Kapitel 1
Die Luft im Festzelt riecht nach gebrannten Mandeln, Schweinebraten und Bier, das in Strömen fließt – süßlich, hopfig, mit einem Unterton von verschütteter Hefe, der sich in den Holzbrettern des Bodens festgesetzt hat. Ich stehe am Eingang und beobachte, wie die Menge nach drinnen drängt. Trachten, Dirndl, Lederhosen, überall. Die Blaskapelle dröhnt ein Marschlied, die Bässe vibrieren im Brustkorb. Es ist laut, es ist grell, es ist genau das, was ich an diesem Abend brauche.
Ich trage mein Dirndl – dunkelgrün, mit feiner Silberstickerei am Mieder, die Schnürung sitzt fest, aber nicht zu eng. Ich kenne meinen Körper. Mit 56 weiß ich, was mir steht und was nicht. Meine grauen Haare sind kurz geschnitten, praktisch, ein bisschen frech – sie passen zu mir. Unkompliziert. So wie ich bin.
Neben mir steht sie. Meine Begleiterin. Sie ist jünger, deutlich jünger, und sie trägt ihr Dirndl so, wie ich es ihr gesagt habe – das Mieder etwas fester geschnürt, als sie es selbst gewählt hätte, die Schürze gerade, kein einziges Fältchen, das nicht dort sein sollte. Sie hat sich herausgeputzt, und sie sieht gut aus. Aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass sie das für mich getan hat.
„Heute benehmen wir uns”, sage ich, bevor wir das Zelt betreten. Ich drehe mich zu ihr, und meine Stimme ist ruhig, aber sie trägt den Ton, den sie kennt. Den Ton, der keinen Spielraum lässt.
Sie lacht. „Natürlich.”
Ich sage nichts. Ich sehe sie nur an.
Ihr Lachen verklingt. Sie erkennt den Blick – den Blick, der sagt: Ich meine es ernst. Der Blick, der sagt: Du weißt, was passiert, wenn du nicht aufpasst.
„Okay. Ich benehme mich.”
„Schon besser.”
Ich nicke, und wir gehen hinein.
Das Festzelt ist ein Rausch aus Licht und Lärm. Wir finden einen Platz an einer der langen Holztische, quetschen uns zwischen feiernde Gruppen, die bereits tief in ihren Maßkrügen stecken. Ein Kellner schiebt sich vorbei, das Tablett balancierend, und ich hebe zwei Finger. Zwei Maß. Die Krüge landen vor uns, der Schaum läuft über den Rand, und ich nehme den ersten Schluck. Kalt, bitter, perfekt.
Meine Begleiterin – ich nenne sie hier nicht beim Namen, das ist nicht nötig, nicht in diesem Moment – sitzt neben mir, ihre Schulter berührt meine, und sie ist nah genug, dass ich den Duft ihres Haars riechen kann. Shampoo mit etwas Vanille. Darunter der feine Schweiß des vollen Zelts, die Körperwärme, die sich zwischen all diesen Menschen staut.
Wir trinken. Wir singen mit, wenn die Kapelle die alten Lieder spielt, die jeder kennt. Wir lachen über die Betrunkenen, die auf den Bänken tanzen und dabei ihre Krüge verschütten. Und mit jedem Schluck Bier löst sich etwas in der Luft zwischen uns – die Spannung, die immer da ist, wenn wir zusammen sind, die unsichtbare Linie zwischen dem, was wir in der Öffentlichkeit zeigen, und dem, was hinter geschlossenen Türen passiert.
Nach der zweiten Maß lehnt sich meine Begleiterin zu mir. „Darf ich noch einen?”
Ich lasse den Krug in meiner Hand sinken und drehe den Kopf zu ihr. Sie trägt den Ausschnitt ihres Dirndls so, dass ihre Brüste leicht gedrückt werden, das Dekolleté tief genug, um Blicke zu ziehen, aber nicht so tief, dass es billig wirkt. Ihr Gesicht ist leicht gerötet vom Bier und von der Hitze im Zelt, ihre Lippen glänzen noch vom letzten Schluck. Sie sieht mich an, und ich sehe, wie ihre Pupillen sich leicht weiten, als mein Blick den ihren trifft.
