Prolog
Rumpelnd fuhr die Kutsche vorwärts. Ihre Räder knarzten im Takt mit den unruhigen Hufen der beiden Pferde, die das Gefährt durch das düstere Gelände zogen.
Wegen der unebenen Straßen und der schlechter werdenden Sicht kamen sie nur langsam voran, doch ihre Insassen wurden trotzdem mächtig durchgerüttelt.
Er kniff die Augen zusammen und versuchte die Umrisse der Bäume am Straßenrand zu erkennen.
Ein kräftiger Windstoß entführte ihm die Kapuze und zauste sein Haar, bevor er sie wieder über seinen Kopf zog und festzurrte.
Ihr Auftrag hatte länger gedauert, viel länger. Erst vor wenigen Stunden waren sie aufgebrochen. Seit dem türmten sich über ihnen immer mehr Wolken und die Luft kühlte sich spürbar ab. Besorgt schaute er zum schwärzer werdenden Himmel empor.
Der Mond hatte kaum eine Chance gegen die Wolken, doch er trotzte ihnen und linste immer wieder durch sie hindurch. Es war Vollmond. Höchste Zeit, dass sie zurückkehrten.
Die Pferde schnaubten nervös und er drehte den Kopf zu den beiden Tieren. Sie konnten das nahende Unwetter spüren.
Sein Blick wanderte nach unten und ruhte einen Moment auf dem kleinen Bündel in seinen Armen. Ein Lächeln umspielte seine Lippen.
Bitte, bat er den Allmächtigen, lass es erst losgehen, wenn wir wieder daheim sind.
Hinter ihnen formierte sich eine weitere Windböe. Zornig rollte sie über die Köpfe der Reisenden hinweg und ließ die Baumwipfel erzittern und die dürren Sträucher knacken. Angsterfüllt zogen die Menschen in der Kutsche die Köpfe ein und drückten sich tief in diese hinein. Unaufhaltsam brach die Böe durch den Wald hindurch, bis das nahe Gebirge ihr endlich Einhalt gebot und, die Böe, heulend über ihre Niederlage, von den mächtigen Felsen widerhallte.
Dieses Geräusch brachte sein Trommelfell zum vibrieren und er musste Schlucken. Der Wind hinterließ den deutlichen Geruch nach Regen, begleitet von leisem Donner.
Er musste schlucken und seine Augen wanderten über die zusammengekauerten Gestalten, die in ihre Umhänge gehüllt um ihn herum hockten. Alle hatten die Köpfe ein- und die Kapuzen tief in die Gesichter gezogen. Niemand sprach ein Wort.
Über ihnen formierte sich der Wind zu einer neuen Welle der Zerstörung und der Donner, der sogleich folgte, klang deutlich lauter. Schon fielen die ersten Regentropfen.
Er schloss seine Augen und schickte ein weiteres Gebet zum Allmächtigen. Ein bisschen Nässe machte ihm nichts aus, doch wenn sie bei Gewitter hier draußen waren, konnte das gefährlich werden.
Besonders für sie!
Besorgt schaute er wieder auf das kleine Bündel und hüllte es fester in seinen Umhang.
Die Regentropfen wurden schnell größer und größer und verwandelten sich in einen regelrechten Guss. Es war ein wahrer Wolkenbruch. Innerhalb weniger Augenblicke waren Mensch und Tier völlig durchnässt und bald tobte der Sturm in seiner ganzen Kraft über die karge Landschaft, peitschte den Regen gegen die Erde und hüllte die Umgebung in tiefes Grau. Die Dunkelheit wurde nur durch das zuckende Licht der Blitze durchbrochen, die den Himmel in gespenstisches Flackern tauchte und glühende Netze zeichneten.
Als über ihnen zorniger Donner grollte, fing das Bündel zu wimmern an. Sachte wiegte er es hin und her und murmelte dabei tröstende Worte.
Dröhnender Donner folgte und erschütterte die Bäume und Berge um sie herum.
