Kapitel 1
Irgendetwas Feuchtes drückt gegen mich.
Lauwarmer, zäher Schleim?
Ein echt schräges Gefühl zum Wachwerden. Ich will mir das Zeug aus dem Gesicht wischen, den rechten Arm heben, aber nichts passiert. Kein Taubheitsgefühl, kein Kribbeln wie bei einem eingeschlafenen Muskel.
Dann will ich mich aufstützen, mich hochdrücken. Stattdessen kippt mein Gewicht in eine Richtung, die es nicht geben dürfte. Kein Unten, gegen das ich drücken könnte, kein Punkt, an dem ich mich festmache. Nur Masse, die sich gegen eine elastische Wand wälzt und weich zurückfedert.
Mein Gleichgewichtssinn kotzt im Kreis.
Wo Schultern sein sollten, ist nur eine formlose Masse. Wo Beine sein sollten, hängt ein nasser, schwerer Sack an mir. Ich spanne Muskeln an, die ich nicht kenne, um Knochen zu bewegen, die nicht da sind. Etwas in mir hämmert, aber viel zu weit unten. Da sind keine Rippen. Nur eine weiche, wabernde Membran, die bei jedem Schlag zittert.
Meine Sicht ist milchig-trüb. Ich versuche, reflexartig nach Luft zu schnappen, aber sie strömt nicht durch einen Mund. Irgendwo an meinen Seiten öffnen und schließen sich feuchte Schlitze und saugen stickige, warme Luft ein.
Raus. Ich muss hier raus. Ich ersticke, ich –
Ich will schreien, aber aus mir kommt nur ein nasses, kratzendes Zischen. Kein Kehlkopf. Keine Stimmbänder. Nur Luft, die durch Schleim gepresst wird. Ich winde mich. Ein panischer, weicher Klumpen, der blind gegen die Membran schlägt.
[Bewusstseinsübertragung abgeschlossen. Klassifikation: Larve, Stufe 1.]
Was soll der Scheiß!? Die Stimme ist nicht in meinen Ohren, sie ist in meinem verdammten Schädel!
Ich höre schlagartig auf, mich zu winden. Die feuchten Schlitze an meinen Flanken stoppen ihr hektisches Pumpen. Verdammt, das ist –
[Begrüßungsprotokoll wird übersprungen. Tutorialmodus für diese Existenzklasse nicht verfügbar.]
Ein perverses, verdammtes VR-Rig. Das ist die einzige Erklärung, die mein Verstand zulässt, ohne sofort in tausend Stücke zu zersplittern. Ich versuche, mich zu erinnern, wie ich hier gelandet bin, aber da ist nichts. Nur eine schwarze Lücke, wo mein Leben sein müsste. Irgendwer muss mich an ein haptisches Ganzkörper-Rig angeschlossen haben, das mir mit perverser Immersion den Geruch von Ammoniak direkt in den Cortex feuert und dabei gleich noch einen Memory-Reset ausgelöst hat.
Kein Tutorial. Ist das ein Bug oder ein Feature? Feature, rede ich mir ein. Ganz klares Feature. Das ist ein Spiel. Das muss ein Spiel sein. Aber als ich gegen die Membran drücke, pocht echter Schmerz durch Muskeln, die ich vor einer Minute noch nicht hatte. Egal. Brich aus dieser Hülle aus. Spiel das Spiel mit, bevor der Verstand endgültig durchbrennt.
Mein Körper scheint so eine Art madenförmiger Muskel zu sein. Wie bewege ich diese Masse? Von hinten nach vorne? Ich spanne das hintere Drittel an, das Gewicht ruckt nach vorn. An meinem vorderen Ende schiebt sich etwas Hartes aus dem Fleisch. Reflexartig schnappe ich zu.
Klick. Knack.
Zwei rudimentäre Kiefer reißen die Membran auf, woraufhin mir eiskalte Luft entgegenschlägt. Ich schiebe mich durch den Riss, verliere den Halt an der glitschigen Kante und klatsche ungebremst auf nackten Fels. Mit dem Schwall frischer Luft verzieht sich auch der milchige Schleier vor meinen Augen; die trübe Innensicht weicht einem Blick, der Umrisse hart schneidet und alles dahinter im grünen Dämmer ersäuft.
