Prolog
Prolog
Vor 16 Jahren
Amelia
Nein! Das kann nicht ihr Ernst sein? Wie kann meine Mutter eine so lebensverändernde Entscheidung ohne mich und meinen Bruder treffen?
Sie zerstört gerade einfach alles, weil sie so egoistisch handelt!
Ich kann es nicht fassen, dass sie uns das antut …
Stumm stehe ich vor ihr und sehe sie mit weit aufgerissenen Augen an. Meine Augen fangen an leicht zu brennen, da ich noch nicht mal mehr in der Lage bin zu blinzeln. Ich blende jedes Geräusch aus und versuche ihr nicht zuzuhören, stattdessen versuche ich an die schöne Zeit zu denken, die wir hier diesen Sommer gehabt haben.
Wie jedes Jahr verbrachten wir mit unseren engsten Freunden den Urlaub hier in unserem Stammhotel in Syrakus, Sizilien. Er war bis jetzt der beste, den ich je erlebt hatte. Wir hatten wirklich viel Spaß zusammen gehabt, hatten oft miteinander gelacht und unzählige Ausflüge ins Landesinnere unternommen, wie niemals zuvor.
Morgen geht es wieder zurück nach Hause. Ich will es aber nicht, weil dann alles real wird.
Nach einer Weile dringen doch die Worte meiner Mutter zu mir durch, die ihr schwer über die Lippen gekommen sind, aber ich möchte sie nicht hören. Ich lasse sie noch nicht mal zu Ende sprechen, sondern drehe mich herum und laufe, so wie ich angezogen bin – kurze Shorts, ein langes Schlafshirt und in Flipflops –, davon.
Sie ruft mir noch irgendwas hinterher, aber ich höre ihr nicht mehr zu, da ich nur noch weg möchte.
Ich stürme aus dem Hotel auf die von den Straßenlaternen beleuchtete Straße und sehe mich hektisch um. Da es bereits dunkel ist, muss ich mich kurz orientieren.
Anschließend reiße ich mir die Flipflops von den Füßen, da sie mich nur am Rennen hindern, nehme sie in die Hand und laufe zu dem einzigen Platz hier in der Stadt, an dem ich jetzt sein will.
Ein Ort, an dem ich mich wohl und frei fühle, da man in die weite Ferne des Meeres hinausschauen kann und alles andere in den Hintergrund rückt.
Man hört nur das Wasser rauschen, wie sich die Wellen an den großen eckigen Steinen, die den Eingang der Bucht bilden, brechen. Dabei wirbelt der Wind einzelne Tropfen durch die Luft, die sich anschließend zart im Gesicht und in den Haaren verfangen. Wenn man die Augen schließt und sich einzig und allein auf seine Sinne konzentriert, dann hört man sie, die einzigartige Melodie, die vom Meer selbst komponiert wird. Man vergisst dadurch einfach alles um sich herum, da man nur das Lied hören möchte, das einen mit auf die Weite des Ozeans hinausträgt.
Deshalb ist es auch mein Lieblingsplatz.
Unser Lieblingsplatz. Besser gesagt: von Demjan und mir.
Demjan…
So eine Scheiße …!
Ja, ich weiß, das sagt man nicht aber … ach, scheiß drauf!
Wie soll ich denn nur ohne ihn weiterleben?
Er ist doch mein bester Freund.
Er kennt mich in- und auswendig, genauso wie ich ihn kenne.
Habe ich Kummer, weiß er, wie er mich wieder zum Lachen bringen kann.
Bin ich sauer oder wütend, schafft er es, mich nur mit einem Lächeln wieder zu besänftigen.
Er sieht die Welt mittlerweile mit anderen Augen, da er ganze vier Jahre älter ist als ich und dadurch mehr Erfahrung gesammelt hat.
Das denke ich zumindest von ihm, denn er gibt sich immer so schlau, und hat auf jede Frage immer eine Antwort parat.
Manchmal nervt er mit seiner besserwisserischen Art, und dann macht er sich auch noch lustig über mich, da ich bei manchen Sachen sehr kindisch reagiere.
Aber hey, ich bin ja auch erst zwölf!
Für mein Alter jedoch bin ich schon ziemlich reif.
Zumindest glaube ich das …
Ich hänge nur mit älteren Jugendlichen ab, da mein Bruder Phillip auch vier Jahre älter ist als ich.
Als Geschwister verstehen wir uns sehr gut, und wenn er außer Haus geht, nimmt er mich auch oft mit sich mit.
Aber am besten verstehe ich mich eben mit Demjan, was viele nicht kapieren.