Das Gewicht des Bündels in seinen Armen fühlte sich schwerer an, als es zu schreien begann. Schützend drückte er es an sich.
Die Pferde gerieten immer mehr in Panik und wieherten nervös. Mit aufgerissenen Augen trampelten sie unruhig über die nasse Erde.
Der Kutscher kämpfte verbissen sie ruhig zu halten. Er umklammerte die Zügel so fest, dass seine Knöchel weiß hervor traten, seine Muskeln angespannt von der Anstrengung.
Die schrillen Schreie des Bündels durchdrangen das Durcheinander der aufgeregten Stimmen in der Kutsche, doch der tosende Wind trug ihre Worte fort. Instinktiv presste er es noch enger an sich.
Und dann ging alles ganz schnell!
Mit einem Krachen, das ihn zusammenfahren ließ und in seinen Ohren hallte, schlug einige Fuß vor ihnen ein Blitz in eine hohe Fichte ein und spaltete sie. Hell loderten Flammen auf und warfen groteske Schatten auf die Felsen hinter ihnen. Der Baum wankte und durch den Wind drang noch ein Geräusch zu seinen Ohren. Erst schwach, dann war er sicher, dass es das unverkennbare ächzen von brechendem Holz war.
Allmächtiger, er wird uns erschlagen,
erkannte er entsetzt.
Er öffnete den Mund um den Kutscher zu warnen, doch der hatte die Gefahr schon erkannt und trieb nun die Pferde hastig mit der Peitsche an. Vor Panik bäumten die Tiere sich auf und wieherten. Der Kutscher knallte mit der Peitsche und brachte sie mit Mühe wieder unter Kontrolle. Ein Ruck ging durch das Fuhrwerk als die Tiere vorwärts sprengten.
Krampfhaft versuchten sich die Leute irgendwo fest zu klammern und drückten sich dicht in die Kutsche hinein.
Die Schreie des Bündels hallten in seinen Ohren. Er drückte es fest an seine Brust und sah zu der Fichte hoch, die sich in ihrem Todeskampf immer weiter zur Seite neigte. Erst schwankte die eine Hälfte, sich noch an die andere klammernd, dann kippten beide.
Er schloss die Augen und schickte ein Stoßgebet zum Allmächtigen.
Das durfte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein!
Sie rasten unter dem umstürzenden Baum hindurch. Krachend schlug er hinter ihnen auf die Straße, Holz splitterte und flog nach allen Seiten.
Ein dickes Stück Ast sprang von dem Baum ab, schlidderte einen Moment neben ihnen her und blieb einige Meter vor ihnen liegen.
Zischend löschte der Regen das Feuer.
Der Kutscher riss an den Zügeln, doch zu Tode erschrocken gingen die Pferde durch. Sie wieherten laut, bäumten sich auf und ließen sich nicht mehr stoppen.
"Ho!", brüllte der Kutscher immer wieder. "Ho, Ho!", doch seine Worte gingen im Sturm unter.
Ein Rad rammte das Aststück und die Kutsche geriet ins schleudern. Sie kam vom Weg ab und holperte querfeldein über Steine und Äste. Der Kutscher zerrte an den Zügeln, doch vergebens. Als sie einen großen Stein rammten, entglitten sie seinen Händen. Er verlor das Gleichgewicht und fiel kopfüber vom Kutschbock. Die anderen drückten sich dicht auf den Boden der Kutsche.
In wilder Fahrt rasten sie mitten durchs Nirgendwo.
Allmächtiger, das durfte nicht sein!
Das Bündel in seinen Armen schrie herzzerreißend. Mit einer Hand hielt er es an sich gedrückt, mit der anderen krallte er sich an der Rückenlehne der Kutsche fest.
Einer seiner Gefährten versuchte todesmutig nach vorne auf den Kutschbock zu klettern. Verlor jedoch den Halt und verschwand aus seinem Sichtfeld. Sein Schrei hallte ihm in den Ohren und ging ihm durch Mark und Bein.
