1. Ayla
Die ersten Schneeflocken des Winters trieben träge durch die Luft und legten sich sanft auf das Kopfsteinpflaster. Aylas Zimmer, das über dem kleinen Antiquariat lag, war in ein fröhliches Gelb getaucht – ein Versuch, selbst an den grauesten Tagen ein wenig Sonnenlicht einzufangen. Es war schlicht, aber einladend, und roch dezent nach Kaffee, alten Büchern und den Lavendelsäckchen in den Schubladen. Ein kleines Fenster gab den Blick auf die Straße frei, wo Menschen in Schals und Mänteln vorbeieilten und die Schneeflocken im Wind tanzten wie winzige Tänzer in einem stillen Ballett.
Aylas Morgen begann mit der Präzision einer festen Gewohnheit. Sie schlüpfte in ihre abgetragenen Hausschuhe, flocht ihr dunkelbraunes Haar zu einem lockeren Zopf und kochte eine kleine Kanne Kaffee, bevor sie ihr sonniges Zimmer verließ. Sie ging die schmale Kopfsteinpflasterstraße entlang, während der Schnee leise unter ihren Sohlen knirschte, und genoss den ruhigen Rhythmus ihrer Schritte. Als sie das Café erreichte, das sie leitete, hatte die Morgenkälte ihre Wangen geküsst und ihre Nasenspitze rot gefärbt.
Das Café war ihr Rückzugsort. Es war beheizt, und warmes Licht fiel aus den hohen Fenstern auf die Straße und spiegelte sich auf den polierten Holztischen und Stühlen wider, die in gemütlichen Gruppen angeordnet waren. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee vermischte sich mit der Süße von Gebäck – Zimtschnecken, Schokocroissants und Obstkuchen reihten sich in der Glasvitrine aneinander, jeder einzelne fast zu schön zum Essen. Das sanfte Geplauder der Stammgäste erfüllte den Raum, unterbrochen vom leisen Zischen der Espressomaschine und dem Klirren von Tassen. Jede Ecke schien eine Geschichte zu erzählen, vom Regal mit alten Büchern in einer Nische bis zur kleinen Tafel mit den Tagesangeboten: „Pumpkin spice latte, frisch gebackene Scones und Honig-Mandel-Kuchen.“
Hinter der Theke begrüßte Leo, der freundliche Kassierer, jeden Kunden mit einem fröhlichen Lächeln, das dunkle Haar ordentlich gekämmt. Mira, die neckische Kellnerin, zwinkerte Ayla immer zu, wenn ihr Verehrer auftauchte, und ließ die junge Frau kurz erröten, bevor sie wieder an die Arbeit ging. Und Herr Cem, der rundliche, fröhliche Besitzer des Cafés, klatschte in die Hände, wenn er Ayla sah, und fragte herzlich: „Wie geht es meinem Sonnenschein heute?“ Sein Lachen war laut, ansteckend und sorgte immer dafür, dass sich das Café wie ein Zuhause anfühlte.
Ayla bewegte sich flink zwischen den Tischen, brachte dampfende Tassen zu den Gästen und lächelte denen zu, die sie beim Namen begrüßten. Sie konnte nicht leugnen, dass sie ein kleiner, stiller Reiz erfüllte – die Vertrautheit ihrer Routinen, die kleinen menschlichen Verbindungen, die sie täglich pflegte. Und dann war da noch der junge Mann, der jeden Morgen pünktlich um neun Uhr fünfundvierzig kam, seinen Kaffee mit einem höflichen Nicken entgegennahm und ein Lächeln zeigte, das in ihrem Inneren etwas auslöste, das sie nicht beim Namen nennen wollte. Es war harmlos, redete sie sich ein. Sie war viel zu beschäftigt für Ablenkungen.
Die Sonntage gehörten ihr allein. Oft half sie der Vermieterin im Antiquariat unter ihr, entstaubte Regale und sortierte Bücher in der warmen Stille des sonnendurchfluteten Ladens. An jenem Morgen, während sie die Buchrücken der Romane gerade rückte, stieß sie auf ein abgegriffenes Exemplar mit einem seltsamen Einband: ein Wesen mit leuchtenden Augen und Reißzähnen, das in einem Wald lauerte. The Hidden Bonds, stand auf dem Titel.
Die Vermieterin, die über ihre Brille hinweg von der Theke herüberblickte, kicherte leise. „Diese Jugend von heute … liest einfach alles. Glaubst du wirklich, dass solche Wesen existieren?“, murmelte sie und schüttelte den Kopf.
Ayla lächelte nur als Antwort. Ein leichtes Frösteln lief durch ihre Erinnerung – eine Nacht vor langer Zeit, erfüllt von seltsamen, unbeschreiblichen Geräuschen, dem Geruch von Eisen und Angst, einem versteckten Raum. Sie schüttelte sanft den Kopf und verwarf den Gedanken. Das war ein Geist aus einem längst vergangenen Leben, ein Splitter, der nicht in ihre sorgfältige, wohlgeordnete Gegenwart passte.
Während Ayla den Gedanken einfach hätte abtun können, spürte man irgendwo nicht weit entfernt inmitten der Berge das dumpfe Beben schwerer Schritte, da Emir in seinen Albträumen keine Ruhe fand und nun tun musste, was ihn am meisten befreite. Laufen. Auf seinen vier Pfoten.
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