Der Fremde und die Kriegerin

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Summary

Als Egmont von Hohenring, ein Lord im Königreich der Swidger, in Gefangenschaft der Bilhidi gerät, muss er hilflos mitansehen, wie deren Königin Skade seinen Bruder ermordet. An Flucht ist nicht zu denken, und so bleibt Egmont nichts anderes übrig, als sich mit seinem neuen Leben innerhalb der Stadtmauern von Sonnenhof abzufinden. Die Gepflogenheiten im Feindesland erscheinen ihm bizarr, denn hier sind Frauen an der Macht, Kriegerinnen ziehen in den Kampf und Tiere werden mit Respekt behandelt – alles Dinge, für die Egmonts Vater nur Spott und Verachtung übrig hat. Es sind zwei völlig gegensätzliche Welten, die aufeinandertreffen, als Egmont sich ausgerechnet in Skade verliebt. Zeitgleich erreicht sie die Botschaft, dass ein Angriff der Armeen von Egmonts Vater unmittelbar bevorsteht. Wird die Liebe zwischen Skade und Egmont stark genug sein, um endlich Frieden im uralten Krieg zwischen den Reichen zu stiften?

Status
Ongoing
Chapters
37
Rating
5.0 1 review
Age Rating
18+

Kapitel 1

Solveig hörte den Lärm auf der anderen Seite des Flusses als Erste. Sie zügelte ihr Pferd und fragte: „Hört ihr das?“

Oswin brachte sein Pferd neben ihr zum Stehen. Der braune Hengst schnaubte unruhig und scharrte mit den Hufen. Der Lärm kam näher. „Es kommt vom anderen Ufer. Wahrscheinlich wieder Plünderer.“

Außer Solveig und Oswin gehörten noch zehn weitere Reiter sowie eine Gruppe struppiger Wolfshunde zu ihrer Patrouille. Ramiye, ihre Kommandantin, drückte ihrer Stute die Fersen in die Seite und lenkte sie hinter eine Gruppe von Bäumen und Sträuchern. So ruhig wie möglich folgten die Reiter ihr und brachten ihre Pferde in Position.

„Pfeile auflegen“, ordnete Ramiye leise an.

Beinahe synchron wurden Pfeile auf Bogen aufgelegt. Die Hunde lagen ganz still auf dem Boden und rührten sich nicht. Mit gespitzten Ohren blickten sie auf die andere Seite des Flusses. Auch Solveig starrte angestrengt zum anderen Ufer. Blätter und Äste versperrten den Blick, dennoch war es klüger, in Deckung zu bleiben.

Ihr Herz klopfte schneller. In letzter Zeit häuften sich die Überfälle. Die Eindringlinge konnten oft vertrieben werden, aber Königin Skade musste dennoch Verluste beklagen. Mitglieder ihrer Patrouillen, Pferde und Hunde wurden verletzt und getötet.

Geräusch- und bewegungslos verharrte die Gruppe im Schutze von Bäumen und Dickicht. Der Lärm kam näher.

„Spannen“, befahl Ramiye.

Elf Reiter zogen die Sehnen bis kurz vor ihr Ohr. Einer der Hunde erhob sich auf die Beine und fletschte die Zähne. Ramiye hörte eine Gruppe Reiter, die lautstark näherkamen. Dann brach plötzlich eine Frau durch das Unterholz und stürzte ins Wasser. Ein Pfeil wurde abgeschossen.

„Nicht schießen!“, verlangte Ramiye. „Das ist eine Frau.“

Die Frau ruderte hilflos mit den Armen, wurde vom Wasser mitgerissen und ging unter.

„Da hinten!“, rief Oswin. In diesem Moment erschienen Reiter gut sichtbar auf der anderen Seite des Flusses. „Schießt!“

Pfeile flogen auf das andere Flussufer zu und vier Männer fielen sofort vom Pferd. Eines der Tiere wurde in den Hals getroffen und stürzte in den Fluss. Sein Reiter versank im Wasser wie ein Stein. Doch die ihm Nachfolgenden hatten sich schon von ihrer Überraschung erholt. Unter lautem Geschrei wurden Pferde durchpariert und Pfeile kamen vom anderen Ufer geflogen. Doch niemand von ihnen wagte es, den Fluss zu überqueren.

