Blick aus dem Fenster

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Summary

Manchmal reicht ein Blick aus dem Fenster, um alles anders werden zu lassen.

Status
Complete
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1

Draußen verliert heute die Sonne. Erst sah es vorhin so aus, als würde heute das helle Licht gewinnen. Doch bald kamen die Wolken. Zunächst weiße, helle, vom Sonnenlicht gestärkte, dann immer grauer und düsterer werdend. Das Grün des Grasses verliert an Kraft, das Grau des Asphalts paart sich mit dem Grau am Himmel. Ein Radrennfahrer frönt seinem Hobby und verleiht der grauen Szene für einen kurzen Moment etwas Farbe…

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal eine Geschichte geschrieben haben. Sie werden aber bestimmt schon einige in Ihrem Leben gelesen haben. An die ein oder andere erinnern Sie sich vielleicht, viele versanken in dem Sog des Vergessens. Diese hier werden Sie auch vergessen. Für einen Moment. Denn wenn man nichts vergessen kann, ist es mit dem Vergessen vorüber. Auch das Vergessen können wird dann vergessen. Erinnerungen ebenfalls. All die Momente, die vermeintlich unvergesslichen, lauten und schrillen Augenblicke. Weg. Nicht mehr da. Warum? Weil sie nicht erinnert werden.

Sie werden denken, wovon ich hier schreibe. Und verspüren vielleicht den Impuls aus dieser Geschichte jetzt auszusteigen. Tun Sie es nicht. Ich kann es Ihnen nur empfehlen.

Ich hatte eben auch einen Impuls. Kurz nachdem ich schrieb: „Draußen verliert heute die Sonne.“ Es war ein merkwürdiges Gefühl. Sie kennen das vielleicht auch. Da passiert etwas in einem. Ausgelöst von einer Kraft, einer Energie. Sie kommt nicht von innen, sondern von außen. Durch sie fühlt sich nicht kalt an, eher warm, vielleicht zu warm. Es ist etwas dazu gekommen, was vorher nicht da war. Bei „das Grau des Asphalts paart sich mit dem Grau am Himmel.“ wurde der Impuls klarer. Zu einem Gedanken. Zu einer Idee. Zu einem Ahnung um was.

Mir ist seit dem zweiten Absatz klar, dass, wenn Sie diese Geschichte weglegen, aufhören zu lesen, es vorbei ist. Vorbei. Vorbei mit dieser Geschichte, vorbei mit mir mir, vorbei mit dem Blick aus dem Fenster.

Sie werden sagen, dass sei nicht Ungewöhnliches. Das sei so bei Geschichten. Sie sind irgendwann vorbei. Klar, einige hallen in unseren Köpfen nach. Vielleicht so laut, dass sie die Vernunft übertönen, beiseite schieben. Wie oft schon geschehen in der Menschheitsgeschichte. Ein dummer Gedanke, verpackt in eine ebenso dumme Geschichte, gesichert durch viele auch dumme Argumente verändern die Köpfe zunächst einiger, dann vieler, dann zu vieler Menschen. Männer, Frauen und Kinder sterben in Folge. Ganze Familien, ganze Völker werden ausgelöscht. Gibt es nicht mehr. Sind vorbei.

Das Ende dieser Geschichte wird aber ein anderes sein. Das sagte mir vorhin dieser Impuls, dieses Wissen. Nach dieser Geschichte werden Sie keine andere Geschichte mehr lesen. Deshalb legen Sie diese Geschichte nicht weg. Folgen Sie ihr bis zu den letzten Zeilen, bis zu dem letzten Wort, dem letzten Satzzeichen. Danach ist sie nämlich vorbei. Und nicht nur diese Geschichte. Sondern alles.

Alles, was Sie kennen und schätzen gelernt haben. Alles, was Sie lieben und hassen. Wobei das mit dem Hass bestimmt zu verschmerzen wäre. Wie viel haben Sie schon gehasst in ihrem Leben bisher? Ebenso so viel, wie Sie geliebt haben? Mehr?

Egal. Es wird vorbei sein. Diese Kraft, diese Gewissheit in mir wird immer stärker. Jeder Gedanke, den ich hier niederschreibe, zieht mich mehr dem Ende entgegen. Dem Ende der Geschichte und dem Ende von allem. Auch von Ihnen.

Haben Sie sich so das Ende vorgestellt? Mit einer Geschichte verknüpft? Man stellt es sich anders vor. Eine lange, schwere Krankheit, ein Unfall, eine Naturkatastrophe, ein Krieg. Aber eine Geschichte?

Nun werden Sie denken: „Warum habe ich bloß lesen gelernt?“ Kein unmöglicher Gedanke. Ein nettes Gedankenspiel gar. Hätten Sie nicht lesen gelernt, hätten Sie nie Geschichten gelesen und diese Geschichte nicht angefangen zu lesen. Vielleicht hätte dies alles vermieden. Aber, ein Gedankenspiel, nicht mehr. Sie haben angefangen diese Geschichte zu lesen. Und legen Sie sie jetzt nicht weg. Lesen Sie weiter. Folgen Sie ihr, Wort für Wort.

Leider hatte ich vergessen zu erwähnen, dass ich kein Schreiber von Romanen bin. Auch nicht von Erzählungen. Ich versuche mich immer wieder in Kurzgeschichten. Ich hatte schon mal in Richtung Roman geschaut, mich daran ausprobiert. Aber schon an der Charaktergestaltung bin ich gescheitert. Aber ich hatte dies nicht voraus geahnt. Woher sollte ich auch wissen, dass gerade ich es sein sollte, der es einleitet. Man vermutet immer großartige mächtige Kräfte, Verbünde oder ähnlich Gewaltiges. Nun ist es ein Schreiberling. Aber wie hieß es noch in diesem vom Christentum verehrten Buch, „Am Anfang war das Wort.“ Man hätte auch ahnen können, dass es auch am Ende stehen wird. Die Frage nur, welches.

Wenn ich jetzt schreiben würde, dass es mir leid tut, dass ich Sie darum bitten würde mir zu verzeihen, wäre dies nicht sinnvoll. Wozu bitten um Verzeihung, Entschuldigungen, wenn alles vorbei ist.

Die Energie in mir breitet sich weiter aus. Die Gewissheit wird immer stärker, nimmt Besitz von mir. Ein klarer Gedanken erfordert mehr Konzentration als vorhin. Ich hätte nie geglaubt, dass diese, meine und Ihre letzte Geschichte so schnell enden würde. Eine Kurzgeschichte. Leider. Ich setze für Sie gleich das letzte Satzzeichen. Oder vielleicht ein letztes Wort. Sie sehen es noch, werden es lesen. Sie erwarten „Ende“. Aber auch dies gibt es nicht. Ein Ende würde einen Anfang bedeuten. Deshalb benutze ich hier das Wort, welches meiner Ansicht nach diesem Moment am meisten gerecht wird. Und meine Finger schreiben es noch, wie geführt.

vorbei