Chapter 1
Der Rasensprenger in unserem Garten war für mich der Inbegriff von Freiheit; durchnässt und durcheinander. Im Moonlight Pack waren wir nie frei. Alpha Raden erlaubte uns nicht einmal, unser Territorium zum Einkaufen zu verlassen, daher war es hier immer sterbenslangweilig. Er war grausam und behandelte uns eher wie Sklaven als wie Menschen. Wir konnten nicht einmal zu Rogues werden, da er jeden Aspekt unseres Lebens kontrollierte. Zudem hatte er ein starkes Bündnis mit anderen Rudeln wie Wildcrest, Silver und Moongold – den drei mächtigsten Rudeln der Werwolf-Geschichte.
Ich starrte gelangweilt durch die Fensterscheiben, während die kleinen schwarzen Sprenger Wasser in unserem Garten verteilten. Ich fühlte mich gefangen. Ich hatte meine kleine Schwester und meine Mutter, und wir waren einfach nur eine ganz normale Familie im Moonlight. Mein Vater war ein ehemaliger Beta gewesen, aber er war während des schlimmsten Krieges zwischen Werwölfen und Vampiren gestorben. Er starb als wahrer Krieger, als ich gerade einmal sieben Jahre alt war. Mama litt sehr, aber als die starke Frau, die sie war, kümmerte sie sich ihr ganzes Leben lang um meine kleine Schwester und mich.
„Schätzchen, komm und hilf mir“, rief Mama ungeduldig, und ich gehorchte schnell, so wie es eine folgsame Tochter eben tat. Ich lehnte mich nie gegen etwas auf; ich wusste gar nicht, wie das geht. Es hatte etwas Befreiendes, wie manche Menschen für ihre eigenen Rechte und Meinungen einstanden. Unsere Lebensweise war ohnehin schon schwierig, nur wegen unseres gnadenlosen Alphas.
Sie machte unsere Lieblings-Schokocupcakes, die meine kleine Schwester und ich liebten. Sie waren unsere kleine Sünde. Etwas, das uns miteinander verband.
Ich half ihr beim Verzieren der Cupcakes und beim Schneiden des Gemüses für das Abendessen. Es war ein extrem dunkler Abend, da der Winter kam und die Tage kürzer wurden. Ich hasste die Dunkelheit; ich liebte das Licht und friedliche Morgen. Die Nächte waren für mich ein schlechtes Omen. Ich erwartete immer, dass Terror und fleischfressende Monster auf unserem Land unterwegs waren.
„Mama, mir ist so langweilig“, quengelte ich. Ich verließ nie das kleine Haus, in dem wir wohnten, und flehte darum, freigelassen zu werden. Ihre warmen braunen Augen sahen mich verständnisvoll an. Ihr war auch langweilig, aber man konnte nichts daran ändern. Es waren die Befehle des Alphas, seit die Nachrichten über gefährliche Bedrohungen verbreitet worden waren.
Wir hatten nur die Wolf-Schule, und uns war es untersagt, außerhalb des Gebäudes herumzuhängen, es sei denn, ein wichtiges Rudelmitglied kam an. Dann starrten die Teenager die Mörder an, als wären sie Superstars. Ich hatte eine feste Meinung über andere Werwolf-Rudel, und ich war die Mutigste unter den ganzen ängstlichen Rudelmitgliedern hier. Wir hatten nicht einmal Universitäten, weil Alpha Raden glaubte, dass wir keine weitere Bildung bräuchten. Die Schule reichte anscheinend aus.
„Liebes, morgen ist dein Geburtstag. Da gibt es Grund zur Freude, es ist deine erste Wandlung“, sagte sie mit tränenden Augen, und ich umarmte sie. Ich fühlte mich überhaupt nicht euphorisch, denn ich hatte todesangst vor meiner ersten Wandlung. Viele meiner Mitschüler erzählten mir, dass ihre Knochen schmerzhaft brachen und sich ihre Hände zu Klauen verformten. Das war für mich einfach schrecklich.
