Lesbarkeit anpassen
Aa

Silent Lies - Bis du meine Wahrheit bist

Alle Rechte vorbehalten ©

Zusammenfassung

Ein tödliches Schachspiel. Eine perfekte Maske. Und ein Feind, dessen Nähe alles verbrennt. FBI-Agentin Vivian Sterling hat einen Auftrag: Sie soll das mächtigste Verbrechersyndikat Schottlands zu Fall bringen. Ihre Waffe: Die Identität der berüchtigten Londoner Millionen-Diebin Cara Finch. Ihr Ziel: Silas Vance. Der ungekrönte König der Unterwelt von Edinburgh - ein Mann, so brillant wie unberechenbar, dessen Name auf den Straßen nur ehrfürchtig geflüstert wird. Als Vivian an der exklusiven Bar seines Clubs den Köder auswirft, ahnt sie nicht, wie schnell sie selbst zur Gejagten wird. Silas durchschaut die Fassaden der Menschen wie geschliffenes Glas. Um ihre Tarnung zu retten, muss Vivian sich auf sein sadistisches Spiel einlassen. Sie wird zu seinem wertvollsten Vermögenswert - isoliert in seinem Apartment, rund um die Uhr überwacht, auf Schritt und Tritt von seinen Schatten verfolgt. Zwischen geheimen Offshore-Konten in Rotterdam und den nebligen, gefährlichen Docks von Edinburgh entspinnt sich ein psychologischer Krieg zwischen zwei Raubtieren. Doch mit jedem Mal, wenn Silas' eiskalter Blick sich in ihre Seele bohrt und seine Finger ihre Halsschlagader berühren, verschwimmen die Grenzen. Vivian weiß, dass jede Sekunde in seiner Nähe ihr Todesurteil sein könnte. Aber im Netz aus seinen dunklen Lügen vergisst sie plötzlich, wer sie eigentlich beschützen wollte - das Gesetz ... oder der Mann, den sie vernichten soll. Vertraue niemandem... Auch nicht deinen eigenen Sinnen. ⚠️ Wichtiger Hinweis zum Urheberrecht: Alle Rechte an dieser Geschichte, den Charakteren und der Handlung liegen vollständig bei mir. Die Vervielfältigung, das Kopieren, Übersetzen oder die Weiterverbreitung meiner Texte (auch in Auszügen oder auf anderen Plattformen) ist ohne meine ausdrückliche Erlaubnis nicht gestattet. Geistiges Eigentum zu stehlen ist nicht cool – also seid bitte fair und respektiert die Arbeit, die in diesem Buch steckt. Danke für euer Verständnis! 🖤

Status:
In Arbeit
Kapitel:
2
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
18+

Chapter 1 Grüne Seide, rotes Gift

Der Geruch von billigem Desinfektionsmittel und kaltem Kaffee kriecht mir in die Nase. Er passt nicht zu dem Kleid, das ich trage.

Ich stehe vor dem blinden, von Flecken übersäten Spiegel eines Safehouses der National Crime Agency in den Außenbezirken von Edinburgh. Der Raum ist karg. Ein Tisch, zwei wackelige Stühle, ein nacktes Fenster, an das der schottische Regen wie eine Ladung Schrot peitscht. Keine Dekoration. Keine Wärme. Genau der richtige Ort, um eine Identität zu begraben und eine neue aus der Asche auferstehen zu lassen.

Ich richte meinen Blick auf mein Spiegelbild.

Das smaragdgrüne Seidenkleid schmiegt sich wie eine zweite Haut an meinen Körper. Es hat einen tiefen Rückenausschnitt und einen Beinschlitz, der bei jedem Schritt genau so viel Haut freigibt, dass es die Fantasie anregt, aber nicht billig wirkt. Es ist die perfekte Rüstung für den heutigen Abend. Teuer. Elegant. Unnahbar.

„Du bist zu blass, Sterling", ertönt die raue Stimme von Special Agent Harris hinter mir.

