Kapitel 1 – Der blutige Schleier
Valkyrie – Band 1 – Die White Wolf Saga
Prolog
In der frühen Morgenstunde der Welt, als der Schleier zwischen Mensch und Tier noch dünn war, träumte die Mondgöttin im himmlischen Silberglanz von Harmonie. Sie stellte sich ein Reich vor, in dem Instinkt und Verstand im Einklang tanzten. Das wilde Herz und der vernünftige Geist sollten als Einheit schlagen. So erschuf sie aus der fruchtbaren Erde und dem flüsternden Wind ihr Meisterwerk: die Shifter.
Die ersten beiden Shifter bestanden nicht nur aus Fleisch und Blut, sondern aus Mondlicht und alter Magie. Ein Mann wurde inmitten der hohen Gipfel der Northern Range geschmiedet. Sein Geist war so ungezähmt wie die Schneestürme seiner Heimat. Eine Frau erhob sich an den sonnenverwöhnten Ufern der Southern Sea. Ihr Herz war so weit wie der Ozean, der sie wiegte.
Beide erhielten eine doppelte Natur: die Gestalt des Menschen voller Vernunft und Weisheit und den Geist des Wolfes, wild und frei. Doch sie waren unvollständig, zwei Hälften eines göttlichen Ganzen. Die Mondgöttin flüsterte eine Prophezeiung in den Wind, die zugleich Versprechen und Herausforderung war: „Sucht eure andere Hälfte in den weiten Fernen des Reiches. Wenn ihr einander findet, wird ein Band entstehen, wie es kein zweites gibt. Eine so mächtige Liebe wird eure Seelen verschmelzen und euch stärker machen als alle, die nach euch kommen.“
Getrieben von einer unsichtbaren Kraft und einer tiefen Sehnsucht begannen sie ihre einsame Reise. Ihr Weg war voller Gefahren, und die ungezähmte Wildnis stellte ihre Entschlossenheit auf die Probe. Doch das Versprechen der Mondgöttin und das Flüstern ihrer Vorsehung gaben ihnen die nötige Kraft.
Nach unzähligen Prüfungen kreuzten sich ihre Wege endlich. In diesem Moment blitzte das Erkennen auf. Es war eine brennende, unbestreitbare Verbindung jenseits des Körperlichen. Die Welt um sie herum verblasste, als eine Flut von Gefühlen durch ihre Adern schoss. Herz und Seele, Wolf und Mensch wurden eins. Das Mate-Band, das größte Geschenk der Mondgöttin, entfachte sich. Es verschmolz sie zu einem einzigen, mächtigen Wesen. Diese Verbindung der Geister verstärkte ihre Kräfte, und ihre Liebe wurde zum Schutzschild gegen jeden Feind.
Als die Zahl der Shifter wuchs, dehnte sich das Reich aus und Regeln wurden nötig. Alphas erhielten Gebiete, über die sie mit Stärke und Weisheit herrschten. Ihr Regiment sorgte für Gleichgewicht und Wohlstand. Diejenigen mit dem reinsten Blut, die Nachfahren der ersten beiden, standen an der Spitze. Ihre Autorität wurde nicht angezweifelt, und im ganzen Land herrschte Frieden.
Doch mit der Zeit fraßen sich Ehrgeiz und Machtgier in die Herzen einiger Bewohner. Die Harmonie der Mondgöttin zerbrach. Aus den Schatten traten die schlimmsten aller Shifter hervor – die Rogues, getrieben von Gier und Herrschsucht. Mit dem Aufstieg dieser dunklen Mächte verblasste die Reinheit der ursprünglichen Blutlinie. Sie wurde durch Generationen der Vermischung verwässert. Die Geburt eines rein weißen Wolfes war früher ein Zeichen für die Stärke der Linie. Heute ist sie eine Seltenheit, ein verhallendes Echo vergangener Zeiten. Seit Generationen wurde kein vollkommen weißer Wolf mehr gesehen. Das ist ein düsteres Omen für die Dunkelheit, die die Welt der Shifter zu verschlingen droht.