Dann stieß eines der Räder gegen einen Felsbrocken, der Wagen überschlug sich und ihm rutschte das Bündel aus den Armen.
"Nein!", schrie er, fuhr hoch, streckte seine Arme aus, doch seine Finger schlossen sich um Leere.
Er geriet ins taumeln und ruderte wild mit den Armen. Knallend zerbrach die Kutsche und ihre Einzelteile rissen ihn mit sich einen Hang hinab.
Er kollerte, sich um sich selbst drehend, bis ein Baumstumpf seinen Fall endlich stoppte und blieb auf dem Rücken liegen.
Er stöhnte. Ihm tat alles weh!
Langsam öffnete er seine Augen. Nichts als gähnende schwärze um ihn herum. Langsam bewegte er erst einen Arm, dann den anderen, und dann seine Beine. Nichts schien gebrochen. Unter größter Anstrengung rollte er sich auf den Bauch und zog die Arme unter seinen Oberkörper. Stöhnend stemmte er sich hoch und ihm wurde übel. Hustend spuckte er Blut und Erde aus. Um ihn begann sich alles zu drehen und er fiel zurück.
Benommen tastete er über seinen Kopf. Er stöhnte, als er die Beule an seiner Stirn spürte. Als er vorsichtig mit seinen Fingern darüber strich, wurden diese auf einmal warm und klebrig. Der Regen vermischte sich mit dem Blut und tropfte ihm in die Augen. Auf den Baumstumpf gestützt zog er sich erneut hoch und kämpfte gegen den Schwindel. Er blinzelte ein paar mal und tupfte sich mit dem Ärmel vorsichtig über die Augen.
Wie ging es den anderen?
Er hob den dröhnenden Kopf.
Wo waren seine Gefährten?
Er konnte nichts erkennen. Die trommelnden Regentropfen schluckten jedes Geräusch.
Wo war sie?
War ihr etwas zugestoßen? Bitte nicht. Allmächtiger, ihr durfte nichts passiert sein. Er hatte versprochen gut auf sie Acht zu geben. Er hatte es versprochen!
Suchend blickte er sich um und wollte aufstehen. Das Blut tauchte seinen Blick in einen rötlichen Schleier. Er konnte kaum seine eigene Hand erkennen, die ihn auf dem Baumstupf stützte. Ihm war schwindelig, er sank zurück, stützte sich erneut auf den Baumstumpf, blinzelte und starrte angestrengt in die Dunkelheit.
Die Pferde mussten irgendwie frei gekommen sein, denn er sah ihre verschwommenen Gestalten davon rennen, die gebrochene Deichsel hinter sich herschleifend. Ihr wiehern verschmolz mit den Regentropfen.
Er drehte den Kopf.
Ein Blitz erhellte für einen Wimpernschlag den Himmel. Er kniff die Augen zusammen. Nirgends eine Spur von ihr.
Krampfhaft hielt er die Augen geöffnet und schaute sich weiter um.
Der nächste Blitz erhellte den Hang. Er schaute hinauf und ihm stockte der Atem.
Schwarz hoben sich die Silhouetten von riesigen Gestalten auf dem Hügel ab. Finsterer als die Nacht.
Die spitzen Ohren und die langen Schnauzen stachen drohend hervor. Starrten sie ihn an? Ihm gefror das Blut in den Adern.
Was war das?
Sie durften ihr nichts antun. Er wollte nach seinem Dolch tasten, doch seine Hand versagte ihm den Dienst.
Dann war alles wieder dunkel.
Hatte er sich getäuscht?
Allmächtiger, bitte beschütze sie, dachte er, dann hüllte ihn die Dunkelheit ein. Ihr tiefes schwarz legte sich wie ein großes, schweres Tuch über ihn und zog ihn mit sich, zog ihn weiter und weiter...








