𝘒𝘢𝘱𝘪𝘵𝘦𝘭 𝟣.
Der Sandsack schwang zurück, schwerer als sonst, oder vielleicht war ich es, die schwächer wurde. Schweiß lief mir in die Augen, brannte, aber ich blinzelte ihn weg, ohne die Deckung zu senken. Rechts, links, ein Haken, den mein Trainer mir seit Wochen eintrichterte. Der Geruch der Halle – Leder, Schweiß, das leichte Chlor vom Putzmittel auf der Matte – war mir so vertraut wie mein eigenes Zimmer.
„Deckung hoch, Lena! Du lässt die rechte Seite offen!"
Micha stand am Rand der Matte, Arme verschränkt, die Stoppuhr in der Hand, obwohl er sie nie brauchte – er hatte ein inneres Gefühl für Zeit, das jeder in der Halle respektierte. Er war streng, aber fair, und ich mochte das an ihm. Er behandelte mich nicht anders, nur weil ich ein Mädchen war zwischen lauter Jungs, die alle größer und breiter waren als ich. Das hatte ich mir verdienen müssen, mit jedem Training, jedem blauen Fleck.
Ich zog die Fäuste enger an mein Gesicht, spürte das Brennen in den Schultern, das vertraute Ziehen, das bedeutete, dass ich hart genug trainierte. Boxen war das Einzige, bei dem meine Gedanken leer wurden. Keine Schule, kein Streit mit meiner Mutter, kein Grübeln. Nur der Sandsack, der Rhythmus, das Zählen der eigenen Atemzüge.
Seit ich zwölf war, kam ich hierher, drei Mal die Woche, manchmal vier. Mein Vater hatte mich zum ersten Training gefahren, hatte an der Seite gestanden und genickt, ohne etwas zu sagen, was für ihn schon eine Menge war. Von ihm hatte ich auch die Stadt gelernt – jahrelang war ich als Kind auf seiner Posttour mitgefahren, und irgendwo zwischen all den Straßen und Hinterhöfen hatte sich ein Stadtplan in mir festgesetzt, den ich nie bewusst auswendig gelernt hatte.
Der nächste Schlag traf den Sack schief, mein Handgelenk knickte leicht ab. Ich schüttelte es aus, biss die Zähne zusammen. Micha sah es, sagte aber nichts – er wusste, dass ich weitermachen würde, egal was er sagte.
„Pause", rief er schließlich. Aber da war es schon zu spät. Ein Stich traf mich im Nacken, so plötzlich und so präzise, dass es sich nicht anfühlte wie Erschöpfung oder ein verspannter Muskel – eher wie etwas, das von außen kam, ein Nadelstich, ein Druck, der sich sofort ausbreitete, kalt und heiß zugleich. Meine Hände fielen von der Deckung, meine Beine wurden weich wie Gummi. Ich versuchte, mich am Sandsack festzuhalten, aber meine Finger fanden keinen Halt, glitten am Leder ab.
Das Letzte, was ich klar wahrnahm, war dieser Stich, der sich anfühlte, als hätte ihn jemand gesetzt, nicht als wäre er einfach passiert. Dann kippte die Halle zur Seite, die Deckenlampen wurden zu langen weißen Streifen, und alles wurde schwarz.
Ich weiß nicht, wie lange ich weg war. Als ich wieder zu mir kam, war da Michas Gesicht über mir, blass, mit einer Falte zwischen den Augenbrauen, die ich noch nie gesehen hatte. Jemand hatte schon den Rettungsdienst gerufen – ich hörte die Sirene, bevor ich die Männer sah, die mich auf die Trage hoben, grelles Licht, Stimmen, die durcheinanderredeten, Hände, die mich festschnallten.
„Wie heißt du?", fragte einer von ihnen, während er mir eine Manschette um den Arm legte. Seine Stimme war ruhig, freundlich fast, mit der Routine eines Mannes, der das schon hundertmal gemacht hatte.
„Lena", sagte ich, und meine eigene Stimme klang fremd, zu dünn für den Schmerz, der in meinem Nacken pulsierte.
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Der Gurt schnitt in meine Schulter, jedes Schlagloch ein kleiner Stich. Über mir flackerte das Blaulicht durch die beschlagenen Scheiben, unregelmäßig, wie ein Herzschlag, der aus dem Takt geraten war.
Der Krankenwagen roch nach Desinfektionsmittel und nassem Stoff. Meine Klamotten klebten noch vom Regen, der mich überrascht hatte, als sie mich aus der Halle trugen. Die beiden Sanitäter wirkten zunächst wie jedes andere Team, das ich aus Erzählungen kannte – der Ältere fuhr ruhig, geübt, erklärte kurz, dass sie mich zur Beobachtung ins Klinikum bringen würden, der Jüngere prüfte meine Werte, lächelte mir sogar kurz zu, als er die Sauerstoffsättigung maß. „Alles im grünen Bereich", sagte er, und ich glaubte ihm.