[Physische Hülle durchbrochen. Erster eigenständiger Atemzug registriert. Willkommen in der Nahrungskette. Wir empfehlen, das Erlebnis bewusst zu genießen.]
Die Kälte beißt sich sofort in meinen ungeschützten Unterbauch. Scharfe Kanten zerkratzen meine Haut. Ich richte das vordere Drittel meiner Masse auf. Schwerfällig, aber es gehorcht. Mein Blickfeld kippt nach oben.
Die Decke ist hoch. Wie hoch, kann ich nicht sagen; sie verliert sich irgendwann in einem trägen, dunkelgrünen Schimmer. Adern aus blassgrün leuchtendem Quarz ziehen sich durch tiefschwarzes Gestein, manche fingerdick, manche so breit wie mein ganzer Körper, und sie sind das einzige Licht hier unten. Irgendwo rechts von mir tropft Wasser stetig in einem leicht unregelmäßigen Takt auf Stein.
Um mich herum liegen Kokons. Die leeren hängen aufgerissen zwischen den Felsen wie nasse Müllsäcke, ein paar andere pulsieren noch.
Die Spawn-Area.
Drei Meter weiter beult sich eine intakte Hülle nach außen. Sie zerreißt langsam, und ein nasses, fahles Etwas wälzt sich schleimig auf den Stein. Vorne tastet ein Kieferpaar ziellos auf und zu.
So sehe ich also aus.
Ein blassgelber Klumpen Hefeteig.
Ich will mein Gewicht verlagern. Bin ich jetzt Aggro-Futter, oder ist das ein Koop –
Ein massiver, achtbeiniger Schatten stürzt lautlos von der Decke direkt auf sie drauf.
Es klingt, als würde jemand mit einem Vorschlaghammer auf einen nassen Sack voller Krebse einschlagen. Die Schockwelle knallt ungedämpft durch den Fels direkt in meine weichen Eingeweide. Etwas Heißes klatscht hart gegen meine Flanke. Es zischt leise. Der beißende Gestank nach aufgerissenem Darm schießt in meine viel zu sensiblen Rezeptoren. Grüner, kochender Schleim brennt auf meiner Haut. Ich will kratzen, wischen, mich wegdrehen – direkt neben mir schmatzt es. Ein reißendes Geräusch, das den Boden unter mir zum Vibrieren bringt. Feuchtes Chitin bricht, ein zäher Brei wird zwischen Mandibeln zermahlen. An meiner eigenen Flanke frisst sich der Schleim durch die Haut.
Mein Atem stoppt. Der Blick fixiert starr die leuchtende Quarzader direkt vor mir, und ich rühre mich keinen Millimeter.
Die Engine! Engine basiert auf Sichtlinien. Ich bin unsichtbar. Aggro-Range greift nicht. Hitbox starr halten. Bitte lass die Hitbox starr bleiben. Einfach die Hitbox ruhig halten. Das hier ist Code. Der brennende Schleim auf meiner Haut ist Code. Die Hitbox ruhig halten. Nur Code. Hitbox ruhig halten.
Das Spinnenvieh frisst weiter. Die Vibrationen rütteln meinen Bauch im Kau-Takt. Da, wo eben noch eine Larve war, die genauso aussah wie ich, ist jetzt nur noch der grüne Fleck am Rand.
[Hinweis: Ein Exemplar der eigenen Brutlinie wurde soeben der lokalen Verwertungskette zugeführt. Die statistische Überlebensrate für den aktuellen Spawn-Zyklus fällt auf 14 Prozent.]
Einen Fingerbreit tiefer sackt das vordere Drittel auf den Stein. Die haben die Spawn-Area mal eben direkt in das Revier eines Mid-Level-Predator-Mobs gelegt.