„Es sind nur noch fünf“, stellte Ramiye fest. „Wir reiten flussaufwärts zur Furt und holen sie uns auf der anderen Seite.“

„Mylady, ich bin getroffen“, wandte ein älterer Mann namens Adalger ein.

Ramiye wandte sich zu ihm um. Ihm steckte ein Pfeil in der Schulter.

Solveig sah ihre Kommandantin an. Diese war noch unerfahren und zögerte.

„Ramiye“, sagte Oswin leise und drängend. Sie hatte zu lange überlegt.

„Steig ab und warte hier“, sagte sie zu Adalger. „Frigga bleibt bei dir und wird aufpassen.“

Die Frau namens Frigga verzog wütend das Gesicht. Sie liebte das Töten, was mitunter zwar eine nützliche, aber nicht unbedingt eine sehr sympathische Eigenschaft war. Es wäre ihr nicht selbst eingefallen, auf einen verletzten Mann aufzupassen, anstatt sich am Gemetzel zu beteiligen.

Ramiye hatte offensichtlich entschieden, die ertrinkende Frau ihrem Schicksal zu überlassen. Die restlichen Reiter folgten ihr, als sie ihre Stute wendete und angaloppierte. Solveig wusste nicht, ob auf der gegenüberliegenden Flussseite Verstärkung kommen würde. Sie trieb ihr Pferd an und das Tier steigerte sein Tempo. Die verbliebenen Angreifer schienen erkannt zu haben, dass sie die Furt überqueren wollten, und zwei von ihnen lenkten ihre Pferde vom Fluss weg.

Ramiye hatte die Furt erreicht und lenkte ihre Stute hindurch. Solveig versuchte in ihrer Nähe zu bleiben, doch ihr Hengst rutschte beim Sprung ins Wasser aus und sie musste durchparieren, um einen Sturz zu verhindern. Kaltes Wasser spritzte ihr ins Gesicht, doch sie merkte es kaum. Sie blickte Ramiye hinterher, die auf der anderen Seite angekommen war. Der Kommandantin preschten drei Reiter entgegen, zwei flüchteten. Ramiye parierte ihr Pferd hart durch, legte einen Pfeil auf den Bogen, schoss und verfehlte ihr Ziel. Ihr Gegner hatte sein Schwert bereits gezogen und der enge Wald bot keinen Platz zum Ausweichen. Sie warf den Bogen weg und riss auch ihr Schwert vom Rücken.

Solveig trieb ihr Pferd an das Ufer. Als sie oben war, befand sich der Mann genau vor Ramiye und Solveig fürchtete, dass er sie gleich in zwei Teile spalten würde. In diesem Moment sprang ihr Hund an die Kehle des gegnerischen Pferdes. Das Tier strauchelte und überschlug sich. Sein Reiter wurde überrollt. Ramiyes Pferd sprang zur Seite, um dem stürzenden Tier auszuweichen. Dabei wurde Ramiyes Bein zwischen einem Baum und dem Pferdeleib eingeklemmt. Sie gab einen Schrei von sich. Der nächste Reiter war jetzt fast bei ihr und sie konnte sich nicht verteidigen, da sie das Schwert fallen gelassen hatte. Solveig legte einen Pfeil auf die Sehne und schoss. Sie traf ihn ins Gesicht. Der dritte Gegner parierte durch, als er sich einer Übermacht von zehn gegenüber sah, von denen fünf mit einem Pfeil auf ihn anlegten.

„Ich ergebe mich“, sagte er.

„Absteigen!“, befahl Solveig. Ramiye konnte vor Schmerzen nicht sprechen. „Werft eure Waffen weg.“ An ihre eigenen Leute gewandt sagte sie: „Reitet den Weg hinunter und schaut nach, was mit den anderen ist.“ Sie entwaffnete den Mann und fesselte ihm die Hände. Er musste wieder auf sein Pferd steigen, Solveig nahm den Zügel.

