Kapitel 1
Eine Verbindung ist ein besonderes Band,
mit viel Gefühl und wenig Verstand.
Hast du sie erkannt?
Doch weißt du auch, warum sie entstand?
Ich war überrascht, als ich zwei Tage vor dem Ende der Sommerferien erfuhr, dass wir einen Bericht über das letzte Schuljahr am 2. Tag des neuen Schuljahres abgeben mussten. Nun saß ich hier in der Bibliothek und wartete auf meinen ersten Tag in meinem ersten Ferienjob meines Lebens. Es war gleichzeitig das erste Mal, dass ich mit einem richtigen Job Geld verdiente, wenn man den Spezialauftrag in den Ferien nicht mitzählte, und das erste Mal, dass ich in den verbotenen Bereich durfte.
Der Bibliothekar des verbotenen Bereiches, Liber Pagina, hatte mich wieder in den Warteraum voller Bücher gebracht und gemeint, dass ich noch einen Moment Geduld haben müsste. Ich wusste, dass ich sie nicht anfassen durfte. Wenn ich es hier in dem Warteraum schon nicht schaffte, die Regeln einzuhalten, dann würden sie mich auch nicht in den verbotenen Bereich lassen.
Also studierte ich eine Weile die Buchrücken und ließ absichtlich meine Hände hinter meinen Rücken verschränkt, damit ich der Versuchung nicht nachgab, sie zu berühren. Dann setzte ich mich an den großen Tisch, der die Mitte des Raumes dominierte, und fing an, den Bericht zu schreiben, den alle schon fertig hatten, außer mir Torsten, Cynthia und Kenny. Marie und Sania hatten schon früher davon erfahren, als wir zum Dorf Mare Auram unterwegs waren. Nach unserer Rückkehr war so viel los gewesen mit unserem Bericht, den Neuigkeiten, die wir mitgebracht hatten, dem Fest, dem Wahlkampf und dem Ferienende an sich, dass sie uns völlig vergessen hatten, uns von der Hausarbeit zu erzählen.
Cynthia war immer noch sehr aufgeregt wegen dem Brief des Prinzen, der uns die erste Schulwoche zu sich eingeladen hatte. Sie meinte, sie hätte keinen Nerv, diese Hausarbeit zu machen und würde es auf eine Konfrontation mit dem Lehrer ankommen lassen.
Ich wollte es wenigstens versuchen und es war eine gute Ablenkung, denn ich war auch aufgeregt, aber wegen dem verbotenen Bereich, den ich gleich betreten würde:
Mein letztes Schuljahr begann nicht in Scientia, sondern in Anima Silvarum.
Ich überlegte angestrengt, was am Anfang des Schuljahres alles passiert war. Es kam mir wie drei Schuljahre vor und nicht wie eins. Dann nahm ich wieder meinen Stift und fuhr fort.
Es begann sehr holprig. Anstatt wie erwartet mit der Pflanzenmagie fortzufahren, wechselte meine Lehrerin zur Tiermagie. Bis dahin hatte ich mich von Tiermagie fern gehalten. Tiere waren mir zu laut, zu hektisch und ihre Sprache zu aggressiv vorgekommen, als ich es einmal zuvor probiert hatte. Nun musste ich mich im Unterricht damit auseinandersetzen. Unsere Lehrerin brachte uns Mäuse in einem Käfig und wir sollten sie dazu bringen, auf einen Schalter zu drücken. Ich schaffte es und ab da an verstand ich, dass Tiermagie etwas Anderes als Pflanzenmagie war, aber durchaus seinen eigenen Reiz hatte.
Ich überlegte, ob ich von der Mutter Maus, die so verzweifelt ihre neugeborenen Babys gesucht hatte, schreiben sollte. Aber ich entschied mich dagegen.
Danach überlegte ich eine Weile, ob und wie ich mein Wissen über Elementarmagie in den Aufsatz schreiben sollte. Da aber nun jeder wusste, dass ich Elementarmagierin war, wollte ich die Anfänge mit hinein schreiben, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Den Ausflug zum Direktorhaus von Anima Silvarum sollte ich wohl lieber weglassen.
Dann erfuhr ich von einem Freund, dass unser Land mit dem Nachbarland Krieg führte und es neben Naturmagie auch Elementarmagie gab. Ich war sehr neugierig, wie die Elementarmagie nun war und ob ich sie erlernen könnte.
An diesem Tag erfuhr ich auch, dass die Farbschimmer, die ich um Menschen wahrnahm, wenn ich die Augen nur leicht geöffnet hatte, Auren hießen, und dass jede Farbe eine Bedeutung hatte.
Da ich den ganzen Ausflug zum Direktorenhaus wegließ und die Erkenntnisse, die es brachte, nämlich, dass es Nexum gab, musste ich zeitlich einen großen Sprung machen.
Ein paar Wochen später kam Cynthia in unser Dorf. Sie wurde gefesselt und geknebelt in unser Dorf getragen. Unser Direktor war schon eine Weile weg und ein paar Tage zuvor waren Soldaten eingetroffen und hatten uns verboten, das Dorf zu verlassen.
Ich dachte an meinen Hügel, auf dem ich jeden Abend meditiert hatte. Nostalgie durchflutete mich und ich wünschte mich dorthin zurück. Ich schaute ein paar Sekunden ins Leere, bevor ich weiter schrieb:
Durch einen Zufall wurde ich zu ihr gebracht und wir konnten uns anfreunden. Sie konnte schon etwas Elementarmagie und ich war sehr viel stärker in Naturmagie und wir beschlossen, uns gegenseitig unsere Stärken zu lehren.
