Kapitel 1
Der Berg nimmt, was ihm gegeben wird
Der Berg öffnete sich nicht wie ein Tor.
Er öffnete sich wie eine Wunde.
Aeris stand barfuß auf dem eisigen Kies. Der Saum ihres schwarzen Kleides schleifte durch den Staub und den schmelzenden Frost. Der dünne Stoff bot weder Wärme noch Schutz oder Würde. Er war nur die stille Mahnung daran, dass man sie genau so mitgenommen hatte, wie sie war.
Kein Mantel.
Keine Schuhe.
Keine Tasche.
Keine Zeit.
Ihr Vater hatte ihr nicht erlaubt, noch einmal nach oben zu gehen.
„Mach kein Drama daraus“, hatte er gesagt, als wäre sie das lästige Problem.
Der Wind schnitt durch das Tal und wehte ihr die Haare ins Gesicht. Lange, schwarze Strähnen klebten auf ihrer feuchten Haut. Sie wischte sie nicht weg. Ihre Hände zitterten zu sehr.
Der Berg ragte vor ihr auf, ausgehöhlt und durchzogen von eisernen Verstrebungen, die tief im Gestein verschwanden. Er wirkte nicht menschengemacht. Er sah aus wie etwas, das schon Menschen verschlungen hatte, lange bevor es Gesetze gab.
Sie wartete immer noch darauf, aufzuwachen.
Wartete darauf, dass jemand sanft ihren Namen vom Türrahmen aus rief.
Aeris.
Nicht so, wie sie es vor Gericht taten. Nicht scharf und offiziell.
Einfach nur ihr Name.
Doch die einzige Stimme, die sie jetzt hörte, war die ihres Vaters. Ruhig und beherrscht erklärte er dem Tribunal ihre biologische Belastung, als würde er über eine defekte Maschine sprechen.
„Sie ist nicht mein leibliches Kind“, hatte er gesagt.
„Die Risiken trage nicht ich.“
Biologische Anomalie.
Potenzielle Instabilität.
Risikofaktor.
Er hatte sie wie ein Beweisstück übergeben.
Die Tür im Berg teilte sich lautlos in der Mitte. Kalte Luft strömte aus der Dunkelheit. Es roch metallisch, feucht und alt, wie Stein, der seit Jahrhunderten kein Sonnenlicht gesehen hatte.
Ihr wurde flau im Magen.
„Ich habe nichts getan“, flüsterte sie, obwohl sie selbst nicht mehr wusste, wen sie davon überzeugen wollte.
Eine Hand drückte ihr zwischen die Schulterblätter.
„Rein da.“
Sie stolperte vorwärts. Der Kies schnitt in ihre Fußsohlen. Sie spürte es kaum.
Die Tür schloss sich hinter ihr.
Das Geräusch hallte nicht nach.
Es endete einfach.
Und in ihrer Brust zog sich etwas so plötzlich zusammen, dass sie dachte, sie würde in Ohnmacht fallen.
Du bist achtzehn.
Du bist kein Kind mehr.
Du kannst das überstehen.
Doch ihr Körper glaubte ihr nicht.
Der Korridor war direkt aus dem Rückgrat des Berges gehauen, verstärkt mit Metallträgern und Platten, in die Symbole graviert waren, die sie nicht kannte. Die Runen wirkten dunkel gegen den Stein, alt und wohlüberlegt; sie waren so tief eingeprägt, als hätte man sie dort hineingeschlagen, um etwas am Aufsteigen zu hindern.
Die Luft vibrierte leicht. Nicht laut genug, um es benennen zu können. Gerade so, dass es ihr unter die Haut ging.
Ihr Atem wurde flach.
Das Kleid hing schlaff an ihrem dünnen Körper, die Ärmel schluckten ihre Handgelenke. Sie verschränkte die Arme vor der Brust – nicht aus Scham, sondern weil sie das Gefühl hatte, sie würde zerfallen, wenn sie sich nicht selbst zusammenhielt.
Männer beobachteten sie von erhöhten Stegen und vergitterten Gehegen aus.
Zu viele.
