Kapitel 1
Blut. Es war alles, was Jax riechen und schmecken konnte. Auf dem Boden. Schmerzhaft an den Wänden verschmiert. Es hatte sich in seine Seele gebrannt und klebte auf jeder Oberfläche dazwischen.
„Leise“, zischte Malcolm und ließ seine donnernden Schritte bedrohlich verstummen.
„Hast du das gehört?“, fragte Malcolm.
Jax hörte einen Schrei. Ein kleines Geräusch voller Panik.
„Diese Blutfarm hat eine Überlebende?“, fragte Jax völlig fassungslos.
„Du siehst dir das Zimmer da an, ich schaue den Flur entlang“, befahl Malcolm.
Jax antwortete mit einem knappen Nicken und schlich in das Zimmer, aus dem das kleine Wimmern drang.
Ein Mädchen lag in der Ecke. Sie war an mehrere Infusionen angeschlossen, die ihr langsam das Leben entzogen. Es war der einzige Zweck, um mehr Bloodhounds zu erschaffen. Ihr ganzer Körper war mit dunklem, getrocknetem Blut bedeckt.
Die Frau blickte zu ihm auf. Ihre Augen leuchteten in bernsteinfarbenem Licht. Das Feuer darin erlosch träge, während sie versuchte, von der großen, muskulösen Gestalt wegzukriechen.
„Malcolm, wir haben eine Überlebende!“, rief Jax. Seine kräftige Stimme hallte durch den leeren Raum.
Jax hörte Malcolms hastige Schritte näher kommen.
Das Mädchen sah Jax noch einmal an. Ihre Augen brannten und ließen den ganzen Raum in Flammen aufgehen.
Dann fielen ihre Augen zu und ihr Körper erschlaffte.
Das Mädchen schlief seit Tagen.
„Jax, dieses Mädchen war dem Tode nahe. Wie lange ist sie schon in kritischem Zustand?“, drängte Malcolm.
„Ein paar Tage“, brummte Jax.
„Was hast du dir dabei gedacht, sie mit nach Hause zu nehmen? Sie hat eine Familie und einen Gefährten, die sich um sie kümmern müssen“, stöhnte Malcolm und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht.
„Ich konnte sie da nicht liegen lassen und sterben lassen“, knurrte Jax, der es leid war, dass Malcolm seine Logik infrage stellte.
„Ich habe dich hierher geflogen, damit du mir hilfst, die Blutfarmen loszuwerden“, erinnerte Jax den goldhaarigen Mann und deutete auf das bewusstlose Mädchen.
„Ich mag ein fähiger Heiler sein, Jax, aber bei so etwas kann ich nicht helfen“, spottete Malcolm.
„Das weiß ich verdammt noch mal. Aber wenn sie aufwacht, will sie kein Gesicht wie dieses sehen“, schnauzte Jax und deutete auf die grässliche Narbe, die quer über sein Auge verlief.
„Jax...“, begann Malcolm verständnisvoll.
Jax hob die Hand, um die mitfühlenden Worte seines Freundes zu stoppen.
„Ich brauche kein verdammtes Mitleid. Ich brauche dich, damit du herausfindest, wer sie ist, woher sie kommt, und sie so schnell wie möglich nach Hause bringst. Bitte, Malcolm, ich kann mit so etwas nicht umgehen“, flehte Jax beinahe. Und Jax sagte nie bitte.
„Wie du willst“, seufzte Malcolm und fuhr sich durch das ohnehin schon zerzauste Haar.
Die beiden Männer blieben einen Moment lang still stehen und starrten das Mädchen an. Unter der ärztlichen Pflege war sie deutlich gesünder geworden. Ihr pechschwarzes Haar lag wie ein dunkler Heiligenschein um sie herum und ließ ihre Haut noch totenblasser wirken.
„Ist sie ein Kitten Shifter?“, fragte Malcolm geistesabwesend und trat näher, um sie zu untersuchen.
Jax spannte sich an.
„Was ist ein Kitten Shifter?“
Jax gefiel der Begriff nicht, den Malcolm benutzte, um die Frau zu beschreiben.
„Das ist ein Werwolf, der bemerkenswert schwach ist. Sie können sich zwar verwandeln, aber man rät ihnen davon ab, da es ihren Körper extrem belastet.“
Malcolm strich eine Haarsträhne beiseite und legte ihre Halsseite frei.
Ein tiefes Knurren begann in Jaxs Brust.
Malcolms Augen weiteten sich vor Überraschung.
„Beruhige dich bitte. Ich habe nur nach dem Mal eines Kitten Shifters gesucht, und hier ist es“, verteidigte sich Malcolm und zeigte auf ein kleines, mondförmiges Geburtsmal unter ihrem Ohr.
Jax trat näher und untersuchte es.
„Warum sollte Cerberus das Blut eines Kitten Shifters wollen, um seine Hunde anzutreiben? Normalerweise sind die Starken am meisten gefährdet.“
„Die Blutfarm, die wir ausgehoben haben, war keine gewöhnliche Farm. Es war ein Experimentierlager. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie sie benutzt haben, um verschiedene Kombinationen zu testen“, schlussfolgerte Malcolm.
„Wenn sie so schwach ist, erklär mir mal, warum sie als einzige Wölfin überlebt hat“, hakte Jax misstrauisch nach.
„Ich habe keine Ahnung“, murmelte Malcolm leise und starrte sie immer noch an.
„Hör auf damit.“
„Wie bitte?“, fragte Malcolm.
„Hör auf, sie so anzustarren“, schimpfte Jax.
Malcolm zeigte eines seiner typischen Grinsen.
„Warum? Bist du etwa ihr Gefährte?“, neckte Malcolm.
„Natürlich nicht, du Idiot. Bist du es etwa?“, gab Jax ebenso kindisch zurück.
Malcolm verdrehte die Augen bei den Mätzchen des vernarbten Mannes.
„Häng dich nicht zu sehr an sie, Jax. Sobald sie aufwacht, muss sie nach Hause“, ermahnte ihn Malcolm.
„Das weiß ich verdammt noch mal, Malcolm“, warnte Jax, dessen Wut gefährlich anstieg.
Malcolm grinste.
„Na gut, dann sag mir Bescheid, wenn sie aus ihrem Schlaf erwacht. Bis dahin findest du mich in einem deiner Gästezimmer“, rief Malcolm, als er den Raum verließ.
Zehn Minuten später flatterten zwei honigfarbene Augen auf und kehrten in die harte Welt der Realität zurück.
Sie war wach.