Wieder gefiel es mir nicht, dass ich flunkern musste. Aber der Direktor war deutlich gewesen, dass wir es geheim halten sollten, dass sie ihr ganzes Leben im Nachbarland verbracht hatte. Ich hoffte, dass ich also mit dieser Aussage nicht zu weit ging und beschloss das Thema an der Stelle abzubrechen und mit dem nächsten Ereignis fortzufahren.
Kurz darauf wurde Anima Silvarum angegriffen. Torsten und ich spürten es zuerst und wollten die anderen warnen, aber die Zeit reichte nicht aus. Ich und meine Freunde flüchteten in den Wald und konnten die Angreifer abhängen. Wir schafften es bis Scientia, wo uns der hiesige Direktor aufgriff und uns in unsere neue Akademie brachte.
Wieder ließ ich ein paar wichtige Sachen weg. Die Bärenhöhle, den See der Elemente und die erste richtige Begegnung mit Nexum am See. Aber auch darüber sollten wir Stillschweigen bewahren und ich hoffte, dass ich am Ende nicht zu viel wegließ, so dass meine Entscheidungen und mein Weg überhaupt keinen Sinn mehr ergaben.
Die nächsten Wochen waren meiner neuen Schule und dem neuen Unterricht gewidmet. Ich musste mich in allen Fächern prüfen lassen, damit man mich einordnen konnte. Leider nahmen mich nicht alle positiv auf. Lumiel und ihr Bruder waren von Anfang an nicht gut auf mich zu sprechen. Eines Tages forderte er Torsten zu einem Duell heraus und plötzlich war ich ein Teil davon. Seine Verteidigerin. Mehrere Tage bastelten ich und meine Freunde an guten Strategien. Wir gewannen das Duell knapp. Der Direktor entschied danach das Magimentum ins Leben zu rufen, damit nicht mehr Duelle stattfanden, sondern Mannschaften gegeneinander antreten konnten. Dafür wurde sogar eine Arena gebaut und der König besuchte uns, um zu verkünden, dass drum herum ein Fest stattfinden würde.
Ich entschied mich dagegen, einer Mannschaft beizutreten.
Ich überlegte, ob ich den Angriff von Erik und Lumiel beschreiben sollte. Alle wussten, dass er stattgefunden hatte, aber nur wenige an der Akademie wussten wirklich, was mit mir dabei passiert war. Da aber der Lehrer, bei dem ich den Aufsatz abgeben musste, bei meinem magischen Ausraster dabei gewesen war, entschied ich mich, nah bei der Wahrheit zu bleiben.
Ein paar Wochen vor dem Fest griff mich Erik zwischen den Häusern der Akademie an. Seine Schwester unterstützte ihn. Meine Freundin kam dazu und wollte mir helfen. Als Erik sie bedrohte und angriff, musste ich ihr mit aller Kraft helfen und verausgabte mich dabei. Ich brauchte ein paar Wochen im Lazarett, um wieder auf die Beine zu kommen.
Dann war das Fest und ich durfte zum ersten Mal in den Genuss von Festessen, Shows, Musik und Verkaufsständen kommen. Es war einer meiner schönsten Erlebnisse in dem Schuljahr. Einen Tag später wurde meine Freundin in der leeren Arena entführt, als wir die Akustik testen wollten. Ich wollte ihr zur Hilfe eilen, wurde aber dadurch leider selber mit entführt.
Auch bei diesem Thema hatte ich Restriktionen und durfte der Lehrerschaft nichts Genaueres erzählen. Da aber auch hier jeder von der Entführung wusste, wollte ich sie nicht weglassen. Ich überlegte eine Weile, wie ich weiter schreiben sollte, als sich die Tür öffnete.
Mir wurde mitgeteilt, dass es einen Notfall gegeben hätte und ich mich noch etwas gedulden müsste. Ich seufzte, als sich die Tür schloss und schrieb weiter.
Wir wurden an einen dunklen Ort gebracht mitten im Wald, an dem es keine Tiere zu geben schien. Nach zwei Tagen Gefangenschaft bekamen wir die Chance zur Flucht und nutzten sie.
Das Magiementum war schon vorbei und meine Freunde hatten mich gesucht und konnten nicht daran teilnehmen. Danach folgten die Prüfungen, die ich ganz gut hinter mich brachte und die Ferienjobs, bei denen ich einen Spezialauftrag bekam, um ein Dorf in Not zu retten. Aber das war nach Abschluss des Schuljahres und ist damit nicht Thema dieses Aufsatzes.
Ich dachte über die besondere Situation und die Erkenntnis nach, die ich mit Torsten auf dem Dach hatte und meine Zeit in Mare Auram, die immer ein besonderer Teil in meinem Herzen sein würde. Und natürlich kamen am Ende meine Gedanken wieder zu Nexum zurück. Was wollte er nur von mir? Ich verstand es immer noch nicht.
