Kapitel Eins
Dean
Als ich Kat Baldwin zum ersten Mal traf, saß ich in einer kalten Eishalle. Meine Handflächen waren verschwitzt und ich hatte zu viel Angst, um sie anzusprechen. Noch nie hatte mich ein Mädchen eingeschüchtert, bevor ich sie traf. Aber Kat ist kein gewöhnliches Mädchen. Sie ist die Tochter von Nick Baldwin, dem Profi-Eishockeyspieler, den ich fast mein ganzes Leben lang vergöttert habe.
Kat skatet über das Eis, ein paar Mädchen im Schlepptau. Sie zieht den Puck nach rechts, als eine Flügelspielerin von links auf sie zukommt. Sie prallen gegen die Bande, und Kat kämpft darum, den Puck zu behalten. Sie gibt dem Mädchen einen Stoß mit dem Ellbogen gegen den Kiefer, um Abstand zu gewinnen. Zum Glück für Kat hat der Linienrichter den Treffer nicht gesehen.
Kat hat nicht nur das Skating-Talent und die Puck-Kontrolle ihres Vaters, sondern auch die Aggressivität ihrer älteren Brüder. Duke und Austin Baldwin sind zwei der besten Verteidiger in der NHL. Ich sehe viel von ihnen in Kat. Egal wie viele ihrer Spiele ich mir ansehe, ich bin immer noch von ihr begeistert. Ich sitze auf der Tribüne und grinse wie ein Idiot, weil sie meine beste Freundin ist… und das einzige Mädchen, das ich niemals haben kann.
Vor über drei Jahren lachten meine Teamkollegen über mich und nannten mich verrückt, weil ich mich an Kat heranmachte. Als ich hörte, dass Nicks Tochter es ins Eishockey-Team der Strickland University geschafft hatte, musste ich selbst sehen, ob sie dem Namen Baldwin gerecht wurde. Sie hat mich nicht enttäuscht, nicht einmal ein bisschen. Im nächsten Jahr kamen ihre jüngeren Brüder in mein Team und zogen dann in das Haus, das ich mit meinen Teamkollegen teile. Das hat meine Pläne für Kat verkompliziert.
Theo steht auf, steckt sich zwei Finger in den Mund und pfeift. „Komm schon, Kit-Kat.“
Travis, sein identischer Zwilling, springt von seinem Stuhl auf, fängt an, für seine Schwester zu klatschen und schreit irgendwelchen Scheiß darüber, wie sie die Konkurrenz fertigmacht. Nicht, dass Kat sie vom Eis aus hören könnte. Sie ist voll konzentriert, ihre Augen sind auf den Puck gerichtet und sie steuert auf das Netz zu.
Ich lache über diese Idioten. Genau wie ihre beiden älteren Brüder lieben Kats jüngere Brüder sie abgöttisch. Sie sind so übervorsichtig, dass ich nie eine Chance bei Kat hatte. Sie alle haben mehr als deutlich gemacht, dass ich Kat nicht anfassen darf. Dass ich Kat nicht küssen darf. Oder auch nur auf unangemessene Weise an sie denken darf. Anfangs wollte ich von Kat nur Freundschaft. Aber mit den Jahren merke ich, dass ich sie jeden Tag mehr will.
„Oooh“, sagt Travis und stößt Theo mit dem Ellbogen in den Arm. „Hast du diesen Schuss gesehen? Verdammt, Kit-Kat.“
Theo legt die Hände um den Mund und schreit: „Das ist meine Schwester!“
Sie sind so verdammt laut, dass die Leute um uns herum zu Theo und Travis rübersehen. Die Baldwin-Zwillinge haben die Größe, den schlanken, muskulösen Körperbau und die dunklen Gesichtszüge ihres Vaters geerbt. Ein paar der Mädchen ein paar Reihen vor uns starren über die Schultern zu ihnen rüber und lecken sich die Lippen. Die hübsche Rothaarige mit den großen Titten winkt Theo zu. Er schaut zu Travis, der ihm mit einem Nicken das Zeichen gibt.
„Wir sind gleich zurück“, sagt Theo zu mir.
Ein schelmisches Grinsen huscht über Travis’ Mundwinkel, als er zuzwinkert.