Das Vieh klickt zweimal mit den Mandibeln, dann setzt es die Beine an und zieht sich fließend an der feuchten Wand nach oben zurück. Erst jetzt, wo es sich entfernt, wo der Würgegriff der Panik einen Spalt weit lockerlässt, setzt es sich überhaupt zu etwas zusammen.
Ein Umriss, groß wie ein mittlerer Hund, acht Beine, die sich abwechselnd in den nassen Fels krallen. Wo das Quarzlicht den Panzer trifft, ein schmutziges Violett; der Rest bleibt schwarze Masse. Die Beißwerkzeuge bekomme ich nicht scharf – aber ich weiß auch so, womit es die Larve zerfetzt hat. Die eine Mandibel hält, die andere schneidet.
Es verschwindet im Dunkel über mir, und das Klicken wird leiser, bis es schließlich ganz weg ist.
Ich rühre mich noch zehn weitere Sekunden nicht, dann noch mal zehn. Mein Körper zittert und hört nicht damit auf. Irgendwann lässt es nach. Noch länger dauert es, bis ich mir vorstellen kann, mich überhaupt wieder zu bewegen.
Ich krieche vorsichtig rückwärts. Die Spalte zwischen zwei Felsbrocken sehe ich erst, als ich fast mit dem Hinterende daran stoße. Drei Handbreit hoch, kaum breiter als mein Körper. Rückwärts schiebe ich mich hinein. Der raue Stein drückt von drei Seiten gegen mich, ich presse mich tiefer. Der ganze Körper zittert so heftig, dass die weiche Haut am nackten Fels schabt.
Und genau jetzt, in dieser Todesangst, schießt ein völlig absurder Impuls durch mein Nervensystem: Ich will meine rechte Hand in die Hosentasche stecken. Ich will panisch mein Handy herausziehen, den Bildschirm entsperren und einfach nur stumpf durch irgendwelche Feeds scrollen. Ein Katzenvideo. Irgendein dummes Meme, um die Realität auszublenden. Nur ein paar Sekunden Ablenkung.
Aber da ist keine Tasche. Da ist keine Hand, kein Daumen. Da ist nur kühler Stein und das mörderische Klicken, das noch in meinen Gehörgängen nachhallt.
Die Spinne kommt wieder. Vielleicht nicht in den nächsten zehn Minuten, aber irgendwann. So ein Mob jagt nicht einmal und haut dann ab. Ich klemme mich noch einen halben Zentimeter tiefer in den Riss. Erst da merke ich, dass ich seit dem Klickgeräusch nicht mehr richtig durchgeatmet habe.
Der Körper senkt sich auf den Stein. Ich liege eingequetscht in dieser Spalte, lausche dem Tropfen weiter rechts und versuche, das alles in irgendeinen Rahmen zu schieben, der mir bekannt vorkommt. Es klappt nicht so richtig. Die Hardware, in der ich gerade stecke, hat mit keinem Spielcharakter Ähnlichkeit, den ich je gesteuert habe. Ich hätte das früher wahrscheinlich noch lustig gefunden, wenn ich es im Stream gesehen hätte, jetzt fühlt es sich etwas weniger lustig an.
Ich spanne nacheinander verschiedene Muskelgruppen an. Der Leib ist etwa unterarmgroß, schätze ich, das Chitin auf meinem Rücken fühlt sich weich und biegsam an, und ich taste innen mit dem Kieferansatz den muskulösen Beutel direkt dahinter ab. Da drin sitzt etwas, und wenn ich den Beutel sanft anspanne, brennt es leicht und kribbelt. Ich richte mich auf, fokussiere einen unschuldigen Stein zwei Meter vor mir und gebe alles, was ich habe.
Nichts passiert.
Die Drüse ist da, aber leer. Die Entwickler haben mir einen Spuck-Angriff gegeben, aber vergessen, die verdammte Munition aufzufüllen. Ein Zero-Stat-Build. Möglicherweise muss die Drüse erst gefüllt werden. Vielleicht braucht das Stunden, oder Beute, die ich gerade nicht parat habe.
