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Dichbespachtelte Plätzchen (Kurzgeschichte/Krimi)

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Summary

Diese Weihnachten läuft für Hauptkommissarin Janette Müller nichts wie geplant. Während ihr Freund sie nervt, dass sie doch endlich die Gans vom Delikatessenhändler abholen müsse, kommt ihr ein Mord dazwischen. Und kurz darauf steht weit mehr als nur ein Festessen mit den Schwiegereltern auf dem Spiel ... (Abgeschlossene Kurzgeschichte)

Status
Complete
Chapters
2
Rating
5.0 (1 review)
Age Rating
16+

1. Akt

Weit ausgestreckte Arme haben Engelsflügel in weißen Staub gezeichnet. Hauptkommissarin Janette Müller ließ die Szenerie auf sich wirken. Es erinnerte an einen Schneeengel. Der passende burgunderrote Heiligenschein angetrockneten Blutes, der sich unter dem Kopf des Toten mit anklagend zur Decke gerichteten Augen ausgebreitet hatte, vervollständigte das Bild.

Auf langen Tischen stapelten sich mit Folie geschützte Adventsgedecke. Pappteller mit überbordend dekorierten Plätzchen, silberne Kügelchen, güldene Sterne, glänzende Schokoglasur, dicker Zuckerguss. Sie schüttelte sich. Übelkeit stieg in ihrer Magengegend auf. Diese unnötig mit künstlichen Lebensmitteln beklebten, fetten Kalorienbomben hasste sie wie die Pest. Wie eigentlich das ganze Weihnachtsgedöns.

Es blitzte. Die Kollegen der Spurensicherung hielten jedes Detail penibel auf digitalen Datenträgern fest.

„Jochen“, fragte sie oben auf der Treppe stehend den leitenden Beamten vor Ort, „was haben wir?“

„Eine Festtagsleiche.“

„Scherzkeks. Geschenke und Rotwein gibt es erst heute Abend bei deiner Frau. Erzähl mir lieber etwas über die Leiche. Selbstmord können wir wohl ausschließen.“

„Niko Rotnase, 60 Jahre, Chef dieses Catering-Unternehmens. Ist vermutlich bei dir oben auf der Betontreppe ausgerutscht, unglücklich gefallen und zack.“ Er klopfte sich mit der flachen Hand auf den Hinterkopf.

„Hm ... und was ist mir den pittoresken Flügeln? Hat er die selbst mit den Armen in den Mehlstaub gezeichnet oder war das irgendein Psychopath, der uns eine Grußkarte hinterlassen hat?“

Jochen schaute auf seinen Notizblock. „Zumindest gab es keine Fußspuren im Mehl, als die Ersthelfer ankamen. Wenn, dann war es ein geschickter Täter.“

„Und ein ziemlich kranker noch dazu. Oder es ist eine Botschaft“, resümierte sie.

Draußen vor der Tür des Catering-Betriebes stehend beobachtete sie die Kinder aus der Nachbarschaft, die sich lachend und tollend mit Schneebällen beschmissen. Ein Mädchen im Schneeanzug warf sich mit den Rücken in das tiefe Weiß und produzierte einen Schneeengel. Wie den im Keller. Auf der anderen Seite des winzigen Parks stand eine schwarzhaarige Mittfünfzigerin mit einer dampfenden Tasse und schaute zu ihr herüber. Eventuell die Oma, die auf ihre Enkel aufpasste. Kein Wunder, hier parkte das halbe Revier hinter rot-weißem Flatterband. Blaulicht flackerte über die Jugendstil-Fassaden und Schaufenster. Die Gasse war nicht weit von der Münchener Leopoldstraße entfernt.

„I-hin der Weihnachts-bäcke-rei“ dudelte die viel zu eingängige Melodie aus versteckten Lautsprechern. Na prima. Erst das eklige Adventsgebäck, jetzt grenzdebile Lieder, von denen sie Ohrenkrebs bekam.

Oh, Sch...! Es war kurz vor 14:00 Uhr! Mit einem Satz sprang sie ihn ihren Dienstwagen und setzte mit durchdrehenden Reifen zurück. Morgen kämen ihre verhassten zukünftigen Schwiegereltern vorbei. Zum ersten Mal. Noch mehr süßliches Gebäck und Kinderlieder. Bah. Dazu edle Bio-Festtagsgans, die ihr Freund Andreas mit viel Liebe zubereiten würde. Sie hatte ihm versprochen, den vorbestellen toten Vogel vom Feinkostgeschäft abzuholen, als der Funkspruch mit dem Leichenfund hereinkam.