Ihre Präsenz drückte auf sie wie Hitze, wie ein Gewicht.
Einige lehnten sich vor.
Einige verharrten vollkommen regungslos.
Einige lächelten.
Sie senkte sofort den Blick.
Gute Mädchen halten keinen Augenkontakt.
Gute Mädchen provozieren nicht.
Gute Mädchen ertragen es.
Ihr Vater hatte ihr das beigebracht, ohne die Worte jemals auszusprechen.
Irgendwo über ihr hallte ein Lachen.
„Sie ist barfuß.“
„Sieht verloren aus.“
„Falsche Etage, Schätzchen.“
Ihr Puls hämmerte in ihren Ohren.
Das ist ein Fehler.
Sie werden es merken.
Sie werden es korrigieren.
Sie stellte sich ihren Vater vor, wie er im Gerichtssaal stand, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und ruhig erklärte, dass Eindämmung die sicherste Vorgehensweise sei. Dass sie biologisch unberechenbar sei. Dass ihre Adoption ein Akt der Wohltätigkeit gewesen war. Dass jede Instabilität bereits vor ihrer Zeit in seinem Haushalt bestanden haben müsse.
Sie hatte versucht zu reden.
Niemand hatte sie angesehen.
Der Boden bewegte sich leicht unter ihren nackten Füßen, als sie vorwärtsgeführt wurde. Die Vibration wurde stärker, subtil, aber stetig, als würde der Berg selbst in einer Frequenz summen, die für menschliche Ohren zu tief war.
Ihre Sicht verschwamm an den Rändern.
Der Korridor neigte sich.
Für eine Sekunde war sie nicht mehr hier.
Sie war wieder in der Küche.
Die kalten Fliesen unter ihren Knien.
Der Schatten ihres Vaters, der auf sie fiel.
„Wenn du schon nicht nützlich sein kannst“, hatte er leise gesagt, „dann sei wenigstens still.“
Ihr Hals schnürte sich zu.
Zurück im Berg.
Eine Hand packte sie zu plötzlich am Arm.
Sie zuckte so heftig zusammen, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen.
„Name.“
Das Wort war scharf. Ungeduldig.
Nicht Aeris.
Niemals Aeris.
Dieser Name fühlte sich zu entblößt an. Zu echt.
„Ari“, flüsterte sie, ihre Stimme kaum fähig, sich gegen die Panik in ihrer Brust durchzusetzen.
Der Wächter betrachtete ihre nackten Füße mit gerunzelter Stirn.
„Verbrechen?“
Sie öffnete den Mund.
Politische Korruption.
Verschwörung.
Finanzielle Manipulation.
Biologische Belastung.
Die Begriffe verschwammen in ihrem Kopf.
„Ich… ich weiß es nicht“, sagte sie, und die Demütigung brannte in ihr.
Wieder Lachen, diesmal leiser.
Über ihr lehnte eine Gestalt im Schatten am Geländer.
Er hatte nicht gelacht.
Er war vollkommen still geworden.
Um sie herum verebbten die Unterhaltungen in seltsamen Wellen. Eine subtile Störung. Eine Veränderung, die sie vor lauter Angst nicht begreifen konnte.
Ihr Herz hämmerte.
Ihre Haut kribbelte.
Die in die Wände eingelassenen Runen pulsierte schwach.
Ein einziges Mal.
Die Vibration fuhr durch ihre Knochen und legte sich hinter ihre Rippen.
Für einen kurzen, unmöglichen Augenblick fühlte es sich an, als hätte der Berg sie erkannt.
Sie schüttelte den Kopf, ihr Atem ging schnell und unregelmäßig.
Bilde dir nichts ein.
Erreg keine Aufmerksamkeit.
Bleib klein.
Sie krallte ihre Finger in den Stoff ihres Kleides und machte sich ganz klein, in dem verzweifelten Versuch, zwischen den Fugen von Stein und Eisen zu verschwinden.
Doch der Druck in der Luft ließ nicht nach.
Er sammelte sich.
Und irgendwo im Schatten —
Beobachtete sie jemand nicht als Beute.
Sondern als etwas ganz anderes.