Dann meldet sich der Hunger. Bei anderen Spielen war der Nahrungsbalken ein Icon am Bildschirmrand, ein Klick auf den stilisierten Apfel, Thema erledigt. Hier übersetzt die Simulation den leeren Statuswert in einen Krampf, der meine Mitte zusammenfaltet und den ganzen Körper hinterherzieht, bis ich mich fast zur Kugel rolle.
[Statuswarnung: Kalorien-Defizit kritisch. Degeneration der Zellstruktur beginnt in Kürze. Bitte konsumieren Sie umgehend Biomasse.]
Okay, das ist halt Mathe. Eine Larve, die gerade aus dem Kokon kriecht, hat exakt null Reserven, und ich muss sofort grinden, sonst sterbe ich hier im Tutorial an einem simplen DoT-Effekt. Ich wälze mich mühsam aus meiner Spalte und fokussiere die Reste meines Kokons. Im Notfall, hoffe ich, kann ich in diesem Survival-RPG meine eigene Schale fressen. Es bleibt halt nur zu hoffen, dass ich nicht von dem Vieh an der Decke weggesnackt werde, wie es dem Kollegen gerade ergangen ist. Ich schiebe mich zur feuchten Hülle, öffne meinen Kiefer und beiße ein Stück ab.
Es schmeckt widerlich nach nassem Karton und staubiger Kreide. Ich würge das Zeug mechanisch hinunter.
[Hinweis: Konsum von mineralischer Hüllenstruktur. Nährwert: Tolerabel. Kalorien-Defizit geringfügig gemildert.]
Wenigstens etwas. Das brennende Ziehen in meiner Mitte flacht minimal ab, verschwindet aber nicht ganz. Der Körper verlangt nach echten Proteinen und nicht nach mineralischem Bauschutt. Ich brauche richtiges Loot, sonst ist das Game schnell vorbei.
Schab. Kratz.
Ein Geräusch kommt von links. Jemand kratzt hartes Chitin über den Stein. Ich drücke mich sofort wieder flach auf den Boden und orientiere mich an den leuchtenden Quarzadern.
Etwa vier Meter entfernt schiebt sich eine Kreatur in mein Sichtfeld. Eine gigantische, bleiche Kellerassel, ungefähr so groß wie mein eigener Larvenkörper. Der Rücken ist mit dicken, kalkweißen Platten gepanzert, die sich beim Gehen leicht gegeneinander verschieben, an den Übergängen vermutlich weich. Vorne tasten zwei lange Antennen nervös über den Boden, Augen kann ich keine erkennen. Das Ding ist also blind und ersetzt das Sehen durch Tasten. Dafür trägt es am Kopf zwei massive, scherenartige Beißwerkzeuge, die immer wieder bedrohlich auf und zu schnappen, sogar wenn nichts in der Nähe ist. Ob es sich um einen Reflex oder eine Drohgebärde handelt, ist schwer zu sagen.
Die Assel steuert zielstrebig auf einen der leeren Kokons zu, und mit einer erschreckenden Leichtigkeit knacken ihre dicken Scheren die mineralische Schale auf, und sie frisst die Reste in einem irren Tempo. Ein Kalkfresser. Das erklärt, warum die Brutkammer überhaupt funktioniert: Das System hat einen Aufräum-Mob im Revier, der die alten Hüllen verarbeitet. Sehr praktisch. Nicht praktisch für Larven, die noch in den Hüllen stecken.
Wenn dieses Ding mich mit diesen Zangen erwischt, halbiert es mich mit einem einzigen Biss. Die weiche Larvenhaut bietet dagegen null Widerstand; ein Frontalangriff ist also Selbstmord. Aber das Vieh besteht aus Biomasse. Und es ist blind.
Ich schaue mich in der Umgebung um. Erste Option wäre Säure spucken, wenn ich denn welche hätte. Zweite Option wäre Rückzug und hoffen, dass das Vieh die Spalte nicht findet. Das ist im Prinzip vernünftig, im Prinzip auch das Verhalten, das man von einer Larve am unteren Ende der Nahrungskette erwartet. Auf der anderen Seite werde ich verhungern, wenn ich weiter nur Bauschutt kaue, und die einzige nennenswerte Proteinquelle in Reichweite frisst gerade einen Biomüllsack.
