Nathan
Ich sass auf dem Stuhl, in einem Anzug und gefesselt. Links stand mein Vater und rechts meine Mutter. Endlich nach einer gefühlten Stunde öffnete sich die Tür. Ein älterer Herr trat ein, an seiner seite ein junger Mann. Ein komisches Gefühl machte sich in mir breit, nach 19 Jahren purer Drill geht meine Geburtsbestimmung in Erfüllung. Nach 30 Jahren sind meine Eltern ihre Schulden los. Ich schaue auf „Nathan“, dieser Name, der mir einfach so über die Lippen kam, sollt ich gleich wie immer mit einer Ohrfeige bezahlen. Mein Vater zog die Hand auf, doch der Schlag blieb aus. Als ich mich umsah, hatte der junge Mann die Hand meines Vater gepackt: „Meine zukünftige Frau schlägt niemand“, seine Worte klangen wie ein bedrohliches Knurren. Was war aus meinem Nathan geworden? In Erinnerung hatte ich ein dünner, scheuer Junge. Vor mir stand ein grosser und tattoowierten Typ mit glasblauen Augen. Über sein rechtes Auge hatte er eine Narbe. Wegen diesem Merkmal erkannte ich, dass es wirklich Nathan war. Mein Vater zog die Hand zurück und übergab ihm die Ketten, mit welchen meine Armen gefesselt waren. Vor mir auf dem massiven Kirschholztisch lag ein Vertrag. Ich begann zu lesen. Zusammengefasst verpflichtete ich ihm mein Körper, meine Treue und dass ich eine gute Hausfrau sein würde. Ich, die Frau des einzigen Freunds den ich je hatte.
Wir hatten alles zusammen gemacht. Er war das einzige, was mich Menschlich gehalten hatte. Durch ihn, fühlte ich. Bis er eines Tages so kalt wurde, dass ich ihm nicht mehr in seine Augen schauen konnte. Später, als unser Kontakt abbrach, hörte ich oft, dass er in Schlägerein verwickelt worden war. Es tat weh, den ich hatte diese blauen und leuchtendenden Augen vermisst. Doch das konnte nicht alles sein, denn in der 7. Klasse begann das Mobbing. Ich wurde geschlagen und getreten. Im nachhinein habe ich verstanden, dass sie versucht hatten, meine Emotionen wieder einzustellen. Traten sie nach mir, blieb ich liegen und wartete ohne mein Gesicht zu verziehen, bis es vorbei war. Aber eines Tages als ich am Spielplatz vorbei lief, ich wusste nicht einmal, warum ich diesen Weg genommen hatte, sass er da. Kein Wort sagend, aber die blauen Augen auf mich gerichtet, dann kamen sie. Sie rannten auf mich zu, die selben die mich sonst immer mobbten. Wie ein Geist lief Nathan an mir vorbei. Es war, als bewegte er sich in Zeitlupe, ein Wort hörte ich aber: „ verschwiende“. Es klang wie ein Befehl, also lief ich los. Als ich um die nächste Ecke bog, hörte ich sie schreien. Nicht wütend, sondern von Schmerz geprägt. In der Pause am nächsten Tag machte der Schuldirektor die „traurige“ Aussage, dass meine Mobber bei einem tragischen Umfall gestorben waren. Ich sah sofort zu Nathan. Er hatte seinen Blick schon auf mich geheftet. Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, zwinkerte er und schaute zu Boden. Das war der Tag, ab dem wir keinen Kontakt mehr hatten, aber wann immer mir jemand weh tat, verschwand er und tauchte tot und herzlos wieder auf. Meine Welt war wie eine Schneeebene, ruhig und friedlich aber auch gefährlich, denn irgendwo lauerte das Eis. Eis welches viele tote forderte. Selbst ich konnte das Eis nicht einschätzen. Es gibt keinen Tag an dem ich nicht an Nathan dachte. Manchmal ertrug ich die Schläge meiner Eltern nur, weil ich meine alten Erinnerungen wach rufte. Eben dieser Nathan schaute mich jetzt an. Er flüsterte: „dir macht nie wieder jemand weh“. Ich zögerte, als mein Vater das sah, flog die Hand in meine Richtung. Als seine Hand meine Wange traf veruste mein Oberteil. Zum vorschein kamen meine Narben, Blutergüsse und Blauefkecken. Nathan packte mich: „unterschreib“, ich hob den Stif und setzte meine Unterschrift. Mein Vater Atmete, hörbar, erleichtert aus. Da hörte ich eine Hand durch die Luft brausen, ich wartete doch nichts geschah. Da hörte ich mein Vater taumeln und sich gegen die Wand stützen. Nathan hatte die Hand gehoben. Er streckte die Hände zu meiner Mutter sie liss den Schlüssel hinein fallen mit einem hässlichen Grinsen. Ich bin mir ihm nachhinein sicher das sie wohl dachte ich werde in Fesseln bleiben. Aber Nathan nahm ohne zu zögern die Schlüssel und schloss auf. Die Ketten fielen das erste mal seid 18 Jahren von mir ohne das zu Schule oder ins Internat musste. Meinen Eltern blieb der Kiefer stehen. Da kam vom älteren Herren den Befehl mich in die Schlafzimmer zu führen. Nathan gab mir ein Kuss auf die Stiern. Als mich einer der Bodygards an der Tür packte hoch hob und mich die Treppe hoch trug.