Ein Anfang
Italien, Sizilien, Januar 2001
Meine Hände sind gerissen von der harten Feldarbeit, wie zerschundene Krieger nach einem langen Kampf. Jede Nacht finde ich mich in der kleinen Raststätte wieder, ein Ort des Rückzugs, an dem ich nach 10 Stunden harter Arbeit meine erschöpfte Kraft wieder auftanken muss.
“Rosalia, wenn du die Kaffeemaschinen sauber gemacht hast, können wir langsam wieder los!” Carita ruft mir zu und stellt den letzten Hocker auf den Tisch. ,,Offensichtlich haben diese beiden Idioten noch nie den Anbruch eines neuen Tages erlebt. Sie sitzen jetzt schon vier Stunden hier und zahlen mir nicht einmal Geld. Puh, manche Leute essen ja wie ein Ochse!“Carita beginnt nun den Knopf an ihrer gebundenen Schürze aufzumachen.
Trotz ihres gereizten Wesens ist diese Frau ein Vulkan der Liebe, meine einzige Freundin in dieser Zeit. Wir sind so unterschiedlich, aber teilen dasselbe Schicksal. Hier im alten winzigen Schuppen stehen wir jeden Abend nach der Feldarbeit in diesem Laden und bedienen die nervtötenden Kunden mit unseren selbstgekochten Kreationen.
Unser zweites Schicksal ist, dass wir beide ohne Vater sind. Während Carita es meidet, darüber zu sprechen, fällt es mir leicht, es zu akzeptieren und darüber zu reden. Ich war damals noch sehr jung und erinnere mich nicht viel an ihn. Daher ist es für mich einfach, über seinen Tod zu sprechen. Meine Mutter erzählte mir, er sei an Leberkrebs gestorben. Ohne einen Vater in der Familie muss man lernen, ein Mann zu sein und die Qualitäten annehmen, die Väter verkörpern. Ich habe diese Verantwortung früh übernommen, denn meine kleine Schwester leidet an einer unbekannten Krankheit.
“Na, endlich sind die Gäste gegangen. Los, Rosalia! Lass uns verschwinden, sonst werde ich diesen verdorbenen Ort noch verbrennen!” Carita wirft ihre Schürze auf den Tisch und nimmt das Haarband ab, als ob sie eine Maske ablegt, um ihre wahre Schönheit zu enthüllen. Ihre Haare sind ihr Stolz und ihre Krone, sie sind ihr Markenzeichen der Schönheit. Sie sind lang, glatt und seidig schimmernd, und sie verleihen ihr ein strahlendes Aussehen. Carita weiß, dass ihr Äußeres eine Wirkung auf andere hat, und sie strebt immer danach, perfekt auszusehen.
“Baaaah. Das riecht ganz schön scharf! Willst du sie haben?” Sie riecht gerade unter ihre Achseln. Ja, sie ist nicht so adelig wie ihr Äußeres. „Nein danke.” Mit einem Lächeln nehme ich mein Schürze ab und falte ihn ordentlich zusammen.
“Mirabella. Wie geht es ihr wohl in diesem Moment? Hat sie endlich Ruhe gefunden, nach all den quälenden Hustenanfällen?” Die Spannung steigt, als sie die Tür öffnet. Ich schnappe mir meine Tasche und schalte die Gaslampe aus.
“Jetzt gerade ja. Aber wir behalten sie im Auge. Es wird alles gut. Davon bin ich vollkommen überzeugt.” Meine kleine Schwester ist ganze acht Jahre alt. Und sie hat in dieser schlimmen Zeit ein noch härteres Los gezogen als ich. Meine Mutter und ich haben nicht genügend finanzielle Mittel, deswegen müssen wir in unserem Leben auf vieles verzichten. Außerdem müssen wir uns mit einer unheilbaren Krankheit auseinandersetzen. An manchen Tagen hört ihr Husten nicht auf und ihr Gesicht wird rot, als ob sie ihren Atem verliert. Wie immer, wenn wir zum Arzt gehen, sagen sie uns, dass alles in Ordnung ist und sie schicken uns hilflos zurück.
“Ich schließe schon die Tür, geh du schon nach Hause. Deine Füße haben bereits genug Qualen verursacht.” Ich drehe mich um und beginne die Tür zu schließen.
