Prolog
Glück ist ein großes Wort. Glück ist das Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände. Viele Menschen glauben, dass das Glück auf ihrer Seite ist. Glück ist die kleine Lampe, die die Hoffnung erstrahlen lässt. Glück ist die gute Schwester des Unglücks. Es gibt auch Menschen, die glauben, dass das Glück auf ihrer Seite ist, weil sie an übernatürliche Wesen, dessen Existenz nicht bewiesen ist, glauben.
Was sie aber nicht wissen ist, dass Glück nichts anderes als ein kleiner Schubs in die richtige Richtung ist, von unscheinbaren Kreaturen, die außerhalb der Welt, wie man sie kennt, existieren. Diese Kreaturen stammen von dem, was viele Menschen liebevoll „Glücksgöttin“ nennen, ab.
Diese wunderbare Kreatur hat vor tausend Jahren das Glück auf unendliche Welten verbreitet, eines Tages wurde es ihr aber zu viel, und deshalb erschuf sie eine ganze Rasse Kreaturen, die ihre Kräfte von ihr erbten. Ihre Aufgabe ist es, ein Vitium zu verhindern.
Ein Vitium ist das, was geschieht, wenn eine Welt in einer so großen Unglückssträhne steckt, dass sie aus der Existenz verschwindet. Das passiert meistens, wenn die Welt etwas durchleben muss, was dessen Geschichte beeinflusst. Wenn das aus irgendeinem Grund nicht geschieht, dann ist die Welt weg, weil ihre Geschichte nicht weitergeschrieben worden ist.
Und für das sind wir da. Wir besitzen die Fähigkeit, die Welt, oder besser, bestimmte Menschen, so stark, aber trotzdem unscheinbar, zu beeinflussen, dass ein Vitium verhindert wird. Wir alle bekommen Missionen, die wir reibungslos durchziehen müssen, und es gibt Regeln, die befolgt werden müssen. Wir haben auf diese Weise die Welt tausende von Jahre weitergebracht, und werden das weiterhin tun, zumindest die meisten von uns.
«Ich werde mir auch wirklich Mühe geben.» Jammere ich jetzt schon eine gute Stunde meinen Vorgesetzten voll, damit er mir endlich eine Chance gibt. Ihr müsst wissen, dass es einige von uns gibt, damit meine ich hauptsächlich mich, die mehrere Male den Test verpatzen, den man durchführen muss, um auf die Welt geschickt zu werden.
Deshalb ist es ihnen, also mir, verboten, irgendwie die Finger im Spiel zu haben. Ich will aber hilfreich sein, ich will auch jemandem helfen können. Aber er weigert sich. Er schüttelt sein Kopf und läuft stur weiter. Ich kann nur auf seinen Hinterkopf starren, während ich ihm wie ein Hündchen hinterherlaufe. «Wieso lässt Ihr mich nicht einfach gehen? Ich kann Ihnen zeigen, dass ich es kann.» flehe ich weiter.
«Ihr habt mir gezeigt, dass Ihr so unfähig seid, dass Ihr zwei Tests hintereinander nicht bestanden habt.» Antwortet er mir mit seiner eiskalten Stimme.
Für ihn sind diese dämlichen Tests wichtig. Mein Vorgesetzter nimmt immer alles viel zu ernst. Er hat für alles Regeln, er macht nichts außerhalb des Zeitplans und falls es mal passiert, dass etwas dieser Zeitplan auf negative Weise beeinflusst, bekommt er einen Wutanfall und funktioniert dann für einige Stunden nicht mehr.
«Ich wurde aber dazu erschaffen.» mache ich weiter.
Er dreht sich abrupt um und schaut auf mich herab. Diese violetten Augen sind so kalt mir gegenüber, dass ich mich fast umgedreht hätte, um zu gehen.
Er hat keine Haare, weil sich um Haare zu kümmern, nicht in seinen Zeitplan passt. Eins seiner Mundwinkel zuckt und, mit seinem kleinen Schreibbrett, beugt er sich zu mir und sagt: «Ich weiß nicht, wieso Sie überhaupt erschaffen worden sind. Sie dienen nur zu einem Zweck, aber zu dem seid Ihr nicht fähig. Also, nochmals, ich werde Sie nirgendwohin schicken.»
Und er ist gemein.
«Warten Sie einfach geduldig, bis Ihre Zeit hier um ist, und dann könnt Ihr als Stern jemanden anderes nerven.» Ich runzle die Stirn.
Was er meint, ist, dass ich einfach warten soll, bis ich sterbe. Da wir von der Glücksgöttin erschaffen wurden, wurden wir nie geboren und werden dementsprechend nie sterben. Was stattdessen geschieht, ist, dass unsere Essenz aus unseren Körper geholt wird, und benutzt wird, um den Nachthimmel zu erleuchten. Also, ja, wir werden zu Sternen, wenn wir sterben.
