. Dort, an den Stufen. Na, sieh mal einer an.
Die Treppe hatte ein Geländer, wie Treppen es eben haben, und dieses Geländer war mit einer Schlange verziert. Die Schlange war in dasselbe Holz geschnitzt wie das Geländer. Es war so kunstvoll gemacht, dass sie eher wie ein lebendiges Wesen wirkte als wie ein Stück Holz. Ihr langer Körper wand sich über die gesamte Länge des Geländers. Der Schwanz verschwand irgendwo oben an der Treppe, der Kopf war unten, ganz nah bei ihr. Das Maul war zu einem Zischen geöffnet, die Augen blickten drohend. Jede einzelne Schuppe war detailreich ausgearbeitet worden.
Sie mochte Schlangen eigentlich überhaupt nicht, aber diese hier war ein willkommener Anblick.
„Eine wilde Mamba“, flüsterte Cassia und fuhr mit den Fingern über das hölzerne Auge der Schlange. Sie kannte sich mit Schlangen nicht aus. Sie wusste nicht einmal, ob die Schnitzerei wirklich eine Mamba darstellte, aber sie wusste, dass eine Mamba eine Schlange war. Sie hatte ihr Schiff gefunden.
Ein neues Gefühl von Selbstvertrauen durchströmte sie. Sie mochte sich zwar als Junge ausgeben und einen fremden Job antreten, aber sie war am richtigen Ort. Sie strich mit der Handfläche über den Kopf der Schlange und tätschelte ihn amüsiert, bevor sie weiterging. Sie drehte sich um und trat an die Reling. Von hier oben hatte sie eine Aussicht auf die Stadt, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Die Menschen auf den Docks wirkten winzig. Die Stadt selbst breitete sich vor ihr aus. Die Gebäude und Straßen stiegen sanft den Hang hinauf, auf dem sie erbaut worden war.
Sie lehnte sich gegen das äußere Geländer und blickte auf die Stadt, in der sie seit ihrer Geburt gelebt hatte. Vendice war ein belebter Ort aus Stein- und Holzgebäuden. Überall waren Menschen zu Fuß oder zu Pferd unterwegs. Die engen Gassen führten zu einem riesigen Marktplatz hinauf. Die Küste war gesäumt von unzähligen Docks. Es war ein interessanter Ort zum Leben gewesen. Ein Ort, an dem ständig etwas Spannendes passierte.
Wahrscheinlich würde sie Vendice vermissen. Das kleine Haus, in dem sie mit ihren Eltern gelebt hatte. Den Unterschlupf hinter der Bäckerei, den sie danach ihr Zuhause nannte. Den herrlichen Duft nach frischem Brot, der morgens durch die Straße zog. Die verschiedenen Akzente der Händler, die von überall herkamen. Ja, sie würde es vermissen. Aber sie hatte keine Angst, wegzugehen.
Ganz im Gegenteil. Sie brannte förmlich auf dieses neue Abenteuer! Sie hatte immer gesehen, wie die Schiffe ein- und ausliefen. Sie hatte sich all die fernen Länder vorgestellt, die sie besucht hatten. Wohin würde dieses Schiff sie wohl bringen? Bei dem Gedanken musste sie unwillkürlich wieder grinsen. Sie wandte sich von der Reling ab und blickte über das Schiff, das sie in die Freiheit führen würde. Die Gangways wurden nun hochgezogen. Kurz darauf hörte sie das Klirren der Ankerkette, die hochgekurbelt wurde.
Überall wurden Befehle gerufen. Doch jeder in der Mannschaft schien genau zu wissen, was zu tun war. Ein ganzer Haufen Leute arbeitete perfekt zusammen, um das Schiff startklar zu machen. Sie sah zu, wie sie Dinge taten, von denen sie nichts verstand. Das Schiff wurde von den belebten Docks weggezogen und hielt Kurs aufs offene Meer. Es war faszinierend, wie viel Ordnung in diesem scheinbaren Chaos herrschte.
Sie hatte keine Ahnung gehabt, wie viel Arbeit in einem Schiff steckte. Es war etwas ganz anderes, das Geschehen direkt vom Deck aus zu beobachten, als nur aus der Ferne. Sie blickte hinauf zu den Segeln. Dort oben standen Männer auf Seilen, hoch in der Luft. Sie waren so weit oben, dass ein Sturz sicher tödlich wäre, doch sie bewegten sich völlig furchtlos. Neue Aufregung packte sie, als die Segel gesetzt wurden und sich mit lautem Knattern im Wind blähten.
Seile führten von hoch oben an den Masten bis hinunter zu den Schiffsseiten. Noch mehr Seile lagen in Bündeln an den Mastfüßen oder waren um Halterungen am Deck gewickelt. Überall waren Seile. Viel mehr, als sie erwartet hätte. Wie konnten die sich bloß merken, welches Seil wofür gut war? Müsste sie sich das auch merken? Ein Schiffsjunge musste so etwas doch nicht wissen, oder? Sie hatte keine Angst davor, sich die Hände schmutzig zu machen, und war bereit für harte körperliche Arbeit. Aber es sah so aus, als ob dieser Job komplizierter sein könnte, als sie gedacht hatte.
Sie beschloss, sich jetzt keine Sorgen darüber zu machen. Sie gab sich als Junge aus, nicht als Mann. Vielleicht konnte sie ihre „Jugend“ als Ausrede benutzen, wenn sie mal etwas nicht wusste. Sicherlich erwartete niemand von einem Schiffsjungen, dass er ein Profisegler war. Es war eine Aufgabe für kleine Jungs, also wie schwer konnte es schon sein?