„Einen”, sage ich.
„Danke.”
Sie sagt es ohne Zögern, ohne Ironie. Einfach: Danke. Als hätte ich ihr eine Erlaubnis erteilt, die sie brauchte. Weil sie sie braucht.
Ich wende mich wieder dem Tisch zu, nehme einen weiteren Schluck, und für einen Moment ist es still zwischen uns – so still, wie es im Festzelt überhaupt sein kann. Die Musik spielt weiter, die Menschen brüllen und lachen, aber zwischen uns beiden ist diese Blase, diese Kapsel aus Bedeutung, die nur wir verstehen.
Eine Weile später wird der Platz neben uns frei. Eine Frau steht vor uns, hält ihren Krug in beiden Händen und sieht fragend auf den leeren Platz.
„Ist hier noch frei?”
Ich schätze sie auf Mitte dreißig. Lange Haare, dunkelblond, die in weichen Wellen über ihre Schultern fallen. Ein hübsches Gesicht – hohe Wangenknochen, volle Lippen, Augen, die neugierig hin und her wandern. Ihr Dirndl ist blau, sitzt gut an ihr, und sie trägt es mit einer Unbekümmertheit, die mir sofort auffällt. Sie ist entspannt, offen, aber nicht aufdringlich.
„Klar”, sage ich und deute auf den Platz. „Setz dich.”
Sie setzt sich, und ihre Schulter streift beim Hinsetzen kurz die meine. Warm. Ein Hauch von Parfüm – etwas Blumiges, Jasmin vielleicht, gemischt mit dem Biergeruch, der überall hängt.
„Kathi”, sagt sie und streckt die Hand aus.
Ich schlage ein. Ihr Händedruck ist fest, selbstbewusst. „Wilma.”
Sie wendet sich meiner Begleiterin zu, und auch dort gibt es ein kurzes Vorstellen. Dann hebt Kathi ihren Krug.
„Auf einen guten Abend.”
Wir stoßen an. Das Glas klirrt. Die Blaskapelle spielt weiter.
Es dauert nicht lange, bis Kathi erzählt. Sie redet schnell und offen, die Worte fließen so mühelos wie das Bier, das sie trinkt. Sie ist 36, hat zwei Kinder, und – das sagt sie mit einem halben Lachen, das nicht ganz echt klingt – sie ist seit drei Wochen geschieden.
„Drei Wochen”, wiederhole ich.
„Drei Wochen.” Sie nimmt einen großen Schluck. „Und ich feiere das, glaub mir.”
„Dann bist du heute also auf Freiheitstour”, stelle ich fest und lasse ein Grinsen auf mein Gesicht.
Kathi hebt ihren Krug. „So ungefähr.”
Ich mag sie. Sie hat etwas Ungefiltertes an sich, eine Direktheit, die nicht unhöflich, aber ehrlich ist. Sie sagt, was sie denkt, und sie fragt, was sie wissen will. Das erkenne ich schnell.
Die drei von uns finden einen Rhythmus. Wir trinken, wir reden, wir lachen über die absurdesten Dinge – über den Mann drei Reihen weiter, der versucht, auf dem Tisch zu tanzen und dabei fast in einen Krug fällt; über das Lied, das die Kapelle zum dritten Mal spielt, als hätte ihr Repertoire nur drei Titel; über Kathis Erzählungen von ihrem Ex-Mann, die immer lustiger werden, je mehr sie trinkt.
Meine Begleiterin lacht mit, trinkt mit, singt mit. Aber sie wirft mir Blicke zu. Kurze, fast unmerkliche Blicke, die jeder andere für zufällig halten würde. Ich nicht. Ich weiß, was sie fragen. Ich weiß, dass sie auf meine Antwort wartet, auf ein Zeichen, das ihr sagt, dass sie weitermachen darf. Oder aufhalten soll.
