Kapitel 1 – Beerdigungsschuhe und eine schwarze Karte
Hana hatte immer angenommen, dass man für Beerdigungen bessere Schuhe brauchte als die, die sie besaß.
Das Paar an ihren Füßen drückte an den Zehen und quietschte bei jedem zweiten Schritt. Der linke Absatz meldete sich ausgerechnet in den unpassendsten Momenten zu Wort. Das Leder war an der Vorderseite zerkratzt, eine helle Schramme, die einfach nicht verschwinden wollte, egal wie viel Kokosöl sie am Abend zuvor eingerieben hatte. Zehn Dollar in einem Secondhandladen, in den sie geflüchtet war, während sie in der Nähe der Pike Street auf den Bus wartete. Mehr Luxus war in ihrem Leben nicht drin.
Der Himmel spiegelte ihre Stimmung wider. Seattle hing tief und grau über ihr, die Wolken drückten nach unten, als wären sie Teil der Zeremonie. Eine kleine Gruppe stand um das Grab versammelt, Regenschirme öffneten sich wie Blüten in gedeckten Farben. Marineblau. Schwarz. Einer mit verblichenen Gänseblümchen.
Keine Verwandten.
Keine entfernte Verwandtschaft, die sich hinter vorgehaltener Hand zuflüsterte oder über Blumengestecke stritt.
Nur Nachbarn aus dem Wohnhaus. Leute, die im Hausflur grüßten. Leute, die sich Zucker liehen. Leute, die ihre Mutter als die Frau kannten, die Spätschichten schob und trotzdem noch lächelte, wenn sie erschöpft nach Hause kam.
Die Stimme des Pastors wurde leiser, als der Sarg seinen langsamen Abstieg begann. Seile glitten durch behandschuhte Hände. Das Holz knarrte.
Hana schnürte es die Kehle zu.
Sie wünschte, ihre Mutter hätte mehr gehabt. Mehr Leute, die hier standen. Mehr Jahre, die nicht wehtaten. Mehr Zeit.
„Tschüss, Mama“, flüsterte sie. Die Worte gingen fast im Regen unter. „Entschuldige wegen der Schuhe.“
Ihre Stimme zitterte, aber sie blieb aufrecht stehen. Sie hatte schon genug geweint. Im Krankenhaus. Im Treppenhaus. Mitten in der Nacht in der Küche. Im Supermarkt, als ihr klar wurde, dass sie keinen Jasmintee mehr kaufen musste.
Als der Gottesdienst endete, erreichten sie vorsichtige Beileidsbekundungen. Sanfte Hände streiften ihren Arm. Der ältere Mann aus dem Erdgeschoss kam als Letzter, Regen tropfte von seinem Mantelkragen. Er hielt ihr eine kleine Metallschachtel hin.
„Sie hat mich gebeten, dir das heute zu geben.“
Hana nahm sie mit beiden Händen entgegen. Das Metall fühlte sich kalt an.
„Danke.“
Als sich der Friedhof leerte, blieb sie. Sie setzte sich auf das feuchte Gras, die Kälte drang durch ihr Kleid. Ihre Schuhe quietschten wieder, als sie sich bewegte – viel zu laut für einen Ort, der für Stille gedacht war.
In der Schachtel waren nur zwei Dinge.
Eine schwarze Karte.
Und ein gefalteter Zettel.
Die Karte war schwerer, als sie sein sollte. Glatt. Matt. Kein Logo. Kein Bankname. Nur zwei kleine eingravierte Initialen in der Ecke.
C.W.
Die Handschrift ihrer Mutter zitterte auf dem Papier.
Benutze dies nur, wenn du es wirklich brauchst. Es tut mir leid, dass ich dir nicht mehr geben konnte. — Mama
Hana stieß einen dünnen Atemzug aus, der wie ein Lachen klang.
„Du konntest mir wirklich nichts Normales hinterlassen, oder?“
Sie schob die Karte in die Tasche ihres Secondhand-Mantels, dessen Stoff dünn gescheuert war und dessen Taschen immer ein wenig zu groß wirkten, und stand auf, um den Bus zu erwischen.