«Nun geht, ich habe Wichtiges zu tun.» Sagt er. Ich folge ihm und höre, wie er genervt stöhnt. «Ich werde Ihnen überallhin folgen, bis Sie mir eine Chance geben.» Ich weiß sehr gut, wie sehr er mich nicht leiden kann, also versuche ich ihn zu erpressen. Er geht weiter und fragt mich plötzlich: «Können Sie mir die Gründe aufzählen, wieso Ihr die Tests nicht bestanden habt?»
Ich grüble ein wenig, aber mir kommt nichts in den Sinn. Er antwortet für mich. «In Ihren Tests wurde festgestellt, dass Ihr gegen das Protokoll geht, und es immer wieder schafft, die Nase da hin zu stecken, wo sie nicht hingehört. Euer größtes Problem ist, dass Ihr zu engagiert seid. Ihr lässt Ihre Emotionen frei, was zum Scheitern führt.»
Er hält dann an und blickt auf mich hinunter. «Sobald Ihr lernt, wie wir alle den Emotionen nicht die Oberhand übernehmen zu lassen, dann werde ich darüber nachdenken.» Dann lächelt er, was immer beängstigend ist, und sagt: «Aber ich bin mir sicher, dass Ihr ein wunderschöner Stern sein werdet.»
Ich fühle mich schrecklich, weil ich nicht hilfreich sein kann, aber ich fühle auch Wut, weil ich als nutzlos angesehen werde. Das lasse ich mir nicht bieten, nicht von meinem Vorgesetzten, und auch nicht von irgendjemand anderes. Ich werde es ihnen zeigen.
Diese Wut steuert mich direkt zu einer verschlossenen Tür. Ich blicke durch das Glas und wünsche mir so sehr, dahinter stehen zu können. Hier hinten liegen nämlich die Portale zu all den Welten, die dieses Universum in seinen breiten Armen halten kann, und ich will da rein. Wie? Nun, Einbruch steht nicht auf meinem Curriculum, aber ich bin stur.
Das Schloss ist ein kniffliges Exemplar. Der Schlüssel ist in den zärtlichen Händen meines Vorgesetzten und all denen, die momentan eine Welt zugewiesen haben.
Ich stampfe durch den grellen, weißen Flur. Das ganze Gebäude sieht so aus. Keiner von uns darf irgendwie Leben hier einflößen, denn das gehört nicht zu unseren Aufgaben. Ich gehe an einer offenen Tür vorbei und meine suchenden Augen erblicken jemand, der mir vielleicht helfen kann.
Eine Dame mit solchen dicken, weißen Locken, ihre Haare sehen aus wie eine Wolke. Ihre gelben Augen sind wie Sterne, die, von ihrer dunklen Haut widergespiegelt, erstrahlen. Ihr langes weißes Kleid umschlingt ihren kurvigen Körper, der, meiner Meinung nach, die Glücksgöttin wunderschön hinbekommen hat. Eine kleine Tasche hängt um ihre Hüften. Sie ist eine der Ersten, die erschaffen worden ist, und sie hat schon tausende Welten vor einem Vitium gerettet. Und sie ist eine der wenigen, die mich mag.
Als sie mich sieht, ergreift sie die Flucht, zumindest wollte sie das, aber ich stehe in der Tür, daher flucht sie leise. Ich winke ihr erfreut zu.
«Hallöchen.»
«Was willst du?»
So kalt wie immer, aber so ist sie nun mal. Ich verschränke meine Arme hinter meinem Rücken und gehe auf sie zu. Ich setzte mein hübschestes Lächeln auf und fange an zu reden. «Ich wollte nur mal nachsehen, wie es so läuft. Du weißt schon, mit all dem Welten retten und so.»
Sie sieht mich stirnrunzelnd an und versucht wohl mein eigentliches Anhaben zu durchschauen. «Gut. Wieso fragst du?» Sie klingt skeptisch.
«Du hast sicher viel zu tun, oder?» Ich nähere mich langsam.
«Eigentlich schon.» Sie grübelt ein wenig. «In den vergangenen drei Tagen musste ich sechs Vitiums vermeiden.» Sagt sie. Sie klingt müde, daher frage ich. «Wann war dein letzter Urlaub?» Sie fängt an zu überlegen, und je länger sie überlegt, desto tiefer wird die Falte auf ihrer Stirn.
Das läuft gut.
«Ist das nicht unfair, dass sie dir so viel anvertrauen? Ich meine, du bist die Beste, aber das bedeutet nicht, dass du nicht mal eine Pause benötigst.» Sie nickt langsam.
