Chapter 1
Das Alte ist vergangen, das Neue ward geworden
Nun sind genau zwei Wochen vergangen, seit dem erfolgreichen Putsch der Leistungsdemokratie. Wie sie dies geschafft hatten, wusste niemand so recht, selbst die Betroffenen schwiegen. Während diesen ersten Wochen vom Anfang der Veränderung, blieb die Regierung überraschend unbemerkt. Doch heute war es nun so weit. Nun wollten sie zum ersten Mal bei einer Pressekonferenz zum Volk sprechen. Und dies ausgerecht im symbolträchtigsten Gebäude Deutschlands.
Der ganze Plenarsaal war überfüllt mit Menschen, viele standen in kleinen Gruppen da und schienen über etwas, mir Unklarem lauthals zu diskutieren. Beim vorbei Laufen schnappte ich Wortfetzen wie „Diktatur der Elite“…. „3. Weltkrieg“… und „Zusammenhalt“… auf. Anscheinend wussten die Menschen hier auch nicht mehr als ich. Auf einmal tat sich etwas vorne am Rednerpult. Eine Frau mit blondem Haar stellte sich direkt hinter es. Einen Moment wartete die Frau bis alle ihre Aufmerksamkeit auf sie gerichtet hatten und sagte dann: „Meine Damen, meine Herren, hiermit heiße ich sie herzlich willkommen. Setzten sie sich nun bitte.“ Schnell ergatterte ich mir mit meiner Frau gute Plätze in den vordersten Reihen. Lange dauerte es nicht bis sich auch die letzten an ihren Plätzen eingefunden hatten. Soweit ich das erkennen konnte, befanden sich unter den anwesenden Gästen neben Militär und Presse, ebenfalls auch hochrangige Ex-Politiker. Vermutlich zieht die neue Regierung es in Betracht, sie in das System einzugliedern. „Ich bitte sie nun, sich für die Begrüßung unsres wertgeschätzten Regierungsrates zu erheben“, erklang es von der Frau hinterm Rednerpult. Die Tür an der Seite öffnete sich und eine Gruppe Herren schritt in den Saal. Sofort erklang lautes Klatschen, dem ich mich aus Höflichkeit einfach mal anschloss. Einer der Herren kapselte sich von der Gruppe ab und lief mit einem Siegerlächeln im Gesicht zum Rednerpult, während dessen sich die andern auf der Regierungsbank postierten. „Das Schlechte muss beiseite geschafft werden…,“ begann er. „Damit Platz für das Neue, das Gute ist. Die Leistungsdemokratie ist dieses Gute. Wir…. nein, das System wird auftretende Probleme erkennen und diese dann lösen. Wir sind der Anfang, nicht das Ende, mit uns beginnt eine neue Zeit. Diese Zeit ist der Aufbruch in eine bessere Welt. Damit dies geschieht, haben wir die Krone des Volkes geholt und sie unsrem System aufgesetzt. Gemeinsam werden wir nun diesem neuen König dienen. Manche werden ihm mehr als andere dienen, doch das ist in Ordnung. Am Ende zählt nur das Wohl der Allgemeinheit. Und so frage ich euch, ihr Sklaven des Alten, seid ihr bereit, eure Ketten von euch zu sprengen um mit erhobenem Haupt aus dem Verließ der Rationalitätslosigkeit zu marschieren?“ Einen Moment blieb es ruhig, dann erklang ein schallendes „Ja, das sind wir“, gefolgt von begeistertem Klatschen von den Sitzplätzen. Manche fingen auch an im Chor: „Nieder mit dem Alten, lang lebe die Leistungsdemokratie“, zu rufen. Der Mann vorne räusperte sich kurz, augenblicklich wurde es wieder ruhig. „Die Leistungsdemokratie war einst die Idee eines Schriftstellers, welcher diese Utopie für Zeiten wie diese entworfen hat. Zeiten in denen Korruption, Machtgier und Irrationalität unser Land regieren. Wir werden ein neues Deutschland erschaffen, in der Meinungsfreiheit das höchste Gut ist und, in welchem Unternehmergeist unterstützt und nicht noch extra besteuert wird. Ein Land in dem man vor Leid nicht die Augen verschließt, sondern anfängt, die Ärmel hochzukrempeln um ihm den Kampf anzusagen.“ Einer der anwesenden meldete sich: „Mathias Hubert vom Tagesspiegel, es fiel öfters das Wort Leistungsdemokratie, doch wo ist in ihren Zielen die Verbindung zu dieser existenziellen Leistung?“ Einen kurzen Moment dachte der Mann nach: „Die hier erwähnte Leistung betrifft hauptsächlich die Politik und in keiner Weise das Leben des Volkes. Es werden keinen hören Maßstäbe für die Allgemeinheit gesetzt.“ Die blonde Frau von vorhin lief zu dem Mann und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der Mann nickte und sagte dann ganz ruhig: „Meine Damen und Herren, meine Kollegin hat mir so eben mitgeteilt, wir hätten eine Bombendrohung erhalten. Aus diesem Grund bitte ich sie geordnet den Saal zu verlassen.