Die Tür öffnete sich wieder und endlich stand der Bibliothekar des verbotenen Bereichs vor mir. Er guckte mir dabei zu, wie ich den Stift zur Seite legte und diesen mit dem Aufsatz zusammen in einer Tasche verstaute. Dann drehte er sich wortlos um, ließ aber die Tür offen stehen. Also folgte ich ihm und wir gingen gefühlt im Zeitlupentempo durch die Bibliothek in den verbotenen Bereich. Ich versuchte genau zu beobachten, wie Liber Pagina den verbotenen Bereich betrat. Er autorisierte sich am Eingang mit ein paar Sätzen. Ich hörte sogar meinen Namen und als ich in den verbotenen Bereich hinein trat, hatte ich das Gefühl gescannt zu werden. Als würde jede Pore und jede Zelle von mir erfasst werden, damit sie später abgeglichen werden konnte.
So beschrieb es mir Liber Pagina in ein paar kurzen Sätzen: Der Eingang merkt sich die Autorisierung und die Person, die ihn einmal durchschreitet und prüft sie beim erneuten Eintreten.
Mein Herz klopfte mir bis zum Hals, als ich die ersten Bücherregale des nicht sehr gut ausgeleuchteten Bereichs betrat. Liper Pagina erklärte mir, dass die Regale nur schwach beleuchtet waren und die Beleuchtung erst reagiere, wenn wirklich jemand in der Regalreihe stand. Damit sah man von weitem gleich, in welchem Gang Leben war und es wurde niemand hier drin vergessen.
Am Eingang jeder Regalreihe hing ein Schild mit den Oberbegriffen der Inhalte der Bücher, die darin standen und eine Zahl vorne und hinten. Die Zahl vorne war die Regalreihennummer und die Zahl hinten das Autorisierungslevel, dass man haben musste, um den Bereich betreten zu dürfen. Denn nicht jeder, der hier Zutritt hatte, durfte auch alle Bücher lesen.
Liper Pagina machte mir klar, dass ich zwar jede Buchreihe betreten, aber auf keinen Fall ein Buch aus einem Regal nehmen und es aufklappen durfte. Die ersten Tage meines Ferienjobs sollte ich mit dem Entstauben der Bücher verbringen. Denn hier gab es viel Staub. Magie war in diesem Bereich verboten, somit durfte ich mich dieser auch nicht bedienen, um zu putzen. Meine zweite Aufgabe war, mir den Aufbau, die Regalreihennamen und auch so viele Buchtitel wie möglich zu merken, so dass ich bei Fragen von autorisierten Besuchern Auskunft geben konnte.
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Für die meisten Schüler wäre dieser Job sicher sterbenslangweilig gewesen. Für mich war er pure Faszination. Auch wenn ich die Inhalte der Bücher nicht lesen durfte, waren schon allein die Buchtitel super spannend für mich und eine Offenbarung. Denn so würde ich erfahren, welche Themen es auf der Welt gab, die es wert waren, in einem Buch erfasst zu werden und die Ehre hatten, in einen verbotenen Bereich zu gelangen.
Er führte mich in einen kleinen Raum mit Putzutensilien und übergab mir mehrere Staubwedel in einem Eimer. Er meinte noch, ich solle in Reihe eins anfangen und mich vorarbeiten, er hätte nun zu tun. Wenn ich widerrechtlich handeln sollte, dann würde das zum sofortigen Ausschluss des Jobs führen. Am Ende der Woche würde ich mein Gehalt bekommen.
Sein letzter Satz klang endgültig und ich war mir fast sicher, dass er mit mir bis Ende der Woche auch nicht mehr reden wollte. Vom anderen Bibliothekar hatte ich erfahren, dass der Job jeden Tag nachmittags nach der Schule zwei Stunden kosten würde. Das war viel Zeit, die von meiner Freunden- und Hausaufgaben Zeit abging. Aber ich freute mich trotzdem darüber.
Ich nahm meinen Eimer und ging in Gang eins. Gestern hatte ich im normalen Bereich eine Stunde nach einem Exemplar des Märchenbuches gesucht, dass ich von Torsten bekommen hatte und in Anima Silvarum lassen musste. Am Ende hatte ich widerwillig nachgefragt und erfahren, dass ein Exemplar im verbotenen Bereich stand. Fassungslos hatte ich den ersten Bibliothekar angeguckt. Ich hatte also tatsächlich ein Buch besessen, das vom Inhalt her in den verbotenen Bereich gehörte? Warum es da stand, konnte er mir nicht erklären, aber als ich es abends Torsten erzählte, war es uns fast klar. Denn wir hatten ja beide schon festgestellt, dass dieses Buch zwar Märchenbuch hieß, aber wohl keine Märchen beinhaltete. Umso frustrierter war ich, dass ich es nun nicht mehr lesen durfte. Kurz hatten wir beide überlegt, Anima Silvarum nochmal einen Besuch abzustatten, in der Hoffnung, das Buch noch dort zu finden. Aber ich wusste nicht, ob es gut war, wenn ich in der Schule mit einem verbotenen Buch auftauchte. Trotzdem kribbelte es in meinen Fingern. Torsten sah es mir an. Die Idee, das Buch dort zu suchen, war nicht ganz verworfen. Die Vorstellung, dass es da jemand zufällig fand und mitnahm, gefiel mir nämlich auch ganz und gar nicht.
Aber erstmal musste das neue Schuljahr beginnen. Ich hatte das Gefühl, dass es nicht gern gesehen ist, wenn man Scientia als Schüler verließ, ohne dass man einen Auftrag hatte. Und ich wollte nicht gleich nach meiner Rückkehr wieder Ärger verursachen. Auch war mir noch nicht klar, ob ich diese Suche alleine mit Torsten machen oder ob ich meine anderen Freunde alle einweihen wollte. Torsten wollte das auch nicht entscheiden, meinte zu mir aber, dass ihm beides Recht war.