Die Zwillinge springen über die Sitze vor uns. Theo legt seinen Arm um den Nacken der Rothaarigen. Travis quetscht sich zwischen zwei Blondinen rechts von ihnen und zieht eine von ihnen auf seinen Schoß. Wenn Kat hier wäre, würde sie ausrasten. Sie schreit ihre Brüder ständig wegen ihres Verhaltens gegenüber Frauen an. Ich soll für sie auf die beiden „aufpassen“. Aber es kommt gar nicht infrage, dass ich Theo und Travis sage, sie sollen keinen Spaß haben. Wäre ich nicht so verdammt in ihr verliebt, wäre ich jetzt selbst da unten bei ihnen.
Nach dem Spiel warte ich am Eingang der Eishalle auf Kat, während die Strickland Senators mit ihren Gegnern abklatschen. Kat war der einzige Grund für diesen Heimsieg. Sie hat jede Sekunde dominiert, die sie auf dem Eis war.
Ich rufe nach Kat, als sie das Eis verlässt. Sie legt den Kopf in meine Richtung und verdreht die Augen, als ich meine Hand hebe und ihr mit dem Zeigefinger zuwinke, dass sie herkommen soll.
„Hast du mich gerade zu dir gewinkt?“ Sie reißt sich die Handschuhe aus und drückt sie gegen ihr dunkelblau-weißes Trikot.
Ich stecke meine Hände in die Taschen und zucke mit den Schultern, während ich ihr eines meiner jungenhaften Lächeln schenke, bei dem sie einfach nicht böse auf mich sein kann. „Ähm… ich schätze schon.“
„Du solltest inzwischen wissen, dass du mich nicht wie eine Puck Bunny behandeln darfst. Ich bin nicht dein Mädchen für alles, Dean.“ Ein Anflug von Grinsen zeigt sich auf ihren Lippen. Sie liebt es, mich fertigzumachen. Ist es nicht das, wofür beste Freunde da sind? „Zeig nicht mit dem Finger auf mich und erwarte, dass ich angerannt komme“, beendet sie den Satz.
Die Mundwinkel heben sich zu einem diebischen Grinsen. „Aber du bist gekommen“, merke ich an.
„Nein, lass das.“ Sie schüttelt den Kopf. „Dirty Dean funktioniert bei mir nicht.“
Ich lache über ihren Kommentar.
Sie ist es gewohnt, dass Frauen mir mehr Aufmerksamkeit schenken, als mir lieb ist. Bei vielen Gelegenheiten habe ich mich total zugeschüttet und dummen Scheiß gemacht, der mir von Kat den Spitznamen Dirty Dean eingebracht hat. Wenn ich mich wie ein Arsch verhalte, lässt sie mich sofort wissen, dass mein Alter Ego wieder zum Vorschein gekommen ist.
„Komm schon, Baldwin“, ruft ihr Trainer von hinter ihr. „Lass uns weiter.“
Kat schaut über die Schulter und sagt okay, bevor sie sich wieder mir zuwendet. „Ich muss los, bevor der Trainer sauer wird. Wolltest du was?“
Ich schüttle den Kopf. „Nee, ich wollte nur sagen, gutes Spiel, und dass du dich fertigmachen sollst. Wir gehen später noch aus.“
Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Ach, tatsächlich? Mir war nicht klar, dass du meinen Terminkalender verwaltest.“
„Was hattest du heute Abend denn vor?“
Sie beißt sich auf die Unterlippe. „Ich wollte eigentlich mit meinen Teamkolleginnen abhängen. Ein paar der Mädels wollten später ins O’Shea’s.“
Sie nimmt den Helm von ihrem langen, blonden Haar ab und wischt sich die schweißnassen Strähnen aus der Stirn. Mein Puls beschleunigt sich bei dieser einfachen Geste. Trotz meiner Gefühle für Kat habe ich nie versucht, sie zu küssen. Unsere Freundschaft ist mir zu wichtig, als dass ich etwas riskieren würde, das uns alles kosten könnte.
