Die Nacht, in der die Feen kamen
Morticia hielt den Zahn in der Mitte ihrer Handfläche, als wäre er etwas Heiliges.
Er war so klein.
So gewöhnlich.
Und doch sorgte er dafür, dass ihr Magen vor nervöser Aufregung kribbelte.
„Ist er ganz von alleine rausgefallen?“, fragte ihre Mutter aus der Badezimmertür. Sie lächelte und trocknete sich die Hände an einem Handtuch ab.
Morticia nickte schnell, und ihre dunklen Locken wippten. „Es hat geblutet.“
Ihre Mutter lachte leise. „Bestimmt eine sehr dramatische Menge.“
„Oh ja“, flüsterte Morticia ernst.
Sie sah wieder hinab auf den winzigen Zahn. Er fühlte sich nicht mehr wie ein Teil von ihr an. Er fühlte sich jetzt wichtig an. Magisch.
Denn heute war die Nacht der Nächte.
Heute Nacht würde die Zahnfee kommen. Alle ihre Freunde hatten schon ihren ersten Zahn verloren. Sie hatten ihr alles über das Geld, die Geschenke und den Kleinkram erzählt, den sie bekommen hatten.
Endlich – endlich war Morticia an der Reihe.
Bei diesem Gedanken jagte ein Schauer durch ihren kleinen Körper.
Draußen prasselte der Regen sanft gegen das Schlafzimmerfenster. Der Wind flüsterte durch die Bäume hinter dem Glas. Dadurch tanzten die Schatten wie lange Finger über die Wände. Morticia hasste normalerweise Gewitter. Sie liebte es zwar, danach in den Pfützen zu spielen. Aber die hellen Blitze und das extrem laute Donnern waren für so ein kleines Kind sehr unheimlich.
Heute Nacht fiel ihr das kaum auf. Sie konnte nur daran denken, wie die Fee wohl aussehen würde. Hätte sie goldblondes Haar? Eine winzige Krone auf dem Kopf? Welche Farbe würde ihr Kleid haben?
„Kann ich wach bleiben und sie sehen?“, fragte sie.
Ihre Mutter ging durch den Raum und setzte sich zu ihr aufs Bett. Sie strich die Decke über Morticias Beinen glatt. „Keine Fee besucht Kinder, die wach sind.“
„Aber was, wenn sie hübsch ist?“, fragte Morticia leise.
Ihre Mutter grinste. „Das ist sie bestimmt.“
„Was, wenn sie Flügel hat?“
„Wahrscheinlich.“
„Was, wenn sie …“
„Morticia“, unterbrach ihre Mutter sie sanft. „Schlaf jetzt.“
Morticia schnaufte dramatisch, bevor sie unter die Bettdecke kroch. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ihre Mutter gab ihr einen Kuss auf die Stirn und legte den Zahn vorsichtig unter das Kissen.
„So“, flüsterte sie. „Und jetzt schließ diese großen Augen.“
Das Licht im Schlafzimmer ging aus.
Dunkelheit legte sich über sie.
Eine Weile hörte Morticia nur zu.
Regen.
Wind.
Donnerschläge.
Das knarrende alte Haus.
Dann …
Stille.
Eine seltsame Art von Stille.
Nicht leer.
Wartend.
Ihre Augen öffneten sich langsam.
Das Zimmer sah irgendwie anders aus. Kälter. Silbernes Mondlicht fiel auf die Dielen. Es beleuchtete die zartrosa Wände und die Kuscheltiere, die reglos in der Ecke saßen.
Morticia schluckte.
Etwas glitzerte in der Nähe ihrer Zimmertür.
Ihre Augen weiteten sich vor nervöser Aufregung, die in ihr hochkroch.
Ein Funkeln.
Winzige leuchtende Flecken schwebten wie Sterne durch die Luft. Sie funkelten sanft, während sie sich über den Boden bewegten.
Feenstaub.
Ihr Herz pochte wild.
Langsam und vorsichtig schob sie die Decke beiseite.
Die alte Matratze knarrte unter ihrem kleinen Gewicht. Aber nichts geschah.
Das Glitzern bewegte sich wieder.
Auf das Fenster zu.
Morticia rutschte aus dem Bett und folgte ihm barfuß. Sie zitterte, als das kalte Holz ihre Füße berührte.
Das Funkeln wirbelte träge vor den Vorhängen umher.
Wartend.
Sie streckte zitternd die Finger aus und zog den Vorhang zur Seite.
Und lächelte.
Zuerst jedenfalls.
Denn da war sie.
Klein.
Zierlich.
Wunderschön.