Der Busfahrer warf einen Blick auf ihre geschwollenen Augen und winkte sie durch, ohne nach dem Fahrgeld zu fragen.
Hana flüsterte ein Danke und setzte sich an das Fenster, wobei sie mit ihrem Ärmel den Beschlag vom Glas wischte. Draußen verschwamm die Stadt. Cafés leuchteten warm im Regen. Neonreklamen malten bunte Streifen auf die nassen Straßen. Studenten eilten mit feuchten Haaren und fest in die Ohren gedrückten Kopfhörern an den Gehwegen entlang.
Das Leben ging weiter.
Ihr Spiegelbild starrte sie aus dem Glas an. Ein Mädchen in einem gebrauchten schwarzen Kleid. Zerzauste Haare. Rote Augen. Die Leute sagten gerne, Hana hätte eine „natürliche Schönheit“, die Art, die sich nicht anstrengen musste. Sie hatte es nie geglaubt. Aber Sabrina und ihre Freundinnen schienen es zu glauben – genug jedenfalls, um sie dafür zu beneiden.
Hana schloss die Augen und ließ das Brummen des Busses unter ihren Füßen auf sich wirken.
Seattle wirkte heute riesig. Laut. Unverfroren lebendig.
Ihre Finger strichen über die Karte in ihrer Tasche.
Ein weiteres Problem, über das sie keine Kraft zum Nachdenken hatte.
Das Wohnhaus sah so müde aus wie immer, der beige Anstrich war nach Jahren des Regens fleckig. Es war nicht viel, aber es war vertraut. Auf seine eigene schräge Art sicher.
Hana öffnete die Tür.
Lexie sprang so schnell von der Couch auf, dass ihr Müsli überallhin flog.
„Hana – oh mein Gott, du bist zurück, ich – wie war es – bist du –“ Sie stoppte sich selbst, das Gesicht verzog sich. „Vergiss alles, was ich gesagt habe. Komm her.“
Sie umarmte Hana so fest, dass es nach Pfefferminz-Kaugummi und frischer Wäsche roch. Hana lehnte sich in die Umarmung, und das Gewicht in ihrer Brust wurde ein wenig leichter.
„Es tut mir so leid, dass ich nicht dabei sein konnte“, murmelte Lexie. „Ich habe Professor Norton angefleht. Dieser Mann bewacht Deadlines, als wären es heilige Artefakte.“
Hana wich zurück. „Schon okay. Du hattest eine Zwischenprüfung.“
„Die schlimmste Zwischenprüfung meines Lebens“, sagte Lexie. „Ich habe einen Absatz über die emotionale Reise von Halbleitern geschrieben.“
Hana schnaubte. „Das gibt es doch gar nicht.“
„Gerechtigkeit ja auch nicht“, seufzte Lexie.
Lexies Blick fiel auf die Metallschachtel. „Ist das … das Ding?“
„Ja.“
„Bitte sag mir, es ist ein Schatz. Oder geheime Papiere für den Adel.“
Hana öffnete sie.
Die schwarze Karte fing das Licht der Küche ein.
Lexie erstarrte. „Das sieht … teuer aus.“
„Kein Name. Keine Bank.“
Lexie hob sie vorsichtig hoch. „Ich fühle mich schon arm, wenn ich sie nur halte.“
„In dieser Wohnung sieht alles teuer aus.“
Lexie nickte. „Schmerzhaft wahr.“
Hana schloss die Schachtel und atmete aus.
„Tee?“, fragte Lexie leise. „Mit Honig?“
„Ja.“
Später saß Hana mit gekreuzten Beinen auf ihrem Bett, den Laptop offen. Tabs überluden den Bildschirm. Finanzhilfe. Gebühren. Einsprüche. Selbsthilfegruppen. Rechnungen, die dringlich rot blinkten.
Ihr Stipendium deckte die Studiengebühren. Alles andere türmte sich im Stillen drumherum auf.
