Kapitel 1 - LP - Prolog
Niklas
Ich starre auf den Bildschirm vor mir, wÀhrend Leonie McAllister mich völlig ignoriert. Dabei war sie es, die auf diesem Videotelefonat bestanden hatte.
Als ob wir nicht schon unzĂ€hlige Male ĂŒber Finanzen gesprochen hĂ€tten. Ungeduldig trommeln meine Finger auf den Tisch. Ich war zwar fĂŒnf Minuten zu spĂ€t, aber mich jetzt zwanzig Minuten warten zu lassen, ist eine Frechheit.
Lucy hatte erwÀhnt, dass ihre Schwester verbissen sei, aber verschwiegen, dass Leonie zur Eisprinzessin mutiert ist.
Damals war sie nur das sĂŒĂe kleine MĂ€dchen im rosa Schlafanzug. Nicht, dass ich darauf geachtet hĂ€tte, aber wenn Maximilian und ich Lucy zu ihrer Familie gebracht oder abgeholt hatten, war Leonie manchmal da und stand in der TĂŒr.
FĂŒr mich war sie immer nur ein Kind. Was ich jetzt durch die Kamera sehe, entspricht jedoch ĂŒberhaupt nicht diesem Bild.
Der rosa Schlafanzug ist verschwunden, ebenso das niedliche, kindliche Aussehen. Stattdessen lÀuft sie in einem engen blauen Kleid durch ihr Hotelzimmer und hÀlt dabei das Handy in der Hand. Ihre Stimme klingt kalt und trocken. Ein nerviger, Àtzender Ton, der mir viel zu bekannt vorkommt. Eigentlich habe ich noch nie einen anderen Ton von ihr gehört. Ganz im Gegensatz zu ihrer Schwester, die immer freundlich und fröhlich ist.
Sie ist im Urlaub und arbeitet trotzdem weiter. Lucy hat mir irgendwann erzĂ€hlt, dass Leonie nicht nur fĂŒr den Familienbetrieb, sondern auch fĂŒr andere Firmen arbeitet und ein Workaholic ist. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich ihr nicht wirklich zugehört. Das ist doch alles Bullshit.
Die kleine McAllister geht mir ohnehin schon auf die Nerven. Da brauche ich nicht auch noch Informationen darĂŒber, wie sie andere Firmen auseinandernimmt, um sie spĂ€ter wieder aufzubauen.
»Hast du mich vergessen?«, frage ich so laut, dass ich mich ĂŒber die Lautsprecher doppelt höre. Und genau in diesem Moment dreht sich Leonie um. Selbst durch die pixelige Auflösung sehe ich, wie sich ihre blauen Augen verengen, als wollte sie mich am liebsten umbringen.
Seufzend lehne ich mich in meinen Stuhl zurĂŒck und versuche, meine Schadenfreude zu unterdrĂŒcken. Leonies Wangen sind gerötet, und ihre langen blonden Haare fallen ihr ĂŒber die Schulter. Wenn man sie so sieht, hat sie sogar etwas Attraktives an sich. Leider spricht sie kurz darauf wieder mit einem ihrer Kunden und dieser kurze Moment ist vorbei.
Doch er kehrt zurĂŒck, als sie sich langsam bĂŒckt, um etwas vom Boden aufzuheben, und sich das Kleid um ihren runden Po spannt.
Nein, diesen Anblick hatte ich definitiv noch nicht, und auch mein Wolf wird unruhig. Sie dĂŒrfte mich jeden Tag auf diese Art und Weise anrufen.
Doch bevor ich den Anblick richtig genieĂen kann, steckt Trixi ihren Kopf durch die TĂŒr, und Leonie redet ausnahmsweise mal nicht mit mir. »Bist du fertig?«
»Nein, Mr. Stone ist beschÀftigt«, tönt es aus meinem Laptop. Ich sehe, wie die kleine McAllister ohne ihr Handy wieder an ihrem Schreibtisch sitzt und mich mit ihren blauen Augen mustert.