„Du solltest heute Abend zur Party bei Delta Sig kommen“, sage ich. „Ich gehe mit deinen Brüdern hin. Theo trifft sich dort mit irgendeinem Mädchen.“
Sie beißt sich auf die Wange und überlegt. „Okay, schätze schon. Ich sollte sicherstellen, dass Theo nicht wieder in Schwierigkeiten gerät.“
„Er braucht dich nicht als Aufpasserin.“
Sie verdreht die Augen. „Das ist Theo, über den wir reden. Theo und Travis sind schlimmer als die Weasley-Zwillinge. Irgendwer muss sicherstellen, dass sie nichts Dämliches anstellen.“
„Du musst sie nicht wie eine Mutter bewachen. Komm einfach mit uns. Wir werden Spaß haben. Wir haben nicht mehr viel Zeit, bis wir unseren Abschluss machen.“
Sie seufzt. „Okay, aber ich muss erst duschen und was essen. Ich treffe euch dann dort.“
Ich zwinkere ihr zu. „Klingt gut.“
„Wo sind sie eigentlich?“ Sie sucht die Arena nach ihren Brüdern ab. „Ich dachte, sie sind mit dir zum Spiel gekommen?“
Ich zeige in Richtung der Zwillinge.
Sie folgt meinem Blick und seufzt. „Hey, Fred und George“, ruft sie. „Kommt mal her mit euren Ärschen.“
Kat vergleicht ihre Brüder immer mit den Weasley-Zwillingen aus den Harry-Potter-Büchern, weil sie ständig nur Blödsinn im Kopf haben. Theo ist zuerst da. Travis ist direkt hinter ihm und stellt seinem Bruder ein Bein, um schneller durch den Mittelgang zu Kat zu gelangen.
Die beiden leben in ihrer eigenen Welt. Ich habe keine Ahnung, wie Kat es so viele Jahre mit ihnen ausgehalten hat, ohne den Verstand zu verlieren. Ich schlafe im Wohnheim ein Zimmer neben ihnen und bereue meine Entscheidung seither jeden Tag. Sie halten mich die meisten Nächte wach – entweder mit lautem Streit wegen völlig bescheuertem Scheiß, Videospielen oder den Mädchen, die sie mit nach Hause bringen.
„Was gibt’s, Kit-Kat?“, sagt Theo, nachdem er Travis überholt hat. Er legt seine große Hand auf ihre gepolsterte Schulter.
Travis drängt ihn weg. „Ja, was ist los, Sis? Wir waren gerade ein bisschen beschäftigt.“ Er wackelt mit den Augenbrauen. „Oder besser gesagt, wir wollten uns beschäftigen… falls du verstehst, was ich meine.“
Sie schüttelt den Kopf und seufzt. „Ich komme später zur Party. Bitte benehmt euch nicht wie die letzten Assis.“
Travis legt seinen Arm um ihren Nacken, Theo nimmt die andere Seite, und sie drücken sie in eine Umarmung.
„Kannst du nicht mal Spaß haben, Kit-Kat?“, sagt Theo. „Du bist so ein Spielverderber.“
„Das liegt daran, dass Dad mich jedes Mal anschreit, wenn ihr Mist baut. Ich will nicht von ihm zur Sau gemacht werden für etwas, das ich gar nicht getan habe.“
„Ich bin ein erwachsener Kerl“, kontert Travis.
„Ich auch“, sagt Theo.
Kat verdreht die Augen und lacht. „Jeder Mann, der zu seiner Verteidigung erst sagen muss: ‚Ich bin ein erwachsener Kerl‘, benimmt sich meistens nicht wie einer.“
Theo kichert. Travis gähnt, als wäre ihm das Gespräch zu langweilig.
Kat verpasst beiden einen Klaps auf den Bizeps. „Ich meine es ernst. Stellt heute Abend keinen dummen Scheiß an.“
„Wir werden uns von unserer besten Seite zeigen.“ Travis hebt drei Finger. „Pfadfinderehrenwort.“
„Ja“, stimmt Theo zu. „Wir werden uns benehmen.“
Die beiden schauen sich an und zwinkern. Kat bemerkt nicht, dass sie beide hinter ihrem Rücken die Finger kreuzen. Würde sie aufpassen, wüsste sie, dass sie lügen. Die Zwillinge sind so unreif. Ich schätze, das liegt daran, wie sie erzogen wurden. Austin und Duke, die über fünf Jahre älter als Kat sind, haben sie verhätschelt, und sie hat es bei den Zwillingen genauso gemacht.
Nachdem wir unsere Pläne besprochen haben, geht Kat weg. Sie wirft noch einen letzten Blick über die Schulter zu mir, bevor sie in Richtung Kabine verschwindet. Ich beobachte, wie Kat die Halle verlässt, mein Herz hämmert in meiner Brust. Ich gehe zu all ihren Spielen wie ein kleiner Fanboy – weil ich ihr größter Fan bin.










