Kapitel 1: Die Vorladung
Tria hatte Mondblumen in ihr Haar geflochten.
Es war dumm.
Zu weich. Zu hoffnungsvoll.
Doch Delvan hatte sie kurz vor Mondaufgang in den zentralen Innenhof gerufen. Die alte Tria – die, die ihn geliebt hatte, noch bevor das Schicksal ihn zu ihrem Gefährten machte – hatte sich gefragt, ob dieser Abend anders werden würde.
Vielleicht hatte er sich endlich an sie erinnert.
Nicht an seine Luna. Nicht an die Frau, die neben ihm im Rat saß, wütende Familien beruhigte, neugeborene Welpen segnete und lächelte, bis ihr Gesicht schmerzte.
An sie.
Tria.
Das Mädchen, das einst barfuß mit ihm durch die Kiefern von Silvercrest gerannt war. Das Mädchen, das hinter dem Ältestenrat gestohlene Honigkuchen mit ihm geteilt hatte.
Als sich die Gefährtenbindung zwei Jahre später regte, silbern und brennend unter ihren Rippen, hatte Tria geglaubt, die Mondgöttin bestätige nur, was ihr Herz ohnehin schon wusste.
Delvan gehörte ihr.
Sie gehörte ihm.
Das „Für immer“ hatte so einfach gewirkt.
Jetzt, als sie den Steinweg zum Innenhof überquerte, pulsierte diese Bindung nur noch schwach und unruhig.
Delvan hatte sie seit Wochen nicht mehr richtig angesehen.
Er küsste sie zwar noch im Vorbeigehen auf die Stirn. Er ließ sie noch an seiner Seite sitzen. Er bat sie noch immer, Streitigkeiten zu schlichten und Witwen zu trösten.
Doch nachts blieb seine Bettseite kalt.
Auch sein Geruch hatte sich verändert.
Weniger Kiefernrauch und Regen.
Mehr Distanz.
Mehr Selene.
Tria schob den Gedanken beiseite. Ihr Wolf regte sich, ruhelos unter ihrer Haut.
Nicht heute Nacht.
Heute hatte Delvan nach ihr gerufen.
Der Innenhof öffnete sich vor ihr.
Tria wurde langsamer.
Das ganze Rudel war da.
Alle.
Silvercrest füllte den Innenhof, von der erhöhten Alpha-Plattform bis zum äußeren Ring der Fackeln. Krieger standen Schulter an Schulter. Heiler drängten sich in blassen Gewändern zusammen. Mütter hielten ihre Kinder fest.
Ihre Gerüche trafen Tria auf einmal.
Neugier.
Unbehagen.
Angst.
Ein kleiner Junge hob die Hand zum Winken, ließ sie aber sinken, als seine Mutter ihn am Arm packte.
Etwas stimmte nicht.
Am anderen Ende des Hofes stand Delvan auf der Plattform in festlichem Schwarz. Die Spange von Silvercrest leuchtete an seinem Hals. Das Mondlicht verfing sich in seinem dunklen Haar. Er wirkte in jeder Hinsicht wie der Alpha, zu dem sie ihn gemacht hatte.
Und neben ihm stand Selene.
Selene, mit hellgoldenem Haar, das offen über eine Schulter fiel. Selene, gekleidet in sanftes Blau wie wunderschöne Trauer. Selene, deren Wimpern in dem Moment sanken, als Tria sie ansah, als wäre sie diejenige, der gleich Leid zugefügt würde.
Der Schmerz unter Trias Rippen spitzte sich zu.
Ihre Füße bewegten sich weiter, denn stehen zu bleiben hätte Schwäche bedeutet. Tria hatte früh gelernt, dass der Schmerz einer Luna hinter verschlossene Türen gehörte.
Sie stieg die drei Stufen zur Plattform hinauf.
Delvan griff nicht nach ihr.
Er lächelte nicht.
„Delvan?“, fragte sie leise.
Sein Blick huschte zu den Mondblumen in ihrem Haar.
Für einen schrecklichen Herzschlag lang huschte etwas über sein Gesicht.
Erinnerung, vielleicht.
Reue.
Dann war es verschwunden.