Die Pressekonferenz wird hiermit vertagt.
Behalten sie dennoch den Spruch: „Das Alte ist vergangen, das Neue hat begonnen“,
in Gedanken.
Am nächsten Tag fühlte sich alles wie ein Traum an. Es dauerte eine Weile, bis mir alles wieder Bewusst wurde. Die Demokratie gab es nicht mehr und ein neues System, welches großen Wert auf Rationalität und Leistung legte war nun an ihrer Stelle. Ich warf einen Blick auf den Stundenplan. Heute hatte ich Vertretung bei der 11d für Ethik. Mich wunderte es, dass trotz eines so großen Ereignisses der Unterricht geregelt weiter seinen Weg nahm. Lange dauerte die Fahrt zur Schule nicht. Schon beim Eintritt in die Klasse, blieb das neuste Diskussionsthema nicht lange unterm Tisch. Auf die Schnelle konnte man die Klasse in drei Gruppen einteilen: eine Gruppe die für das neue System war, eine, die noch an der alten Demokratie hing und eine die sich nicht für Politik interessierte. Bis auf das Gesprächsthema unterschied sich heute noch etwas von anderen Schultagen. Hinten in der Ecke saß ein Mann im Anzug. Auf seinem Schoss lag ein kleines Notizbüchlein. „Wer sind sie“, fragte ich. Der Mann räusperte sich kurz, stand auf und sagte: „Mein Name ist Herr Brandt, ich bin ein Mitglied des Regierungsrates für den Aufgabenbereich Bildung und Arbeit. Heute werde ich ihren Unterricht begleiten und mir ein genaueres Bild über sie verschaffen.“ Ich wollte weitere Fragen stellen, doch er hob abweisend die Hand. Etwas irritiert, begann ich den Unterricht. „Steht nun alle für die Begrüßung auf. Guten Morgen, liebe Schüler.“ „Guten Morgen, Herr Weber“, erklang es mir im Chor entgegen. „Heute werden über ein ganz besonderes Thema diskutieren, und zwar über den Sinn des Lebens. Euren Klassenkameraden in Religion würde diese Frage einfacher Fallen. Denn die Bibel gibt einen klaren Sinn vor, der Sinn unsres Leben ist es Gotteskinder zu sein. Was denkt ihr darüber?“ Lukas, welcher vorhin anscheinend für die Leistungsdemokratie war, meldete sich: „Herr Weber, an der christlichen Antwort gibt es ein ganz offensichtliches Problem. Sie schließt Gott als existierend schon mit ein. Doch was ist, wenn Gott nicht den Menschen, sondern der Mensch Gott erschaffen hat? Wo ist dann der Sinn?“ Anerkennend nickte ich ihm zu. Nun meldete sich auch Johannes. „Das Leben selbst hat einen Eigenwert. Wem es also gelingt, sein Leben um seiner selbst willen zu leben, der erfährt die wahre Lebensfreude. Einen tieferen Sinn braucht es nicht und wird es auch nicht geben.“ Ich sah, wie Herr Brandt irgendetwas in sein Notizbuch kritzelte. Bis zum Ende der Stunde brachten auch noch ein paar andere Schüler ihre Ideen vor. Sie handelten oft vom glücklich sein, vom viel Geld zu verdienen und vom Suchen nach dem Sinn selbst. Mir gefiel der Gedanke, dass Gott den Menschen erschaffen hat, damit sie für ihn nach dem Sinn der Existenz suchten. Bis zur dritten Stunde saß Herr Brandt weiter hinten auf seinem Stuhl. Ab und zu wirkte er überrascht und kritzelte etwas in sein Notizbuch. Ich bemerkte ihn nach einer Weile gar nicht mehr und fuhr in gewohnter Form mit dem Unterricht fort. Umso größer war dann die Überraschung, als er aufstand, sorgfältig seinen Stuhl wieder zurückstellte und zu mir nach vorne lief. Vorne stehend blickte er auf seine Uhr und sprach: „So, nun ist es Zeit.“ Fragend blickte ich ihn an. „Zeit wofür?“ „Zeit für eine Wendung, Zeit für das was angekündigt wurde. Ende und Anfang geschehen heute. Jetzt wird entschieden über Gut und Schlecht. Nun beginnt die Zeit der Leistungsdemokratie in dieser Schule und ist damit auch ein Startschuss für den Rest.“ Ich wusste gar nicht so recht was ich sagen sollte, nur ein Einfaches „Ok“, streifte meine Lippen. Er fuhr fort: „Aber nicht hier, ein schäbiges Klassenzimmer ist einer so bedeutenden Sache nicht würdig.“ Beim Rausgehen sagte er zu mir: „Sagen sie allen, sie sollen sich auf dem Pausenhof einfinden, und mit alle meine ich auch alle.“