Ich nicke, kaum merklich. Sie lächelt und trinkt weiter.
Nach einer Weile stelle ich fest, dass mein Krug leer ist. Ich stelle ihn ab und will aufstehen. Meine Begleiterin hat ihren eigenen Krug noch halb voll vor sich stehen, aber sie will offensichtlich mitkommen – sie beginnt aufzustehen, ihren Krug in der Hand, und dann passiert es.
Ich sage nichts. Ich schaue nur auf ihren Krug. Dann zu ihr. Ein Blick, der nicht einmal eine Sekunde dauert.
Sie setzt sich wieder. Nimmt den Krug mit. Bleibt sitzen.
Es ist eine Kleinigkeit. Eine Geste, die zwischen uns funktioniert wie ein Code, den nur wir entschlüsseln können. Aber Kathi hat es gesehen.
„Was war das denn gerade?“, fragt sie, und ihre Stimme ist neugierig, ein bisschen amüsiert, aber vor allem: wach.
Ich wende mich ihr zu und lasse mein Gesicht neutral erscheinen. „Was?”
„Dieser Blick.”
Meine Begleiterin grinst. Sie kennt dieses Spiel. Sie genießt es, wenn jemand anderes es bemerkt – nicht, weil sie sich entlarvt fühlt, sondern weil es die Spannung erhöht. Weil es sichtbar macht, was sonst im Verborgenen bleibt.
„Welcher Blick?“, fragt sie, und ihr Grinsen wird breiter.
Kathi zeigt mit dem Finger von meiner Begleiterin zu mir. „Genau der! Du guckst sie an und plötzlich macht sie, was du willst.”
Ich lehne mich zurück. Das Holz der Bank drückt gegen meinen Rücken, und ich spüre die Vibration der Musik durch den Boden, durch die Tischplatte, durch alles. Ich nehme einen langsamen Atemzug und betrachte Kathi. Ihr Gesicht ist noch geröteter als vorhin, ihre Augen glänzen, und sie hat sich ein wenig vorgebeugt, als wäre sie plötzlich näher dran an etwas, das sie nicht ganz einordnen kann.
„Vielleicht ist sie einfach gut erzogen”, sage ich.
Kathi sieht von mir zu meiner Begleiterin und wieder zurück. Ihre Augenbrauen heben sich. „Aha.”
Das Thema wäre damit erledigt. Sie nimmt einen Schluck, ich nehme einen Schluck, die Musik spielt weiter. Aber ich sehe, wie Kathi die Lippen presst, wie ihre Augen zwischen uns hin und her wandern, wie sie nachdenkt. Sie lässt es nicht los.
Und je später der Abend wird, desto weniger Mühe geben wir uns, es zu verbergen.
Es passiert wieder, eine halbe Stunde später. Meine Begleiterin will noch eine Maß bestellen. Sie wendet sich an mich.
„Darf ich noch einen?”
Kathi, die gerade einen Schluck nehmen wollte, friert ein und dreht den Kopf. Ihre Augen werden größer.
Ich lasse mir Zeit. Ich nehme einen Schluck von meinem eigenen Bier, stelle den Krug ab, wische mit dem Daumen über meinen Mund. Meine Begleiterin wartet. Sie fragt nicht noch einmal. Sie wartet einfach.
„Einen”, sage ich.
„Danke.”
Kathi starrt uns beide an. Ihr Mund öffnet sich, schließt sich wieder. Dann legt sie ihren Krug auf den Tisch, etwas fester als nötig.
„Moment mal. Sie fragt dich wirklich um Erlaubnis?”
Ich lächle. Es ist kein breites Lächeln, kein amüsiertes. Es ist das Lächeln, das ich verwende, wenn ich weiß, dass ich die Kontrolle über ein Gespräch habe – und die andere Person noch nicht einmal bemerkt hat, dass sie sich darin bewegt.
