Kapitel 1
Sophia
„Ich hasse dich!“, schrie ich niemand Geringerem als Damon Blake entgegen, dem Kerl, den ich seit der vierten Klasse verabscheute.
Er spottete: „Ich würde es nicht anders wollen.“
Ich verdrehte die Augen und stürmte ohne ein weiteres Wort davon. Ich musste weg von diesem Idioten, bevor ich ihm den Kopf abreißen und ihn einem Hund zum Fraß vorwerfen würde. Er war es nicht wert, dass ich wegen ihm eine Vorstrafe kassierte.
Während ich durch die Flure der Oakville High lief, dachte ich darüber nach, wie ich überhaupt angefangen hatte, Damon zu hassen.
Ich wusste kaum, dass er existierte, bis eines Tages in der Grundschule – kurz nachdem ich Dylan Russo einen Kuss auf die Wange gegeben hatte, weil er mir eine Blume schenkte – Damon auf uns zukam und Dylan fragte, warum er seine Zeit mit so einem hässlichen Mädchen verschwendete.
Da ich so unreif war, wie man in der vierten Klasse eben ist, trat ich ihm voll auf den Fuß und erklärte ihm, dass er viel hässlicher sei als ich.
Von da an waren wir geschworene Feinde und jeder wusste es. Wir konkurrierten bei jeder Gelegenheit miteinander und zickten uns ständig wegen allem Möglichen an – von Bad-Hair-Days bis zur Farbe unserer Shirts.
Sogar die Lehrer wussten, dass sie uns nicht in dieselbe Klasse stecken durften. Es würde nur dazu führen, dass wir die anderen Schüler mit unserem Gezanke nervten.
Es war erst der erste Tag im Abschlussjahr, der Unterricht hatte noch gar nicht richtig angefangen, und schon hatten wir uns in der Wolle. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie schlimm es werden würde, wenn wir jeden Tag eine Stunde lang im selben Raum festsaßen.
Ich stopfte alles, was ich nicht brauchte, in mein Schließfach und knallte die Tür zu, genau als die Klingel läutete und mir signalisierte, dass ich zum Unterricht musste.
Ich war eigentlich gut gelaunt gewesen, da ich endlich im Abschlussjahr war – nur noch ein Jahr, bis ich hier weg konnte –, aber mein Streit mit Damon hatte mir die Laune verdorben. Das war der Effekt, den er auf mich hatte. Die kleinste Kleinigkeit, ein falscher Blick von ihm, und ich wollte jemandem den Kopf abreißen. Am liebsten seinem.
Zum Glück hatte ich als Erstes mein Lieblingsfach: Fotografie. Das hob meine Stimmung und befreite meinen Kopf von jeglichen Gedanken an Damon.
Ich wollte nach der Highschool etwas Künstlerisches machen, also hatte ich in den drei Jahren an der Oakville High jeden Kunstkurs belegt, den ich kriegen konnte. Fotografie sprach mich auf eine Weise an, wie es nichts anderes tat. Es gab Momente im Leben, in denen ich wünschte, ich könnte für immer bleiben, aber das war nicht möglich. Also war das Betrachten eines Fotos von einem dieser Momente das Nächste, was ich dem Nacherleben nahekommen konnte. Ich machte es mir zur Aufgabe, die schönsten Augenblicke festzuhalten, damit andere sie miterleben konnten, wenn sie eine Flucht aus der echten Welt brauchten.
Ich kam in den Kurs, wurde von einer Welle von Hallos begrüßt und lächelte höflich zurück, auch wenn ich bei manchen nicht wusste, wer sie waren.
Als ich auf die Highschool kam, wurde ich ziemlich beliebt, aber Damon eben auch, was dazu führte, dass wir uns noch mehr hassten. Wir machten einen Wettkampf daraus, wer beliebter werden konnte. Ich war das nette Mädchen, das jeden freundlich behandelte, während Damon der Typ war, der Lehrer mit Papierkügelchen bewarf und mit fast jedem Mädchen flirtete.
Wir lagen bei der Beliebtheit immer gleichauf, aber dieses Jahr würde alles anders werden. Ich würde gewinnen und ihn das nie vergessen lassen.
Wenn dieser Wettbewerb nicht wäre, wäre mir Beliebtheit völlig egal, aber mein Drang, Damon zu schlagen, übertraf alles andere.