Ich seufzte bei dem Thema auf und ging in den ersten Gang. Die Regalreihe hieß Geschichte von Scientia.
Ich grinste gequält, weil es mich an die Organisation erinnerte, die Cynthia und mich entführt hatten. Wie hieß sie noch? Mundus glaubte ich mich zu erinnern. Langsam verblasste die Erinnerung an die skurrilen Leute. Aber an die Legende erinnerte ich mich und an das Buch, das sie uns gezeigt hatten. Es war alt gewesen und ich fragte mich, ob es von diesem Buch mehrere Exemplare gegeben hatte. Ich suchte die Buchreihen ab, während ich gründlich jedes Buch entstaubte, ohne es direkt zu berühren. Aber den Einband sah ich nicht. Und ich war mir sicher, dass ich ihn wieder erkannt hätte.
Ich merkte mir alle Titel. Ich wusste nicht, warum diese Bücher hier im verbotenen Bereich standen, hatte aber eine Ahnung. In vielen davon wurde sicher Nexum erwähnt und dieses Wissen war im normalen Bereich ja geschwärzt worden.
Tatsächlich hatte die erste Regalreihe viele Bücher und nachdem ich damit fertig war, alle Bücher zu entstauben, war schon einige Zeit vergangen. Ich trat in die zweite Regalreihe mit dem Titel Die Geschichte von Regnum Solis. Auch hier merkte ich mir so viele Buchtitel wie möglich und entstaubte sie sehr gewissenhaft. Liber Pagina tauchte auf und forderte mich auf, die Staubwedel abzugeben und mich dann bei ihm zu melden, damit er mich hinaus geleiten konnte. Ich machte mich auf den Weg zum Putzraum, der am anderen Ende des verbotenen Bereichs war. Dafür musste ich einmal an allen Buchreihen vorbei an einem Pult, an dem sicher sonst immer Liber Pagina saß. Dieser wollte aber am Eingang auf mich warten. Also verstaute ich den Eimer im Raum und machte mich wieder auf den Rückweg. Dabei ging ich wieder an den schwach beleuchteten Gängen vorbei, als ich eine Bewegung im Augenwinkel bemerkte. Ich warf einen Blick in den Gang und sah einen Schatten. Es war ein Umriss einer Person und ich wunderte mich, wieso der Gang nicht stärker beleuchtet war. Denn wenn sich eine Person darin aufhielt, sollte die Beleuchtung ja stärker sein. Ich betrat den Gang und tatsächlich ging die Beleuchtung an. Aber der Umriss wurde nicht wirklich sichtbarer. Als würde um den Umriss herum das Licht verschluckt werden, war dieser nicht besser zu erkennen als vorher. Mein innerer Instinkt sagte mir, dass ich schleunigst verschwinden sollte, aber meine Füße trugen mich weiter auf die Silhouette zu. Nachdem ich ein paar Schritte näher heran getreten war, erkannte ich, dass die Silhouette ein Buch in der Hand hielt. Der Kopf hob sich zu mir, als ich näher kam. In dem schwarzen Schatten in der Höhe des Gesichtes, blitzten zwei Augen auf und ich blieb wie angewurzelt stehen. Es öffnete sich ein Loch, dort, wo ich den Mund vermutete:
“So sieht man sich wieder, soror in spiritu.”
Etwas weiter weg hörte ich Liber Pagina schreien, was ich in dem Gang tun würde und dass ich da gefälligst heraus kommen sollte. Der schwarze Kopf wandte sich in die Richtung der Stimme und stellte das Buch wieder in das Regal. Dann ertönte ein Wort, dass wie Schade klang und der Umriss verblasste. Er war ganz weg, als Liber Pagina den Gang betrat und zu mir kam. Er rüttelte an meiner Schulter und ich drehte mich langsam zu ihm um. Als er in mein Gesicht blickte, zog er geräuschvoll die Luft ein.
“Was hast du gesehen?”
“Nexum…”
Liber Pagina wurde noch blasser, als er ohnehin schon war. Würde man ihn an eine weiße Wand stellen, würde er mit seiner weißen Kleidung sicher mit ihr verschmelzen. Er fragte nicht, ob ich sicher war und schien mir sofort zu glauben. Er ging an mir vorbei und hielt ein paar Schritte später an. Seine Hand fuhr durch die Luft und er murmelte etwas. Dann sah er mich wieder an.
“Weißt du, welches Buch er genommen hat?”
Ich nickte. Langsam ging ich zu ihm und deutete auf das Buch genau vor ihm, dass Nexum soeben zurückgestellt hatte. Ich achtete dabei sehr darauf, das Buch nicht zu berühren.
Liber Pagina nickte nachdenklich.
“Wir müssen zum Direktor.”
Er nahm mich an die Hand und schleifte mich durch den verbotenen Bereich. Wie durch Watte nahm ich wahr, dass er sehr viel schneller ging, als er es die restliche Zeit bisher getan hatte. Dies hatte bei mir einen nicht sehr behänden und alten Eindruck hinterlassen, den ich nun etwas revidieren musste. Ich bekam das Gefühl, dass er nicht nur ein alter Bibliothekar war, so wie er den Anschein machen wollte.
