Prolog
Die Beine gehorchen nicht.
Sie gehorchen seit achtzehn Monaten nicht mehr richtig, seit vierzehn Monaten nur noch mit dem Rollator, seit dem letzten Schub im September fast gar nicht, aber abends, wenn die Spastik zugreift wie eine Hand, die sich um ihre Oberschenkel schließt und nicht loslässt, abends ist es am schlimmsten. Abends ist es immer am schlimmsten.
Merle sitzt auf der Bettkante.
Sie sitzt seit vier Minuten auf der Bettkante, die Füße auf dem Boden, die Hände neben den Hüften in die Matratze gedrückt, und sie atmet. Nicht tief, nicht bewusst, nicht so wie die Atemübungen, die sie früher ihren Patienten beigebracht hat, als sie noch Patienten hatte, als ihre Hände noch tun konnten, was ihr Kopf ihnen sagte. Sie atmet einfach. Weil der Körper das noch kann, ohne dass sie ihn darum bitten muss.
Auf dem Nachttisch stehen die Abendtabletten. Baclofen gegen die Spastik, die trotz Baclofen da ist. Amitriptylin für die Nacht. Vitamin D, weil die Neurologin sagt, Vitamin D, immer, bei jedem Termin sagt sie es, als wäre Vitamin D der Schlüssel zu irgendetwas. Merle hat die Tabletten schon genommen, vor zwanzig Minuten, am Küchentisch, weil sie es dort noch konnte, weil die Hände am Abend schneller aufgeben als die Beine, und wenn sie erst mal auf der Bettkante sitzt, wenn sie erst mal hier ist, dann muss jede Bewegung zählen, dann gibt es keine Bewegung mehr umsonst.
Auf dem Bett liegt, was sie anziehen muss.
Sie hat es hingelegt, bevor sie sich gesetzt hat. T-Shirt, ausgewaschen, weich, drei Nummern zu groß, weil enge Ärmel und steife Finger nicht zusammenpassen. Daneben die Shorts. Weit geschnitten, Gummibund, leicht anzuziehen, das einfachste Kleidungsstück auf dem Bett.
Und dazwischen das andere.
Es liegt da, weiß, gefaltet, mit dem Bund nach oben, und Merle sieht es an, wie sie es jeden Abend ansieht, und jeden Abend ist da dieser Moment, diese drei Sekunden, in denen sie denkt: Nein. Nicht heute. Heute nicht. Und dann denkt sie an die letzte Nacht, in der sie es nicht angezogen hat, an das Aufwachen um drei, an die nasse Matratze, an den Geruch, an das Ausziehen und Umziehen und Bettbeziehen mit Händen, die um drei Uhr nachts noch weniger können als jetzt, an die Scham, die sie niemandem erzählt hat, nicht Jule, nicht der Neurologin, niemandem, weil es Dinge gibt, die man nicht erzählt, auch wenn man gelernt hat, alles zu erzählen, auch wenn hunderttausend Menschen einem dabei zusehen.
Sie greift danach.
Die Finger der rechten Hand schließen sich um den Bund. Langsam, unsicher, ein Griff, der aussieht wie der einer alten Frau und nicht wie der einer Achtundzwanzigjährigen, die vor drei Jahren halbe Paraden reiten konnte, Zügel zwischen Ringfinger und kleinem Finger, millimetergenau, ein Pferd, das auf den Druck einer Fingerkuppe reagierte. Diese Finger. Diese selben Finger.
Sie beugt sich nach vorne. Die Spastik protestiert sofort, die Oberschenkel werden hart, die Waden ziehen sich zusammen, und sie beißt die Zähne aufeinander und schiebt den rechten Fuß in die Öffnung. Das Material raschelt. Es raschelt immer, dieses leise, unverwechselbare Rascheln, das kein Stoff der Welt macht, nur dieses eine Material, und sie hasst das Geräusch, sie hasst es so sehr, dass sie manchmal den Fernseher laut macht beim Anziehen, damit sie es nicht hören muss, aber heute ist der Fernseher aus und das Schlafzimmer still und das Rascheln laut.
Der rechte Fuß ist durch.
Der linke ist schwerer. Der linke ist immer schwerer, weil die linke Seite schlechter ist, weil die Läsionen im Gehirn rechts sitzen und der Körper links antwortet, weil die Neurologie ein gekreuztes System ist und sie das weiß, sie weiß das alles, sie ist Physiotherapeutin, sie hat das studiert, sie hat Patienten behandelt, die genau hier saßen, auf einer Bettkante, mit genau diesem Kampf, und sie hat ihnen Übungen gezeigt und Mut gemacht und gesagt, das wird besser, und manchmal war es gelogen und manchmal nicht, und jetzt sitzt sie hier und niemand zeigt ihr Übungen und niemand sagt, das wird besser.
Sie hebt das linke Bein mit beiden Händen an. Greift unter den Oberschenkel, die Finger ineinander verschränkt, und hebt, und das Bein kommt, schwer und steif wie ein Gegenstand, der nicht zu ihr gehört, und sie manövriert den Fuß in die Öffnung und zieht und der Stoff rutscht bis zum Knöchel und nicht weiter.