„Manchmal.”
„Warum?”
Diesmal antwortet meine Begleiterin. Sie wendet sich Kathi zu, und ihre Stimme ist ruhig, klar, ohne Spott. „Weil ich das mag.”
Kathi sagt für einen Moment gar nichts. Sie starrt meine Begleiterin an, dann mich, dann wieder meine Begleiterin. Ihre Finger umkrampfen den Krug, und ich sehe, wie ihr Daumen über den Henkel streicht – eine nervöse Geste, unwillkürlich, aber verräterisch. Sie nimmt einen Schluck. Ein großer Schluck, fast die halbe Maß.
„Okay …”
Sie schaut mich an. Direkt. Ihre Augen sind anders als vorhin – nicht mehr nur neugierig, sondern fokussiert. Konzentriert. Als hätte sie etwas entdeckt, das sie genauer untersuchen will.
„Jetzt werde ich neugierig.”
„Das”, sage ich, „kann gefährlich werden.”
Ich halte ihren Blick, und ich sehe, wie sich etwas in ihrem Gesicht verändert. Die Unbekümmertheit ist noch da, aber darunter bildet sich etwas anderes. Ein Flackern. Die Lippen, die sich kurz öffnen und wieder schließen. Die Zunge, die über die Unterlippe streicht – schnell, vielleicht unbewusst. Kathi ist nicht mehr nur amüsiert. Kathi ist fasziniert.
Die Blaskapelle spielt ein langsames Lied, und um uns herum wird die Stimmung weicher, sentimentaler. Einige Paare halten sich an den Händen, andere singen mit Tränen in den Augen. Wir drei singen nicht. Wir sitzen an unserem Tisch, und zwischen uns ist etwas gewachsen, das nichts mit dem Bier zu tun hat.
Kathi beginnt, Fragen zu stellen. Kleine Fragen, vorsichtig, als würde sie ein Tier füttern, von dem sie nicht weiß, ob es beißt.
„Wer von euch beiden bestimmt?”
Ich lächle. „Was denkst du?”
„Du.”
„Dann brauchst du nicht zu fragen.”
Sie lacht, aber es ist ein anderes Lachen als vorhin. Leiser. Nachdenklicher.
„Gibt es Regeln?”
„Natürlich gibt es Regeln.”
„Musste sie gehorchen?”
Ich antworte nicht sofort. Ich wende mich meiner Begleiterin zu und sehe sie an. Lange. Sie erwidert meinen Blick, und ich sehe, wie sich ihre Haltung verändert – wie sie sich aufrichtet, die Schultern zurücknimmt, den Kopf leicht senkt. Nicht vor den anderen im Zelt. Für mich.
„Immer”, sage ich, ohne den Blick von meiner Begleiterin abzuwenden.
Kathi zieht hörbar die Luft ein. Ein kurzes, scharfes Geräusch, fast wie ein Keuchen.
Ich antworte nicht auf alles, was Kathi fragt. Ich lasse Fragen offen stehen, ich weiche aus, ich gebe Andeutungen, die mehr verschweigen als sie verraten. Und genau das macht, was ich erwartet habe: Kathi wird nicht müde. Sie will mehr wissen. Sie beugt sich vor, wenn ich spreche. Ihre Augen folgen meinen Händen, wenn ich den Krug hebe, wenn ich abstelle, wenn ich kurz die Hand meiner Begleiterin berühre – eine flüchtige Berührung auf dem Handrücken, kaum sichtbar, aber Kathi sieht es jedes Mal.
Irgendwann kündigt die Blaskapelle das letzte Lied an. „Ein Prosit der Gemütlichkeit” zum Abschluss, und das Zelt bebt unter dem Gesang. Wir stehen auf, heben die Krüge, singen mit. Kathi hakt sich bei meiner Begleiterin ein und singt lauter als alle anderen, und für einen Moment sind wir einfach drei Frauen, die einen guten Abend hatten.