Ich drehe mich nicht um. Ich beobachte ihn im Spiegel. Er sitzt am Tisch, die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt, vor sich die dicke, zerfledderte Akte mit der Aufschrift: VANCE, Silas.

„Das ist der schottische Nebel, Harris", erwidere ich. Meine Stimme klingt ruhig. Kein Zittern, kein Zögern. Ein perfekt kontrolliertes Instrument. „Der sorgt für den authentischen Teint einer flüchtigen Kriminellen, die seit drei Wochen kaum Tageslicht gesehen hat."

Harris schnaubt, steht auf und tritt an meine Seite. Er ist Mitte fünfzig, sein Gesicht ist eine Landkarte aus Stressfalten und verpfuschten Operationen - das Ergebnis von dreißig Jahren im Dienst. Er reicht mir eine schwere, silberne Armbanduhr. Eine Rolex Daytona. Gefälscht, aber so meisterhaft, dass man sie öffnen müsste, um den Betrug zu erkennen. Genau wie ich.

„Deine Legende steht", sagt er, während ich mir die Uhr um das linke Handgelenk lege. Das Metall ist kalt auf meiner Haut. „Cara Finch. Dreißig Jahre alt. Ehemalige Chef-Analystin und Kunstexpertin für eine Investmentfirma in Mayfair, London. Du hast dreieinhalb Millionen Pfund von den Konten deiner Klienten abgezweigt und über den Schwarzmarkt für antike Skulpturen gewaschen. Das MI5 hat dir den Boden unter den Füßen heißgemacht. Du bist geflohen. Du brauchst Schutz, neue Kanäle und jemanden, der groß genug ist, um das Geld sauber zu kriegen."

„Und der Einzige, der groß genug ist, ist Vance", murmle ich.

Ich greife nach dem Lippenstift auf dem Waschbecken. Ein tiefes, blutiges Dunkelrot. Ich trage es mit präzisen, ruhigen Bewegungen auf. Die Farbe verändert mein Gesicht. Sie nimmt Vivian Sterling, der disziplinierten FBI-Agentin aus der Abteilung für transnationale Kriminalität, die letzten Züge. Was bleibt, ist Cara Finch. Ein Luder mit scharfem Verstand. Eine Frau, die weiß, was sie wert ist, und die keine Skrupel hat, sich zu nehmen, was sie will.

„Vergiss nie, mit wem du es hier zu tun hast, Vivian", sagt Harris. Seine Stimme verliert jeden bürokratischen Tonfall. Sie wird schwer. Ernst. „Silas Vance ist nicht einer dieser lauten, neureichen Straßengangster aus London, die mit Goldketten und Sportwagen protzen. Das Vance-Syndikat kontrolliert diesen Teil des Landes seit drei Generationen. Sie besitzen die Docks, die Frachtlinien, die halbe High Society und die Richter, die sie verurteilen sollten. Silas hat das Imperium mit sechsundzwanzig von seinem Vater übernommen. Weißt du, wie er die Nachfolge gesichert hat?"

„Er hat seine beiden älteren Brüder ausgeschaltet", antworte ich, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich stecke mir die Haare hoch, lasse nur ein paar dunkle Strähnen locker mein Gesicht einrahmen. „Der eine ertrank bei einem ‚Unfall' auf einer Jacht, der andere erschoss sich angeblich selbst in seiner Kanzlei."

„Er hat sie nicht einfach nur getötet. Er hat es wie Schicksal aussehen lassen", korrigiert Harris mich düster. „Das ist seine Spezialität. Er verliert nie die Beherrschung. Er schreit nicht. Er operiert wie ein Chirurg im Dunkeln. Er scannt Menschen. Er riecht Lügen, Vivian. Wenn er auch nur den Hauch einer Sekunde spürt, dass du eine Wanze trägst oder deine Geschichte eine Lücke hat..."

„Werde ich die nächste Leiche sein, die im Firth of Forth treibt. Ich kenne das Risiko, Harris." Ich drehe mich endlich um und sehe ihn direkt an.