«Weißt du, was du brauchst? Du brauchst Unterstützung, eine helfende Hand, jemand, der dir etwas Arbeit abnimmt.» Während ich ihr das anbiete, führe ich sie zu einem Stuhl und lasse sie hinsetzen. Ich lege meine Hände auf ihre Schultern und massiere ein wenig.
«Du bist wegen all der Arbeit angespannt und kannst nicht einmal eine Minute Ruhe genießen.» Sie lässt sich langsam gehen und nickt langsam. «Du hast recht, ich brauche vielleicht eine helfende Hand.»
Ich kann mein dämliches Grinsen nicht verstecken, als sie diese Worte ausspricht und sage voller Stolz: «Ich hätte da vielleicht jemand, der dir helfen kann, der dir die Last abnehmen kann.» Ich massiere weiter ihre Schultern.
Sie summt zufrieden, während sie sich nach hinten lehnt. Mein Plan funktioniert.
«Wie wär’s, wenn du mir den Schlüssel zum Weltenzimmer gibst und mir sagst, welche Welt dir zugewiesen wurde.» Sage ich sanft und streichele nun ihre Schultern. Mit fast geschlossenen Augen greift sie in ihre Tasche und reicht mir tatsächlich die Schlüssel.
Ich nehme sie ihr sanft aus den Händen und sie murmelt: «Welt M-23.» Ich höre ihr aufgeregt zu und kann es kaum erwarten. Ich massiere weiter, bis ihre goldenen Augen komplett zu fallen. Ich lasse langsam ihre Schultern los und rase aus dem Zimmer.
Mein Herz klopft mir fast aus der Brust während ich die Tür zum Weltenzimmer öffne. Ich kann meinen Augen nicht trauen, als ich hineintrete. Das Zimmer ist unendlich, mit so langen Regalen, dass man kaum das Ende sehen kann.
Das Zimmer ist vollkommen weiß, die einzige Farben sind die Perlen ähnliche Kugeln in den Regalen. Einige von ihnen glühen, andere schienen erloschen zu sein. Mit leichtem Schritt suche ich nach Welt M-23 und finde sie recht schnell.
Ich trockne mir noch schnell meine verschwitzen Händen an meinem Kleid ab und greife danach. Mein Herz pocht, als ich diese wunderschöne Kugel in meinen Händen halte. Ein einziges Problem taucht auf, ich habe keine Ahnung, was jetzt kommen soll. Muss ich etwas sagen? Oder etwas drücken? Wie geht es weiter?
Ich fange an, im Raum nach einer Anleitung zu suchen. Aber alles, was ich finde, ist Staub.
«Lass mich rein.» Sage ich zur Kugel, aber nichts geschieht. Ich klopfe ein wenig darauf, höre aber schnell damit auf, denn ich will sie nicht beschädigen. Dann lege ich sie auf den Boden und setzte mich vor sie hin.
Ich bin so weit gekommen, und nun passiert so was. Ich rolle sie ein wenig auf dem Boden umher, und entscheide mich einfach, sie wieder in ihren Platz ins Regal zu legen. Was aber meine Augen erblicken, lässt mich staunen. Da, wo ich die Kugel eigentlich hätte zurücklegen müssen, sehe ich einen Abdruck einer Hand. Langsam lege ich meine rein und dann geschah es.
Die Kugel in meiner Hand fängt an, grell zu leuchten, bis ich kaum etwas erkennen kann. Ich schließe meine Augen, weil ich es nicht mehr aushalte. Ich spüre, wie sich mein Umfeld verändert und meine Hand anfängt zu kribbeln.
Als es vorbei ist, öffne ich meine Augen und gebe einen lauten Schrei von mir. Ich stehe auf einem grünen Hügel, versteckt zwischen einigen Eichen, und kann von Weitem ein Dorf erkennen. Ich gebe noch einen lauten Freudenschrei von mir und rase den Hügel runter.
Nichts kann mich mehr aufhalten, es ist endlich meine Zeit gekommen, ich darf endlich mein Können zeigen. Lachend komme ich im Dorf an.
Ein Dorf, ein echtes Menschendorf, ich konnte es immer noch nicht glauben. Eine Dame kommt aus einem Haus raus, mit einem Korb unter dem Arm. Ich will zu ihr, aber etwas kribbelt auf meiner rechten Hand und ich bleibe stehen.
Ich sehe hinab und erstaune, als ich bemerke, dass, statt der Kugel, ich nun einen kleinen Kompass in meiner Hand eingeritzt habe. Das wird immer besser und besser.
Mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht mache ich mich auf den Weg, die Welt zu retten, ob sie es nun will oder nicht.









Da ich erst angefangen habe zu lesen. Bisher gefällt mir die Geschichte gut