Dann schließt das Zelt. Die Menge strömt nach draußen, in die kühle Nachtluft, die nach Bier und gebrannten Mandeln und Herbst riecht. Die Laternen am Weg leuchten orange, und überall stehen Gruppen, die nicht nach Hause wollen. Das ist das Gefühl, das der Oktoberfestabend hat, wenn er endet – diese Weigerung, aufzuhören.
„Bar?“, fragt Kathi.
Ich sehe meine Begleiterin an. Sie steht neben mir, ihre Arme vor der Brust verschränkt, und sie schaut mich an. Sie weiß, dass die Frage nicht an sie gerichtet war. Sie wartet.
„Bar”, entscheide ich.
Kathi grinst. „Bar.”
Wir gehen. Der Weg von den Festwiesen zu den umliegenden Bars ist belebt, laut, chaotisch – Menschen, die singen, die torkeln, die sich an den Armen festhalten. Kathi hakt sich bei mir ein, ihre Hand ruht in meiner Armbeuge, und ich spüre die Wärme ihrer Finger durch den Stoff meines Dirndls.
„Ich will jetzt aber wirklich wissen, wie dieses Spiel funktioniert”, sagt sie. Ihre Stimme ist nah an meinem Ohr, und ich rieche das Bier in ihrem Atem, den Jasmin ihres Parfüms, und darunter etwas anderes – den warmen, lebendigen Geruch einer Frau, die aufgeregt ist.
„Welches Spiel?”
„Du weißt genau, was ich meine.”
Ich bleibe stehen. Einfach so, mitten auf dem Weg. Meine Begleiterin, die zwei Schritte vorausgegangen ist, bemerkt es, dreht sich um und kommt zurück. Kein Wort. Keine Frage. Sie kommt einfach zurück, weil ich stehen geblieben bin.
Kathi hat es gesehen. Ihr Mund öffnet sich, aber ich komme ihr zuvor.
„Komm mal her”, sage ich zu meiner Begleiterin.
Sie tritt vor mich. Ich streiche über das Dirndl an ihrer Schulter, richte eine kleine Falte im Stoff, die sich gebildet hat. Eine Geste, die nichts mit der Falte zu tun hat. Eine Geste, die sagt: Du gehörst zu mir. Eine Geste, die Kathi sieht und die sie für einen Moment verstummen lässt.
„So”, sage ich und nehme die Hand von der Schulter.
Dann wende ich mich Kathi zu. Sie steht immer noch bei mir eingehakt, und ich löse mich sanft aus ihrer Umklammerung, drehe mich zu ihr, trete einen halben Schritt näher. Wir stehen dicht beieinander. Dichter, als es für eine flüchtige Bekanntschaft nötig wäre.
„Du beobachtest ziemlich genau.”
„Ja”, sagt Kathi, und ihre Stimme ist leiser als vorhin. Direkter. Ohne die Lautheit des Festzelts, die alles überdeckt hat, klingt sie anders – konzentrierter.
„Warum?”
Kathi zuckt mit den Schultern. Eine abwehrende Geste, halbherzig, die sie selbst nicht glaubt. Dann grinst sie, und das Grinsen ist nicht mehr das betrunkene, ausgelassene von vorhin. Es ist etwas anderes. Es ist das Grinsen einer Frau, die etwas entdeckt hat und nicht weiß, ob sie davor weglaufen oder tiefer hineingehen soll.
„Weil ich es irgendwie spannend finde.”
„Was genau?”
Kathi sieht zu meiner Begleiterin. Sie betrachtet sie – nicht wie eine Konkurrentin oder eine Freundin, sondern wie jemand, der ein Rätsel betrachtet, das er lösen will. Ihre Augen wandern von den Händen, die ruhig nebeneinander hängen, über das Dirndl, das ich gerade gerichtet habe, zu dem Gesicht, das ruhig und geduldig wartet.
„Dass sie das einfach macht.”