Er mustert mich. Seine Augen wandern an meinem Kleid hinunter, dorthin, wo der Beinschlitz aufhört.

„Wo ist sie?", fragt er.

Ich lächle kalt. Ich trete einen Schritt zurück, greife nach dem Saum meines Kleides und ziehe den Stoff der Seide nach oben. An der Innenseite meines rechten Oberschenkels, gehalten von einem hauchdünnen, elastischen Band aus hautfarbenem Silikon, sitzt eine Klinge. Keine Schusswaffe - Metallkleinteile würden bei den Scannern am Eingang des Clubs anschlagen. Es ist ein maßgefertigtes Keramikmesser. Tiefschwarz, federleicht, schärfer als ein Skalpell und absolut unsichtbar für jeden Detektor.

Ich lasse den Stoff wieder nach unten fallen. Die Seide legt sich glatt über meine Haut. Nichts zeichnet sich ab.

„Gut", atmet Harris aus. Er reicht mir eine kleine Abendtasche aus schwarzem Samt. Darin befinden sich eine Schachtel Zigaretten, ein edles Dupont-Feuerzeug, mein gefälschter Pass auf den Namen Cara Finch und dreitausend Pfund in bar. „Die falsche Spur steht seit vierundzwanzig Stunden im System. Wenn seine Leute deine Londoner Konten prüfen, werden sie genau das finden, was sie finden sollen: Ein perfekt inszeniertes Chaos aus unterschlagenen Geldern. Der Köder liegt im Wasser."

Ich nehme die Tasche und hänge mir den feinen Kettenriemen über die Schulter.

„Wie steht es mit unserem Mann im Club?", frage ich.

„Miller ist nervös", sagt Harris und tritt an das Fenster, um durch die Lamellen der Jalousie auf die Straße zu blicken. „Wir haben ihn vor einer Woche mit zwei Kilo reinem Kokain und Beweisen für Steuerhinterziehung drangsaliert. Er weiß, dass ihm zwanzig Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis drohen. Er wird seinen Teil der Show abziehen. Er wird dich an der Bar abfangen und die Szene machen, die du brauchst, um Silas' Aufmerksamkeit zu erregen."

„Und wenn Miller im letzten Moment die Nerven verliert und mich auffliegen lässt?"

Harris dreht sich um. Sein Blick ist eisig. „Dann gibt es keine Rückendeckung, Vivian. Das Team steht zwei Blocks weiter in einem unauffälligen Transporter. Aber wenn du im Obsidian bist, bist du allein. Wenn das Spiel auffliegt, können wir das Gebäude nicht stürmen, ohne einen internationalen Zwischenfall und ein Blutbad zu riskieren. Du bist auf dich allein gestellt."

„Perfekt", erwidere ich, und zu meiner eigenen Überraschung meine ich es genau so.

Das Adrenalin beginnt in meinen Venen zu pulsieren, ein vertrautes, heißes Gefühl, das die Kälte des Raumes vertreibt. Ich brauche diesen Zustand. Ich brauche das Gefühl, am Abgrund zu stehen, um absolut scharf zu funktionieren. In meinem echten Leben gibt es nichts, was mich hält. Keine Familie, keine Beziehung, keine Verpflichtungen. Mein Job ist mein Zuhause, und die Dunkelheit ist das Territorium, in dem ich mich am besten auskenne.

Ich trete an die Tür des Safehouses. Harris folgt mir und öffnet sie. Draußen wartet ein unaufälliges, schwarzes Taxi, dessen Fahrer ebenfalls von unserer Behörde gestellt wird.

„Cara", ruft Harris mir nach, als ich bereits im Türrahmen stehe.

Ich halte inne, blicke aber nicht zurück.

„Vance sammelt keine schönen Dinge, um sie zu bewundern", sagt er leise. „Er sammelt sie, um sie zu besitzen. Wenn er dich erst einmal in seinem Kreis hat, lässt er dich nicht mehr gehen."

„Das weiß ich", erwidere ich, und ein schmales, kaltes Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. „Aber er vergisst dabei eine Kleinigkeit."