„Tria“, sagte er.
Ihr Name klang formell in seinem Mund.
Ein Flüstern ging durch das Rudel.
Tria blickte von ihm zu den versammelten Wölfen und wieder zurück. „Was soll das?“
Delvan straffte sich. Alpha-Befehl lag in der Luft, so schwer, dass mehrere Wölfe die Augen senkten.
Tria tat es nicht.
Das hatte sie noch nie gemusst.
„Ich habe eine Entscheidung getroffen“, verkündete Delvan. „Eine Entscheidung für die Zukunft von Silvercrest.“
Beta Garian stand in der Nähe der Stufen, die Arme verschränkt, sein Gesichtsausdruck wie aus Stein gemeißelt. Als sich seine Augen mit Trias trafen, sah sie eine Warnung darin.
Und Zorn.
Nicht auf sie.
Niemals auf sie.
Ihr Wolf drückte hart gegen ihre Rippen.
Lauf.
Aber Tria blieb.
Weil Delvan ihr Gefährte war.
Weil Silvercrest ihr Zuhause war.
Weil er sicher, ganz sicher, dies nicht grausam gestalten würde.
„Zu lange“, sagte Delvan, „haben wir uns alten Gesetzen unterworfen, ohne sie zu hinterfragen. Wir haben das Schicksal behandelt, als wäre es ein Befehl. Als müsste die Bindung der Mondgöttin entscheiden, was ein Alpha braucht.“
Der Innenhof wurde still.
„Das Schicksal ist kein Gesetz.“
Ein entsetzter Atemzug entfuhr jemandem unter ihnen.
Trias Finger krallten sich in ihren Rock.
Delvan blickte über das Rudel, nicht zu ihr. „Silvercrest darf nicht von Gefühlen geführt werden. Wir dürfen Tradition nicht mit Stärke verwechseln, oder Hingabe mit Pflicht. Ein Alpha muss frei entscheiden können, was sein Rudel schützt, selbst wenn diese Entscheidung schwerfällt.“
Entscheiden.
Das Wort fühlte sich falsch an.
Scharf und geschliffen. Wie eine Klinge, bei der er sich wochenlang eingeredet hatte, sie sei ehrenhaft.
„Er darf nicht gekettet sein“, fuhr Delvan fort, „an eine Bindung, die ihm nicht länger dient.“
Nicht länger.
Die Worte schnitten tief in Tria ein.
Sie wartete darauf, dass er sie ansah.
Er tat es nicht.
Selenes Hand zitterte fein an ihrer Seite. Ihr Mund presste sich zu einem verletzten Strich zusammen.
Das perfekte Bild widerwilliger Trauer.
Tria hasste plötzlich die Sanftheit ihrer eigenen Blumen.
Endlich drehte sich Delvan um.
Die Gefährtenbindung in ihr griff instinktiv nach ihm, verzweifelt und hell, wie eine Hand, die durch die Dunkelheit tastet.
Sie stieß auf Stein.
„Ich habe meine wahre Luna gewählt“, sagte er.
Jemand flüsterte: „Nein.“
Delvan hob die Hand.
Selene trat näher.
Der Innenhof brach auf.
„Was?“
„Alpha –“
„Sie ist deine Schicksalsgefährtin!“
„Luna Tria?“
Ein Ältester drängte sich vor, sein Stock schlug auf den Stein. „Das ist beispiellos.“
Delvans Kiefer spannte sich an. „Es ist notwendig.“
Tria konnte sich nicht bewegen.
Ihr ganzer Körper war zu einer einzigen offenen Wunde geworden.
„Delvan“, flüsterte sie. „Tu das nicht.“
Sein Kehlkopf bewegte sich.
Für einen Herzschlag lang sah sie den Jungen vom Bach. Den Jungen, der ihr mit sechzehn ein goldenes Herz-Medaillon in die Hand gedrückt und gesagt hatte: „Wenn ich Alpha bin, wirst du niemals allein dastehen.“
Das Medaillon lag jetzt auf ihrer Haut.
Kalt wie Flussgestein.
Dann schwankte Selene.
Nur ganz leicht.