König Cassian, Königin Isolde und ihre junge Tochter wurden von einem rasenden Feuer angegriffen und getötet. Das vernichtete den letzten Rest Hoffnung. Mit dem Tod der letzten Originale war das Königreich schutzlos. Das Reich stürzte in eine Zeit des Streits. Alphas kämpfen in einem brutalen Machtgerangel um die Vorherrschaft. Währenddessen nutzen die hinterlistigen Rogues das Chaos aus, um alles zu unterwerfen.
Kapitel 1 – Der blutige Schleier
Im Thronsaal von König Ronan hing der stechende Geruch von Blut in der Luft. Er bildete einen harten Kontrast zu den prachtvollen Wandteppichen und dem polierten Stein. An Aspens ausgefahrenen Krallen klebte noch das Lebenselixier des letzten Rogues, der es gewagt hatte, einzudringen. Sie waren wie tollwütige Tiere gekommen, eine erbärmliche Vorhut für ihren Alpha. Aspen hatte sie mit kalter Wut erledigt. Diese Wut speiste sich weniger aus Treue zu Ronan, sondern vielmehr aus dem Zorn über dessen instabile Herrschaft.
Seit Wochen machten Gerüchte am Hof die Runde. Die Angst des Rates spiegelte die Unruhe im ganzen Königreich wider. In den Randgebieten waren Kämpfe zwischen ehrgeizigen Alphas ausgebrochen, ein klares Zeichen für den Aufstand. Ronan blieb jedoch stur und tat so, als gäbe es den aufziehenden Sturm nicht.
„Das hätte er kommen sehen müssen“, dachte Aspen bitter. „Ein fähiger König hätte mit so einem dreisten Angriff gerechnet.“
Die Taktik des Alpha Rogue war rätselhaft. Es wirkte leichtsinnig, Wellen von Kriegern in den Tod zu schicken.
„Ein Verzweiflungsschlag? Oder eine geschickt gelegte Falle?“
Die Ungewissheit nagte an Aspen. Er sorgte sich nicht nur um das Königreich, sondern auch um die Reste seines eigenen Rudels, das von Ronans Ehrgeiz geschluckt worden war.
„General Aspen“, rief Zephyr, der Beta des Königs, mit autoritärer Stimme. „Der Befehl Seiner Majestät lautet, die Krieger bereitzumachen. Wir reiten bei Morgendämmerung aus.“
„Morgengrauen. So bald schon.“
Ronan war gierig nach Blut und scherte sich nicht um die Opfer. „Wird erledigt, Beta“, antwortete Aspen mit flacher Stimme, ohne seine Verachtung zu zeigen.
Zephyr nickte kurz angebunden. Aspen spürte die Last der kommenden Schlacht und Ronans Leichtsinn schwer auf seinen Schultern liegen. Dies war nicht der Krieg, den er wollte, aber Ronan hatte ihn heraufbeschworen. Aspen würde ihn zu Ende führen – nicht für den König, sondern für das Land.
Als sich der Staub legte und das Gemetzel sichtbar wurde, kamen König Ronan und Luna Wren aus den unteren Stockwerken. Wrens Gesicht war bleich vor Schreck. Sie teilte das Entsetzen der überlebenden Wachen. Ronan hatte sich wie üblich beim ersten Anzeichen eines Angriffs zurückgezogen. Er überließ seine Sicherheit anderen.
„Ein König, der aus dem Schatten heraus regiert.“ Bei diesem Gedanken drehte sich Aspen der Magen um.
„Wurde General Aspen angewiesen, den Krieg vorzubereiten?“, fragte Ronan Zephyr mit gepresster Stimme.
„Ja, mein König“, bestätigte Zephyr fest. „Ich werde Männer hierlassen, um Euch und Luna Wren zu schützen. Alpha Tristen wird unsere Grenzen verstärken.“ Das Letzte sagte er zur Beruhigung, doch es war auch ein Hinweis auf die Bündnisse, von denen Ronan abhängig war.