Direkt zwischen mir und der mampfenden Assel ragt ein abgebrochener Quarz-Stalagmit schräg aus dem Felsboden. Seine Spitze ist unnatürlich scharf, fast wie eine grob behauene Klinge.
Die Designer haben dieses Level nicht umsonst genau so aufgebaut. Man muss das Spiel nur lesen können. Zumindest rede ich mir das ein, während ich als nasses Stück Wackelpudding vor einem rasiermesserscharfen Stein liege.
Zeit, dieses Tutorial zu cheesen.
Ich schiebe mich über den feuchten Boden, bis ich exakt vor dem abgebrochenen Quarz-Stalagmiten liege. Die scharfe Kante des Steins zeigt genau in Richtung der mampfenden Assel, mein Rücken drückt sich leicht an das kühle Mineral.
Wenn ich mich auch nur den Bruchteil einer Sekunde zu spät bewege, zermalmt mich dieses gepanzerte Ungetüm zusammen mit dem Kristall.
Ich atme noch einmal flach aus. Dann kratze ich mit meinem rudimentären Kiefer hart über den rauen Boden.
Das Geräusch ist nicht besonders laut, aber in der Stille der Brutkammer wirkt es wie ein Peitschenknall. Die Assel friert sofort in ihrer Bewegung ein, ihre langen, bleichen Antennen zucken wild durch die Luft, peilen die Umgebung an und rasten dann zielsicher in meine Richtung ein. Ich habe die Aggro von dem Vieh gezogen.
Ein tiefes Klicken grollt durch ihren massiven Panzer, dann stürmt sie los. Sie ist für ihre Größe erschreckend schnell. Ein kleiner Güterzug aus Kalk und Chitin walzt mit weit aufgerissenen Scheren direkt auf mich zu.
Mein Instinkt brüllt mich an, sofort zur Seite zu zucken, aber ich zwinge meinen weichen Larvenkörper, still zu liegen und weiter mit meinem Kiefer Geräusche zu machen. Ich brauche das volle Momentum. Noch zwei Meter. Ein Meter. Der Geruch nach fauligem Speichel weht mir heiß entgegen.
Jetzt.
Ich reiße meine Masse zur Seite. Es ist kein eleganter Sprung, eher ein verzweifeltes Wälzen, und der raue Stein schrammt meine weiche rechte Flanke blutig auf, als ich mich im allerletzten Moment aus der Schusslinie wuchte.
Krach.
Das Geräusch von berstendem Panzer hallt durch die Brutkammer. Die Assel hat die Bremsanimation verpasst und rammt sich das eigene Gewicht in die Kristallklinge. Grüne Flüssigkeit zischt über den Stein.
Ich liege einen halben Meter daneben. Eine gigantische, zuckende Schere verfehlt meine Flanke um Haaresbreite und klappt mit einem ohrenbetäubenden Klack ins Leere. Die Atemschlitze flattern, und der ganze Körper zittert so gewaltsam, dass ich mich kaum auf dem Boden halten kann.
Lehrbuch-Kite-and-Spike, du elender Bastard.
Ich brülle mir die Worte im Kopf selbst zu, um das Wimmern zu übertönen, das in meiner fehlenden Kehle brennt.
Das grüne Blut spritzt auf mich, aber ich krieche nicht weg. Ich kann nicht. Mein Nervensystem hat auf Kurzschluss geschaltet. Ich habe exakt einen verdammten HP. Ich rühre mich nicht und warte, dass die Physik-Engine ihre Arbeit erledigt, bevor dieses zappelnde Monstrum mich doch noch versehentlich halbiert.
Nach knapp zwei Minuten werden die Zuckungen der Assel schwächer, und schließlich klappt das schwere Beißwerkzeug mit einem dumpfen Klicken zu.
[Beute eliminiert. EP: 50 / 50. Schwelle erreicht. Stufe 2 initialisiert. Kalorien-Defizit gedeckt.]