„Wir haben noch diesen halbwüchsigen Knaben erwischt. Er hat sich sofort ergeben. Der letzte ist entkommen. Sollen wir ihn verfolgen?“ Oswin sah Ramiye fragend an. Doch sie schüttelte mit zusammengebissenen Zähnen den Kopf.

„Nur die Pferde. Nehmt sie mit.“

Sie ritten durch die Furt zurück auf die andere Seite. Plötzlich rief Oswin: „Seht doch mal! Sie lebt ja noch!“ Er deutete auf die in den Fluss gestürzte Frau, die sich an einen Ast klammerte, der ins Wasser ragte.

Solveig sah Ramiye an und erwartete einen Befehl, doch sie schien so benommen von den Schmerzen, dass sie nicht reagierte. Oswin und ein weiteres Mitglied ihrer Patrouille zogen die Frau ans Ufer, wo sie jede Menge Wasser spuckte und dann bewegungslos liegen blieb.

Solveig war abgestiegen und betrachtete die regungslose Frau. „Sie ist verletzt“, stellte sie fest. „Ihre Kleider sind völlig zerrissen.“ Sie haben sie geschändet, dachte sie. Und wenn das kalte Wasser sie nicht umgebracht hat, wird sie sicher ihren Verletzungen erliegen.

„Wunna ...“, sagte die Frau schwach.

„Was?“

„Wunna, meine Tochter. Sie haben sie ermordet!“

Solveig wandte sich an die zwei Gefangenen. „Wovon spricht sie?“

Der alte Mann schwieg und der Junge blickte zu Boden. Als Solveig Letzteren näher betrachtete, sah sie, dass er zitterte. Sie erkannte sofort, wer von den beiden der Schwächere war. Sie stellte sich vor den Jungen und schlug ihm hart mit der Faust ins Gesicht. Es knackte und Blut floss aus seinem Mund. Solveig zog ihren Dolch und richtete dessen Spitze auf das Auge des Jungen.

„Wen habt ihr ermordet?“, wollte Solveig wissen.

„Sie haben sie vergewaltigt … Ich weiß nicht einmal, ob sie tot ist“, jammerte er.

„Und du? Du hast wohl nur zugesehen und nicht mitgemacht.“

„Ich habe nichts gemacht.“

„Wie heißt du?“, fragte Solveig.

„Adalwin Mutbrecht.“

„Gut, Adalwin. Dann bete mal deinen hässlichen schwarzen Gott an, dass ...“

Sie wurden von Ramiye unterbrochen. „Wir müssen weg. Einer ist entkommen. Er könnte Verstärkung holen. Wir müssen zurück ins Lager. Kannst du sie auf dein Pferd nehmen?“, fragte sie an Oswin gewandt.

„Ich kann es versuchen, aber sie ist verletzt. Ob sie das überlebt?“

„Wir haben keine Wahl. Wenn wir Reiter voraus schicken, damit sie Verstärkung holen, sind wir nur wenige, falls wir angegriffen werden. Ich möchte die Frau nicht zurücklassen.“

Oswin senkte die Stimme. „Sie ist wirklich schwer verletzt. Wenn sie heute nicht stirbt, dann vermutlich morgen. Wir sollten sie hier lassen.“

„Du nimmst sie auf dein Pferd“, befahl Ramiye.

Oswin nickte.

Ramiye überlegte. „Ich schicke zwei Reiter ins Lager, um Verstärkung zu holen. Wir sind dann noch zehn und belasten uns mit Verletzten und Gefangenen, einer davon ebenfalls verletzt. Wenn wir flüchten müssen, werden wir die Gefangenen töten und zurücklassen.“ Sie wandte sich an alle. „Aufsitzen, wir reiten ins Lager zurück. Frigga und Vanadis, ihr reitet voraus und schickt uns Verstärkung entgegen.“

Oswin stieg auf seinen Hengst. Vanadis hob ihm die Frau nach oben und stieg dann auf sein eigenes Pferd. Er und Frigga entfernten sich im Galopp.