Bei Sonnenaufgang stiegen sie auf ihre Kriegspferde. Das Reich der Rogues lag einen Tagesritt im Norden. Sie würden gegen Einbruch der Nacht ankommen, getarnt durch die Schatten. Das passte perfekt zu Aspens Plan. Er wollte seine Krieger in Wolfsgestalt angreifen lassen, um ihre Nachtsicht für einen Überraschungsangriff zu nutzen.
Aspen saß ab und verwandelte sich als Erster. Ein vertrauter Rausch von Macht durchströmte ihn. Seine Krieger folgten ihm. Das Knurren und Knacken von Knochen hallte in der Dämmerung wider. Wie eine Einheit bewegten sie sich in den Wald, während die Dunkelheit sie einhüllte.
Dann roch er es: den metallischen Gestank von Rogue-Wölfen, gemischt mit Verwesung und dunkler Magie. Sie warteten bereits.
Hunderte von wilden Bestien umzingelten sie mit brennenden Augen. Doch trotz ihrer Überzahl waren sie Aspens Elitekriegern nicht gewachsen. Der Waldboden verwandelte sich in einen Strudel aus fletschenden Zähnen und zerfetztem Fleisch.
Aspen bewegte sich durch das Gemetzel, sein Gebiss brachte den schnellen Tod. Da fiel ihm ein weißes Aufblitzen auf. Eine Frau rannte, als würden Dämonen sie jagen. Ihr Körper war kaum von zerlumpten Stoffresten bedeckt.
Als sie verschwand, sprang ein Rogue auf Aspens Rücken. Mit einem wütenden Knurren schüttelte Aspen ihn ab und verbiss sich tief in dessen Kehle.
Er blickte zurück dorthin, wo die Frau verschwunden war. Dort sah er den Alpha Rogue, der mit einigen Wölfen an den Fersen durch die Bäume rannte. Er folgte ihrem Pfad. Die Schlacht interessierte ihn nicht; sein ganzer Fokus lag auf der fliehenden Frau.
Verwirrung machte sich in Aspen breit. „Warum? Wer war sie für ihn? Was war an ihr so wichtig?“
…
Das kleine Mädchen mit dem mondfarbenen Haar kauerte zitternd in der Ecke. Um sie herum hallten Schreie und das Krachen von Möbeln durch die Luft. Dicker Rauch kroch unter der Tür hindurch. Er brannte in ihren Augen und löste einen Hustenanfall aus. Eine Hand presste sich auf ihren Mund und erzwang Stille.
Die Tür flog auf und gab den Blick auf Flammen und dunkle Gestalten frei. Terror lähmte sie, als grobe Hände sie packten und über eine Schulter warfen…
Sie schreckte keuchend aus dem Schlaf auf. Das Feuer, der Rauch, die Angst – immer wieder derselbe Albtraum. Instinktiv hielt sie sich den Mund zu, um einen Schluchzer zu unterdrücken. Jahrelange Gewohnheit verbot es ihr, den Schlaf des Alpha Rogue zu stören.
Ein anderes Sklavenmädchen regte sich und blickte sie genervt an. Alle hassten das Mädchen mit dem silbernen Halsband. Vielleicht lag es an dem einen Privileg, das sie hatte: Sie war die einzige Frau in seinen Gemächern, die nicht in seinem Bett landen musste.
Jede andere Frau erlitt in der ersten Nacht das gleiche Schicksal. Sie wurden auf das riesige Bett geworfen, und ihre Schreie hallten wider, während er sich nahm, was er wollte. Das Bett war allein für seine Lust reserviert.