Ich ging fröhlich in meinen Kurs in der zweiten Stunde, Umweltkunde, und setzte mich in die Mitte des Raumes. Meine Stimmung war nach dem Fotografieren viel besser, und als Bonus hatte ich Damon seit unserem kleinen Streit nicht mehr auf dem Flur gesehen. Es gab nicht viele Dinge, die mir so leicht die Laune verderben konnten, aber er gehörte definitiv dazu.
Der Raum füllte sich schnell und alle nahmen ihre Plätze ein. Als die Glocke läutete, war der Raum ziemlich voll und es war nur noch ein Platz frei. Ich fragte mich vage, ob dieser Platz für jemanden reserviert war oder nur ein zusätzlicher Platz war.
Meine Frage wurde schnell beantwortet, als jemand in den Raum stürmte, genau als der Lehrer mit der Anwesenheitsliste beginnen wollte.
Ich sah nicht einmal hin, um zu sehen, wer es war, weil es mich nicht interessierte. Ich hasste es, wenn Leute zu spät zum Unterricht kamen; es stört alle und zeigt mir, dass ihnen ihre Bildung nicht viel bedeutet. In all den drei Jahren an dieser Schule war ich nie zu spät gekommen.
Ich hörte ein scharfes Einatmen und leise vor sich hin gemurmelte Flüche, bevor die zu spät gekommene Person schließlich sagte: „Was macht sie denn hier?“
Mein Kopf schnellte sofort in Richtung der Tür, wo die ignorante Person immer noch stand. Diese Stimme würde ich überall wiedererkennen.
Damon Blake.
Als Nächstes schnellte mein Kopf zum Lehrer. „Ausnahmsweise bin ich einer Meinung mit ihm. Was machen wir in derselben Klasse?“
Bevor unser Lehrer, Mr. Willis, auch nur ein Wort sagen konnte, machte Damon wieder seinen großen Mund auf und unterbrach ihn: „Vielleicht bist du im falschen Kurs, Soph. Ich meine, du bist doch so ein dummes Blondchen.“
Mein Blut kochte und instinktiv ballte ich meine Hände zu Fäusten. Aber anstatt wie sonst zurückzuschießen, wandte ich mich einfach wieder an den Lehrer.
„Sehen Sie, genau deshalb können wir nicht im selben Kurs sein. Dieser Holzkopf weiß einfach nicht, wann er seinen Mund halten soll.“
Mr. Willis lächelte uns nur an und sagte Damon, er solle sich setzen.
Dieser Lehrer war sicher verrückt, wenn er dachte, er könnte uns bändigen. Und was es noch schlimmer machte, war, dass es ein Ganzjahreskurs war, kein bloßes Semester. Bis zum Sommer wäre die Schule bis auf die Grundmauern niedergebrannt, wenn wir zwei in derselben Klasse blieben.
Den ganzen Unterricht über machte Damon kleine, unverschämte Kommentare, wenn ich eine Frage beantwortete. Gemeine Bemerkungen wie „Streberin“ oder „Besserwisserin“. Die Art von Beleidigungen, die mir unter die Haut gingen, und Damon wusste das. Aber da ich die Reifere von uns beiden war, ignorierte ich es, anstatt zu streiten und den Unterricht zu stören. Ich wusste, dass ich es definitiv nicht toll fände, wenn jemand den Unterricht störte, in dem ich lernen wollte. Schade, dass Damon nicht so dachte. Stattdessen legte er noch einen Zahn zu und fing an, zerknüllte Papierkugeln auf meinen Kopf zu werfen. Wie klischeehaft.
Nach dem Unterricht würde ich ein kleines Wörtchen mit ihm reden.
Sobald die Glocke läutete, machte ich mich schnell aus dem Staub und lehnte mich an die Wand in der Nähe der Tür. So konnte ich ihn abpassen, wenn er rauskam, und ihn auf sein Verhalten im Unterricht ansprechen.
Wie erwartet kam Damon als Letzter heraus, und wie immer hatte er diesen Ausdruck im Gesicht, der sagte, dass ihm die Welt völlig egal war.
Ich packte ihn am Arm und wirbelte ihn herum, damit er mir gegenüberstand. Sein überraschter Gesichtsausdruck war zwar amüsant, aber das schob ich beiseite, weil ich stinksauer auf ihn war.
„Vielleicht sind dir deine Noten egal, aber mir sind meine wichtig. Ich werde nicht zulassen, dass du meinen Unterricht störst, nur weil du mich hasst“, fing ich an.