Aber anstatt über den Hof zu gehen, ging er mit mir eine Treppe hinab. Wir kamen in einen Tunnel und gingen ihn ein ganzes Stück entlang. Dann ging er mit mir wieder eine Treppe hinauf und öffnete eine Klappe in der Decke. Er stieg als erstes hinauf und half mir hoch. Wir waren im Direktorenturm angekommen. Ich staunte nicht schlecht, von dem Tunnel hatte ich nichts gewusst. Wir gingen die Wendeltreppe hinauf. Der Hof war sehr belebt und ich verstand, wieso Liber Pagina nicht mit mir über den Hof laufen wollte. Das hätte sicher für sehr viel Aufsehen gesorgt. Vor der Tür angekommen, bedeutete er mir, davor zu warten und klopfte. Der Direktor rief herein. Liber Pagina betrat den Raum und schloss die Tür wieder vor meiner Nase.
Ich tippelte von einem Fuß auf den anderen. Tausend Fragen rauschten durch meinen Kopf. Wieso war Nexum in der Bibliothek gewesen? Was für ein Buch hatte er gelesen? Die Silhouette hatte mit Nexums Stimme gesprochen, aber er hatte nicht wirklich vor mir gestanden. Eine Illusion war es aber auch nicht gewesen, sonst hätte er kein Buch anfassen können. Mir war eine solche Magie nicht bekannt. Er hatte mich wieder genauso genannt wie am See der Elemente. Diesmal hatte ich es mir gemerkt. Was meinte er mit spirituelle Schwester? Waren wir miteinander verbunden? Ich horchte in mich hinein und konnte es kaum fassen. Auch, wenn sich alles in mir dagegen wehrte, wurde mir gerade bewusst, dass dieser Gedanke richtig war. Es war keine Vermutung, sondern eine bittere Gewissheit. Irgendeine Verbindung war zwischen mir und Nexum und es war nicht nur eine, die er wollte und geschaffen hatte, sondern die absolut war. Etwas verband uns und er wusste auch, wieso. Nur ich verstand es nicht. Ich wusste nur, dass es diese Verbindung gab und ich wollte herausfinden, was es für eine Verbindung war und wieso sie zwischen uns bestand. Ich hatte ein wenig Angst, was die Antworten dieser beiden Fragen hervorbringen würden. Aber ich wollte nicht mehr nur reagieren. Ich wollte nicht mehr immer nur geschockt sein, wenn ich ihm begegnete. Mein Entschluss stand fest. Ich brauchte Antworten.
Die Tür öffnete sich. Meine Schockstarre hatte sich gelegt und meine Entschlossenheit wuchs, als ich den Raum betrat.
Der Direktor ließ mich an seinen Tisch vortreten und sah in meine Augen. Nach ein paar Sekunden nickte er.
“Du hast Nexum gesehen.”
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Ich nickte und schüttelte gleichzeitig den Kopf.
“Ja, es war Nexum. Er hat mit mir gesprochen und es war definitiv er und seine Stimme. Aber er war nicht wirklich körperlich anwesend gewesen. Ich hab nur einen verschwommenen Schatten gesehen, der auch immer noch nur eine schwarze Silhouette war, auch als ich schon ganz dicht vor ihm stand.”
“Was hat er gesagt?”
“Nur: So sieht man sich wieder …. soror in spiritu.” Ich versuchte es richtig auszusprechen. Der Direktor zog eine Augenbraue hoch. Ich hatte erst überlegt, ob ich diesen Begriff vor ihm verschwieg. Aber vielleicht hatte er eine Idee, was Nexum damit meinte. Und ich musste nach jedem Strohhalm greifen, wenn ich weiter kommen wollte.
“Spirituelle Schwester?”
Er blickte besorgt zu Liber Pagina. Dass er ihn konsultierte, bestärkte meinen Eindruck, dass dieser Mann nicht nur ein einfacher Bibliothekar war.
“Ich habe darüber nachgedacht. Und dabei ist mir klar geworden, dass uns irgendetwas verbindet. Ich weiß nicht was, aber es geht nicht nur von ihm aus. Ich muss herausfinden, was es ist.”
Die Entschlossenheit in meiner Stimme schien den Direktor zu überraschen.
“Damit gehst du einen gefährlichen Weg. Mir wäre es lieber, wenn du das mir überlässt.”
Er begegnete meinem Blick und lachte leise.
“Ich kenne dich langsam gut genug, um diesen Blick deuten zu können. Wenn du dir etwas in den Kopf setzt, kann ich dich nicht davon abhalten. Aber wir sollten zusammenarbeiten, was meinst du? Keine Geheimnisse vor mir?”
Ich lächelte auch.
“Das bedeutet aber, dass Ihr vor mir auch keine Geheimnisse bezüglich Nexum haben solltet, damit wir beide den gleichen Wissensstand haben. Nur so kann ich behutsam handeln, weil ich alle Informationen habe.”
Liber Pagina lachte.
Ich sah ihn überrascht an. Mir war gar nicht bewusst, dass es diesem Menschen möglich war, zu lachen. Aber er lachte lauthals und wischte sich sogar eine Träne weg.
“Weißt du, an wen sie mich erinnert, Heinrich? An dich, als du noch so ein kleiner Schüler warst, wie sie. Du warst genauso frech, pfiffig und clever.”
Heinrich? Mir wurde wirklich jetzt erst bewusst, dass ich den Namen des Direktors noch nie gehört hatte. Aber am meisten erstaunte mich die Aussage, die ich aus dem Kontext heraus schlussfolgerte.
