Ich knallte die Kühlschranktür so fest zu, dass sie fast aus den Angeln flog.
„Kat, lass das. Du bist keine dreizehn mehr.“ Meine Mum verdrehte die Augen, während ich Milch in meinen Kaffee goss. „Aber warum kriegt er verdammt noch mal alles, was er will?“ Ich starrte sie mit einer Hand auf der Hüfte an.
„Erstens stimmt das nicht. Und zweitens ist es nur eine Party zu seinem Einundzwanzigsten. Du weißt selbst, dass du dich gerade lächerlich machst“, schloss meine Mum. Sie ging an mir vorbei und stellte ihre Tasse in die Spüle.
„Ich werde den Scheiß nicht aufräumen“, fing ich an.
„Hat auch keiner verlangt!“, trällerte Mum und packte ihre Tasche. „Warum gehst du nicht einfach aus?“, fragte sie mit hochgezogener Augenbraue.
„Werde ich jetzt etwa aus meinem eigenen Haus geworfen?“, wollte ich wissen.
„Ach du meine Güte, Katrina! Ernsthaft jetzt. Sind gestern Abend die Batterien von deinem Vibrator leer gegangen oder was? Fucking hell.“ Mum verdrehte erneut ihre dunkelgrünen Augen. Mit der Handtasche über der Schulter ging sie zur Haustür.
„Beeil dich, sonst kommst du zu spät zur Arbeit!“, rief sie und schlug die Tür hinter sich zu. Ich saß am Küchentisch, trank meinen Kaffee und starrte ins Leere. Ich war keine dreizehn, sondern vierundzwanzig. Ich atmete tief durch. Ja, ich war gerade echt erbärmlich. Ich musste dringend aus diesem Haus raus. Aber mein Lohn als Kellnerin riss auf dem Wohnungsmarkt keine Bäume aus. Ich war nicht sauer, weil mein kleiner Bruder alles bekam, was er wollte – obwohl das absolut stimmte. Ich war sauer, weil mein Haus am Freitagabend voller blöder Freunde meines Bruders sein würde und ich keinen Ort hatte, an den ich flüchten konnte. Kane war viel geselliger als ich und hatte haufenweise Freunde. Er war immer der Mittelpunkt jeder Party, während ich nur seine schüchterne, graue Schwester war. Kane studierte an der Uni, was ich nicht geschafft hatte. Er würde später einen tollen Job haben, während ich Tische abwischte. Ich blickte auf meine Uhr; es war Zeit für die Scheißarbeit. Ich hatte die Frühstücksschicht. Mit einem übertriebenen Stöhnen stellte ich meine Tasse in die Spüle und knallte beim Gehen die Haustür zu.
Als ich aus der Küche zurück ins Restaurant kam, grinste Alice mich breit an.
„Was gibt’s?“, schnauzte ich sie an, da ich nicht in der Stimmung war. Alice und ich arbeiteten schon ungefähr gleich lang in dem Laden, vier deprimierende Jahre. Es war fast schon peinlich, aber sie war eigentlich meine einzige Freundin. Ihre dunkle Haut bildete einen starken Kontrast zu meinem blassen Teint. Unsere Augen waren ähnlich, tiefbraun, aber sie trug gerade blonde Braids. Die sahen fantastisch aus. Wenn ich sie mit meinen glatten, dunkelbraunen und langweiligen Haaren verglich, war ich definitiv eifersüchtig.
„Dein Bruder ist hier“, grinste sie.
„Gut zu wissen.“ Ich knallte ein Tablett zurück auf den Stapel.
„Er ist mit Luke da“, sagte sie beiläufig.
„Arghhh!“, rief ich viel zu laut. Ich konnte Alice neben mir lachen hören.
„Die Hostess hat sie in deinen Bereich gesetzt“, sie zuckte mit den Schultern, als ich mich zu ihr umdrehte.
„Gibt es heute auch mal verdammte gute Neuigkeiten?“, ich verdrehte die Augen.