Damons überraschter Ausdruck wich schnell purer Genervtheit, aber das war mir egal. Ich redete einfach weiter.
„Ich habe keine Ahnung, was in den Kopf des Lehrers gefahren ist, als er uns in denselben Kurs gesteckt hat, aber das können wir jetzt nicht mehr ändern. Also sollten wir das Beste daraus machen. Tun wir einfach so, als würden wir uns im Unterricht gar nicht kennen.“
Damon blinzelte mich nur an, ohne ein Wort zu sagen. Dann schüttelte er den Kopf und fragte: „Hä?“
Mein Gesicht lief rot an, während die Wut durch meine Adern schoss.
„Du hast gar nicht zugehört!“, schrie ich.
„Erwartest du wirklich, dass ich dir zehn Minuten bei deinem Gelaber zuhöre?“, fragte er. Dann fügte er schnell hinzu: „Antworte nicht darauf. Wie auch immer, du hast gerade die halbe Mittagspause verschwendet, also gehe ich jetzt.“
Bevor ich irgendetwas sagen konnte, war er schon den halben Flur entlang.
Ich hatte noch nie einen Menschen so sehr gehasst wie ihn. Wie konnte jemand nur so selbstverliebt, eingebildet, ignorant, dumm und vor allem nervig sein?
Nachdem ich ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, um mich zu beruhigen, ging ich in die Cafeteria.
Ich steuerte sofort meinen Tisch an, an dem die Cheerleader, Tänzerinnen und Sportler saßen.
Ich gehörte zu keinem Team und war in keinem Club; keiner von diesen Leuten hatte einen Grund, mit mir befreundet zu sein, außer dass ich nett zu ihnen war. Manchmal fühlte ich mich deshalb wie eine Außenseiterin. Ich teilte keine Interessen mit ihnen, und wenn ich nicht gerade mit Damon um die Popularität wetteifern würde, wäre ich wahrscheinlich mit den meisten von ihnen nicht befreundet.
Jeder begrüßte mich herzlich und aß dann weiter.
Ich fing an, mit ein paar Mädchen aus dem Tanzteam zu plaudern, als plötzlich der ganze Tisch zu mir herüberstarrte.
„Was?“, fragte ich, verwirrt darüber, warum ich plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand.
„Stimmt es, dass du und Damon zusammen im Umweltkunde-Kurs seid?“, fragte Kyle, der Kapitän des Basketballteams.
Ich stieß ein genervtes Schnauben aus, bevor ich antwortete: „Leider stimmt das. Ich sitze ein ganzes Jahr mit diesem nervigen Idioten fest. Wie soll ich das bloß überleben?“
Ich war sehr dramatisch, aber hinter meinen Worten steckte auch ein ernster Kern. Dass wir zwei im selben Kurs saßen, war eine absolute Katastrophe.
„Ich verstehe nicht, wie du Damon hassen kannst. Er ist so traumhaft, definitiv zum Anbeißen. Beeindruckt dich sein Aussehen denn gar nicht?“, fragte Candy, die Chef-Cheerleaderin.
„Äh, ih, nein. Ich bin immun gegen sein ‚gutes Aussehen‘“, sagte ich und machte mit den Fingern Anführungszeichen.
„Vielleicht ist sie lesbisch“, schlug eine andere Cheerleaderin Candy vor.
Ich verdrehte die Augen. „Nicht, dass es irgendetwas Falsches daran gäbe, lesbisch zu sein, aber ich bin absolut hetero“, erklärte ich der Gruppe.
Einige der Jungs stießen erleichterte Seufzer aus und ich verdrehte wieder die Augen. Sie wollten mir nur an die Wäsche. Hormonell gesteuerte Idioten.
Plötzlich gab es ein lautes Gelächter vom Nachbartisch, Damons Tisch. Er bestand aus einem Haufen Mädchen und den Sportlern, die dumm genug waren, mit ihm abzuhängen.
Ich war angenehm überrascht zu sehen, dass an meinem Tisch mehr Leute saßen als an Damons. Ich würde dieses Jahr definitiv den Titel „beliebter als Damon“ gewinnen.