Der Rest schlief auf dem Boden wie sein persönlicher Besitz. Und dort lag das mondhaarige Mädchen Nacht für Nacht neben seinem Kopfende. Diesen Platz hatte sie schon als Kind inne, nachdem sie aus den Trümmern des Feuers gezogen worden war. Doch er rührte sie nie an. Die anderen Frauen verachteten sie dafür. Aber jede Nacht kauerte sie genauso wie die anderen vor Angst. Sie wusste, dass er sie eines Tages vielleicht doch wählen würde.
An Schlaf war nicht zu denken. Der harte Boden war ungemütlich. Von den unruhigen Nächten kannte sie den Schmerz der Holzsplitter im Rücken nur zu gut. Eine Kälte lag in der Luft. Obwohl sie jahrelang ohne Decke geschlafen hatte, sehnte sie sich nach Wärme.
Als die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer krochen, stand sie auf. Die anderen Frauen taten es ihr gleich. Mit geübter Stille schlichen sie hinaus, um ihre tägliche Arbeit zu verrichten, ohne den Alpha zu wecken.
In der Küche beobachtete das Mädchen mit dem silbernen Halsband, wie das Personal Tabletts belud. Der Hunger nagte an ihr.
„Gab es jemals eine Zeit, in der ich wirklich satt wurde? Oder waren das nur Kinderträume? Vielleicht eine Erfindung meines hungrigen Geistes? Möglicherweise waren es Erinnerungen an ein Leben vor… bevor ich entführt wurde.“
Das beladene Tablett fühlte sich bleischwer an, als sie zur Haupthalle ging. Dort hing der Gestank von schalem Bier, Schweiß und Testosteron schwer in der Luft. Reihenweise grobe Tische füllten den riesigen Raum. Die Holzböden waren dunkel verfärbt von Blut und anderen, undefinierbaren Flüssigkeiten.
Die Wand hinter dem Tisch des Alphas war schwarz vom Ruß des gewaltigen Kamins, der hinter seinem Stuhl loderte. An den anderen Wänden hingen Ketten und Fesseln. Darin hingen gefangene Wölfe in ihrer menschlichen Gestalt, wie groteske Trophäen. Sie klammerten sich ans Leben, ihre Körper waren zerschunden und gebrochen. Hin und wieder standen Krieger vom Gelage auf, um sie als Sandsäcke oder Zielscheiben für Messerwürfe zu benutzen. Bei jedem Treffer brüllten sie vor Lachen. Der Anblick war ihr vertraut, doch trotzdem drehte sich ihr der Magen um. Eine Welle von Übelkeit stieg in ihrer Kehle auf.
Als die anderen Sklavinnen sich ihren Tischen näherten, um den Kriegern zögerlich das Essen zu servieren, wurden sie begrapscht und bedrängt. Oft passierte noch Schlimmeres, doch ihre Proteste wurden ignoriert. Dem Mädchen war die zweifelhafte Ehre zuteilgeworden, am Tisch des Alphas zu bedienen. Wer es wagte, sie während ihrer Arbeit zu berühren, verlor schnell das entsprechende Körperteil. Dafür sorgte der Alpha höchstpersönlich.
Er beobachtete sie immer, wenn sie näher kam. Sein Blick war so gierig und intensiv, dass ihre Haut kribbelte. Sie hielt den Blick fest auf den Boden gerichtet und vermied jeden Augenkontakt. Das war eine der vielen Regeln, die sie gelernt hatte, um zu überleben. Die Narben auf ihrem Körper erinnerten sie ständig an die Folgen von Ungehorsam.
„Sieh dem Alpha oder einem Krieger niemals in die Augen. Sprich nur, wenn du gefragt wirst – auch wenn meine Stimme nicht mehr funktionierte. Gehorche immer. Und knie immer nieder, wenn du gerade keine Aufgabe erledigst.“ Das wiederholte sie in ihrem Kopf.
Als sie mit dem Servieren fertig war, sank sie auf die Knie. Die Haut dort war schwielig und hart von den Jahren in dieser unterwürfigen Haltung.