Du schaffst das. Das Schwierigste ist schon vorbei. Sie blickte zurück über das Geländer auf die Stadt, von der sie sich nun immer weiter entfernten. Ja, das Schwierigste war gewesen, aus dieser Stadt herauszukommen. Und sie hatte es geschafft. Sie war jetzt wieder eine freie Frau.
Die Savage Mamba manövrierte weg von den Docks von Vendice. Sie passierten andere Schiffe im Hafen, manche größer, manche kleiner. Cassia genoss es, die anderen Boote im Vorbeifahren zu betrachten. Schließlich fuhren sie dahin und vor ihnen lag nichts als das offene Meer. Es war jetzt windiger. Der Wind trug feinen Sprühnebel mit sich, der ihre Haut feucht machte. Ihr Haar wehte wild umher, da es zu kurz war, um es hinter die Ohren zu stecken. Es war aber auch zu kurz, um ihr in die Augen zu hängen, also war es egal. Es fühlte sich für sie nur so ungewohnt an. Ihr Haar war früher nie so herumgeflogen.
„Hört zu, Männer! Versammelt euch um euren Kapitän!“, bellte eine raue Stimme von irgendwo hinter ihr. Von irgendwo weiter oben. Sie drehte sich um und blickte hinauf. Am Steuer stand ein großes Holzrad mit Griffen, um es zu kontrollieren. Dort standen zwei Männer. Der Rest der Besatzung versammelte sich auf dem unteren Deck. Ihr wurde schnell klar, dass sie sich zu den anderen gesellen sollte.
Sie eilte von der Treppe weg und schlüpfte in die Menge. Sie war viel kleiner als all die Männer, die um sie herumstanden. Selbst die kleinsten Männer überragten sie, denn sie war gerade einmal ein Meter sechzig groß. Sie sah aus wie ein Junge, der noch im Wachstum war.
„Alles klar, für diejenigen unter euch, die gerade erst angekommen sind: Ich bin Captain Malko. Und dieser Hund hier ist meine rechte Hand, Alaric“, verkündete einer der Männer am Steuer. Seine Worte lösten einen lauten Aufschrei in der Mannschaft aus. Es gab Jubel und Rufe, wahrscheinlich von denen, die schon länger dabei waren und nicht zu den Neuen gehörten.
Cassia war von seinem Anblick völlig gebannt. Sie hatte ihn während des ganzen Trubels beim Ablegen gar nicht bemerkt. Aber als sie jetzt zu ihm aufsah, fand sie ihn überraschend attraktiv.
Gelegentlich sah sie in der Stadt einen gutaussehenden Seemann, aber die meisten waren in ihren Augen wettergegerbt und hässlich. Selbst der Mann neben dem Kapitän war nichts Besonderes. Aber der Kapitän, Captain Malko, stellte alle anderen in den Schatten. Seine Gesichtszüge waren auffallend markant. Dieser kantige Kiefer mit dem Dreitagebart. Das volle, dunkle Haar, das ihm lang auf die Schultern fiel. Der starke Körperbau und die selbstbewusste Haltung. Wow, er war wunderschön.
Zugegeben, er sah genauso verwegen aus wie der Rest. Sein Haar wirkte nicht so, als wäre es jemals gewaschen worden. Er hatte ein paar sichtbare Narben, die sich hell von seiner gebräunten Haut abhoben. Aber sie fand, dass dieser raue Look ihn nur noch anziehender machte. Er sah aus wie ein Mann, der mit allem fertig wurde, was die Welt ihm entgegenschleuderte. Sie kam allein zwar gut zurecht, aber sie hätte nichts dagegen, wenn die Arme eines solchen Mannes um sie liegen würden.
Ein erneuter Aufschrei der Männer um sie herum riss sie aus ihren bewundernden Gedanken. Sie blickte sich um und fühlte sich plötzlich albern. Warum ließ sie sich so vom Aussehen dieses Mannes ablenken? Das war gar nicht ihre Art. Komm schon, Mädchen, pass auf. Der Kapitän sprach und es könnte wichtig sein. Sie hatte alles verpasst, was er nach der Begrüßung gesagt hatte, aber sie konzentrierte sich darauf, den Rest mitzubekommen.
„Also, wir werden mit der Savage Mamba diese Küste rauf- und runtersegeln. Wir werden jede Stadt mit vollen Taschen und jedes Schiff finden, das prall gefüllt auf den Wellen liegt. Und wir werden uns jeden letzten Cent unter den Nagel reißen! Wir werden plündern, bis wir genug haben. Und sollte es jemand wagen, uns aufzuhalten, schicken wir ihn direkt auf den Meeresgrund!“, rief Malko. Er stachelte seine Crew mit einer Rede an, die offensichtlich zur Motivation gedacht war. Es funktionierte. Die Mannschaft wurde immer lauter, alle schrien und jubelten und reckten die Fäuste in die Luft. Cassia hingegen war völlig fassungslos.
Moment mal. War das ein Piratenschiff?! War dieser gutaussehende Mann da oben etwa ein Piratenkapitän?!
Sorge überkam sie, als sie die anderen mit ganz neuen Augen betrachtete. Die Männer um sie herum waren nicht nur raue Seeleute. Es waren allesamt Piraten. Sie alle waren Diebe, Vergewaltiger und Mörder. Das gefiel ihr ganz und gar nicht. Das sollte doch ein Handelsschiff sein! Ein sicheres Schiff!
Was konnte sie jetzt noch tun? Sie blickte über die Reling hinaus auf das Land, das zum Schwimmen viel zu weit weg war. Sie saß auf diesem Boot fest. Mit einer Bande von Piraten. Worauf hatte sie sich da nur eingelassen?
„Wer ist dabei?!“, schrie Malko, woraufhin die Mannschaft lauter denn je wurde. Überall hörte man Zustimmung und Begeisterung. Ihre eigene Aufregung war jedoch verflogen. Sie war endgültig dahin.