Chapter 1 - Maddie
Ich hasse diese verdammte Hose.
Das Stimmengewirr der Menge kann das nervige Reiben meiner Innenschenkel an den Nähten nicht übertönen, während ich durch den Bankettsaal patrouilliere. Meine Finger zupfen ständig an dem steifen Stoff und dem unbequemen Hosenbund.
„Hör auf zu zappeln, Warley“, sagt Peter über das Gerät in meinem Ohr.
„Ich zapple nicht“, brumme ich zurück, gerade laut genug, damit das Mikrofon unter meinem Kragen es aufnimmt. Die Champagnergläser auf meinem Tablett klirren leise. „Außerdem kannst du mich sowieso nicht sehen.“
Ich verkneife es mir, in meiner Gesäßtasche nach dem dünnen Peilsender zu tasten, der dort sicher verstaut ist. Ich sollte eigentlich dankbar sein, dass diese Uniform überhaupt Taschen hat. Ich kreise mit den Schultern in dem steifen, weißen Oxford-Hemd. Die Bewegung spannt die Knöpfe an meiner Brust.
Weißt du was? Scheiß auf dieses Hemd. Ich hasse mittlerweile alle Klamotten.
Von Peters Posten im PEPARS-Hauptquartier aus mag sein Sichtfeld auf den Feed unserer versteckten Körperkameras beschränkt sein, aber er muss wenigstens nicht diese Uniform tragen. Ich wette, er sitzt da in Jogginghose und Hoodie.
„Sie zappelt“, sagt Beck, einer der beiden anderen Sicherheitsleute, die heute Abend bei mir sind, über sein Mikrofon. Vom anderen Ende des Bankettsaals grinst er mich an.
Ich verenge die Augen und fahre mir mit dem Mittelfinger theatralisch über die Augenbraue. Mit gedämpfter Stimme zische ich: „Ich dachte, wir sind undercover. Halt die Klappe.“
„'Undercover', am Arsch“, sagt Peter und beschwert sich gerne über den Auftrag. „Harris hat sechs seiner eigenen Leute um sich, die wie schwer bewaffnete Monde um ihn kreisen, und ihr drei fallt auf wie bunte Hunde.“
Ich werfe einen Blick auf besagte Monde und muss Peter recht geben. Unter den schick gekleideten Eliten machen die Leibwächter unseres Klienten keinen Hehl aus ihrer Aufgabe. Sie sehen aus wie austauschbare Actionfiguren, reingequetscht in schwarze Anzüge, mit sichtbar getragenen Waffen, Pfefferspray und Funkgeräten.
Mein Team hingegen soll im Hintergrund verschwinden. Und abgesehen von meiner – wie ich zugebe – offensichtlichen Unbeholfenheit stolpern wir wenigstens nicht in Lackschuhen und Krawatten herum.
Also kann Petey mich mal am Arsch lecken.
Zum hundertsten Mal heute Abend frage ich mich, wie wir an diesen Auftrag gekommen sind. Harris' Firma, Ignus Holdings, hat schon öfter Sicherheitspersonal für ihre Tochtergesellschaften engagiert. PEPARS wurde in den letzten Jahren mindestens ein Dutzend Mal gebucht, wobei mein Team öfter als andere zum Einsatz kam.
Aber das hier ist anders. Dieser Job ist direkt für das Hellhound-Verbrechersyndikat, die wahre Quelle von Harris' Macht und Geld. Die Gang hat genug Muskelmänner in ihren Reihen. Hinzu kommt, dass Harris extrem paranoid ist. Ein externes Team für seine Sicherheit zu engagieren, ist absolut ungewöhnlich.
„Na ja, wenigstens bin ich ein bunter Hund mit Pailletten“, trällert Nina in das Champagnerglas, das sie sich von meinem Tablett nimmt. „Ich wollte dieses Kleid schon ewig tragen.“ Sie gleitet in einem blauen Schimmer davon.
„Steht dir gut, Roberson“, sagt Beck gutmütig. Wie ich trägt auch Beck eine Uniform des Servicepersonals. Im Gegensatz zu mir bewegt er sich aber so graziös durch die High Society, als würde er einen Smoking tragen und nicht nur ein einfaches weißes Hemd mit schwarzer Hose. „Vielleicht solltest du dich mal entspannen, Warley. Du siehst aus, als würdest du gleich aus allen Nähten platzen.“
Ich beschließe, darauf nicht einzugehen, weil ich verdammt noch mal ein Profi bin. Es ist nicht meine Schuld, dass die Hose nicht für Leute mit normalen Beinen gemacht ist. „Eine neue Welle von Gästen kommt rein. Ich bewege mich näher zu Harris. Petey, meine Spule.“
„Verstanden.“
Ich spüre, wie der Dämpfer an meinem Unterarm unter dem Ärmel vibriert. Der Strom meiner Kraft fließt wieder stärker, und ich kann ein Seufzen nicht unterdrücken. Meine Haut hört auf, sich so anzufühlen, als wollte sie mir vom Körper springen. Mein Kopf fühlt sich wieder normal an. Die Hose stört mich jetzt auch nicht mehr so sehr.