Ich trete einen Schritt näher an Kathi. Wir stehen jetzt so nah, dass ich den Atem auf meiner Haut spüre. Warm, etwas unregelmäßig.
„Vielleicht macht sie es nicht einfach.”
Kathi schluckt. Ich sehe es – die Bewegung in ihrem Hals, das Adamäpfchen, das sich hebt und senkt.
„Vielleicht gefällt es ihr.”
Kathi blickt wieder zwischen uns hin und her. Ihre Zunge streicht über die Unterlippe, langsamer als vorhin. Bewusster.
„Und dir?“, fragt sie.
Ich lächle. Nichts sonst. Nur das Lächeln.
Kathi atmet aus. Ein langer, langsamer Atemzug, der etwas zittert am Ende.
Wir gehen weiter zur Bar. Es ist eine kleine Bar, etwas abseits der Hauptstraße, und sie ist noch nicht so voll wie die anderen. Drinnen ist es warm, das Licht gedämpft, die Musik leiser als im Festzelt – ein Jazzpianist, der etwas Latin-Jazz spielt, die Bässe tief und weich. Wir finden hinten eine Sitzecke, ein Ledersofa und zwei Sessel um einen niedrigen Tisch. Kathi setzt sich mir gegenüber, meine Begleiterin neben mich.
Die Sitzecke ist abgegrenzt durch eine halbhohe Wand und einige Pflanzen, die nicht sehr echt aussehen, aber genug Sichtschutz bieten. Plötzlich ist unser Gespräch privat. Intim. Die Geräusche der Bar – Gläserklirren, Stimmen, das Klavier – sind noch da, aber sie sind weit weg.
Wir bestellen. Kathi einen Gin Tonic, ich einen Wein, meine Begleiterin das Gleiche. Die Getränke kommen, und für einen Moment trinken wir schweigend. Kathi betrachtet ihr Glas, dreht es in der Hand, lässt das Eis klirren. Ich sehe, wie sie nachdenkt. Wie sie die Worte sammelt, die sie sagen will.
Nach dem ersten Schluck stellt sie ihr Glas ab und lehnt sich vor.
„Also gut. Eine Frage.”
„Nur eine?“, lächle ich.
„Vorerst.”
Ihre Augen wandern zu meiner Begleiterin, die ruhig neben mir sitzt, das Glas in beiden Händen, und wartet.
„Wenn du ihr jetzt etwas sagst – macht sie es dann wirklich?”
Ich schaue zur Seite, zu meiner Begleiterin. Sie erwidert meinen Blick. In ihren Augen sehe ich das, was ich kenne – die Bereitschaft, das Vertrauen, das stille Einverständnis, das zwischen uns existiert, seit wir uns gefunden haben. Sie wartet auf ein Wort von mir. Nicht aus Pflicht. Aus Verlangen.
Dann wende ich mich wieder Kathi zu.
„Das hängt davon ab, was ich ihr sage.”
Kathi atmet ein. Ich sehe, wie ihre Brust sich hebt unter dem Stoff ihres Dirndls, wie das Mieder sich spannt, wie ihre Finger sich um das Glas fester schließen.
„Zeig es mir.”
Ich hebe eine Augenbraue. „Du möchtest eine Vorführung?”
Kathi lacht, aber es ist ein kurzes, unsicheres Lachen, das in ihrer Kehle stecken bleibt. Gleichzeitig – und das sehe ich deutlich, weil das Licht hier gedämpft ist, aber nah genug – breitet sich Röte von ihrem Hals aus. Sie wird warm. Unter der Oberfläche. An einer Stelle, die sie vielleicht selbst noch nicht ganz verstanden hat.
„Vielleicht.”
Ich nehme einen kleinen Schluck von meinem Wein. Der rote Wein ist trocken, ein wenig herb, und er schmeckt nach einem Abend, der sich in eine Richtung bewegt, die ich kommen sah, seit Kathi das erste Mal nach unserem Blickwechsel gefragt hat. Ich stelle das Glas ab. Langsam. Bewusst.