“Seid ihr der ehemalige Direktor der Schule?”
“So ist es, clevere Titzia. Meine Vorahnung hat mich nicht getäuscht. Du solltest diesen Job bekommen und Nexum finden. Ich glaube sogar, dass nur du ihn in der Bibliothek hättest finden und identifizieren können. Er ist sogar so lange geblieben, dass er einen Fehler gemacht hat, weil er dich sah.”
“Welchen Fehler?”
Er sah mich abwartend an und der neue Direktor wollte schon das Wort ergreifen, als es mir wie Schuppen von den Augen fiel.
“Das Buch! Durch mich wisst ihr, welches Buch er gelesen hat.”
Beide Direktoren nickten.
Ich wartete und Heinrich - ich grinste immer noch, wenn ich den Namen in Gedanken aussprach - ergriff das Wort.
“Ja, er las ein sehr altes Buch, in dem Magieformen beschrieben stehen, die es vor der Erschaffung unseres Landes gegeben haben soll. Liber Pagina kennt das Buch, konnte es aber bis heute nicht vollständig entziffern, da es in einer sehr alten und längst vergessenen Sprache geschrieben wurde. Aber wir vermuten, dass dort sehr mächtige Zauber stehen, die in unserem Land kein Magier beherrscht oder erlernen kann, da unsere Art der Magie anders ist, als die vor Jahrhunderten in einem anderen fernen Land.”
Er blickte kurz wieder zu Liber Pagina und der nickte.
“Falls Nexum versucht, solch Magie zu erlernen und es schafft, wäre er der mächtigste Zauberer unserer beiden Länder.”
Ich schluckte. War er das nicht eh schon?
“Aber was will er mit mir? Braucht er mich für einen dieser Zauber?”
Heinrich tippte sich an die Nase.
“Das ist eine gute Frage und eine interessante These. Vielleicht besitzt du etwas oder kannst etwas, was er nicht kann, aber braucht.”
Ich konnte mir kaum vorstellen, dass ein so mächtiger Zauberer etwas nicht konnte, was ich mit meinen 10 Jahren können sollte. Fast 11.
Aber ich wusste, dass verschiedene Magier verschiedene Techniken erlernen konnten. Manche waren einfach vererbt. Manche konnte man leichter lernen und manche nie, weil man eben dafür nicht ausgelegt war. Mir kam eine Idee.
“Er nennt mich spirituelle Schwester. Vielleicht ist es auch eine Fähigkeit, die er hat und ich auch, die er aber quasi zweimal braucht, um sie zu verstärken oder so.”
“Auch das ist möglich. Das große Problem ist, dass wir noch gar keine Ahnung haben, was sein höheres Ziel ist. Er ist mächtig genug, den Krieg für eine Seite zu entscheiden und sei es nur, indem er eine der Hoheiten des Landes angreift und vernichtet. Die Königin hat Recht, als sie dir sagte, dass ihr Hofzauberer Nexum nichts entgegenzusetzen hätte, wenn er es wirklich darauf anlegen würde. Klar, sind wir hier in einer Stadt mit einer Magieakademie und wenn wir uns alle zusammentun würden gegen Nexum, hätte auch er es sicher nicht leicht. Aber dazu müssten wir WISSEN, dass er angreift. Wenn er es aus dem Verborgenen tut, könnten wir nichts ausrichten gegen ihn.
Das scheint aber zumindest bisher nicht sein Ziel zu sein.”
Ich überlegte einen Moment und erinnerte mich an das Gespräch in Mare Auram.
“Nach dem Angriff des Kriegsmagiers wollte Nexum unbedingt, dass mir bewusst wird, dass Magie das Schlechte in Menschen hervorholt. Dass es viele schlechte Magier gibt, die die Magie zu ihrem Vorteil missbrauchten. Vielleicht will er die Menschen, die seiner Meinung nach der Magie nicht würdig sind, töten oder der Magie berauben?”
“Und anscheinend will er dich davon überzeugen, damit du diesen Weg mit ihm zusammen gehst.”
Ich nickte. Das hörte sich plausibel an. Aber ich hatte das Gefühl, dass uns zu viele Puzzleteile fehlten.
Wir schwiegen alle eine Weile und dann ergriff Liber Pagina das Wort.
“Ihr könnt noch weiter grübeln, was dieser wahnsinnige Idiot vorhat. Aber ich muss nun die Sicherheitsvorkehrungen des verbotenen Bereichs überprüfen und gegebenenfalls anpassen, damit diese Erscheinung nicht noch mehr verbotene Bücher lesen kann.”
“Hast du denn eine Ahnung, was das für eine Art der Magie das war?”
Liber Pagina schmunzelte.
“Ja, aber ich muss trotzdem ein paar Sachen recherchieren. Glücklicherweise kenne ich jedes Buch dieser Bibliothek und weiß, wo es steht.”
Er zwinkerte mir zu, bevor er fortfuhr:
“Deswegen hoffe ich, dass ich die richtige Idee habe und das Wissen dazu schnell finden kann. Vorsichtshalber werde ich das Buch in einer verschlossenen Schublade aufbewahren, damit auch eine Erscheinung es nicht einfach aus dem Regal holen und lesen kann. Den Schlüssel werde ich bei mir tragen. Ich will mal sehen, wie eine Erscheinung mir den abluchsen kann! Entschuldigt mich.”