Eine Welle aus reiner, goldener Wärme schießt durch meinen kleinen Körper. Volle Dröhnung Endorphine. Der brennende Hunger in meiner Mitte verschwindet schlagartig, die feinen Kratzer auf meinem Rücken schließen sich, und meine Muskeln fühlen sich plötzlich dichter und kraftvoller an.
Vollheilungs-Level-Up. Gutes Tutorial.
Noch bevor die Welle ganz abebbt, blendet sich ein Fenster ein.
[Strukturanpassung Stufe 2. 3 Punkte zur Vergabe]
Vitalität: 8
Stärke: 5
Reflex: 6
Wahrnehmung: 5
Genom-Resonanz: 4
[Hinweis: Die Verteilung wird in das Profil eingeschrieben. Eine Anpassung nach Bestätigung ist ausgeschlossen.]
Wahrnehmung steht außer Frage. Ich sehe keine drei Meter weit, und das nächste Vieh will ich spüren, bevor es mich findet. Reflex hinterher; mein Wälzen aus der Schusslinie war Glück, kein Können. Beim nächsten Mal brauche ich mehr Frames in der Ausweichbewegung. Den letzten Punkt auf Vitalität. Wer mit einem einzigen HP herumkriecht, ist nicht clever, der ist nur knapp nicht tot. Stärke und Genom-Resonanz spare ich mir, das kommt später.
Ich fokussiere meinen Willen auf die drei Werte. Sie blinken einmal auf, dann fixieren sie sich.
[Strukturanpassung bestätigt]
Vitalität: 8 → 9
Reflex: 6 → 7
Wahrnehmung: 5 → 6
Das Fenster verblasst. Der staubige Karton-Geschmack der Schale klebt mir noch trocken zwischen den Kiefern, mein Atem geht flach, und irgendwo unter all dem zittert weiter etwas nach.
Dann öffnet sich das nächste Fenster, kühler, blau pulsierend.
[Predator-Skill aktiviert. Genom-Erfassung abgeschlossen. Bitte wählen Sie eine der folgenden Optionen zur aktiven Pool-Integration:]
Option A: Chitin-Verdauung (Stufe 1)
Option B: Erschütterungssinn (Stufe 1)
Option C: Feiger Opportunismus (Stufe 1)
Option D: ████████ (Korrumpiert)
[Hinweis: Der Feindkontakt wurde durch passives Aussitzen und Fremdverschulden beendet. Option C wurde dem Auswahl-Pool entsprechend Ihrer ... taktischen Präferenzen hinzugefügt.]
Ich kann nicht anders, ich muss grinsen – oder zumindest die Larven-Version davon ausführen. Das System bewertet also meinen Spielstil und mischt eine gute Portion passiv-aggressive Ironie in den Loot-Table. Die KI hinter dieser Stimme muss von einem Dev geschrieben worden sein, der Camper in Shootern abgrundtief hasst. Aber ein toter Mob ist eben ein toter Mob.
Ich wäge die Optionen ab. Option D ignoriere ich erstmal. Wer ein Spiel mit einer korrumpierten Loot-Option laufen lässt, wird sich was dabei gedacht haben, aber jetzt ist nicht der richtige Moment, um Bugs zu testen.
Option A, Chitin-Verdauung, ist auf den ersten Blick eine sichere Wahl. Mehr Kalorien aus Kokon-Resten, mehr Spielraum bei der Ernährung. Auf den zweiten Blick ist es ein Skill für Wesen, die langfristig vorhaben, sich von Bauschutt zu ernähren. Ich nicht.
Option C, Feiger Opportunismus, klingt nach einem Tarn- oder Stealth-Buff. Konkrete Wirkung unklar, aber der Name allein ist eine Designentscheidung. Das System bewertet meinen Spielstil und gibt mir genau den Skill, der zu meinem Verhalten passt. Es ist Spott, in Skill-Form gegossen. Ich respektiere das. Nehme ihn aber trotzdem nicht.