Pause.
Sie lehnt sich zurück, die Hände hinter sich auf der Matratze, und atmet. Die Stirn ist feucht. Vom Anziehen. Vom Anziehen einer einzigen Sache, die gesunde Menschen in drei Sekunden hochziehen, im Stehen, ohne nachzudenken, jeden Abend, ohne dass es eine Geschichte wäre.
Dann weiter.
Sie beugt sich wieder vor. Greift den Bund links und rechts und zieht. Das Material schiebt sich über die Knöchel, über die Waden, und dann kommt die Spastik, die Beine, die sich strecken und nicht beugen wollen, und sie muss warten, muss den Krampf abwarten, die Hände am Bund, den Blick auf ihre Knie gerichtet, auf diese Knie, die einmal ein Pferd führen konnten, Schenkel am Gurt, treibend, verwahrend, die ganze Sprache der Dressur gesprochen von diesen Beinen, und jetzt sprechen sie nur noch eine Sprache, und die Sprache heißt Nein.
Der Krampf löst sich.
Sie zieht. Über die Knie, über die Oberschenkel, und dann muss sie aufstehen, muss sich hochstemmen, die Hände auf die Matratze, das Gewicht nach vorne, die Knie, die protestieren, und sie steht, für einen Moment, schwankend, ohne Rollator, die drei Sekunden, die sie braucht, um das Material über die Hüften zu ziehen, es zurechtzurücken, den Bund gerade zu ziehen. Drei Sekunden Stehen. Das Maximum.
Sie lässt sich zurück auf die Bettkante fallen.
Atmet.
Fünfzehn Minuten. Für eine Sache, die sie nicht beim Namen nennt, nicht in ihren Videos, nicht in ihren Stories, nicht in den Nachrichten an die Frauen, die ihr schreiben, dass sie ihnen Mut machen, dass sie so stark sei, so offen, so ehrlich. Fünfzehn Minuten für die Sache, die sie niemandem zeigt, weil es Grenzen gibt, auch für sie, auch nach allem, auch nachdem sie gelernt hat, die Kamera laufen zu lassen, wenn sie weint, wenn sie flucht, wenn sie auf dem Stallboden sitzt und der Friese seinen Kopf auf ihren Schoß legt. Auch dann gibt es Grenzen.
Das T-Shirt ist leichter. Die Shorts sind leichter. Nicht leicht, aber leichter. Die Finger finden den Saum, ziehen, und irgendwann sitzt alles, und sie sitzt auf der Bettkante in ihrer Nachtwäsche, und sie ist fertig, und sie ist erschöpft, und die Erschöpfung ist nicht die Erschöpfung von jemandem, der einen langen Tag hatte, sondern die Erschöpfung eines Körpers, der sich selbst aufgefressen hat, von innen, Schicht für Schicht, Myelin für Myelin, und sie weiß das, sie weiß genau, was passiert, sie kann es erklären, sie hat es erklärt, hundertmal, tausendmal, in Videos und Vorträgen und Nachrichten, und das Erklären macht es nicht besser.
Es macht es schlimmer.
Sie dreht sich. Hebt die Beine ins Bett, wieder mit den Händen, wieder der linke schwerer als der rechte, und zieht die Decke hoch und liegt da und starrt an die Decke und hört ihren Atem und das Haus und die Stille.
Dann dreht sie den Kopf.
Durch das Fenster, hinter der Gardine, hinter dem Glas, sieht sie die Weide. Schwarz im Mondlicht, die Koppel, der Zaun, und dahinter, am Rand, wo das Gras in den Schatten übergeht, steht er.
Storm.
Schwarz auf schwarz, die Mähne, die sich im Wind bewegt, der Kopf gehoben, die Ohren nach vorne gerichtet, als würde er zum Fenster sehen. Als würde er wissen, dass sie da liegt. Als würde er warten.
Er wartet immer.
Merle schließt die Augen. Hinter den geschlossenen Lidern sieht sie ihn, nicht so wie jetzt, nicht auf der Weide, sondern im Viereck, unter ihr, die schwarze Mähne vor ihr, der Takt, der durch ihren Körper ging, Sitz, Schenkel, Hand, die ganze Welt reduziert auf Rhythmus und Vertrauen und den einen Moment in der Piaffe, in dem das Pferd schwebt und die Reiterin schwebt und nichts existiert außer diesem Schweben.
Hinter den geschlossenen Lidern kann sie noch reiten.
Der Schlaf kommt langsam, wie er immer kommt, in Wellen, zwischen Muskelzuckungen und dem dumpfen Pochen in den Beinen und dem Kribbeln in den Fingerspitzen, das nie ganz aufhört, auch nachts nicht, auch im Schlaf nicht, weil die Nerven nicht wissen, dass es Nacht ist, weil die Nerven nicht wissen, dass sie schlafen will, weil die Nerven nichts mehr wissen.
Im Traum wird sie reiten.
Im Traum reitet sie immer.