„Oswin reitet in der Mitte. Solveig und ich am Schluss“, bestimmte Ramiye. Die Gruppe setzte sich in Bewegung. „Bleib bitte in meiner Nähe“, sagte sie leise zu Solveig. „Ich habe mich verletzt und die Schmerzen sind ziemlich stark. Wenn ich vom Pferd kippe, sollte es jemand bemerken.“

Solveig nickte. „Ich mache mir Sorgen wegen Frigga. Sie hat Schwierigkeiten, Befehle entgegenzunehmen. Diese Disziplinlosigkeit darfst du nicht dulden.“

„Sie verachtet mich, weil ich die Gefangenen nicht töten ließ, nicht wahr?“

Solveig zuckte mit den Schultern. „Du kennst sie doch. Man nennt sie nicht ohne Grund ‚die Blutrünstige‘. Aber sie muss gehorchen!“

Der Abend dämmerte bereits, als sie im Kastell ankamen. Der erwartete Angriff war ausgeblieben. Auf halber Strecke waren ihnen zwanzig von ihren Reitern und ein Wagen entgegen gekommen und sie hatten Ramiye und Hilda in diesen Wagen gebettet, in dem Ramiye seitdem bewusstlos lag. Sie bemerkte nicht mehr, wie die Gruppe das stark befestigte Kastell erreichte. Sie hörte nicht das Rufen der Wachen oben auf dem hölzernen Wehrgang und das Knarren des schweren Eichentores, als es aufschwang. Im Inneren des Kastells angekommen, zog man sie aus dem Wagen und legte sie auf eine Trage. Dann wurde sie ins Lazarett gebracht. Solveig ritt zum Sattelplatz und gab ihr Pferd ab.

Der Pfleger nahm es entgegen, ging einmal um das Tier herum und untersuchte es nach Verletzungen. Er strich mit einer Hand über das rechte Vorderbein und sagte: „Hier sind ein paar kleine Schnitte und Kratzer.“

Solveig nickte nur. Sie war auf einmal unglaublich müde, und als ein lautes Hämmern aus der Schmiede ertönte, bekam sie Kopfschmerzen. „Ist es schlimm?“, fragte sie.

„Nein, das verheilt schnell.“

Ohne ein weiteres Wort drehte sich Solveig um und begab sich in ihr Zelt. Sie ergriff ihren Weinkrug und wollte sich gerade etwas eingießen, als sie hörte, wie jemand den Vorhang am Zelteingang zur Seite zog.

„Mylady …“ Ein Bote trat ein. „Ihr sollt anstelle von Lady Ramiye Bericht erstatten.“

Solveig stellte seufzend ihren Krug wieder ab. Sie begleitete den Boten zum Zelt von Lady Iberia, welche die rechte Hand von Königin Skade war. Iberia war eine eher kleine, sehr muskulöse und nicht gerade schöne Frau. Da sie grausame Charakterzüge hatte, fürchtete sich Solveig hin und wieder vor ihr. Bei den Kampfübungen wollte niemand gegen Iberia antreten, denn sie konnte äußerst brutal zuschlagen und nicht selten waren sogar Gegner, die sie um einen Kopf überragten, danach mit blauen Flecken übersät.

„Lady Solveig!“, sagte Iberia, als Solveig das Zelt betrat. „Ich habe schon ein paar Gerüchte gehört. Ramiye liegt verletzt im Lazarett. Wie ist das passiert?“

Gerüchte, dachte Solveig. Also hat Frigga sich über die schlechte Führung beklagt.

„Ihr Pferd ist einem anderen Pferd ausgewichen und hat ihr das Bein an einem Baum zerquetscht.“ Solveig sah Iberia unsicher an.