Delvans Aufmerksamkeit schnellte zu ihr. Er legte seine Hand an ihren Ellenbogen, um sie zu stützen.
Tria spürte, wie die Bindung riss.
Nicht brach.
Noch nicht.
Aber sie riss.
Ein roher Schmerz riss hinter ihrem Brustbein auf.
Delvan wandte sich dem Rudel zu. „Ich, Alpha Delvan von Silvercrest, weise Tria als meine Gefährtin zurück.“
Die Worte trafen sie wie Krallen.
Tria schwankte.
Schmerz explodierte durch die Bindung, weiß und blendend. Ihr Wolf heulte in ihr, doch der Laut blieb Tria im Hals stecken. Der Hof drehte sich. Hände streckten sich von unten aus, doch dann hielten sie inne, denn niemand wagte es, die Plattform zu betreten.
Niemand wagte es, eine Luna zu berühren, die von ihrem Alpha zerstört wurde.
Sie blinzelte heftig.
Sie würde nicht fallen.
Nicht vor den Kindern, die sie durch Fieber begleitet hatte. Nicht vor den Ältesten, denen sie gedient hatte. Nicht vor den Kriegern, deren Wunden sie genäht hatte.
Nicht vor Selene.
Delvan fuhr fort, seine Stimme war nun leiser.
„Ich entziehe ihr den Titel der Luna.“
Das Rudel brüllte auf.
Kein Jubel.
Wut.
Krieger verwandelten sich. Mütter klammerten sich an ihre Kinder. Omegas begannen zu weinen. Irgendwo knurrte ein junger Wolf, bis ihn ein älterer zurückzog.
„Aber sie ist unsere Luna“, flüsterte jemand.
Die Worte machten die Runde.
„Sie ist unsere Luna.“
Trias Herz zog sich zusammen.
Delvan hörte es. Sein Duft wurde sauer vor Zorn, auch wenn sein Gesicht beherrscht blieb.
„Es gibt keinen Platz für zwei Lunas in Silvercrest“, sagte er.
Garian trat vor. „Alpha.“
Delvans Blick schnellte zu ihm. „Tritt zurück.“
„Der Rat hat der Verbannung nicht zugestimmt.“
Verbannung.
Dieses Wort traf Tria härter als die Zurückweisung.
Delvan sah zurück zu ihr, und diesmal erkannte sie die Wahrheit.
Er wusste, dass er ihr wehtat.
Vielleicht nicht das volle Ausmaß. Vielleicht nicht, wie tief die Wunde sein würde.
Aber er wusste es.
Und er hatte entschieden, dass es das wert war.
„Bis zum Morgengrauen“, sagte Delvan, „verlässt du das Territorium von Silvercrest.“
Für einen Herzschlag lang hielt jeder den Atem an.
Dann lachte Tria.
Ein kleiner, gebrochener Laut.
Delvan zuckte zusammen.
Gut.
Sie wollte, dass er zusammenzuckte. Wollte, dass er blutete. Wollte, dass er die Worte zurücknahm, sie hinunterschluckte, an ihnen erstickte.
Stattdessen stand er nur da, mit Selene an seiner Seite.
Selene hob schließlich den Blick.
Ihre Augen waren feucht.
Natürlich waren sie das.
Tria blickte in dieses hübsche, sorgenvolle Gesicht und sah nichts Sanftes darin.
Ihr Wolf bäumte sich auf.
Unter ihrer Haut kräuselte sich das Fell. Ihre Knochen schmerzten vor dem Drang sich zu verwandeln, zu rennen, zu beißen, irgendetwas zu tun, außer auf dieser Plattform zu stehen und von dem Männchen, das das Schicksal ihr zugedacht hatte, in Stücke gerissen zu werden.
„Sag etwas“, sagte Delvan leise.
Als ob sie ihm das schulden würde.
Tria trat einen Schritt näher.
Die Bindung schrie auf.
Sein Duft umhüllte sie, vertraut genug, um unerträglich zu sein. Kiefernrauch. Kalter Regen. Jeden Abend hatte sie geglaubt, die Liebe sei heilig, weil die Göttin es so bestimmt hatte.
Sie hob das Kinn.