Sofort mache ich eine abwehrende Handbewegung in Richtung Trixi. Ich werde spÀter mit ihr spielen, aber zuerst muss ich die Eisprinzessin wieder zufriedenstellen.
»Hast du endlich Zeit fĂŒr mich?«, frage ich und signalisiere Trixi erneut, dass sie mich in Ruhe lassen soll, doch sie bleibt einfach in der TĂŒr stehen. In letzter Zeit wird sie immer nerviger.
»Stellen Sie sich vor, Mr. Stone, es gibt noch Menschen, die arbeiten«, schnauzt sie mich an, und ich rolle mit den Augen. Typisch. Als ob ich nicht arbeiten wĂŒrde und nicht in meinem BĂŒro sitzen wĂŒrde.
»Leonie, wir waren auf derselben Schule«, antworte ich ruhig, aber mit einem Hauch von VerĂ€rgerung in der Stimme. Genau genommen ist es bei jedem Videotelefonat das Gleiche. Das ist einfach nur Ă€tzend. Es ist, als wĂŒrde mein Alpha darauf bestehen, dass ich ihn Alpha und nicht Alexander nenne. »Meinst du nicht, wir sollten uns mit Vornamen anreden und diese Förmlichkeiten ĂŒberspringen?«
Sie stĂŒtzt die Ellenbogen auf den Tisch, die HĂ€nde gefaltet, das blonde Haar zu einem straffen Pferdeschwanz gebunden. Ihre blauen Augen fixieren mich durch den Monitor. Sie sieht nicht aus wie Lucys fĂŒnf Jahre jĂŒngere Schwester. Im Gegenteil, manchmal sieht sie sogar Ă€lter aus als das Ă€lteste Kind der McAllisters. Und doch ist die Ăhnlichkeit unverkennbar.
»Mr. Stone«, beginnt sie wieder und ignoriert bewusst, was ich gerade gesagt habe.
»Niklas«, korrigiere ich und lehne mich im Stuhl zurĂŒck.
»Mr. Stone«, wiederholt sie, als hÀtte sie mich nicht gehört, und ich seufze angestrengt. »Es geht ums GeschÀft.«
»Warum mischst du dich ĂŒberhaupt ein?«, frage ich. »Lucy hat doch alles unterschrieben, nicht du.«
»Wie Sie richtig sagen, Lucy McAllister hat alles unterschrieben. Allerdings nicht als Privatperson, sondern im Namen der Firmengruppe«, antwortet sie trocken. »Damit gehört das Problem jetzt glĂŒcklicherweise der ganzen Familie.«
»Das Problem?« Ich ziehe die Augenbrauen hoch und fĂŒhle mich zum ersten Mal richtig beleidigt. Ansonsten ist sie nur auf Zahlen und Fakten fixiert. »Wie du weiĂt, lĂ€uft der Club seit einem Jahr ohne Probleme. Wir machen nur Gewinn. Hast du die Zahlen nicht studiert?«
Sogar mein innerer Wolf knurrt beleidigt, als Leonie selbstgefÀllig eine Augenbraue hebt und mich durch den Bildschirm fixiert.
»Wissen Sie, Mr. Stone, welche Unternehmen auch vom ersten Tag an nur Gewinn machen?« Sie wartet gar nicht erst auf eine Antwort, sondern redet einfach weiter. »One-Hit-Wonder, die nach einem Jahr plötzlich bankrott sind, oder Firmen, die ihr Geld mit illegalen GeschÀften verdienen.«
»Leonie«, knurre ich und senke meine Stimme, damit das verdammte Mikrofon mich nicht versteht. »Willst du mir etwas unterstellen?«
»Ich unterstelle Ihnen gar nichts, Mr. Stone«, sagt sie trocken. »Ich ĂŒberprĂŒfe nur und gebe meine Erfahrungen weiter.«
»Du kennst doch deine Schwester«, sage ich, und meine Frustration schwingt in meiner Stimme mit. »Glaubst du wirklich, dass sie ihre Unterschrift unter etwas Illegales setzen wĂŒrde?«
Es wundert mich nicht, dass sie denkt, hier wĂŒrde etwas Illegales vor sich gehen. In dieser Hinsicht hat sie schon oft spitze Bemerkungen gemacht. Aber mein Club ist sauber. Es ist nur verboten, dass ahnungslose Menschen hier reinkommen.