Lady Iberia liebte Gewalt und hatte sicher eine bessere Geschichte erwartet. „Ihr habt Gefangene?“

„Einen Mann und einen Jungen. Sie gehören zu einer Gruppe Männer, die eine Frau vergewaltigt haben. Sie ist direkt vor uns in den Fluss gesprungen.“

„Vergewaltiger. Habt ihr sie auf unserem Land gestellt?“

„Wir haben sie am Arnwald gestellt. Aus unserer Sicht also ja.“

„Hm.“ Lady Iberia sagte längere Zeit nichts.

Der Fluss mit dem Namen Arnwald sowie das umliegende Land wurden sowohl vom Volk der Swidger als auch von den Bilhidis als ihr Besitz betrachtet. Vor etwa dreihundert Jahren hatten die Bilhidis es den Swidger nach einem Krieg abgenommen und hielten es seitdem. Seit mehreren Jahren jedoch trieben die Swidger dort so brutal ihr Unwesen, dass sich die Bilhidis mehr und mehr zurückzogen und die Gegend verwilderte. Seitdem galt der Fluss als eine Art inoffizielle Grenze zwischen den beiden Territorien.

„Gut“, sagte Iberia schließlich. „Ihr habt Euch um diejenigen gekümmert, die unser Land verwüsten. Schön, schön. Aber warum in aller Welt habt Ihr diese Frau mitgebracht?“

Darauf wusste Solveig keine Antwort. „Sie wäre ertrunken“, sagte sie nur.

„Die Gruppe wurde in Gefahr gebracht, für eine Bäuerin, die selbst Schuld daran trägt, dass sie nicht schwimmen kann“, erwiderte Iberia.

„Da drüben lehrt man niemanden von niederer Geburt das Schwimmen“, antwortete Solveig hilflos. Iberia sah unzufrieden aus. „Wir konnten sie nicht zurücklassen. Sie haben sie vergewaltigt. Sie und ihre Tochter. Und das Mädchen haben sie totgeschlagen. Das glaube ich jedenfalls.“

Jetzt konnte Solveig eine Veränderung in Iberias Gesicht erkennen. Aus Verärgerung wurde blinde Wut. Lady Iberia war zwar eine Frau mit Hang zur Gewalt, aber niemand liebte seine Kinder mehr als sie. Sie hatte drei Töchter und Solveig hatte sie einmal erklären gehört, dass die Vergewaltigung eines Kindes für sie das schwerste Verbrechen sei.

„Sie haben ein Kind vergewaltigt und ermordet? Diese Gefangenen will ich persönlich sehen.“ Sie wandte sich an den Boten. „Lasst sie herbringen. Schickt außerdem meinen Schreiber.“

Der Bote verschwand.

„Wein?“ Iberia hielt Solveig die Karaffe hin.

Solveig goss sich etwas ein und trank.

„Frigga hat mich um ihre Versetzung gebeten“, erwähnte Iberia beiläufig, ohne von einem Schriftstück aufzusehen, in dem sie bereits gelesen hatte, als Solveig hereingekommen war. „Sie langweilt sich und sie wirft ihrer Kommandantin Führungsschwäche vor.“

„Sie ist disziplinlos,“, erwiderte Solveig verärgert.

„Sie ist nützlich.“

„Sie verbreitet Angst und Schrecken.“

„Das ist ja das Nützliche an ihr“, sagte Iberia amüsiert.

„Sie wird irgendwann dabei draufgehen.“

„Vermutlich.“

„Die Frau ist verrückt“, sagte Solveig erbost. „Sie spitzt sich ihre Zähne an!“

„Tatsächlich?“, spottete Iberia. „Das wäre mir gar nicht aufgefallen, wenn Ihr es nicht erwähnt hättet.“

Solveig gab es auf zu diskutieren. Iberia ließ sich niemals beirren. Sie war von Kindesbeinen an die beste Freundin der Königin und wurde dementsprechend geachtet.

„Ich habe ihrem Wunsch nachgegeben. Sie wird zu ihrer Schwester versetzt.“

„Die ist ja noch schlimmer“, meinte Solveig düster.