Erst als die Fahrt sich in die Länge zog, fiel mir etwas auf. Ich richtete mich ein Stück auf, so weit es der Gurt erlaubte, und sah aus dem kleinen Fenster in der Hecktür. Regen, Straßenlaternen, die vorbeizogen – aber die Reihenfolge stimmte nicht. Ich kannte diese Strecke, kannte sie besser als die meisten Menschen in dieser Stadt. Wir fuhren nicht Richtung Klinikum. Das Klinikum lag im Norden. Wir fuhren nach Osten, in Richtung der alten Industriegebiete, wo nachts kaum ein Auto unterwegs war.
„Wohin fahren wir?", fragte ich, und meine Stimme klang lauter, als ich wollte, schärfer, mit einem Zittern darin, das ich nicht kontrollieren konnte.
Der jüngere Sanitäter sah mich kurz an, dann wieder auf den Monitor. Sein Lächeln von vorhin war weg. „Wir bringen dich in Sicherheit", sagte er, und etwas in seinem Tonfall stimmte nicht. Kein Trost. Eher eine Formel, etwas Einstudiertes.
„Das Klinikum ist in die andere Richtung."
Er antwortete nicht.
Ich sah zum Älteren vorn. Er hatte mich seit der Abfahrt kein einziges Mal im Rückspiegel angeschaut. Das fiel mir jetzt erst auf – wie unnatürlich das war, wie bewusst er es vermied.
„Puls fällt", sagte der Jüngere, ohne mich anzusehen, an seinen Kollegen gewandt.
Mein Puls fiel nicht. Ich spürte ihn in meinen Ohren hämmern, schneller, nicht langsamer, ein Trommeln, das mit jeder Sekunde lauter wurde. Ich sagte das laut, aber keiner reagierte darauf, als hätte ich gar nichts gesagt. Der Ältere beugte sich kurz zu seinem Kollegen, seine Stimme zu leise, um jedes Wort zu verstehen. Nur eins blieb hängen. *Transport.* Nicht wie ein medizinischer Begriff. Wie ein Codewort.
Etwas in mir kippte um von Verwirrung zu reiner Angst, kalt und plötzlich, wie der Regen vorhin.
Ich hatte keine Zeit, es mir zu erklären. Mein Körper reagierte, bevor mein Kopf nachkam – Jahre im Ring hatten mir das beigebracht, dieses Vertrauen in die eigenen Reflexe, schneller zu handeln als zu denken. Ein Ruck, der Gurt löste sich leichter, als er sollte, als hätte niemand ihn richtig festgezogen. Meine Faust traf den Sanitäter neben mir am Kiefer, hart, mit dem ganzen Gewicht meiner Schulter dahinter, ein Schlag, den Micha mir hundertmal hatte üben lassen. Er schrie auf, taumelte gegen die Trage, Blut zwischen seinen Fingern.
Der Wagen schwankte leicht, der Fahrer reagierte auf den Aufprall, einen Sekundenbruchteil abgelenkt. Genug.
Die Hecktür war nicht verriegelt.
Der Regen traf mich wie eine Wand, kalt genug, um mir für einen Moment den Atem zu nehmen. Der Asphalt war weit weg, näherte sich zu schnell. Ich rollte mich ab, so gut es der Sturz erlaubte, spürte, wie etwas in meinem Nacken riss, ein Schmerz, der mir die Sicht kurz weiß färbte.
Aufstehen. Laufen. Meine Beine gehorchten, bevor mein Kopf die Erlaubnis dazu gegeben hatte.
Ich kannte diese Gegend nicht. Der Regen machte alles gleich, jede Gasse, jeder Schatten identisch mit dem nächsten. Ich rannte trotzdem, eine Hand am Nacken, als könnte ich den Schmerz damit festhalten.
Hinter mir, gedämpft vom Regen, hörte ich eine Autotür, dann Schritte, schwerer als meine, aber nicht schneller.
Ich rannte schneller, ohne zu wissen, wohin, nur weg. Der Boden war uneben, matschig an manchen Stellen, hart und rutschig an anderen. Meine Lunge brannte, mein Nacken schrie bei jeder Erschütterung, aber Stehenbleiben war keine Option, die mein Körper in Betracht zog.
Der Stein lag halb im Gras versteckt, vom Regen glänzend, unsichtbar in der Dunkelheit. Mein Fuß fand ihn, bevor mein Auge es tat. Der Boden kam mir entgegen, schneller als der Asphalt vorhin, und dann—
Nichts.