Der Laden schloss bereits. Das war mehr als sportlich. Sollte sie es probieren? Vielleicht hatte sie Glück und das Geschäft hatte heute länger geöffnet. Eile war angesagt. Mit Blaulicht und Martinshorn jagte sie gnadenlos ihre dienstliche Mittelklassekarosse durch die Münchner Innenstadt. Autos fuhren an den Straßenrand, Fußgänger mit Tüten hochpreisiger Marken sprangen panisch zur Seite. Das würde einen Rüffel von ihrem Chef geben. Dienstanmaßung und so. Egal. Gans und zukünftiger Familienfrieden waren wichtiger. Ihre Beziehung litt unter den unsäglichen Dienstzeiten. Und darunter, dass sie oft ihre Arbeit über das Private stellte.

Schlitternd rumpelte ihr Auto über den Bordstein vor dem Spezialitätenladen „Feinkost Pflanzerl“ und kam zum Stehen. Sie riss die Tür auf. Nein! 14:15. Die schmale Ladenfront war noch beleuchtet, jedoch niemand mehr hinter der Theke zu sehen. Mit langen Schritten platschte sie durch den Schneematsch zur engen Eingangstür. Falls sie Glück hatte, würde jemand ihr Klopfen hören und die Gans herausreichen.

Keuchend hämmerte sie gegen die Glasscheibe. Keine Reaktion. Oh man. Erster Weihnachtstag mit zukünftigen Schwiegereltern und ohne Braten. Zwei Desaster epischen Ausmaßes, die ihre Beziehung massiv erschüttern würden.

Alles Bollern half nichts. Niemand kam. Die Tür stand einen Spalt offen. Hatte man vergessen abzuschließen? In diesem Fall wären Angestellte im Laden. Glück gehabt!

„Hallo!“, rief sie in den leeren Geschäftsraum und drückte die Tür mit Bedacht auf. Ein automatisches Klingeln kündigte ihren Besuch an. „Ist jemand hier? Ich komme wegen des Bratens für Müller!“

Bis auf das Gedudel leiser Weihnachtsmusik herrschte Stille. „I-hin der Weihnachts-bäcke-rei“. Was sonst. Heute war nicht ihr Tag. Sie schaute sich drinnen um und rief erneut. Die Theke war nicht komplett ausgeräumt. Aber auch in den nächsten 3-4 Minuten tat sich nichts. Seltsam. Mit Bedacht trat sie hinter den Tresen und öffnete eine Schwingtür, die in Richtung der inneren Räumlichkeiten führte.

„Hallo? Polizei! Hauptkommissarin Janette Müller. Ist alles in Ordnung bei Ihnen? Ich komme jetzt herein.“ Sie kündigte sich offiziell an, um sich später nicht vorwerfen zu lassen, sie hätte das Protokoll verletzt.

Der Raum war finster. Wer ließ vorne den Laden offen und schaltete hinten das Licht aus? Langsam zog sie die Dienstwaffe, rief erneut lautstark ihr Sprüchlein und tastete nach einem Lichtschalter. Mit einem Klacken erhellte sich ein fünf Schritt messender Lagerraum. Auf Metallregalen stapelten sich eingelegte Oliven, Anchovis, Antipasti, italienische Pasta, Risottoreis, Milch, Zucker, Eier, Gewürzdosen und das obligatorische weihnachtliche Gebäck. Oblaten, Dominowürfel und dickbespachtelte Plätzchen. War klar. Hinzu kam ein hutzeliger Holztisch mit abgewetztem Stuhl.

Ihre Gans war nicht zu sehen. Auch sonst niemand. Eine Tür führte scheinbar raus in den Hinterhof. Sie war angelehnt. Einige Schneeflocken wehten herein. Die zweite sah nach Kühlraum aus. Vorsichtig schlich sie hinüber, drückten den schweren Riegel runter und schob sie auf. Grelles Neonlicht flammte automatisch auf und ein kühler Luftzug ließ sie frösteln.

Deja-vu. Vor ihr mitten im Raum lag lang ausgestreckt eine kräftige männliche Person mit Halbglatze im weißen Kittel auf dem Bauch. Eine frische Blutlache breitete sich neben dem Schädel aus. Ein massiver Feuerlöscher lag daneben auf dem Boden, vermutlich die Tatwaffe. Zügig schaute sie sich mit erhobener Waffe um, aber außer Regalen mit Kühlwaren und sowie einem Paket mit der handgemalten roten Aufschrift „Müller“ war der Raum leer. Verstecken unmöglich. Die schwere Tür schloss sich automatisch mit einem metallischen Knall. Egal.

Mit zwei Schritten war sie bei dem Verletzten und ertastete den Puls. Er schlug nicht mehr. Verflucht! Zügig holten sie ihr Handy aus der Tasche und wählte 112. Kein Netz. Mist. Ein Tag zum Mäusemelken. Sie sprintete zur Tür und riss den Riegel herunter. Oder auch nicht. Der Mechanismus blockierte nach ein paar Zentimetern. Was zum ...?!