„Noch vier Stunden bis Feierabend“, kicherte sie. Ich ignorierte sie und ging zum Tisch meines Bruders. Ich war mir sicher, dass er und Luke das mit Absicht machten. Luke war Kanes bester Freund und das schon seit Jahren, obwohl er so alt war wie ich. Wir waren zusammen im Mathe-Leistungskurs, haben aber nie miteinander geredet. Ich hielt ihn immer für einen ziemlichen Idioten. Er war beliebt und hatte ständig irgendein Mädchen am Arm. Er und Kane hatten sich beim Rugby kennengelernt – noch so eine langweilige Sache für Beliebte, die mein Bruder trieb.
„Ja?“, stieß ich hervor, als ich an ihrem Tisch ankam.
„Morgen, Kat“, lächelte Luke mich an.
„Guten Morgen“, erwiderte ich mit einem Lächeln, das so was von fake war. Ich sah auf ihn und sein verdammt schönes Lächeln herab. Er sah so verdammt gut aus, was mich nur noch mehr aufregte. Er war ein dunkler Typ, das Haar kurz rasiert und seine Haut hatte einen wunderschönen hellbraunen Ton.
„Was wollt ihr?“, fragte ich die beiden.
„Kat, immer diese scheiß Laune.“ Kane spottete und legte seine Speisekarte weg. Mein Blick schnellte zu ihm. Die Leute sagten immer, Kane und ich sähen uns ähnlich, aber ich sah das anders. Seine dunklen Haare hingen ihm meistens leicht lockig in die Augen. Wenn wir uns wirklich ähnlich sahen, dann war er einfach die zehnmal attraktivere Version von mir.
„Warum kommt ihr ausgerechnet hierher?“, knurrte ich.
„Weil wir verdammt noch mal frühstücken wollen.“ Kane sah zu mir auf. Er war sauer, aber das war mir scheißegal.
„Ich schick euch eine andere Kollegin“, sagte ich und wollte gerade weggehen.
„Kat“, lachte Luke und hielt mich am Handgelenk fest. „Ignorier ihn. Kannst du mir bitte einfach einen Kaffee bringen?“ Er zwinkerte mir zu, und ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht zu lächeln.
„Und was trinken Sie, der Herr?“, fragte ich Kane.
„O-Saft, danke. Trinkgeld kriegst du übrigens auch keins“, spottete er. Luke ließ mein Handgelenk los, während ich in Lachen ausbrach.
„Krieg ich von dir sowieso nie.“ Ich ging zur Bar, um ihre Getränke zu machen.
„Dein Bruder sieht echt gut aus.“ Ich hörte Alices Stimme.
„Was soll ich darauf bitte antworten?“ Ich drehte mich zu ihr um, sie lachte.
„Stimmt auch wieder. Luke ist allerdings auch nicht von schlechten Eltern. Kann ich was helfen?“, fragte sie und wischte sich die Hände am Geschirrtuch ab.
„Einen Orangensaft bitte. Und ja, verdammt, das ist er“, flüsterte ich und schaltete die Kaffeemaschine ein.
„Du willst ihn flachlegen, oder?“, gackerte sie hinter mir.
„Das wollen die meisten.“ Meine Stimme war leise, mein Blick lag auf Luke am anderen Ende des Restaurants. Alice reichte mir den Saft.
„Ich hätte ehrlich gesagt auch nichts dagegen, deinen Bruder zu ficken. Wir sitzen also im selben Boot.“ Sie lachte hysterisch.
„Rede nie wieder mit mir“, sagte ich mit einem leichten Schmunzeln und griff nach dem Kaffee. Alice erzählte mir diesen Mist ständig, aber bei den Mengen an Frauen, die Kane um sich hatte, würde sie sich bei ihm nur irgendwas Ekliges einfangen.
„Wolltet ihr auch was essen?“, fragte ich, während ich ihre Getränke abstellte.
„Ja, für mich bitte Pancakes.“ Kane antwortete zuerst und ich notierte es auf meinem Block. Dann wandte ich mich Luke zu.
„Ich bin bedient. Kommst du heute Abend auch?“, fragte er mich und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.
„Sie ist nicht eingeladen“, spottete Kane, noch bevor ich antworten konnte.
„Es ist mein verdammtes Haus“, stöhnte ich ihn an. „Aber nein, ich komme nicht. Mit lauter Zwanzigjährigen abzuhängen ist nicht mein Ding.“ Ich schenkte Luke ein falsches Grinsen und verschwand wieder in der Küche.