Wie Leonie zum Beispiel, die nichts vom ĂbernatĂŒrlichen weiĂ.
Leonie schĂŒttelt den Kopf, und fĂŒr einen kurzen Moment sehe ich ein mĂŒdes LĂ€cheln auf ihren Lippen. »Meine Schwester war noch nie bei klarem Verstand«, erwidert sie. »Und genau deshalb komme ich persönlich vorbei und schaue mir das GeschĂ€ft an.«
Mein Herz setzt aus, und ich brauche einen Moment, um mich wieder zu fangen.
Das kann doch nicht ihr Ernst sein!
»Du kommst hierher?«
»Ja«, antwortet sie kĂŒhl. »Falls Sie es nicht verstanden haben, Mr. Stone, der Club gehört zur HĂ€lfte der Familie McAllister. Also auch mir.«
»Du gehst mir echt auf die Eier«, knurre ich, obwohl ich die Worte eigentlich nur denken wollte. Aber sie entgleiten mir, und ich bin selbst ĂŒberrascht, wie wenig es mich stört.
Sie und ich telefonieren jede Woche mindestens einmal, wenn auch nur fĂŒr fĂŒnf Minuten, weil sie darauf besteht. Es ist schon fast zur Gewohnheit geworden.
Eine verdammt nervige Gewohnheit.
Leonie bleibt ruhig, was mich nur noch wĂŒtender macht. »Mr. Stone«, sagt sie mit einem LĂ€cheln, das mich anwidert, weil es so falsch ist, »ich bin keine Ihrer Huren. Vergessen Sie das nicht.«
Ich beiĂe mir auf die Zunge, um mir den Kommentar zu ersparen, dass jemand wie sie nicht einmal Geld bringen wĂŒrde. Niemand will freiwillig mit einer Eisprinzessin vögeln.
»Wir sind kein Bordell«, stelle ich trotzdem klar.
»Es interessiert mich nicht, was fĂŒr ein GeschĂ€ft Sie betreiben«, entgegnet sie und hebt wie Lucy immer, wenn sie sich ĂŒberlegen fĂŒhlt, stolz das Kinn. »Ich will nur sehen, ob es sauber ist.«
Toll, als kÀme sie vom Gesundheitsamt.
Das kalte LĂ€cheln, das ich nur zu gut kenne, schleicht sich auf Leonies Gesicht, und ich weiĂ, dass sie sich erstens im Recht fĂŒhlt und zweitens kurz davor ist, aufzulegen, als wĂ€re der Anruf schon vorbei.
Aber das ist es nicht.
»Bevor du auflegst«, beginne ich schnell und genieĂe ihren fragenden Blick in die Kamera. »Man sieht, dass du keinen BH trĂ€gst. SĂŒĂe Brustwarzen.«
Ihre blauen Augen weiten sich vor Schreck. Bevor sie antworten kann, drĂŒcke ich den roten Knopf und beende das GesprĂ€ch.
Sie ist spieĂig und hĂ€lt sich fĂŒr etwas Besseres. Ich wusste, dass sie das stören wĂŒrde. So habe ich einen unserer kleinen Kriege gegen die spieĂige Eisprinzessin gewonnen.
Aber es bleibt ein viel gröĂeres Problem. Eines, das sich nicht so einfach lösen lĂ€sst, wĂ€hrend ich auf meinen Laptop starre.
Eine ahnungslose Person, die fĂŒr ihre Neugier berĂŒchtigt ist, ist auf dem Weg, meinen Club aus der NĂ€he zu betrachten.
Und als ob das noch nicht genug wĂ€re, hat sie auch noch die Frechheit, mir ihre Reisedaten zu geben â ihre Art, mir den Stinkefinger zu zeigen.
Aber es sind nur zwei NĂ€chte.
Was kann da schon schiefgehen?