„Was?"

„Dass manche Dinge, die man besitzen will, giftig sind."

Ich trete hinaus in den strömenden Regen. Die kalte Luft schneidet in meine ungeschützte Haut, aber ich weigere mich, zu zittern. Ich steige in den Fond des Taxis. Die Tür fällt mit einem satten, dumpfen Knall ins Schloss und schluckt das Geräusch des Regens.

Der Fahrer blickt durch den Rückspiegel zu mir nach hinten. Seine Augen sind schmal, voller Anspannung. „Bereit, Ma'am?"

Ich lehne mich in die Ledersitze zurück, öffne die Samttasche und kontrolliere den Sitz meines Passes. Meine Finger sind absolut ruhig.

„Bringen Sie mich ins Obsidian", befehle ich leise. „Es wird Zeit, den König zu treffen."

Die Fahrt durch die nebligen, kopfsteingepflasterten Straßen von Edinburgh fühlt sich an wie die Fahrt in die Unterwelt. Die historische Kulisse der Stadt - die aufragenden, schwarzen Fassaden der Old Town, die düsteren Klippen des Castle Rock, die im fahlen Schein der Straßenlaternen wie steinerne Wächter wirken - verstärkt das Gefühl von Isolation. Hier oben, im Norden, gelten andere Regeln. Und Silas Vance ist derjenige, der sie schreibt.

Nach zwanzig Minuten bremst das Taxi in einer schmalen Seitengasse der New Town. Keine Leuchtreklame, kein lauter Lärm. Nur eine schwere, dunkel gestrichene Eichentür, über der in dezenten, geschmiedeten Lettern ein einziges Wort steht: OBSIDIAN.

Vor der Tür stehen zwei Männer in perfekt sitzenden, maßgeschneiderten Anzügen. Keine typischen Türsteher mit Stiernacken und billigen Lederjacken. Das hier sind Soldaten der Oberschicht. Ihre Augen wandern mechanisch über jeden, der sich der Tür nähert.

Ich steige aus, öffne den schwarzen Regenschirm und gehe mit langsamen, wiegenden Schritten auf den Eingang zu. Jeder Schritt mit den High Heels auf dem nassen Kopfsteinpflaster muss sitzen. Reine Psychologie. Angst zeigt sich im Gang. Hektik zeigt sich im Rhythmus. Cara Finch hetzt nicht. Sie flieht zwar, aber sie behält die Kontrolle.

Als ich die Männer erreiche, bleibe ich vor dem Größeren der beiden stehen. Sein Blick fixiert mein Gesicht, wandert dann an meinem Kleid hinunter und bleibt für den Bruchteil einer Sekunde an meinen Beinen hängen.

„Guten Abend, Ma'am", sagt er mit einem leichten schottischen Akzent, der jedoch absolut höflich und distanziert klingt. „Der Club ist heute Abend einer geschlossenen Gesellschaft vorbehalten. Nur mit Mitgliedskarte oder persönlicher Einladung."

Ich klappe den Regenschirm mit einer eleganten Bewegung zusammen, schüttle die Wassertropfen ab und sehe ihn direkt an. Ich weiche seinem Blick nicht aus. Ich lasse ein kalkuliertes, leicht arrogantes Lächeln auf meinen Lippen erscheinen.

„Sagen Sie Ihrem Manager, dass Cara Finch hier ist", sage ich, und meine Stimme hat genau den Hauch von Londoner Elite, den meine Legende verlangt. „Und sagen Sie ihm, dass ich nicht vorhabe, im Regen zu warten, während er die Bücher prüft, die ich ihm korrigieren soll."

Der Mann zögert. Seine Augen verengen sich leicht, als er den Namen hört. Er greift an sein Ohr, drückt den Knopf seines Funkgeräts und spricht mit leiser Stimme hinein. Ich kann die Antwort nicht verstehen, aber ein paar Sekunden später nickt er und tritt beiseite. Er öffnet die schwere Eichentür.

„Willkommen im Obsidian, Miss Finch", sagt er.