Er verließ das Direktorenzimmer und schloss die Tür hinter sich.
Der Direktor blickte aus dem Fenster und ich wusste nicht, ob ich auch gehen sollte. Dann fiel mir noch etwas ein, was ich gleich besprechen konnte.
“Herr Direktor, ich hätte noch eine andere Frage.”
“Ja, Titzia?”
“Ist Anima Silvarum noch gefährlich?”
Der Direktor wirkte verwirrt.
“Wieso willst du das wissen?”
“Ich habe in Anima Silvarum noch ein paar persönliche Gegenstände und Aufzeichnungen, die ich gerne wieder hätte. Wäre es möglich, dass ich und vielleicht ein paar Freunde dorthin einen Ausflug mache, damit wir unsere Sachen wieder holen können?”
Ich versuchte arglos auszusehen. Das Märchenbuch wollte ich nicht erwähnen, ich war mir sehr sicher, dass er es nicht gutgeheißen hätte, wenn ich ein verbotenes Buch mitnahm und selbst besaß. Er hätte es mir zwar nicht verbieten können, aber wahrscheinlich konfiszieren, bis ich alt genug dafür war. Vor allem, wenn er wusste, dass mir bewusst war, dass es ein verbotenes Buch war. Aber diese Tür wollte ich mir offen halten. Immerhin war es ein Märchenbuch. Ich könnte hinterher immer noch behaupten, dass ich es nur dafür auch gehalten hatte.
“Hmm, grundsätzlich habe ich nichts dagegen. Tagesausflüge können Schüler immer machen, wenn sie es vorher ankündigen.”
Die versteckte Kritik nahm ich nickend wahr.
“Aber da du und Cynthia das Unglück anzuziehen scheint und auch immer noch sehr frische bekannte Elementarmagier seid, würde ich euch lieber begleiten.”
Mir fuhr es kalt den Rücken runter. Das würde unseren Plan etwas vereiteln.
“Aber ich habe die nächsten Tage sehr viel zu tun. Deswegen habe ich einen guten Kompromiss. Was hältst du davon, wenn Frau Wetzold mitgeht? Soweit ich weiß, war sie auch nicht nochmal in Anima Silvarum, seitdem es angegriffen wurde und sie hat vielleicht wie du auch ein paar Habseligkeiten, die sie suchen möchte. Wäre es okay für euch, wenn sie euch begleitet? Natürlich könntet ihr auch noch andere Lehrer fragen. Vielleicht will noch jemand mit und sich eure alte Akademie angucken.”
Ich konnte nichts gegen diesen Kompromiss sagen. Ein Teil von mir freute sich sogar, mit Frau Wetzold einen Ausflug zu machen. Ich dachte wieder an meinen Hügel und die Sehnsucht zog in meinem Herzen. Als ich mir vorstellte, dass auch noch andere Lehrer Anima Silvarum interessant finden könnten, schweiften meinen Gedanken zu dem Direktorbaum und in mir ploppte eine Frage auf, die mir vorher noch nie gekommen war.
“Was ist eigentlich mit dem Direktor von Anima Silvarum passiert?”
Der Direktor kratzte sich am Kopf.
“Das ist eine interessante Geschichte. Er wollte eine Reise antreten und ist in der Stadt, die er bereisen wollte, nie angekommen. Mich erreichte eine Nachricht von eben dieser Stadt, dass der Direktor Scientia zuerst besuchen wollte, bevor er zu der anderen Stadt reisen wollte. Aber auch hier kam er nie an. Die Lehrer von Anima Silvarum meinten, er wäre nicht den Weg gegangen, sondern durch den Wald. Ich habe lange darüber nachgedacht und nachdem ihr mir von dem See berichtet habt in dem Wald, den ihr ja auch auf dem Weg nach Scientia gefunden habt, kam mir die Idee, dass er diesen auch gefunden hätte.”
Ich fasste mir an den Mund.
“Wir haben da Nexum getroffen. Wenn der alte Direktor Nexum getroffen hat, kann das böse ausgegangen sein. In meiner Vision und im Gespräch mit dem Direktor hatte ich den Eindruck gewonnen, dass die beiden sich hassten. Nexum wollte ihn töten, kurz bevor er aus Anima Silvarum geflohen ist. Vielleicht hat er sein Vorhaben, welches er als Jugendlicher nicht geschafft hatte, zu Ende gebracht und ihn dort getötet.”
“Welche Vision?”
Mir fiel auf, dass ich mit dem Direktor nie über den nächtlichen Ausflug mit Torsten zum Direktorenbaumhaus von Anima Silvarum gesprochen hatte. Als wir hier ankamen, war die echte Begegnung mit Nexum am See der Elemente viel präsenter gewesen und auch später ergab sich die Gelegenheit nicht richtig.
Also berichtete ich von der Erinnerung des Baumes und der Direktor hörte aufmerksam zu.
Als ich endete, war er wieder sehr nachdenklich.
“Tatsächlich gibt es nicht viele Aufzeichnungen und auch kaum Erfahrungsberichte, was wirklich in Anima Silvarum passiert ist bei Nexums Angriff. Dass er so wütend auf den Direktor war, wusste ich nicht. Wenn er also, wie du vermutest, Rache an dem Direktor genommen hat, weil er unverhofft am See der Elemente aufgetaucht war, können wir den Direktor nicht mehr dazu befragen. Dabei hätte ich einige Fragen an ihn gehabt.”
