Chapter 1: NYLA
Ich lese den Satz gefühlt zum hundertsten Mal und lösche ihn wieder. Mist.
Ich stehe auf und laufe in meinem Zimmer auf und ab. Ich bin genervt und völlig frustriert. Ich hänge seit Tagen an diesem Kapitel fest und aus irgendeinem Grund komme ich an diesem blöden Satz nicht vorbei. Entweder brauche ich einen Tapetenwechsel, oder ich sollte das ganze Buch löschen und Bauer werden oder so etwas. Ich liebe das Schreiben, aber manchmal stresst es mich total. Ich knalle meinen Laptop zu und gehe nach unten, um etwas zu trinken.
Ich gehe – oder stampfe besser gesagt – an Meredith vorbei, unserer Haushälterin. Sie wirft mir einen mitleidigen Blick zu. Ich habe mich gestern wohl ein wenig zu ausführlich über das ganze Kapitel ausgekotzt, während sie die Küche geputzt hat.
Als ich in der Küche ankomme, stöhne ich genervt, als ich meine beiden älteren Brüder auf den Barhockern sitzen sehe.
„Hallo Prinzessin“, sagt Gabriel und verneigt sich theatralisch. Ich werfe ihm einen giftigen Blick zu und steuere den Kühlschrank an, während er kichert. Ich öffne ihn und stöhne erneut. Ich habe vor zwei Wochen meinen Abschluss gemacht, und seit ich wieder zu Hause bin, kann ich mich einfach nicht daran gewöhnen, dass es hier keine Limonade oder Energydrinks mehr im Kühlschrank gibt. Es war ein hartes Stück Arbeit, aber ich konnte meine Eltern überzeugen, mich nach dem Studium mit Blair und Kylie in einer Wohnung abseits des Campus wohnen zu lassen. Sie mussten auch deren Eltern überzeugen, die letztlich zustimmten, weil wir alle zusammen aufgewachsen sind.
Jedenfalls hatten wir in unserer Wohnung alles, worauf wir Lust hatten. Jetzt, wo ich wieder daheim bin, gibt es nur gesunde Säfte und verschiedene Sorten Wasser, was überhaupt keinen Sinn ergibt. Ich möchte schreien, aber das wäre nicht sehr damenhaft. Also begnüge ich mich mit Apfelsaft und knalle die Kühlschranktür viel härter zu, als ich eigentlich wollte. Das führt dazu, dass im Inneren mehrere Glasflaschen gegeneinander klappern.
„Verdammt, was ist denn mit dir los?“, fragt Gabriel, und seine Augen sind vor Schock und Belustigung geweitet. Ich ignoriere ihn und suche nach einem Glas für den Saft. Als ich sehe, dass keins herumsteht, atme ich tief durch, gehe auf die Zehenspitzen und versuche, den obersten Schrank zu erreichen. Aber ich komme nicht ran!
Erstens: Wer zum Teufel baut Schränke so hoch? Zweitens: Wie zum Teufel haben meine Brüder und meine jüngere Schwester die Gene für die Körpergröße abbekommen und ich nicht? Beide Eltern sind doch ziemlich groß!
Gerade als ich mich wie eine Höhlenfrau benehmen und direkt aus der Packung trinken will, fällt ein Schatten hinter mir auf den Boden. Der Schrank wird geöffnet, lange Arme greifen hinein, nehmen ein Glas heraus und reichen es mir. Ich sehe zu Damien hoch, meinem vernünftigeren älteren Bruder, und mein Ärger legt sich ein wenig.
„Danke“, murmele ich und gieße meinen Saft ein. Er nickt nur und kehrt zu seinem Platz zurück, um sich wieder mit seinem Laptop zu beschäftigen. Gabriel kichert nur, greift über die Theke und zerzaust meine Haare. Ich schlage seine Hände weg. Ich stelle den restlichen Saft zurück in den Kühlschrank und stampfe aus der Küche, um mir einen Snack aus meinem geheimen Vorrat auf dem Zimmer zu holen. Ein Mädchen kann so einfach nicht leben.
Ich setze mich auf mein Bett, knabbere ein paar Chips und nippe an meinem Saft, während ich durch Netflix scrolle und versuche zu entscheiden, was ich gucken soll. Vielleicht kann ich die Gefühle, wenn ich etwas Romantisches schaue, in dieses schreckliche Kapitel kanalisieren und es endlich fertigstellen. Ich habe natürlich keine eigene Erfahrung damit, also muss ich mich auf Gefühle aus zweiter Hand verlassen. Ich liebe meine Familie, aber es gibt einen Grund, warum ich an einer Universität weit weg von zu Hause war. Aber das war nur von kurzer Dauer, denn die Abmachung mit Dad war, dass ich nach der Uni wieder heimkehre. Es hat so viel Spaß gemacht, solange es anhielt.
Einer der Nachteile, aus einer so angesehenen Familie zu kommen, ist, dass man nie wirklich die volle Kontrolle über sein Leben hat, besonders als Mädchen. Mein Vater liebt mich auf seine eigene Art, aber nicht genug, um die Dinge anders zu machen. Junge unverheiratete Töchter wohnen nicht von zu Hause weg. Das könnte für Gerede sorgen, und Skandale sind in unseren Kreisen nie gut. Die Männer müssen diskret sein, und den Frauen wird nur sehr wenig Freiheit gelassen. Blair, Kylie und ich konnten uns glücklich schätzen, dass wir zumindest die Stadt verlassen und allein wohnen durften – auch wenn unsere Brüder oder Cousins immer wieder mal unangemeldet vorbeikamen. Aber es war das Nächste, was wir je an Freiheit hatten. Alles Schöne hat ein Ende, denn wir haben unseren Abschluss gemacht und warten jetzt zu Hause darauf, dass unsere Eltern uns mit dem perfekten Heiratskandidaten überraschen.
Dieser Teil ist mir ehrlich gesagt mittlerweile egal, weil ich mich schon lange mit der Realität abgefunden habe. Ich weiß, dass meine Mutter eine gründliche Untersuchung durchführen würde, bevor sie mich mit irgendjemandem verkuppelt. Also wird es zumindest kein Monster sein. Mein Dad ist verrückt nach meiner Mutter, und auch wenn er gerne die Illusion hat, das Oberhaupt der Familie zu sein, ist es ganz klar meine Mutter, bei der die Fäden zusammenlaufen.
Ich entscheide mich für einen beliebigen Film, drücke auf Play, lehne mich gegen das Kopfteil meines Bettes und versuche zu vergessen, dass das jetzt mein Leben ist.






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