Das Gelage endete und die schweren Schritte der Krieger hallten durch den Flur. Schließlich wagte sie einen Blick in den Raum. Aus dem Augenwinkel prüfte sie, ob noch jemand da war. Als sie sicher war, dass die Luft rein war, stand sie auf. Gemeinsam mit den anderen Sklavinnen stürzte sie sich auf die weggeworfenen Teller. Sie schubsten und drängelten sich im Kampf um jeden Essensrest. Früher hatte sie den neuen Sklaven geholfen und das Wenige geteilt, das sie fand. Doch Jahre solcher Freundlichkeit hatten ihr weder Verbündete noch Vertraute gebracht. Irgendwann wandten sich alle gegen sie, ihr Groll fraß sich wie eine Wunde tief hinein. Jetzt kämpfte sie nur noch für sich selbst. Ihr Überlebensinstinkt war durch die harten Jahre geschärft. Diese kärglichen Reste von den Tellern der Krieger waren ihre einzige Nahrung für den Tag.
Sie brachte die Teller zurück und machte sich auf den Weg zum Trainingsplatz. Nur eine Handvoll Sklavinnen durfte dorthin. Sie wurden trainiert, um sich selbst zu verteidigen und das Rudel zu unterhalten.
Als sie sich der Arena näherte, sah sie die Sklaven in den neuen Käfigen. Es waren Gefangene vom letzten Raubzug. Ein weiteres Territorium war geplündert, seine Krieger besiegt und seine Frauen und Kinder gestohlen worden. In den letzten Wochen gab es immer mehr solcher Überfälle. Sie hielt den Kopf gesenkt und sah weg. Sie hatte es schon zu oft gesehen: die gierigen Blicke der Krieger und die nackten Frauen, die an Pfähle gekettet waren. Man brüllte ihnen dieselben Regeln entgegen. Peitschen knallten auf ihre Haut, während man ihnen Halsbänder anlegte, um sie zur Unterwerfung zu zwingen.
Instinktiv griff sie an ihren Hals. Ihre Finger berührten das glatte, kalte Metall ihres Halsbandes. Ein Schmerz flammte auf und der Geruch von verbranntem Fleisch stieg ihr in die Nase. Auch das machte sie zu einer Außenseiterin. Sie hatte bei ihrer Ankunft kein Halsband bekommen, denn damals war sie noch ein Kind. Ihr Halsband kam erst später, am Abend ihrer ersten Wandlung. Es war die Nacht, in der sie eigentlich ihren Wolf hätte empfangen sollen. Wie bei den anderen hatte es nach innen gerichtete Dornen, die die Wandlung verhindern sollten. Aber ihres war anders. Es war aus Silber, nicht aus Leder, und direkt auf ihre Haut gegossen worden. Die Erinnerung an diesen Tag war tief in ihr Innerstes eingebrannt.
Sie erinnerte sich, wie sie an den Pfahl geschnallt wurde. Vor ihr blubberte der Kessel mit geschmolzenem Silber und die Metallform wurde um ihren Hals geklemmt. Grauen erfüllte sie, als sie eine Flasche Wolfswurz in das Silber gossen – genug, um eine ganze Armee zu töten. Dann legten sie sie hin. Vier Krieger hielten ihre Gliedmaßen fest, während die brennende Flüssigkeit in die Form gegossen wurde. Die Qual war unerträglich. Die Hitze fraß sich durch ihr Fleisch, ihr Herz raste und ihr Körper krampfte. Dann verschlang sie die Dunkelheit.
Man erzählte ihr, dass sie erst Tage später aufgewacht war. Ihr Körper war geschwächt, vergiftet und heilte nur langsam. Es dauerte Monate, bis das ständige Brennen nachließ. Selbst einfachste Bewegungen verursachten anfangs höllische Schmerzen. Das abgekühlte und harte Silber war mit ihrer Haut verschmolzen – ein dauerhaftes, entstellendes Brandmal. Auch wenn es ihren Hals nicht mehr verbrannte, blieb das Metall eine ständige Gefahr. Schon die kleinste Berührung führte zu Verbrennungen, die Wochen zum Heilen brauchten.