Ich nicke ihm zu und trete über die Schwelle.

Der Club erstreckt sich über zwei unterirdische Etagen, die in den historischen Kellergewölben der Stadt errichtet wurden. Der Kontrast zur Kälte draußen ist atemberaubend. Der Geruch von teurem Parfüm, Champagner, feinstem Tabak und trockenem Eis liegt in der Luft. Die Wände sind aus dunklem, poliertem Naturstein, der das gedämpfte, violette und goldene Licht der Designer-Lampen reflektiert.

Ein tiefer, hypnotischer Bass dröhnt durch den Raum. Er ist nicht laut genug, um Gespräche zu übertönen, aber er ist so tief, dass ich die Vibrationen in meinen Fußsohlen und tief in meiner Brust spüre. Er gibt den Takt vor.

Ich gehe die geschwungene Treppe hinunter zur Hauptbar. Der Club ist gut besucht, aber nicht überfüllt. Männer in maßgeschneiderten Smokings, Frauen in sündhaft teuren Abendkleidern. Das hier ist das Epizentrum des illegalen Reichtums von Edinburgh. Hier treffen sich Politiker, Wirtschaftsbosse und Kriminelle auf Augenhöhe. Und über ihnen allen thront er.

Ich richte meinen Blick nach oben.

Im ersten Stock zieht sich eine exklusive VIP-Lounge um das gesamte Gewölbe. Die Vorderseite ist komplett aus abgedunkeltem Spionglas gefertigt. Von unten sieht man nur eine schwarze, spiegelnde Wand. Man kann nicht erkennen, wer dort oben sitzt. Aber von da hat man den perfekten Blick auf jeden einzelnen Tisch, jeden Gast und jeden Winkel des Clubs.

Es ist Silas' Thron. Er sitzt da oben, im Dunkeln, und beobachtet sein Reich. Und genau in diesem Moment, da bin ich mir absolut sicher, sieht er auch mich.

Ich gehe zur Bar, setze mich auf einen der ledernen Barhocker und stelle meine Samttasche vor mir ab. Der Barkeeper nähert sich mir sofort.

„Einen Wermut. Trocken. Mit einer Olive", bestelle ich unbeeindruckt.

Während der Barkeeper das Getränk zubereitet, lasse ich meinen Blick scheinbar gelangweilt durch den Raum schweifen. In Wahrheit scanne ich die Umgebung. Zwei Sicherheitskräfte am Fuß der Treppe. Einer am Notausgang. Und da, drei Meter weiter links an einem der Stehtische, steht er.

Miller.

Er sieht schrecklich aus. Obwohl er einen teuren Anzug trägt, glänzt seine Stirn von kaltem Schweiß. Er umklammert sein Glas mit zitternden Fingern und starrt abwechselnd auf sein Telefon und die Treppe zur VIP-Lounge. Er weiß, dass er heute Abend auf Messers Schneide tanzt. Wenn er seine Rolle nicht perfekt spielt, wird das FBI ihn fallen lassen. Wenn er sie zu gut spielt und Vance Verdacht schöpft, ist er tot.

Der Barkeeper stellt mein Glas vor mir ab. Ich nehme es, nippe daran und spüre den bitteren, kalten Alkohol auf meiner Zunge.

Es beginnt, denke ich. Mein Herzschlag beschleunigt sich um vielleicht zwei Schläge pro Minute, bevor ich ihn mit einer tiefen, bewussten Atmung wieder nach unten zwinge. Absolute Kontrolle.

Ich nehme mein Telefon aus der Tasche, tippe scheinbar ziellos darauf herum und sorge dafür, dass ich mich leicht in Millers Richtung drehe. Ich fange seinen Blick ein.

Für den Bruchteil einer Sekunde weiten sich seine Augen vor Panik, als er mein Gesicht erkennt. Er weiß, wer ich bin - oder zumindest, wer ich laut Drehbuch sein soll. Er schluckt den Rest seines Drinks hinunter, stellt das Glas mit einem lauten Klirren auf den Tisch und setzt sich in Bewegung.