Bleibt Option B, Erschütterungssinn. Ich kann kaum drei Meter weit sehen, und wenn hier noch mehr von diesen Güterzügen herumkriechen, muss ich sie spüren, bevor sie mich riechen. Sensorik geht vor Effizienz, und Effizienz geht vor Ironie. Ich fokussiere meinen Willen auf B.
[Skill erlangt: Erschütterungssinn (Stufe 1). Einer der entliehenen Sinne, üblich bei den Saprovoren des unteren Berings. Voraussetzung für die endgültige Synthese: Konsum der verbleibenden Biomasse. Sie waren so freundlich, sich diese selbst zu erlegen.]
Natürlich. Das Level-Up hat zwar meine HP-Leiste gefüllt, aber die Mechanik verlangt den Vollzug. Du bist, was du frisst. Langsam krieche ich zu dem Kadaver hinüber. Das grüne Blut riecht metallisch, fast nach Kupfer. Den Kiefer setze ich an der weichen Stelle an, wo der Quarz den Panzer aufgerissen hat, und beiße zu.
Die Textur ist genau so, wie sie aussieht: heißer, faseriger Pudding mit Knorpel-Inseln, die zwischen meinen Kiefern knirschen wie nicht ganz gar gekochter Reis. Der Geschmack erinnert an alten Schinken und etwas, das man weglässt, wenn man Lebensmittelchemie ehrlich beschreibt.
Dann kippt der Magen, mein Vorderkörper zuckt zusammen, und irgendein primitiver Reflex versucht panisch, den Brei wieder aus mir herauszuwürgen. Ich schlucke. Es brennt.
Das sind reine, leuchtende Erfahrungspunkte. Den Kiefer zwinge ich zurück ins feuchte Fleisch. Tränen, die ich nicht vergießen kann, stauen sich irgendwo in mir an.
Das ist Loot. Das ist direkter Progress für den Skill-Baum. Ein Bissen. Skill. Noch ein Bissen. Stats. Solange ich es Loot nenne, ist es keine warme Leiche. Sobald der Brei meinen Magen erreicht, wandert ein feines Kribbeln über meine Haut.
[Hinweis: Organische Materie der Klasse F verzehrt. Erweiterter Verdauungsprozess initialisiert. Es wird nachdrücklich darauf hingewiesen, dass ein Übermaß an roher Biomasse zu unvorhersehbaren statistischen Anomalien im verdeckten Genom-Pool führen kann. Bitte setzen Sie Ihre Existenz mit einem Minimum an Anstand fort.]
Ich kaue den letzten Bissen Knorpel hinunter und lasse den trockenen Tonfall der Stimme in meinem Kopf nachklingen.
Ich merke mir das für die nächste Runde, mit Besteck.
Und dann setzt der neue Skill richtig ein, ein Hineinkippen in eine Wahrnehmungsschicht, die vorher nicht da war. Der Wassertropfen zehn Meter rechts wird zu einem klaren, regelmäßigen Punkt, kein Bild – ein Gefühl.
Und dann, irgendwo tief unter dem Stein – spüre ich etwas Schweres.
Es bewegt sich nicht, aber es ist da, in einer Tiefe und Masse, die ich nicht einordnen kann. Der Erschütterungssinn registriert seine bloße Anwesenheit wie eine zweite Schwerkraft am Rande des Sinnesfelds. Etwas, das dem Spinnenvieh von vorhin auf der Speisekarte stehen würde, so wie meine zerkaute Mahlzeit auf meiner.
Die Nahrungskette hat mehr Stufen, als ich dachte. Und ich liege auf der untersten.
Vielleicht doch nicht das beste Tutorial.






![The Moon's Weapon : the cursed mate [ MOVING TO GALATEA]](https://cdn-gcs.inkitt.com/vertical_storycovers/ipad_123f31099804e79c6de11657975bcaae.jpg)


Geburt der Larve und dazu ein Beinahetod. Abenteuerlich und spannend, ein wenig wie Kafkas Verwandlung als Alptraum in einer Höhle. Ist das Ganze wirklich ein Spiel? Wirklich VR? Oder was verbirgt sich dahinter? 😁