Langsam kehrte ihre Kraft zurück. Ihr Körper passte sich an und der Wolfswurz wurde ein Teil von ihr. Sogar ihre DNA hatte sich verändert. Als der Alpha das sah, bestrafte er sie mit unerbittlicher Grausamkeit. Als seine Peitschen keine Schmerzensschreie mehr hervorlockten, warf er sie in die Kampfgruben. Das war eine weitere Form der Unterhaltung für sein krankes Vergnügen.
Nach einigen Übungskämpfen, bei denen sie ihre Fähigkeiten mit verschiedenen Waffen verfeinerte, erhielten sie eine Nachricht. Ein anderes Rudel würde am nächsten Tag eintreffen. Es sollte Willkommensfestlichkeiten geben – natürlich inklusive der Kämpfe zu ihrer Unterhaltung. Es war Jahre her, seit der Alpha Außenseiter in sein Gebiet gelassen hatte. So ein Ereignis war selten und es weckte ihre Neugier.
„Würde er sie nur zum Schein willkommen heißen, um dann seine Krieger auf die ahnungslosen Gäste loszulassen? So hatte er es schon oft getan. Oder würde dieses Rudel anders sein? Würden sie sich verteidigen oder den Alpha vielleicht sogar töten können?“ Der Gedanke weckte einen Funken verzweifelter Hoffnung in ihr.
Die geflüsterten Geschichten der neu gefangenen Sklaven waren wie Fenster in eine Welt, an die sie sich kaum noch erinnerte. Eine Welt außerhalb der grausamen Grenzen dieses Rudels. Sie sprachen von Reisefreiheit und freier Rede. Das war ein krasser Gegensatz zu der ständigen Angst vor dem Alpha und dem brennenden Schmerz der Peitsche. Bilder aus diesem anderen Leben blitzten immer wieder in ihrem Kopf auf. Sie sah sonnendurchflutete Gärten und hallende Säle. Es war eine Freiheit, die sie kaum begreifen konnte. Diese Bilder fühlten sich eher wie ein verblasster Traum an als wie echte Erinnerungen. Es war ein Leben, das für immer verloren schien.
Am nächsten Morgen, als der Alpha wach wurde, standen die Frauen schweigend auf.
„Halt, Mädchen!“, bellte er. Ich wusste, dass er mich meinte. Ich erstarrte und mein Herz raste. Ich hatte einmal einen Namen, aber er war durch Bezeichnungen wie „Mädchen“, „Sklavin“ oder manchmal „Alphas Mädchen“ ersetzt worden.
Sie sank auf die Knie und wartete auf seinen Befehl.
„Geh zu den Grubenzellen“, befahl er.
Sie stand auf und ging direkt zum Trainingsgelände. Ein Wärter öffnete eine Zellentür und sie trat ein. Zögern bedeutete Schmerz. Verlieren bedeutete den Tod. Überleben war ihr einziges Ziel.
Der Vormittag zog sich hin und ihr Magen knurrte. Das erinnerte sie schmerzlich daran, dass sie keine Essensreste suchen konnte. Der nagende Hunger schwächte sie, aber sie schob den Gedanken beiseite. Sie musste ihre Energie sparen. Sie rollte sich auf dem harten Boden der Zelle zusammen und versuchte, noch ein paar kostbare Momente Schlaf zu finden.
Sie wachte auf, als das Schloss klickte. Die anderen Sklavinnen drängten sich in den kleinen Raum. Die Luft war dick vor Erwartung und Angst. Das dumpfe Brüllen der Krieger auf den Tribünen drang an ihr Ohr. Dann dröhnte die Stimme des Alphas, der die Festlichkeiten ankündigte. Die Menge brach in Jubel aus.