„Die Reißzahnzwillinge erfreuen sich keiner großen Beliebtheit, aber Ihr müsst zugeben, dass sie, nun ja, zumindest ziemlich kurios sind.“

„Zwei Schwestern, die sich die Vorderzähne anspitzen und im Kampf gerne zubeißen – das ist in der Tat kurios. Und kein Kommandant hat sie im Griff“, sagte Solveig. Immerhin werde ich mich nicht mehr so oft über ihr unverschämtes Benehmen ärgern müssen, dachte sie.

Beide Frauen schwiegen eine Weile, während Iberia in aller Seelenruhe ihr Pergament las. Dann wurden die Gefangenen, ein älterer, verbraucht wirkender Mann sowie ein erstaunlich hübsch ausshender Junge mit dunkelbraunen Haaren, in Ketten hereingebracht. Außerdem betrat Frigga das Zelt.

„Ich bitte, die anderen zu entschuldigen, Mylady. Sie ruhen sich aus“, sagte sie.

„Egal.“ Iberia winkte ungeduldig ab. „Wessen werden sie beschuldigt?“

„Sie haben zu zehnt eine Frau gejagt. Sie haben sie vergewaltigt und beritten durch den Wald gehetzt. Die Frau wurde schwer verletzt und hat sich über die Grenze gerettet. Sie sagte etwas von Wunna, ihrer Tochter. Die Männer haben sie wohl umgebracht. Jedenfalls wird das Mädchen vermisst. Wir haben sie nicht gesehen.“

„Gehören die Frau und ihre Tochter zu unserem Volk?“, wollte Iberia wissen.

„Nein. Ihrem Aussehen und ihrer Kleidung nach ist sie wahrscheinlich eine Bäuerin von der anderen Seite.“

Iberia stand von ihrem Schreibtisch auf und trat vor die Männer. „Wo ist der Dritte?“, fragte sie.

„Verletzt. Kann nicht laufen“, antwortete Frigga.

„Wo ist das Mädchen?“, fragte Iberia die beiden Männer, die man gezwungen hatte, niederzuknien.

Keiner antwortete.

„Seid ihr schwerhörig? Wo ist das Mädchen?“

„Wir sprechen nur mit einem Mann“, sagte der Ältere.

Der Junge schwieg verängstigt. Er sah sich vorsichtig um und als er Frigga anblickte,schenkte sie ihm ihr schönstes Lächeln, mit einem Mund voller spitz zulaufender Vorderzähne. Er wandte sich entsetzt ab.

„Nicht nur schwerhörig, sondern auch schwachsinnig“, murmelte Iberia. „Vielleicht ist Euch schon aufgefallen, dass Eure Situation nicht die beste ist. Ihr solltet also reden. Und zwar mit mir.“

„Ich verlange, einen Mann zu sprechen!“

„Unser Henker ist ein Mann. Genügt Euch das?“

Der Junge wurde langsam unruhig. Iberia schritt auf ihn zu.

„Was ist mit seinem Gesicht passiert?“, fragte sie.

Lady Solveig zuckte mit den Schultern. Iberia griff hart an seinen gebrochenen Kiefer und er stöhnte auf.

„Willst du etwas sagen?“, fragte sie. „Oder gibt es Probleme mit dem Sprechen?“

„Das ... das Mädchen.“

„Ja?“

„Ich habe sie zuletzt auf der anderen Seite des Flusses gesehen. Sie war ...“

„Halt´s Maul!“, rief der andere.

„Ist sie tot?“, fragte Frigga an den Jungen gewandt.

„Sie verfault im Gebüsch, die Schlampe!“, grölte der Mann.

„Was ist mit ihrer Mutter?“, fragte Lady Iberia an Solveig gewandt.

„Sie sieht entsetzlich zugerichtet aus“, antwortete Solveig.