“Wann bist du auf die Idee gekommen, an meine stinkenden Füße zu denken? Und färbe dir endlich die pechschwarzen Haare. Trauerfeierlichkeiten fällt mir dazu nur ein. So wird dich niemand heiraten, du Hexe“, höre ich sie sagen und verriegele das Schloss der Tür.
“Grüße Mutter Dorina von mir”, sagt sie und macht sich auf den Weg in die entgegengesetzte Richtung. Ich gehe langsam meinen Weg, während die kleinen alten zerbrechlichen einstöckigen Häuser vor mir ihre Lichter schon längst ausgemacht haben. Offensichtlich ist jeder hier in seinem Bett zur Ruhe gekommen, während ich noch draußen bin. Als ich mich zum letzten Mal umdrehe, um Carita anzusehen, fühle ich mich wie ein Wanderer, der einen Blick auf eine vergangene Reise wirft. Doch plötzlich durchbricht ein lautes Hupen die Stille und ein strahlendes modernes Auto rast an mir vorbei.
Als ich mich umschaue, frage ich mich, was nur ein solches Gefährt hier sucht.
“Pass doch auf du Idiot!! Du hättest mich fast angefahren!! Bist du blind?!” Ich stehe mitten auf der verlassenen steinigen Weg und schreie ihm hinterher, doch meine Worte verhallen in der Stille. Das Auto hält in der Entfernung an, als ob es meine verzweifelten Rufe gehört hätte. Es ist ein Auto, das schwarz ist wie die Nacht und goldene Räder hat, ein Anblick, der zugleich faszinierend und beängstigend ist. Die hellen Lichter des Autos erreichen die Zehen meiner Füße und werfen unheimliche Schatten auf den Boden. Das Auto steht zwar still, aber niemand steigt aus. Da die Fenster dunkel getönt sind, ist es unmöglich, hineinzusehen und zu erahnen, wer oder was sich darin verbirgt. Es ist ein Geheimnis, das mich in seinen Bann zieht und meine Neugierde weckt.
“Was wartest du denn?! Hau ab!” Ich hebe meine Hand, um ihn wieder anzuschreien. Doch in diesem Moment sehe ich, wie sich das hintere Fenster öffnet. Jemand streckt seine linke Hand heraus, um mich zu tadeln, als ob er ein Richter wäre, der sein Urteil fällt. Er ist ganz offensichtlich ein Mann, denn die Adern an seinen Händen sind deutlich erkennbar, als ob sie die Geschichte seines Lebens erzählen würden. Auf seinen Fingern, sowie Handrücken befinden sich undefinierbare Symbole, mit schwarzer Farbe in die Haut gestochen. Er trägt viele Goldringe. Sein schwarzer Anzug, der wie eine zweite Haut an ihm haftet, lässt ihn wie einen Schatten erscheinen, der in der Dunkelheit lauert. Die Knöpfe an seinem Anzug glänzen golden, als ob sie die Sonne einfangen und in ihrer Pracht erstrahlen lassen. Seine breite goldene Uhr am Handgelenk ist so groß wie der Mond und blendend schön, als ob sie die Zeit selbst beherrscht. Und das Allerärgerlichste ist der, dass er die Hand hebt und beginnt, mich zurechtzuweisen, als ob er über mein Schicksal entscheiden könnte.
“Na, warte!“, ich springe schnell auf und hole einen Stein vom Boden.
“Nimm deine Finger runter, sonst breche ich es dir!!” Der Abstand zwischen uns ist so groß, dass mein Stein nicht einmal das Auto berührt, aber dieser Angriff ist ausreichend, damit er seine Hand wieder zurückziehen kann.
“Rosalia!”
Ist das nicht die Stimme meiner Mutter?
Was sucht sie denn hier zu dieser Uhrzeit?
Als das moderne Auto vor mir startet, drehe ich mich um. Meine Mutter steigt aus der Kutsche von unserem Nachbar, Gasparo aus. Joel, sein Sohn, sitzt auch in der Kutsche. Im hinteren Teil kann ich auch meine kleine Schwester sehen, sowie Frau Fosca.