Das Warten war qualvoll. Sie hoffte immer, als Erste gerufen zu werden. Sie wollte es schnell hinter sich bringen. Sie wollte ihrem Schicksal begegnen – egal ob Überleben oder Tod –, Hauptsache ohne langes Leiden. Sie hörte zu, wie jeder Kampf ablief. Das ekelhafte Knacken von Knochen, die Schreie der Besiegten und das triumphierende Gebrüll der Menge. Der metallische Geruch von Blut lag in der Luft, vermischt mit dem Schweiß der blutrünstigen Männer.
Dann war sie an der Reihe.
„Mädchen, jetzt!“, grunzte der Wärter und öffnete den Käfig. Sie trat in die Arena und blinzelte, als sich ihre Augen an das helle Sonnenlicht gewöhnten.
„Seht her, das hier ist mein wertvollster Besitz“, dröhnte die Stimme des Alphas voller Stolz. „Zu meinem Glück wurde sie noch nie besiegt. Sogar mit dem Wolfswurz in ihren Adern.“ Sie kniff die Augen zusammen und sah zur Loge des Alphas. Dort saßen zwei Männer neben ihm. Ihre Augen trafen den Blick eines Mannes und sie sah schnell weg. Er sah ganz anders aus als die Streuner, die sie sonst kannte. Er war gepflegt, hatte markante Züge und wirkte zweifellos wie ein Alpha. Aber er wirkte irgendwie sanfter. Vornehmer.
Das Tor gegenüber öffnete sich und ein riesiger Sklave betrat die Grube. Er überragte sie bei Weitem. Seine Hände waren groß genug, um ihren Schädel zu zerquetschen. Ihr sank das Herz. Sie hatte schon unzählige Kämpfe bestritten, aber noch nie gegen jemanden, der so körperlich überlegen war. Ihre einzige Hoffnung war ihre Schnelligkeit. Sie stürzte zum Waffenständer. Gerade als ihre Hand den Griff eines Schwertes umschloss, rammte sie eine gewaltige Kraft und schleuderte sie weg. Ihr Kopf knallte auf den blutgetränkten Sand. Ihre Ohren dröhnten und ihre Sicht wurde kurz schwarz. Als sie versuchte, sich zu konzentrieren, sah sie ihn auf sich zustürmen. Er hielt einen riesigen Hammer hoch erhoben. Mit einer verzweifelten Rolle entging sie knapp dem tödlichen Schlag. Sie rappelte sich auf, während das Silber ihres Halsbandes ihre Schulter verbrannte. Sie ignorierte den Schmerz und wich einem weiteren Schlag aus. Als er sich bückte, um seine Waffe aufzuheben, schlug sie zu. Sie schnitt ihm mit dem Schwert durch beide Achillessehnen. Er brüllte vor Schmerz und brach zusammen.
Sie durfte nicht zögern. Gnade hätte ihren eigenen Tod bedeutet. Mit einem schnellen, gezielten Stoß rammte sie ihm das Schwert ins Herz. Sie ließ es stecken, während sein Körper zu Boden sackte.
Die Menge tobte. „Das ist mein Mädchen!“, rief der Alpha und klatschte. Die Männer neben ihm beobachteten sie nur. Der andere Mann mit den Narben kam ihr seltsam bekannt vor. Gerade als sie genauer hinsah, zerrten die Wachen sie weg. Aber nicht in die Zellen, sondern in das Zimmer des Alphas.
„Der Alpha verlangt, dass du hier bleibst“, knurrte einer von ihnen.
Ein Sieg in der Grube brachte ihr normalerweise ein Bad ein – ein kleiner Luxus, nach dem sie sich sehnte. Aber der Alpha hatte anscheinend andere Pläne, die nichts mit ihr zu tun hatten. Er wollte sie nicht in der Nähe seiner Besucher haben, wer auch immer sie waren. Sie sollten sie nicht zu genau sehen. Der Grund dafür blieb ihr auch nach all der Zeit ein Rätsel, aber die Spannung in der Luft war deutlich spürbar.