„Interessant.”
Ich wende mich meiner Begleiterin zu. Meine Stimme verändert sich – nicht lauter, nicht schärfer, aber klarer. Präziser. Die Stimme, die sie kennt.
„Steh bitte einmal auf.”
Sie steht auf. Sofort. Ohne Zögern, ohne Frage. Das Leder des Sofas knarrt leise, als sie sich erhebt, und sie steht vor uns, aufrecht, die Hände an der Seite, das Dirndl in Ordnung, die Haare glatt. Sie sieht mich an, wartend.
„Dreh dich.”
Langsam dreht sie sich. Einmal, ganz herum. Ich beobachte sie nicht – ich beobachte Kathi. Und ich sehe, was ich sehen will.
Kathi lacht zuerst, ein kurzes, amüsiertes Lachen, das automatisch kommt, weil die Situation absurd ist – zwei Frauen in einer Bar, und eine dreht sich im Kreis wie auf Kommando. Aber das Lachen verklingt schnell. Sehr schnell. Und dann bleibt Kathis Blick an ihr hängen. Er klebt an der Art, wie sie sich dreht – nicht eilig, nicht provokativ, sondern ruhig. Kontrolliert. An der Art, wie ihre Schultern gerade sind, wie ihr Rücken sich wölbt, als sie sich dreht, wie das Dirndl ihre Taille betont, die Brüste hebt, die Hüfte akzentuiert. Kathi sieht eine Frau, die sich präsentiert. Nicht weil sie es muss. Weil sie es will. Weil sie es für mich tut.
Kathi schluckt. Ihre Hand greift nach ihrem Glas, aber sie trinkt nicht. Sie hält es nur fest, als brauchte sie etwas, an dem sie sich festhalten kann.
„Und jetzt?“, fragt sie. Ihre Stimme ist leiser als je zuvor an diesem Abend.
Ich sehe Kathi an. Meine Begleiterin steht noch, wartet, und ich habe ihr nicht gesagt, dass sie sich setzen darf. Das ist Absicht.
„Jetzt bist du dran.”
Kathis Lächeln verschwindet. Nicht plötzlich, nicht dramatisch – es löst sich auf, wie sich Eis in warmem Wasser auflöst. Langsam, Schicht für Schicht.
„Ich?”
„Du wolltest doch wissen, wie unser Spiel funktioniert.”
„Ja …”
Ich beuge mich zu ihr. Unsere Gesichter sind nah, und ich sehe die feinen Schweißperlen an ihrem Haaransatz, die kleinen Falten um ihre Augen, die sich spannen, die Pupillen, die dunkel und groß sind. Ich rieche den Gin an ihrem Atem, den Jasmin an ihrem Hals, und ich sehe, wie ihre Lippen sich leicht öffnen, als ich näher komme.
„Dann bekommst du für heute deine erste kleine Regel.”
Stille.
Das Klavier spielt weiter. Gläser klirren irgendwo. Menschen reden, lachen. Aber in unserer Sitzecke, hinten in der Bar, hinter den falschen Pflanzen und der halbhohen Wand, ist es still. Kathi starrt mich an. Ihre Finger haben das Glas losgelassen. Ihre Hände liegen auf dem Tisch, die Finger leicht gespreizt, als wüssten sie nicht, wohin sie gehören.
Ich warte. Ich habe nichts gesagt, was sie nicht ablehnen könnte. Sie könnte lachen. Sie könnte den Kopf schütteln und sagen: Nein, das ist mir zu viel. Sie könnte aufstehen und gehen. Sie könnte das Ganze als Scherz abtun und das Thema wechseln. Sie könnte all das tun, und ich würde es akzeptieren, ohne eine Frage zu stellen.
Sie tut nichts davon.
Sie fragt: „Welche?”
Ich lächle.
Genau diese Antwort habe ich hören wollen.