Ihr Kontostand starrte sie böse an.
$38,27
Sie nahm den Zettel ihrer Mutter noch einmal in die Hand.
Benutze dies nur, wenn du es wirklich brauchst.
„Was bedeutet ‚wirklich‘ überhaupt?“, flüsterte sie.
Die schwarze Karte lag neben ihrem Kopfkissen und fing das schwache Licht ein. Zu schwer für etwas so Kleines.
Sie klappte den Laptop zu.
Es reichte.
Sie konnte nicht schlafen. Um Mitternacht schlüpfte sie auf die rostige Feuertreppe. Kalte Luft legte sich um sie. Die Stadt unter ihr atmete. Nasses Pflaster. Kiefer. Kaffeeduft, der durch die Dunkelheit wehte.
Ihre Mutter saß früher oft so hier.
Auf einer anderen Feuertreppe. In einer anderen Wohnung, die leicht nach Waschmittel und überarbeiteten Heizkörpern roch. Die gleiche Haltung. Die Ellenbogen auf den Knien. Sie starrte auf eine Stadt, die nie zu bemerken schien, wie müde sie war.
„Wenn wir jemals reich werden“, hatte Hana einmal gefragt, während sie zwei angeschlagene Tassen mit Instant-Kakao balancierte, peinlich darauf bedacht, nichts zu verschütten. Sie war damals jünger gewesen. Hatte noch geglaubt, Geld sei die eine, saubere Lösung für alles. „Was würdest du dir zuerst kaufen?“
Ihre Mutter hatte nicht sofort geantwortet. Sie hatte die Lichter unter ihnen beobachtet, wie sie geduldig in der Dunkelheit blinkten, während der Regen wie Satzzeichen gegen das Geländer trommelte.
„Alles, was dir das Gefühl gibt, sicher zu sein.“
Kein Haus.
Kein Auto.
Nichts Glänzendes oder Beeindruckendes.
Sicher.
Das Wort war leise gelandet, aber es war geblieben. Es steckte in der Art, wie ihre Mutter nachts doppelt die Schlösser prüfte. In der Art, wie sie Reste einpackte, damit Hana niemals in eine leere Küche nach Hause kommen würde. In der Art, wie sie Spätschichten arbeitete und trotzdem fragte, ob Hana gegessen hatte.
Jetzt, da sie auf der rostigen Feuertreppe stand und die Kälte auf ihrer Haut spürte, hörte Hana die Worte erneut. Nicht als Erinnerung. Sondern als würden sie direkt hinter ihr ausgesprochen, sanft und beständig, so wie sie es immer gewesen waren.
Alles, was dir das Gefühl gibt, sicher zu sein.
Hana schluckte, ihre Kehle war eng.
„Ich versuche es“, flüsterte sie in die Nacht. „Ich versuche es wirklich.“
Die Stadt antwortete nicht. Sie atmete nur. Eine ferne Sirene. Das Summen des Verkehrs. Fenster, die in verstreuten Konstellationen leuchteten.
Dann fing es an zu regnen.
Erst sanft. Vorsichtig. Es trommelte gegen das Metall und Glas, als würde es um Erlaubnis bitten. Es lief am Geländer herunter, machte den Beton unten dunkler und kühlte Hanas erhitzte Haut.
Sie blieb dort, ließ den Regen in ihre Ärmel, in ihre Haare und in diesen Moment einsickern. Sie ließ die Worte dort ankommen, wo sie hingehörten.
Sicher bedeutete nicht reich.
Sicher bedeutete nicht einfach.
Sicher bedeutete, immer noch zu stehen.
Schließlich drängte sie die Kälte wieder nach drinnen. Sie steckte die schwarze Karte in ihr Portemonnaie, bevor sie ins Bett kletterte, und klemmte sie zwischen Studentenausweis und Kundenkarten, als könnte sie lernen, sich zu benehmen, wenn sie nur unauffällig genug war.
Aus den Augen.
Immer noch schwer.
Immer noch wartend.