Er kommt direkt auf mich zu. Seine Schritte sind unregelmäßig, schwer vom Alkohol und der puren Angst, die ihn antreibt.

„Cara?", ruft er laut genug, dass die beiden Geschäftsleute am Tisch nebenan sich irritiert umdrehen. „Verdammt noch mal, Cara, bist du das wirklich?"

Ich drehe mich langsam auf meinem Barhocker um. Mein Gesicht spiegelt perfekte, unterkühlte Überraschung wider. Ich ziehe eine Augenbraue hoch, taxiere ihn von oben bis unten, als wäre er ein lästiges Insekt, das sich auf mein Kleid gesetzt hat.

„Miller", sage ich, und meine Stimme ist laut genug, um die Aufmerksamkeit der umliegenden Tische zu fesseln. „Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt, als ich London verlassen habe. Ich habe kein Interesse daran, mit den Laufburschen von gestern zu sprechen."

„Du hast kein Interesse?", fährt Miller fort. Er tritt einen Schritt zu nah an mich heran, der Geruch von billigem Gin schlägt mir entgegen. Er macht seine Sache gut, die Verzweiflung in seiner Stimme ist echt. „Du hast das Geld von den Konten genommen! Mein Geld, Cara! Wegen dir steht das MI5 vor meiner Tür! Du hast mich ruiniert!"

Er greift nach meinem Arm. Seine Hand schließt sich grob um mein Handgelenk.

Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie die beiden Sicherheitsleute an der Treppe aufmerksam werden. Sie greifen an ihre Funkgeräte. Aber sie greifen noch nicht ein. Sie warten auf Befehle von oben. Von Silas.

„Lass mich los, Miller", sage ich leise. Meine Stimme ist nicht mehr die einer arroganten Londoner Elite-Frau. Sie ist eisig. Gefährlich leise. Ein Tonfall, der jedem vernünftigen Mann sagen würde, dass er sofort zurückweichen sollte.

„Einen Scheißdreck werde ich!", schreit Miller und zieht mich ein Stück vom Barhocker herunter. „Du gibst mir die Codes für die Offshore-Konten, oder ich schwöre dir, ich bringe dich höchstpersönlich zur..."

Er kommt nicht weiter.

Das ist der Moment, für den ich monatelang trainiert habe. Ich lasse mich nicht von ihm ziehen, sndern nutze den Schwung seiner eigenen Bewegung.

Mit meiner freien linken Hand packe ich seinen Daumen, der mein Handgelenk umklammert, und biege ihn mit einer explosionsartigen, präzisen Bewegung nach außen. Ein hässliches, dumpfes Knacken ertönt. Miller keucht auf, der Schmerz schießt ihm sofort in die Augen, und sein Griff lockert sich.

Noch bevor er zurückweichen kann, mache ich einen Ausfallschritt nach vorne. Ich drehe meinen Körper ein, bringe meine Hüfte unter seine und setze meine rechte Handkante mit voller Wucht gegen die Innenseite seines Knies.

Es braucht keine rohe Muskelkraft. Nur die perfekte Ausnutzung von Hebelwirkung und Anatomie.

Millers Bein gibt nach. Er verliert das Gleichgewicht und stürzt mit einem schweren, dumpfen Aufprall zu Boden, wobei er einen kleinen Beistelltisch mitreißt. Gläser zerspringen, Champagner ergießt sich über den dunklen Steinboden. Miller liegt auf der Seite, hält sich den gebrochenen Daumen und stöhnt vor Schmerz.

Im Club wird es schlagartig still. Die Musik läuft weiter, aber das dumpfe Murmeln der Stimmen ist verstummt. Alle starren auf mich.

Ich stehe inmitten der Glasscherben. Mein Atem geht ruhig. Mein smaragdgrünes Kleid ist nicht einmal verrutscht. Ich streiche den Stoff mit einer langsamen, fast gelangweilten Bewegung an meiner Hüfte glatt, nehme mein Wermutglas von der Bar, das wie durch ein Wunder unversehrt geblieben ist, und nehme einen kleinen Schluck.