Der Pausenhof war überfüllt mit Menschen, überall, wo man hinschaute, waren Schüler, Lehrer und Schaulustige zu sehen. Die Presse ließ es sich natürlich nicht nehmen und besetzte die Reihen vorne rasch. Extra für diesen Anlass ließ Herr Brandt eine Bühne mit Lautsprechern und Großbildschirmen errichten. Man hatte sogar nur für ihn ein Rednerpult organisiert. Unter großem Applaus betrat Herr Brandt die Bühne. Jede kleine Bewegung wurde dabei von den Reportern per Kamera genaustens festgehalten. Lachend schaute er von oben zu mir runter. „Ist das nicht großartig, zwar kein Vergleich zu Gestern, aber dennoch ganz zufrieden stellend.“ Man merke ihm an wie sehr er die Aufmerksamkeit genoss. Er steckte seine Hand in die Jackentasche und holte eine Nuss heraus. „Unser Land ist wie diese Walnuss. Das Gute wird umgeben von etwas eher Unbrauchbarem. Anfangs diente es als Schutz, wurde mit der Zeit jedoch unbrauchbar. Anstatt es zu schützen, hält es nun das Gute vielmehr zurück. Irgendwann einmal will das Gute sich dennoch der Welt zeigen. Es bricht durch die Mauern des Unbrauchbaren, aus der Gefangenschaft heraus, hinein in eine noch unbekannte Zukunft. Draußen angekommen beginnt der Weg, der noch steinig ist. Mit der Zeit gewinnt es aber an Größe und die anfangs schweren Zeiten sind nun durch ruhigere Tage ersetzt. Am Schluss hat das Gute Wurzeln geschlagen und kann jedem noch so starkem Gegenwind trotzen. Heute ist es an der Zeit, diese Schalle um uns zu durchbrechen.“ Mit diesen Worten drückte er die Nuss in seiner Hand zusammen und hielt sie dann in die Höhe. Der Kern war von der Schale befreit und leuchte schon fast magisch in der Mittagsonne. Selbst die Schüler stiegen beim begeisterten Klatschen mit ein. Wie schon im Reichstag, erklang von vielen der Ruf: „Nieder mit dem Alten, lang lebe die Leistungsdemokratie.“ Herr Brandt warte bis es wieder leiser wurde und fuhr dann fort. „Doch nur um zu reden wurde ich nicht Politiker, jetzt wird gehandelt. Wenn ich die Direktorin Frau Junkel und Herrn Weber auf die Bühne bitten dürfte.“ Ganz überrascht folgte ich Frau Junkel die Treppen hoch. „Frau Junkel, eine Frau aus bekanntem Haus, ihr Vater war Mitbegründer des größten Vereins, der sich aktiv für krebskranke Kinder einsetze. Schon in jungen Jahren profitierte sie nicht nur vom Einfluss ihres Vaters, sondern auch durch die Mitgliedschaft ihrer Mutter im Gemeinderat. Dadurch gelang es ihr auf eine der renommiertesten Privatschulen des Landes zu kommen. Sie schöpfte ihre Möglichkeiten aus, um etwas aus ihrem Leben zu machen. Heute leitet sie nun selbst eine Schule der Elite. Doch dies reichte ihr nicht aus, und sie verfiel der Gier. Durch Bestechungsgelder schleuste sie schlechte Schüler von reichen Familien in diese Schule ein. Dadurch beschmutzte sie ihr Amt und den Namen dieser Schule.“ Entsetzt schaute ich zu Frau Junkel rüber, Gerüchte hatte es gegeben, doch den Wahrheitsfaktor hatte ich immer stark bezweifelt. Beschämt schaute sie zu Boden, als sie meinen Blick wahrnahm. „Auf der anderen Seite haben wir Herrn Weber, er stach noch nie durch seine Eltern aus der Masse heraus. Dennoch ließ er sich dadurch nicht unterkriegen und verfolgte weiter sein Zeil. Dieses Ziel war es, motivierte Schüler, wie er es einst war, beim Aufstieg zur Spitze des Berges zu helfen. Heute kann er mit Recht sagen, er hat es geschafft. Die Elite der Leistung hört ihm gespannt jeden Tag zu. Kein anderer kann diesen Schülern so gut wie Herr Weber eine rationale Sicht auf die Welt ohne Fehlleitung durch Gefühle lehren. Doch was bringt ein guter Bauer unter einem schlechten König.“ „Frau Junkel…“, nun sprach er im heroischen Ton. „Sie, sie sind schlecht für unsrer Land. Ihre Taten gleichen einem Hochverrat an Gleichheit und Leistung. Frau Junkel, le roi est tombé. Sie gehören nun nicht mehr zur Schulleitung, das Alte wird mit ihnen untergehen. Und Herr Weber wird mit dem Neuen ihren Posten übernehmen.“ Frau Junkel brach in Tränen aus um lief schnell von der Bühne. Mehrere Buh-Rufe konnte sie sich dabei nicht ersparen. Für mich war dies jedoch zweitrangig, nun war ich der neue Direktor. Ich konnte meine Freude kaum in Worte fassen. Herr Brandt lächelte mir zu. Für mich begann nun eine neue Zeit. Eine Zeit, die ich mir immer so sehr herbei gesehnt hatte.
Ich atmete einmal tief durch, schritt entschlossen zum Rednerpult, und begann den Anfang nach dem Ende mit den Worten: „Lasst es uns wagen!“
Ende

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