Die Fee schwebte direkt hinter dem Fensterglas. Sie leuchtete silbern im Mondlicht. Ihre Flügel schimmerten in einem durchsichtigen Blau. Sie schlugen so schnell, dass sie fast unsichtbar wurden. Winzige, blasse Hände umklammerten eine goldene Münze.
Die Zahnfee.
Morticias Atem ließ das Glas beschlagen. Die Aufregung sprudelte in ihrer Brust.
„Sie ist echt“, flüsterte sie.
Die Fee drehte sich ruckartig zu ihr um.
Und lächelte.
Etwas an diesem Lächeln fühlte sich … falsch an.
Zu breit. Die Zähne zu spitz. Die Augen starrten zu leer und einfach …
Zu wissend.
Die Fee hob langsam einen dünnen Finger und zeigte nach unten.
Morticia blinzelte.
Dann sah sie unter ihr Fenster.
Ihr Lächeln verschwand.
Etwas stand in der Dunkelheit unter den Bäumen.
Groß.
Zu groß.
Zuerst konnte ihr kindlicher Verstand nicht begreifen, was sie da sah. Die Kreatur schien aus Schatten und Mondlicht zu bestehen. Ihr Körper war unter einer langen schwarzen Form verborgen. Es sah fast so aus wie verrottende Flügel, die sich um sie wickelten.
Knochen baumelten von seinem Körper herab.
Tierknochen.
Menschenknochen.
Winzige kleine Dinger, die mit silberner Schnur zusammengebunden waren. Sie klirrten leise im Wind.
Morticias Magen krampfte sich zusammen.
Sein Gesicht blieb in der Dunkelheit verborgen. Nur seine Augen nicht.
Schwarz.
Völlig schwarz.
Sie starrten sie an.
Die Zahnfee schwebte vorsichtig nach unten. Sie ließ sich auf der Schulter der Kreatur nieder.
Als ob sie zu ihr gehörte.
Als ob sie ihr diente.
Die Kreatur legte langsam den Kopf schief.
Die Bewegung war unnatürlich. Neugierig.
Interessiert.
Morticia konnte nicht atmen.
Ein tiefes Grollen hallte durch die Nacht.
Kein Donner.
Das Geräusch kam von ihm.
Tief aus seiner Brust.
Die Kreatur trat vor ins Mondlicht.
Lange Finger griffen nach dem Baum vor ihrem Fenster. Die Nägel waren scharf und blass wie geschnitztes Elfenbein. Weitere Knochen hingen an seinen Handgelenken und klapperten leise aneinander.
Seine hohlen Augen fixierten ihre.
Und Morticia erkannte etwas Schreckliches.
Es sah sie nicht wie Beute an.
Es sah sie an, als würde es sie erkennen.
Das Zimmer fühlte sich plötzlich eiskalt an.
Die Fee lächelte wieder.
Dann flüsterte sie etwas. Morticia konnte es durch das Glas nicht hören.
Der dunkle Mund der Kreatur zog sich langsam in die Breite. Es wirkte fast menschlich.
Ein Grinsen.
Morticia schrie.
Das Fenster klapperte heftig.
Das Licht in ihrem Schlafzimmer flackerte.
Und plötzlich –
War da nichts mehr.
Keine Fee.
Keine Kreatur.
Keine Knochen.
Nur Regen.
Morticia stolperte rückwärts. Sie weinte jetzt heftig, als ihre Zimmertür aufgerissen wurde.
„Morticia!“
Ihre Mutter stürmte herein und nahm sie sofort in die Arme. „Was ist passiert? Was ist los?“
„Die Fee“, schluchzte Morticia. „Die Fee war hier …“
„Ich weiß, mein Schatz.“ Ihre Mutter versuchte, sie sanft zu beruhigen. „Du hattest wahrscheinlich einen Albtraum.“
„Nein!“ Morticia weinte noch lauter. Sie zeigte verzweifelt zum Fenster. „Da war etwas bei ihr. Etwas da draußen …“
Ihre Mutter erstarrte kurz.
Nur für eine Sekunde.
Aber Morticia bemerkte es.
Der Gesichtsausdruck verschwand fast augenblicklich wieder.
„Wie sah es aus?“, fragte ihre Mutter vorsichtig.
Morticias kleiner Körper zitterte heftig.
„Der Knochenmann.“
Stille erfüllte den Raum.
Das Gewitter draußen schien plötzlich lauter zu werden.
Ihre Mutter sah langsam zum Fenster.
Dann wieder zu Morticia.
Und zum ersten Mal in ihrem ganzen Leben …
Sah Morticia Angst im Gesicht ihrer Mutter.