Damon sah zu meinem Tisch herüber und zuckte leicht zusammen, aber ich hatte es gesehen. Als er mich ansah, warf ich ihm ein selbstgefälliges Grinsen zu, bevor ich mich wieder meinen Freunden zuwandte. Er wusste genauso gut wie ich, dass er den Beliebtheitswettbewerb dieses Jahr verlieren würde. Der Gedanke, dass er endlich mal nicht bekam, was er wollte, war mehr als befriedigend.
Plötzlich läutete die Glocke und alle standen auf, um zu ihrem nächsten Unterricht zu gehen. Ich wollte gerade aus der Cafeteria gehen, als mir jemand den Weg versperrte. Ich stand Auge in Auge – oder sollte ich sagen: Gesicht an Brust – mit Damon.
„Was willst du?“, fuhr ich ihn genervt an.
„Nur weil du ein paar Leute mehr an deinem Tisch hast, heißt das nicht, dass du dieses Jahr gewinnen wirst“, sagte er selbstbewusst, obwohl ich den Zweifel in seinen Augen sah. Er war sich selbst nicht so sicher, dass das stimmte.
Ich lachte: „Ein paar? Es waren mindestens sechs Leute mehr an meinem Tisch. Es scheint, als hättest du seit letztem Jahr einige Anhänger verloren.“
Er brummte etwas vor sich hin, bevor er mich zur Seite schob und aus der Tür ging. Aber bevor er außer Hörweite war, hörte ich ihn sagen: „Das ist noch nicht vorbei.“
Wie klischeehaft konnte ein Mensch eigentlich sein?
Ich verdrehte die Augen und ging aus der Tür. Ich war noch nicht einmal auf halbem Weg zu meinem Kurs, als die Glocke läutete. Ich war zu spät. Ich rannte den Rest des Weges und platzte in das Klassenzimmer, als ich dort ankam.
Alle, inklusive der Lehrerin, unterbrachen ihre Tätigkeit und sahen mich an, als hätte ich gerade zwei Leute umgebracht.
„Miss Mackenzie, Sie kommen zu spät“, stellte Mrs. McGirr fest.
Echt jetzt? Das war mir gar nicht aufgefallen, antwortete ich in meinem Kopf.
Als ich nichts sagte, versuchte sie es erneut: „Warum kommen Sie zu spät?“
„Weil ein Holzkopf namens Damon Blake mich nicht zum Unterricht gehen lassen wollte. Er hat mich nur angemault, weil er eifersüchtig ist“, erklärte ich und zuckte unschuldig mit den Schultern.
Mrs. McGirr verdrehte die Augen, aber ich konnte sehen, dass ich aus dem Schneider war. „Sie sind diesmal entschuldigt, aber lassen Sie das nicht noch einmal vorkommen.“
„Danke, Mrs. McGirr“, sagte ich, als ich in die Mitte des Raumes ging, um mich auf meinen üblichen Platz zu setzen.
Der Unterricht verging wieder wie im Flug und bald war der Tag zu Ende. Ich machte einen kurzen Zwischenstopp an meinem Schließfach, um meine Lehrbücher wegzubringen, bevor ich die Schule verließ.
Ich hüpfte in mein hellblaues Punch-Buggy namens Victoria, benannt nach jemandem, der mir sehr am Herzen lag, und fuhr nach Hause, während ich Radio hörte. Aber als ich in die Nähe meines Hauses kam, sah ich ein nur allzu bekanntes Auto, das meine Einfahrt blockierte.
Das kann doch nicht wahr sein.
Ich stieg aus dem Auto, nachdem ich es am Straßenrand geparkt hatte, und stapfte zum Haus der Nachbarn. Ich drückte auf die Klingel, und als niemand antwortete, wurde ich ungeduldig und fing an, gegen die Tür zu hämmern. Schließlich öffnete sie sich und enthüllte einen grinsenden Damon.
Zu meinem Unglück wohnte dieser Idiot direkt neben mir. Und was das Ganze noch schlimmer machte: Sein Schlafzimmerfenster war keine zwei Meter von meinem entfernt.
„Sophia? Was für eine Überraschung“, zog Damon das Wort in die Länge und heuchelte Unschuld vor.
„Fahr sofort deine billige Karre aus meiner Einfahrt!“, forderte ich.
Damon lachte, tat aber, was ich sagte, ohne dieses blöde Grinsen auch nur eine Sekunde aus seinem Gesicht verschwinden zu lassen.
Ohne ein weiteres Wort stapfte ich zurück zu meinem Auto und fuhr in meine Einfahrt.
Konnte dieser Tag noch schlimmer werden?