Die Spule tragen zu müssen, ist nicht das Beste am Job bei PEPARS – Platinum Executive Protection and Risk Services, für diejenigen unter uns, die die Zeit haben –, aber ich kann mich nicht beschweren. Im Gegensatz zu Elemental Wielders, die ihre Kräfte gesetzlich ungehindert zeigen dürfen, können die meisten registrierten Mindholders ihre Fähigkeiten in der Öffentlichkeit überhaupt nicht nutzen. Ihre Spulen haben nur eine Einstellung: Gesperrt.
Ich konzentriere mich auf meine Beherrschung und baue einen Tarnschleier um mich auf. Vorhin ließ die Spule genug Freiheit, damit ich gerade so eben noch wahrnehmbar war. Leute hätten mich entdecken können, wenn sie ein zweites Mal hingesehen hätten. Sie hätten das finstere Gesicht sehen können.
Jetzt, wo meine Spule von Unterdrückung auf Aktivierung geschaltet ist, gleiten die Blicke über mich hinweg. Gäste machen Platz, wenn ich vorbeigehe, weil sie spüren, dass da jemand ist, sich aber nicht auf mich fokussieren können.
Es hilft natürlich auch, dass diese Leute normalerweise ohnehin kein Personal beachten.
Ich mache mich auf den Weg zu Harris und schlüpfe durch den Sicherheitsring in der Nähe seines Tisches. Die Blicke seiner Männer streifen mich und rutschen sofort wieder ab. Mein Champagnertablett klirrt leise bei jedem Schritt, und vielleicht erreicht es die Ohren einiger, aber niemand weiß, wo er hinsehen muss, um das Geräusch zuzuordnen.
„Noch nicht, Maddie“, warnt mich Peter. Durch die Kamera, die in der Anstecknadel an meinem Hemd versteckt ist, kann er wahrscheinlich die feinen Details von Harris' Tattoo sehen: eine rote Flammenzeichnung, die vom Hals bis zur Schläfe verläuft.
An der Art, wie Peter meinen Vornamen benutzt, merke ich, dass er die Leitung zu den anderen geschlossen hat, um privat mit mir zu reden. „Wir hatten vereinbart zu warten“, erinnert er mich.
Harris' Handy vibriert neben seinem Ellenbogen. Er nimmt es auf, wirft einen Blick darauf und legt es wieder mit dem Display nach unten auf den Tisch. Sobald die Teller abgeräumt sind, kann ich das Handy vom Tisch nehmen und den dünnen Tracker unter der kaputten Hülle anbringen.
Das Gerät würde uns alle zwei Minuten ein verschlüsseltes Datenpaket senden. Nicht ganz in Echtzeit, aber dafür bekommen wir tagelange Informationen. Harris hat in der Stadt für Aufsehen gesorgt, jenseits seiner legalen Immobiliengeschäfte. Die plötzlichen Berichte über verschwundene Mindholders in den Nachrichten können kein Zufall sein.
„Verstanden“, murmele ich zu Peter. Ich drehe mich um und plane, in Harris' Rücken zu bleiben, nah genug, um ihm das Genick zu brechen. Meine Finger kribbeln bei diesem Gedanken.
„Entschuldigung“, sagt eine tiefe Stimme hinter mir.
Ich erstarre und kämpfe gegen den Impuls an, mich herumzudrehen. Es gibt keine Chance, dass diese Aufforderung mir gilt. Ich bin mittlerweile so nah daran, unsichtbar zu sein, dass jeder, der versuchen würde, mich zu sehen, wahrscheinlich Blut aus den Ohren bekäme.
Ich spüre ein Tippen auf meiner Schulter und mein Tarnschleier fällt wie ein Vorhang in sich zusammen.
Verdammt.
Ich drehe mich um und stehe direkt vor Cain Phillips, der rechten Hand der Hellhounds. Dem Mann, der sich durch Dutzende Leichen geschnitten hat, um Macht und Respekt innerhalb der gewalttätigsten und prestigeträchtigsten Gang der Stadt zu gewinnen.
Verdammte Scheiße.