Prolog
Der Regen in London schmeckte immer nach Rost und Auspuffgasen.
Der siebzehnjährige Rhys lehnte an der feuchten Backsteinmauer der Gasse. Sein Atem ging stoßweise und schmerzhaft. Der metallische Geschmack von Blut sammelte sich in seinem Mund, seine Knöchel waren bis auf den Knochen aufgeschlagen und sein Blick verschwamm in den Spiegelungen der Neonlichter in den Pfützen. Er hatte sich mit zu vielen von ihnen angelegt. Seine dominanten Alpha-Pheromone, sonst eine Waffe, fühlten sich schwer und erstickend an, während die dunklen Gestalten ihn für den finalen Schlag einkreisten.
„Sieh ihn dir an. Nicht mehr so stark jetzt, was, reiches Bürschchen?“
Rhys machte sich auf den Aufprall gefasst und schloss die Augen. Doch der Schlag blieb aus.
Stattdessen explodierte die Gasse in einer plötzlichen, beängstigenden Symphonie aus Gewalt. Es gab keine Warnung – nur ein Schemen aus einer schweren, schwarzen Jacke und Bewegungen, die so schnell waren, dass sie wie Standbild-Flimmern wirkten. Ein widerliches Knacken eines brechenden Kiefers hallte von den Backsteinwänden wider, gefolgt von dem schweren, dumpfen Aufschlag der Körper, die einer nach dem anderen auf dem nassen Asphalt landeten.
Rhys zwang seine geschwollenen Lider auf.
Über den bewusstlosen Schlägern stand ein Fremder. Er verströmte nicht den kleinsten Hauch eines dynamischen Duftes – er war eine vollkommene, eiskalte Leere in der Luft – doch seine Präsenz war absolut überwältigend. Der Fremde rückte seinen Kragen zurecht und blickte mit vollkommener, höchster Langeweile auf die stöhnenden Männer hinab.
Er trat näher an Rhys heran, seine Stiefel platschten in das blutgetränkte Wasser. Ohne ein Wort zu sagen, riss er seine schwere schwarze Lederjacke herunter und warf sie achtlos über Rhys’ zitternden, zugerichteten Körper.
Als der Fremde sich hinunterbeugte, verschob sich sein Kragen im feuchten Wind. Für einen einzigen, flüchtigen Moment fing das Neonlicht die blasse Haut seines Schlüsselbeins ein und beleuchtete ein auffälliges, kompliziertes Tattoo: eine dornige Ranke, gestochen in schimmerndem Gold und blutroter Tinte.
„Du redest zu viel“, zog der Fremde das Wort in die Länge. Seine Stimme war eine tiefe, messerscharfe, giftige russische Melodie, die direkt durch den prasselnden Regen schnitt. „Das nächste Mal beendest du den Kampf, bevor du meine Jacke vollblutest.“
Bis Rhys sich mit der Hand gegen den Backstein stemmen konnte, um aufzustehen, war die Gasse leer. Der Fremde war verschwunden und hinterließ nur seine Jacke, eine brennende Besessenheit und eine Stimme, die Rhys in den nächsten acht Jahren in der Dunkelheit immer wieder wie in einer Endlosschleife in seinem Kopf hören würde.