Ihre Stimme klang fest.
Das hätte sie fast zerstört.
„Ich hoffe, sie war das Rudel wert, das du gerade zerstört hast.“
Sein Gesicht wurde blass.
Selene stockte der Atem.
Tria wandte sich ab, bevor einer der beiden antworten konnte.
Das Rudel wich zurück, als sie hinabstieg. Nicht, weil sie es befahl. Weil Trauer sich wie eine Klinge bewegte und niemand wollte sich schneiden lassen.
Ein kleines Mädchen schluchzte: „Luna?“
Tria blieb fast stehen.
Ihr Wolf krallte sich in ihre Haut.
Weg hier.
Sie überquerte den Hof, während Zurückweisung durch ihr Blut brannte und Mondblumen in ihrem Haar zitterten.
Niemand hielt sie auf.
Vielleicht warteten sie darauf, dass Delvan sie zurückrief.
Das tat sie auch.
Selbst jetzt noch.
Ein törichter, blutender Teil in ihr wartete auf seine Hand an ihrem Handgelenk. Darauf, dass seine Stimme brach. Dass er ihren Namen so aussprach, wie er es früher getan hatte.
Tria erreichte den östlichen Torbogen.
Keine Hand kam.
Hinter ihr erhob sich Delvans Stimme, durchdrungen von Alpha-Befehl.
„Die Entscheidung ist gefallen.“
Der letzte Hoffnungsschimmer in ihr verstummte.
Tria rannte.
Nicht als Frau.
In ihrem menschlichen Körper war kein Platz mehr für so viel Schmerz.
Ihr Kleid riss, als sie sich verwandelte. Knochen knackten und bildeten sich neu. Fell brach über ihrer Haut hervor. Die Mondblumen verteilten sich auf dem Stein wie kleine weiße Tode. Ihr Wolf schlug hart auf dem Boden auf, die Krallen scharrten, die goldene Kette verhedderte sich in dem dichten Nackenfell.
Hinter ihr waren Keuchen zu hören.
Jemand rief.
Vielleicht Garian.
Vielleicht ein Ältester.
Sie sah nicht zurück.
Sie sprang durch den Torbogen, vorbei an den Kräutergärten, die sie angepflanzt hatte, vorbei am Welpenbau, vorbei am Ratsgebäude, wo ihre Handschrift in Unterlagen zu finden war, die Delvan nie für nötig gehalten hatte zu lesen.
Jeder Geruch schmerzte.
Jeder Stein kannte sie.
Silvercrest war ihr Zuhause gewesen, seit sie denken konnte.
Nun spuckte es sie unter dem Mond aus.
Der Wald verschlang sie am Rande des Dorfes. Äste peitschten ihr ins Gesicht. Die Erde flog unter ihren Pfoten dahin. Die zerrissene Bindung schleifte hinter ihr her wie eine Kette, die in ihrer Brust verhakt war, doch ihr Wolf rannte nur noch schneller.
Bis die Geräusche des Rudels verblassten.
Bis die Fackeln nur noch wie Funken zwischen den Bäumen wirkten.
Bis nur noch der Mond über ihr und die Qual in ihr blieb.
Dann, ganz schwach, durch die Dunkelheit getragen von der Bindung, die sich weigerte zu sterben, hörte sie Delvans Stimme.
„Tria!“
Nur ein einziges Mal.
Eine Wunde.
Ein Flehen.
Ein Fehler.
Ihr Wolf stolperte.
Für einen schrecklichen Herzschlag lang blickte das Mädchen mit Honigkuchen und schlammigen Knien aus ihrem Inneren zurück.
Dann senkte Tria den Kopf.
Und blieb nicht stehen.









Your story was such a good read! I wasn't planning to read that much, but you totally pulled me in. It gave me a few ideas that I think would fit your story really well.
so the pack is actually against this i hope they do not show respect to the homewrecker or the alpha anymore...this is when the council or king should come in strip him of his alpha title and label her as a traitor since she disrespected her luna (actually the alpha too) and both banished. they want to be together so bad then let them but they both disrespected the moon goddess and do not deserve to lead a pack.
my kind of story