Iberia wandte sich ihren Gefangenen zu. „Vergewaltigung und Mord werden hier mit Kastration und Kreuzigung bestraft.“

Der Junge schrie auf und begann sich panisch gegen seine Fesseln zu wehren. „Bitte! Ich habe nichts gemacht! Bitte! Das dürft Ihr nicht tun!“

Iberia sah ihn voller Verachtung an. „Jammere nicht herum. Wenn du vergewaltigen kannst wie ein Mann, solltest du auch sterben wie ein Mann.“

Nun weinte der Junge fast. Iberia zog ihr Schwert und verpasste ihm mit dem schweren Griff einen Schlag auf den Kopf. Er sackte bewusstlos zusammen.

„Steckt ihn in den Käfig“, verlangte sie. „Er ist ja noch ein halbes Kind. Außerdem sagt er bedeutend mehr als der andere Holzkopf.“

„Wir haben sie auf der anderen Seite der Grenze ermordet, du Hexe! In unserem Land unterliegen wir euren Gesetzen nicht!“ Der Alte spie vor ihr aus.

Iberia machte einen Schritt zurück. „Der Fluss ist nicht die Grenze. Auch wenn euer Lord euch möglicherweise etwas anderes erzählt. Ihr habt sie auf unserem Land vergewaltigt, ihr werdet auf unserem Land dafür bestraft.“ Sie wandte sich an die Wachen. „Sperrt ihn weg, aber von dem Jungen getrennt. Sie kommen nach Sonnenhof. Soll Königin Skade entscheiden, was mit ihnen passiert.“

Nachdem die Gefangenen hinaus gebracht worden waren, sagte Solveig: „Das Mädchen … Wir müssen sie suchen.“

„Sie ist vermutlich tot. Ich schicke niemanden in Feindesland, um jemanden zu suchen, der nicht einmal zu unserem Volk gehört.“

„Ich würde freiwillig gehen. Der Junge könnte mich hinführen.“

„Nein. Ich brauche jeden Mann, jede Frau und jedes Pferd hier.“

„Ich habe eigene Pferde.“

„Solange ich sie nicht konfiszieren lasse. Dann gehören sie der Krone.“

„Aber ...“

„Ihr seid ein guter Mensch, Lady Solveig, aber ich sagte nein, und das ist mein letztes Wort. Ihr dürft gehen.“ Iberia wandte sich ab und das Gespräch war beendet.

Solveig verließ Iberias Zelt und ging zum Lazarett. Sie fand Ramiye in einem Bett liegend. Das Bein war geschient und verbunden worden. Eine Heilerin pflegte sie und war gerade dabei, sie zu waschen. Ramiye war ein wenig benommen von einem schmerzstillenden Trunk.

„Ramiye! Wie geht es?“

„Die Schmerzen sind jetzt auszuhalten. Aber das Bein ist gebrochen. Durch mein eigenes Pferd! Und meinen Bogen habe ich auch verloren.“

„Du bekommst einen neuen.“

In diesem Moment wurde der Vorhang am Eingang beiseite geschoben, der verletzte Gefangene wurde herein gebracht und auf eine Liege gelegt.

„Lady Iberia wünscht seine Versorgung“, sagte einer der Soldaten, die ihn gebracht hatten, zur Heilerin.

„Warum denn das?“, fragte Solveig gereizt.

„Er soll nach Sonnenhof. Und zwar lebend.“

Solveig sah sich den Mann an. Er hatte tiefe Bissverletzungen von den Hunden. Die Heilerin trat neben sie und sagte nach einem kurzen Blick auf den Mann: „Wenn diese Bisswunden nicht versorgt werden, wird er es nicht überleben.“

„Er muss aber bewacht werden, sonst bringt er die anderen Verletzten noch im Schlaf um,“, wandte Solveig ein.

„Deshalb sind wir hier“, erwiderte der Soldat.

„Dieser Mann ist nicht mehr in der Lage, jemanden umzubringen“, sagte die Heilerin.

„Für den nur das Nötigste!“, sagte Solveig verärgert zu der Heilerin. Sie wandte sich wieder Ramiye zu. „Ich muss mich jetzt ausruhen. Brauchst du noch etwas?“

„Nein, ich werde bestens versorgt“, antwortete Ramiye.