Über eine Sache war ich jedoch glücklich: Ich durfte es mit meiner Familie feiern. Das war ein Segen, und ich hoffte, dass ich meinen Mate nicht schon bei der ersten Wandlung finden würde. Ich wollte erst die Freiheit schmecken, die Freiheit, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, die Freiheit, Optionen zu haben. Ich war noch nicht bereit, mein Leben mit irgendjemandem zu teilen.
Meine kleine Schwester Evanna kicherte uns mit ihren niedlichen grauen Augen und der Zahnlücke zu. Sie war erst acht Jahre alt und trug das übliche gelbe Kleid, das sie so liebte. Ich war einmal wie sie, bis ich aufwuchs und Kriege und Dunkelheit sah. Ich hoffte, dass meiner Schwester das niemals zustoßen würde. Alles, was ich mir wünschte, war die Sicherheit und das Glück meiner Familie. Ich würde sie gegen nichts auf der Welt eintauschen.
Ich nahm sie hoch, sie quietschte und ich wirbelte sie in meinen Armen herum. Unsere Augen leuchteten vor Freude, bis es zu früh war, um das zu sagen.
Ich konnte spüren, wie etwas Schlechtes begann. Mein Blick fiel auf das Glasfenster. Evanna versteckte sich hinter mir, als ich sie absetzte, während Mama auf dieselbe Stelle starrte. Es war eine unheimliche Stille, als es losging.
Der beißende Geruch von Rauch drang in unser Haus, und das lodern der Flammen brachte unsere Glastüren langsam zum Bersten. Mama blieb an meiner Seite und versuchte, unseren Alpha per Mind-Link um Hilfe zu rufen. Wir konnten nicht durch die Türen entkommen, denn um das Haus herum war ein kreisförmiger Feuersturm. Ich konnte es durch alle Glastüren auf jeder Seite unseres Hauses sehen. Ein Teil von mir war dankbar, dass alle unsere Türen transparent waren, sodass wir schnell sehen konnten, wie schlimm es war.
Wer würde uns so etwas antun? Wir waren eine friedliche Familie, wir hatten keine Feinde.
Das Feuer war überall, es verschlang alles. Es kroch die Wände hoch, fraß den Himmel auf und verwandelte die Nacht in etwas Wildes und Gnadenloses. Der Rauch erstickte mich, während das Geheul das Chaos durchschnitt. Sie kamen wie fleischgewordene Albträume aus den Flammen. Terroristen-Werwölfe griffen uns an, und ihre Augen waren auf meine Mutter gerichtet.
„Lauf!“, schrie meine Mutter. Der Glanz in ihren Augen war purer Angst gewichen. Doch es war bereits zu spät.
Ich dachte nicht nach – ich musste an ihnen vorbei, um meine Mutter zu retten. Drei von ihnen stürzten sich auf sie. Ich warf mich von hinten auf sie, griff zu, zog und kratzte an ihrem verfilzten Fell, in dem Versuch, sie von ihr wegzureißen. Aber sie zuckten nicht einmal mit der Wimper. Es war, als würde man mit bloßen Händen gegen einen Sturm kämpfen.
„Hört auf!“, schrie ich, meine Stimme überschlug sich. Meine Hände glitten ab, bedeckt mit Blut, das nicht meines war.
Die Terroristen-Wölfe hörten nicht auf. Sie waren herzlos und kannten keinerlei Gnade. Sie töteten einfach, ohne mit der Wimper zu zucken.
Ich stolperte zurück, erstickte an dem Anblick, dem Geruch und der Tatsache, dass ich zu spät kam.
Die Hand meiner Schwester rutschte in meine und zitterte. Ich klammerte mich an sie. Die Wölfe rissen meiner Mutter den Kopf ab, und ich war hilflos mit Evanna in meinen Armen. Mein Herz wurde mir aus der Brust gerissen, als ich ihren toten Körper sah, der von den drei Wölfen misshandelt und weggeworfen wurde.
Der zierliche Körper meiner kleinen Schwester lag in meinen Armen, und ich konnte mich nicht wandeln, um sie zu heilen. Ich konnte mich nicht bewegen, damit diese Bastarde mich nicht bemerkten. Ihre Augen blickten zu mir hoch und veränderten sich von verängstigt zu leblos, stumpf und gebrochen. Ich schrie vor Schmerz über den Verlust meiner Schwester, als meine Rudelmitglieder mich losließen. Ich stürmte auf die Wölfe zu, aber sie stießen mich mit ihren Köpfen wieder zurück, sodass mir schwindelig wurde.