„Hey!“, schrie sie und bollerte gegen das Metall. „Das ist nicht witzig! Polizei! Aufmachen! Hier ist ein Schwerverletzter!“

Keine Reaktion. Mechanik defekt? Eher nicht, das war ein simpler Riegel, der sich von beiden Seiten herunterdrücken ließ. Jemand hatte sie eingesperrt! Verflucht. Vermutlich hatte der Mörder im Hinterhof nur darauf gewartet, dass sie diesen Fehler beging und ihn mit dem Stuhl blockiert. Selbst schuld einfältige Kuh, schoss ihr durch den Kopf. Warum hast du nicht vorschriftsgemäß erst die Türen gesichert und die Kollegen verständigt? Mist. Jetzt saß sie ohne Kommunikation mit einer Leiche und Andreas Weihnachtsgans bei maximal 5 Grad Celsius fest.

Eine halbe Stunde später hatte sie alle Möglichkeiten, welche die Kammer bot, ausgelotet. Es gab keinen Handyempfang, in keiner der Ecken. Die Tür mit Gewalt zu öffnen unmöglich. Wie lange überlebte sie bei dieser Temperatur? Wenn es schlecht liefe, käme hier erst in drei Tagen jemand vorbei. Oh, man. In Bewegung bleiben, war das Wichtigste. Ihre Körpertemperatur durfte auf Dauer nicht mehr als zwei Grad fallen.

Vier Stunden und ein paar Hundert Hampelmänner später rumpelte es draußen. Die Tür öffnete sich und das Gesicht eines Streifenpolizisten, dessen Name ihr nicht einfiel, spähte herein.

„Endlich! Wurde auch Zeit. Ich dachte schon, ich würde die ganzen Feiertage hier verbringen.“

Damit ließ sie ihren verdutzen Kollegen stehen und sprintete zum Auto.

„Hallo Schatz ... Nein, den Braten durfte ich nicht mitnehmen ... Weil es ein Tatort ist,mit Leiche und allem Drum und Dran, Herrgott!“ Entnervt hieb sie auf den roten Button, während sie im Blaulichtgeflacker in ihrem Wagen saß und ihre Stirn auf dem warmen Lenkrad abstützte. Die Heizung lief volle Pulle. Langsam kehrte Wärme in ihre ausgekühlten Knochen zurück. Als wenn es nichts Wichtigeres gäbe als eine Gans. Andreas hätte sich wenigsten erkundigen können, wie es ihr ginge. Aus dem Radio erschallte ein fröhlich-debiles „I-hin der Weihnachts-bäcke-rei“. Mit einem kräftigen Schlag brachte sie es zum Verstummen.

Zurück zu den Leichen: Heiligabend. Zwei Tote. Beide vermutlich ermordet. Das war kein Zufall. Von wem und warum? Erneut rief sie ihren Kollegen Jochen an. Der erkundigte sich wenigsten nach ihrem Befinden. Sie sollte ihre Beziehung zur Gans und Andreas nochmals gründlich überdenken.

„Hast du was für mich?“, fragte sie den Ermittler.

„Ja. Die beiden waren Konkurrenten. Haben sich um einen prestigeträchtigen Auftrag gebalgt. Das Catering für das Spendencafé des Stadtrates am 28.12. Bis letztes Jahr, hat ihn immer Pflanzerl erhalten. Dieses Jahr jedoch wurde das lukrative Geschäft an Rotnase vergeben. Angeblich unter dubiosen Umständen.“

„Okay. Dann hätte Pflanzerl in Motiv. Aber der ist ebenfalls tot.“

„Wenn zwei sich streiten ...“

„Ja, ja. Und wer ist der Dritte?“

„Vermutlich blond.“

„Blond?“, fragte sie irritiert.

„Ja. Die SpuSi hat ein auffälliges blondes Haar nahe beider Leichen gefunden. Unabhängig davon haben sich nur die beiden auf den Auftrag beworben. Es ist anzunehmen, dass man ihn kurzfristig am 27. vergibt. An wen ist unklar.“

„Dann muss es etwas anderes sein.“

„Wenn du das sagst ...“ Die Zweifel in Jochens Stimme waren deutlich.

„Ich fahre nochmals zu Rotnase. Da standen draußen ein paar Nachbarn rum. Schick mir die Adressen der potenziellen Zeugen, dessen Namen die Kollegen aufgenommen haben. Vielleicht hat einer von denen etwas gesehen.“

„Willst du nicht bis nach den Feiertagen warten?“

„Nein. Zumindest der zweite Mord war mit Sicherheit nicht von langer Hand vorbereitet. Außerdem haben die in drei Tagen garantiert alle Details vergessen.“

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