Solveig verließ das große Zelt, das die Verwundeten beherbergte, und begab sich zu ihrem eigenen. Es war bereits dunkel und recht kühl geworden. Das Kastell existierte schon seit einigen Jahren. Königin Skade hatte in Grenznähe zum Reich König Hermans einige Lager errichten lassen, um regelmäßige Patrouillen zu ermöglichen. Das war nötig geworden, nachdem immer wieder Dörfer und Höfe überfallen und abgebrannt wurden. Immer mehr Bauern und Pferdezüchter, die kaum mit dem Leben davon gekommen waren, hatten sich über die Überfälle beschwert. Männer von jenseits der Grenze ritten schwer bewaffnet in Dörfer, vergewaltigten Frauen und töteten Menschen und Vieh, stahlen Pferde und streuten Salz auf die Felder. Der Aufbau der Kastelle hatte die Überfälle stark reduziert, aber grenznahes Gebiet war nun verlassen. Dieses Kastell mit dem Namen „War“ war mittlerweile stark befestigt. Ursprünglich hatte es sich nur um einen Graben mit einem nach innen aufgeschichtetem Erdwall gehandelt, auf dem Holzpfähle aufgestellt worden waren. Mittlerweile bestanden Teile der Umfriedung aus Stein und der Graben war sechs Meter breit.

Die Soldaten schliefen in Zelten, wobei Hochgeborene und Kommandeure Anspruch auf ein eigenes Zelt hatten. Solveig ging am Getreidespeicher vorbei. Pferde wurden den Weg zum Sattelplatz heraufgeführt. Dahinter waren die Ställe. Auch ihr eigenes Pferd stand noch am Sattelplatz. Es war abgesattelt und gestriegelt worden. Sie hörte Wiehern und das Gebell der Hunde, dazu das Gelächter und Geschrei der Knechte. In der Schmiede wurde noch gearbeitet.Soldaten aßen und tranken draußen an großen Feuern. Einige von ihnen hatten definitiv zu viel Met getrunken. Solveig kam an ihrem Zelt an, schob den Vorhang zur Seite und trat ein. Es war warm und hell, denn Flammen aus einer Eisenschale und Kerzen spendeten Licht. Sie nahm sich eine Karaffe Wein und einen Becher und goss sich etwas ein. Der Vorhang am Eingang wurde zur Seite geschoben.

„Solveig!“ Godwin trat ein. Er war groß und dunkelhaarig. Mit raschen Schritten trat er auf sie zu, nahm sie in den Arm und küsste sie. „Du bist unverletzt?“

„Ja“, sagte sie, „mir ist nichts passiert.“

„Ihr habt Gefangene gemacht?“

„Drei Stück. Wie war deine Patrouille?“

„Langweilig. Weit und breit nichts zu sehen. Es war ein Spazierritt.“ Er fuhr mit den Fingern durch ihr Haar. Ihr Zopf hatte sich im Gefecht halb gelöst und einige Strähnen hingen heraus. „Solveig, du hast Blut im Haar. Gehen wir ins Badehaus. Ich helfe dir beim Waschen.“

Solveig hatte wenig Lust, ihr warmes Zelt wieder zu verlassen, aber da sie auch Blut am Rücken und am Arm hatte, gab sie Godwin Recht.

Im Badehaus legte sie sich in eine der Kupferwannen. Das Wasser war sehr heiß und wirkte wohltuend und einschläfernd. Godwin löste ihre Haare und half ihr wie versprochen beim Waschen. Auch andere Männer und Frauen badeten im Badehaus, so spät am Abend war es aber nicht besonders voll. Godwin legte sich ebenfalls in eine Wanne. Solveig bewunderte seinen Körper, als er ein- und ausstieg, und spürte, wie sich in ihrem Unterleib das Verlangen regte. Seit einem halben Jahr war er nun schon ihr Geliebter und noch immer konnte sie nicht genug von ihm bekommen. In Fellmäntel gehüllt hasteten sie zurück in Solveigs Zelt. Dort gab sie sich ihm hin, und sobald sie ihn in sich spürte, war jeder Gedanke an das Mädchen Wunna vergessen.