“Hör auf, da rumzustehen! Wir gehen, komm her!” Meine Mutter hat eines ihrer schönsten Kleider an. Wenn es kein spezieller Tag ist, schmückt sie sich nie auf. Sie hat sogar ihre kurzen braunen Haare gewellt. Sie hat sogar hohe Schuhe an.
“Sag mir bitte, wohin wir gehen?”
“Ab heute verlassen wir Sizilien.”
“Was?!” Ich bin so überrascht, dass ich mitten auf dem Weg stehen bleibe, wie erstarrt. Es ist, als ob die Zeit um mich herum einfriert und alles um mich herum verschwimmt. Meine Gedanken wirbeln wild durcheinander, während ich versuche, das Geschehene zu begreifen.
“Sei still und hör mir zu.”
Sie fängt an zu flüstern.
“Erinnerst du dich, dass Fosca für die angesehene, reiche Familie hier in Italien arbeitet?” Ja, wenn ich mich nicht irre, bleibt sie sogar ab und an dort bei der Familie. Herr Gasparo kümmert sich, um den Garten, Joel ist der Chauffeur.
“Ich habe sie um Hilfe gebeten, mir im Schloss Arbeit zu finden. Sie hat daraufhin mit dem ältesten Mädchen des Hauses geredet. Die Großmutter sagte, dass sie zwei Personen bräuchten. Du wirst deine Aufgaben als Hausmädchen erledigen und ich übernehme die Hausarbeit. Die Familie möchte, dass ihre Mitarbeiter zu jeder Zeit erreichbar sind. Wir sind verpflichtet, 48 Stunden lang erreichbar zu sein. Sie werden uns ein Zimmer im Schloss zur Verfügung stellen. Wir werden dort leben. Toll, oder, Rosalia?” Wenn sie nicht meine Mutter wäre, würde ich wahrscheinlich ihr die Wimpern rausreißen.
“Hast du mich gefragt, ob ich das will?“, frage ich. ,,Rosalia... Wir werden dort mehr als die drei Euro bekommen, die du verdienst. Wenn du nicht an dich denkst, denke an deine Schwester.” Sie zeigt mit den Augen auf sie. Ihr dunkles Haar ist schön aufgesteckt. Sie hat ihr sogar mein altes, weißes Kleid angezogen. Sie ist so müde, dass sie nicht mal lächeln kann.
“In unserem Leben hat sie so viel von uns verlangt, aber wir konnten ihr keinen einzigen Wunsch erfüllen.”
Warum lastest du so viel auf mein Herz, Mama?
“Findest du es gerecht, dass wir ihr nicht mal eine kleine Puppe kaufen können?” Meine Augen füllen sich mit Tränen, denn meine Mutter hatte recht. Ich konnte ihr nicht mal eine Stoffpuppe kaufen.
“Es ist noch nicht klar, ob sie leben oder sterben wird. Lass sie nur einmal ihre Augen in einem Schloß öffnen, Rosalia.” Meine Mutter berührt den zerbrechlichsten Punkt meines Herzens. Sie klopft mir auf den Kopf und ich stimme dieser Reise zu.
“Alles klar, dann los. Es ist Zeit, die Familie Colombo zu besuchen. Unser Weg ist weit.” Meine Mutter packt mich wieder am Arm und führt mich zur Kutsche.
“Leben die Colombos nicht in Sizilien?” Ich frage erstaunt.
“Nein. Wir müssen nach Rom. Am Ende werden wir mit der Fähre fahren. Sie leben in Rom in der Natur, weit weg von allen. Natürlich, wenn man reich ist, reicht die Kraft eines Menschen überall hin. Nur, wir schaffen es nicht weit und stecken hier in Armut fest”, klagt sie, während ein Teil in mir zerbrochen wird. “Morgen beim Frühstück, werden wir mit der ganzen Familie bekannt gemacht. Ich glaube, sie werden uns sehr mögen. Freue dich. Du wirst nun reiche Freunde finden” , lachend, öffnet sie die Tür der alten Kutsche und wartet bis ich einsteige.
Meine Träume beginnen davon zu fliegen, wie bunte Vögel, die ihre Flügel ausbreiten und in den Himmel aufsteigen. Doch während meine Träume langsam zerbröckeln und zu Staub zerfallen, halte ich den Glauben aufrecht, dass aus den Trümmern neue Träume geboren werden können.