“Wieso hat uns keiner gesagt, dass der Direktor verschollen ist?”
“Das habe ich auch erst erfahren, kurz bevor Anima Silvarum angegriffen wurde. Ich hatte vermutet, dass die Mundus ihre Finger im Spiel gehabt hat, um das Dorf zu schwächen. Dass alles nur ein Zufall war, wieso Cynthia in euer Dorf kam, als ihr zufällig gerade keinen Direktor hattet, erscheint mir unwahrscheinlich. Vielleicht hatte Nexum alles geplant von Anfang an?”
“Nein, das glaube ich nicht. Nexum wirkte ehrlich überrascht, als er Cynthia am See der Elemente das erste Mal traf und meinte auch, dass sie gar nicht da sein dürfte oder so ähnlich.”
Der Direktor nickte.
“Ich muss mir dazu auch nochmal Gedanken machen. Titzia, es ist der erste Tag des neuen Schuljahrs und du gibst mir schon wieder mehrere Hausaufgaben auf.”
Er klang tadelnd, aber er grinste mich dabei an. Ich grinste zurück.
“Tja, so bin ich. Da fällt mir ein, um nicht noch mehr Chaos zu verursachen: Wir sollten einen Aufsatz schreiben vom letzten Schuljahr. Ich habe mich, während ich auf Liber Pagina wartete, damit beschäftigt, ihn zu schreiben, weil ich erst vor zwei Tagen davon erfuhr. Wollen Sie ihn vielleicht lesen, bevor ich ihn abgebe? Nicht, dass ich etwas geschrieben habe, was meinen Lehrer aufregen würde oder was ich nicht hätte schreiben dürfen.”
“In der Tat gibt es viele Fakten aus deinem letzten Schuljahr, die ich nicht unbedingt in dem Kopf eines Lehrers herum spuken lassen möchte.”
Ich übergab ihm meinen Aufsatz und er las ihn durch. Zwei Stellen änderte er um, indem er eine Feder nahm, sie durchstrich und die Formulierung änderte.
“So kannst du es lassen. Ich sehe, dass du viel auslassen musstest. Ich danke dir, dass du mich vorher dazu konsultierst und merke, dass du bemüht bist, dieses Jahr nicht so viel Ärger zu verursachen. Danke für deine Vorsicht.”
Ich nahm den Aufsatz wieder entgegen und verabschiedete mich vom Direktor, Erstmal hatten wir alles Nötige ausgetauscht. Viel weiter fühlte ich mich nicht, auch wenn ich ein paar interessante Informationen bekommen hatte. Ich machte mich auf den Weg in mein Zimmer. Mittlerweile war es schon dunkel geworden. Trotzdem wollte ich nicht bis morgen warten, um meinen Freunden alles zu berichten. Da ich es aber auch nicht zweimal erzählen wollte, rief ich Torsten in Gedanken. Diese nützliche Fähigkeit hatte ich in Mare Auram entdeckt. Ich fragte ihn auch, ob er Kenny mitbringen konnte. Keine Ahnung, ob diese erweiterte Bitte klappte. Bisher hatte ich es nur auf einen Hilferuf beschränkt. Und es funktionierte bisher auch nur in die eine Richtung.
Kurz nachdem ich im Zimmer angekommen war und auch Sania und Marie zu uns geholt hatte, klopfte es an der Tür. Ich öffnete sie leise, denn um diese Uhrzeit durften sich nicht andere Kinder in einem Zimmer aufhalten, als die, die auch darin wohnten. Torsten und Kenny traten ein und ich war erleichtert, dass meine Botschaft geklappt hatte. Dann begann ich von meiner Begegnung von Nexum zu erzählen und von dem Gespräch mit dem Direktor. Als ich davon berichtete, dass ich mit Frau Wetzold nach Anima Silvarum reisen darf, waren alle begeistert. Bis auf Cynthia. Ich wollte den Ausflug am Wochenende machen. Aber Cynthias Job in der Krankenstation war auch am Wochenende und sie wollte sich noch auf den Besuch beim Prinzen vorbereiten. Alle anderen waren dabei, denn beim Angriff auf Anima Silvarum hatte jeder Dinge zurück lassen müssen, die er wieder haben wollte. Ich versprach morgen mit Frau Wetzold zu reden.
Viel Zeit zum Diskutieren über die Ereignisse hatten wir nicht, denn es klopfte unvermittelt an der Tür und wir waren aufgeflogen. Es wurde von außen gerufen, dass alle in ihre Zimmer sollten oder in fünf Minuten würden alle, die fremd im Zimmer waren, einen Tadel bekommen. Damit verabschiedeten sich Kenny und Torsten schnell und auch Sania und Marie gingen wieder in ihr Zimmer. Cynthia und ich gingen in unser Bett.
Sie fragte mich, ob ich böse wäre, dass sie nicht mitkommen wolle.
“Aber warum sollte ich? Uns alle verbindet viel mehr mit Anima Silvarum und für dich war es wahrlich kein schöner Ort. Es ist total okay, dass du nicht mitkommen willst und kannst.”
“Danke, Titzia.”
Ich hatte das Gefühl, sie wollte noch mehr sagen und ich wartete. Aber nach ein paar Sekunden wurde ihr Atem gleichmäßig und ich begriff, dass sie eingeschlafen war. Ich brauchte noch über eine Stunde, bis auch meine Gedanken endlich Ruhe fanden. Dann schlief ich endlich ein.