Sie töteten mich nicht. Das Feuer wurde immer heftiger, und sie rannten weg, nachdem es ihnen gelungen war, die einzige Familie zu töten, die ich hatte. Ich schrie und schlug mit meinen Fäusten auf den blutigen Boden. Meine Augen nahmen die bösartigen orangefarbenen Flammen und den schwarzen Rauch in sich auf. Ich setzte mich hin und wollte mit meiner Familie verbrennen. Ich wollte bei ihnen sein und zu meinem Vater gehen. Ich lächelte und ließ zu, dass die Flammen in meine Nähe kamen.
Doch jemand musste mich in letzter Sekunde retten. Es war Alpha Raden. Er kam herein und hob mich hoch, obwohl ich mich wehrte und bleiben wollte. Er reagierte nicht auf meinen Wunsch und rettete mich, obwohl ich nicht gerettet werden wollte. Das alles nur wegen meiner verdammten späten Wandlung. Gerade als ich sie am meisten gebraucht hätte, passierte sie nicht. Unsere erste Wandlung war immer die stärkste und mächtigste gegen die Kette der Königlichen. Deshalb nutzten sie die Gelegenheit, um uns direkt danach auszubilden und in den Krieg zu schicken.
„Warum?“, warf ich ihm vor. Seine blauen Augen waren verwirrt bei dem ersten Wort, das ich sagte. Jegliche Chance auf ein Dankeschön flog aus dem Fenster.
Alpha Raden war ein mächtiger Alpha, aber er war für jeden viel zu streng. Er hatte Muskeln und eine Größe, die mich überragte. Er hatte einen Stoppelbart und eine spitze Nase. Er war sechsundzwanzig Jahre alt und hatte noch keinen Mate.
„Du kannst nicht sterben, du musst dich morgen wandeln“, knurrte er, und ich schlug auf seine Brust, woraufhin er mich in mein Handgelenk biss, um mich herauszufordern, ungehorsam zu sein.
„Unterwirf dich.“ Ich senkte unterwürfig den Kopf, während Tränen über meine Wangen liefen.
Der Alpha brachte mich in ein neues Apartment innerhalb seiner Villa, bis er wusste, was er morgen mit mir anfangen wollte, aber das war mir egal. Ich trauerte und wollte mir das Leben nehmen, um zu ihnen zu gelangen, denn ich hatte keinen Grund mehr zu leben.
„Der Alpha wird morgen zu Besuch kommen, also benimm dich anständig“, befahl er, und ich nickte, zu ängstlich, um etwas zu sagen.
„Wie heißt er?“, fragte ich. Vielleicht konnte er mir bei meinem Racheplan helfen. Der Durst nach Rache wurde immer größer.
„Einfach nur Alpha, ohne Namen.“ Ich runzelte verwirrt die Stirn. Ich hatte noch nie von einem Alpha gehört, der seinem Rudel seinen Namen nicht sagte. Bei all den Studien, die ich über die Rudel gemacht hatte, war mir sein Name noch nie untergekommen.
Er stürmte hinaus, und unfreiwillig liefen Tränen über meine staubigen Wangen. Ich weinte mir die Seele aus dem Leib, als ich das Kichern meiner kleinen Schwester in meinen Ohren hörte und das Lächeln meiner Mutter sah, wie sie mit mir backte. Ich würde herausfinden, wer das getan hatte, und ihn oder sie töten. Wer auch immer es war, ich war mehr als entschlossen, es herauszufinden. Sie mussten einen grausamen Tod sterben.
Ich brach erneut in Tränen aus, als ich daran dachte, wie sehr meine Mutter sich gewünscht hatte, ihre Tochter sich wandeln zu sehen. Diesen Wunsch konnte sie nicht mehr erleben, aber ich wusste, dass sie vom Himmel aus zusah. Ich band mir mein blondes, welliges Haar zusammen und wischte mir die roten, verweinten Augen. Ich würde sie rächen, auf die eine oder andere Weise.