Ich blicke nicht einmal auf den winselnden Miller hinunter.

Zwei Sekunden vergehen. Die Stille im Raum ist fast greifbar.

Dann öffnet sich die schwere Tür am Fuß der Treppe zur VIP-Lounge. Die beiden Sicherheitsleute in den Maßanzügen treten beiseite. Sie gehen nicht auf Miller los. Sie kommen direkt auf mich zu.

Der Größere von beiden bleibt einen halben Meter vor mir stehen. Er sieht nicht mehr höflich aus. Seine Augen sind kalt, seine Hände vor dem Körper verschränkt.

„Miss Finch", sagt er, und seine Stimme duldet keinen Widerspruch. „Mister Vance wünscht Sie zu sprechen. Sofort. Kommen Sie mit."

Ich sehe ihn an, lasse mir Zeit mit der Antwort, um zu zeigen, dass ich mich nicht einschüchtern lasse. Dann stelle ich das Glas auf die Bar zurück, greife nach meiner Samttasche und hänge sie mir über die Schulter.

„Führen Sie den Weg", erwidere ich flach.

Als ich an Miller vorbeigehe, der von zwei anderen Sicherheitskräften unsanft auf die Beine gezogen wird, blicke ich kurz nach oben zu der schwarzen Spionglas-Wand.

Die Falle ist zugeschnappt. Ich bin im inneren Kreis. Und ab jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Kapitel
1. Chapter 1 Grüne Seide, rotes Gift
Lass Corinne Vae wissen, was du von diesem Kapitel hältst!
Ich liebe es

1

Ich liebe es

Lustig

0

Lustig

Pikant

0

Pikant

Spannend

1

Spannend

Emotional

0

Emotional

Tiefgründig

0

Tiefgründig

Herzerwärmend

0

Herzerwärmend

Schockierend

0

Schockierend

Gutes Schreiben

0

Gutes Schreiben

Überzeugende Handlung

0

Überzeugende Handlung

Toller Charakter

0

Toller Charakter

Starker Dialog

0

Starker Dialog

Weitere Empfehlungen

Charly's Weihnachten

T.M: Ich kann es gar nicht anders sagen also ich liebe diese Geschichte einfach. Sie hat für mich einfach alles was es braucht. Sie hat mich einfach mitgenommen auf eine echt schöne Reise. Danke❤️

Jetzt lesen
Mystic Wolf

Jessica: Tbh I wasn't expecting much from this app but God damn this book was excellent. The character build up was slow at times but really on point because of it. The actions of the characters made sense and added depth to them instead of just feeling like the plot needed to be moved forward. I also never ...

Jetzt lesen
Bloodlines

miacoveventry92: Sad that it ended I was enjoying being sucked into this story since the first chapter. Beautiful story and I really hope there's a part two someday but as is it's a great story beginning to end and no cliffhanger at all.

Jetzt lesen
My Blacksmith Savior

Martina partsch: Eine liebenswerte,nette Liebesgeschichte mit einem emotionalen Happy End,fast wie im Märchen.Danke für die schöne Geschichte .

Jetzt lesen
The Dating Deal

HockeyLover08: So amazing! Perfect fake dating story, it takes you through many deep emotions such as denial, heartbreak, love, etc. Love Nate’s character so much, it perfectly fits with Hannah’s! Good amount of spice without making it too much to handle. 10/10 would read again 🩷

Jetzt lesen
An Irish Match

JlD: Super love it! Funny and sassy and sweet and spicy! ♥️🔥

Jetzt lesen
Silver's Second Chance

Emilia: it is a beautiful story, the necessary lenght. i loved it. thats two of your stories that i really liked.

Jetzt lesen
SECRET BILLIONAIRE

janet: It's incredible

Jetzt lesen
Called by the Alpha

Lohana Francisco: Livro bem detalhado , estou gostando até o atual momento.

Jetzt lesen
Silent Lies - Bis du meine Wahrheit bist