Seine Freunde fragen ihn immer wieder, warum er sich mit einem Kind wie mir abgibt.
Er wird dann meistens immer richtig wütend und sagt, dass sie das alles nichts angehen würde.
Schließlich ist er ja gut mit Phillip befreundet, warum dann nicht auch mit mir?
Da er ein Einzelkind ist, sieht er mich wahrscheinlich auch eher als seine kleine Schwester an.
Leider.
Ich schwärme für ihn, seitdem ich ihn zum ersten Mal gesehen habe. Damals ist er mit Lip – so wie ich meinen Bruder manchmal nenne – von der Schule nach Hause gekommen und hat mich nicht wie alle anderen Freunde von ihm ignoriert, sondern ist auf mich zugekommen und hat mich begrüßt. Sein tolles Lächeln und diese blauen Augen strahlten mich regelrecht an, und ab da war es um mich geschehen.
Ich habe versucht so oft wie möglich mit meinem Bruder abzuhängen, auch wenn er deswegen oft von mir genervt war, aber ich war ja nicht wegen ihm da. Mit der Zeit hat sich eine tiefe Freundschaft zwischen Demjan und mir entwickelt und ich war deswegen im siebten Himmel.
Das bleibt aber mein Geheimnis, da ich nichts zerstören möchte.
Tzz … zerstören.
Ich kann nichts mehr kaputtmachen, das hat meine Mama schon für uns alle erledigt.
Kleine Steinchen bohren sich in meine Fußsohlen, aber ich ignoriere den Schmerz.
Ich fühle im Moment eh nichts, nur eine immer näher kommende Ohnmacht, die mit ihren langen Fingern nach mir greift.
Mit rasendem Tempo laufe ich an Dutzenden Menschen vorbei, manch einen rempele ich an, aber es ist mir egal.
Ich entschuldige mich noch nicht einmal, sondern flitze weiter die Promenade entlang zu meinem Ziel. Der Geruch der salzigen Meeresluft steigt mir in die Nase und ich weiß, dass ich gleich da bin.
Der Wind peitscht mir ins Gesicht und trocknet so meine Tränen, die mir ununterbrochen die Wangen hinunterlaufen.
Endlich komme ich nach Luft japsend an der Küstenspitze an und setze mich gleich auf einen der großen Steine. Der Mond scheint hell am Himmel, sodass ich meine Umgebung gut erkennen kann.
Ich schaue hinaus auf die offene See, die wohl heute mein Innerstes widerspiegelt, denn sie ist rau und wütend, genau wie ich.
Es ist so, als ob ich drohen würde zu ersticken, da ich einfach keine Luft mehr in die Lunge bekomme.
Ich werde ununterbrochen von unzähligen Schluchzern geschüttelt, weil ich nicht aufhören kann zu weinen.
Die Luft ist zwar angenehm warm, trotzdem fröstelt es mich.
Immer wieder höre ich ihre Worte in meinem Kopf nachhallen, als würden sie mich verspotten wollen.
„Amelia, wir wandern aus.“
Meine Mutter hat das tatsächlich gesagt!
Wir wandern aus. Wir wandern aus …
Diese drei Worte breiten sich wie Gift in meinem Kopf aus.
Immer wieder rollt mir eine dieser lästigen Tränen die Wange hinunter, bis ich irgendwann keine Tränen mehr übrighabe. Ich starre vor mich hin und würde am liebsten laut losschreien, aber dazu fehlt mir die Kraft.
***
Ich weiß nicht, wie lange ich bereits schon auf dem Stein sitze, als sich plötzlich zwei starke und warme Arme von hinten um mich schlingen.
Ich muss mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass Demjan hinter mir ist.
Seinen Geruch würde ich überall wiedererkennen, denn er riecht nach Sommer, Meer und einfach nur nach Demjan.
Eine Zeit lang sagen wir beide nichts, bis er aufsteht und sich neben mich setzt.
Jetzt schaut er mich von der Seite an und lächelt mich dabei traurig an.
„Hey, moya krasavitsa, sieh mich an“, bittet er mich mit leiser Stimme.
Meine Schöne. Das ist mein Kosename, den er mir schon vor langer Zeit gab.
Ich finde nicht wirklich, dass er zu mir passt …
Aber hey!
Ich werde mich bestimmt nicht beschweren.
Traurig blicke ich mit meinen grünen Augen, die bestimmt jetzt ganz rot vom Heulen sind, zu ihm hoch, da er ein ganzes Stück größer ist als ich, selbst im Sitzen.
Mir läuft die Rotze aus der Nase, aber auch das ist mir egal.
Schweigend reicht er mir ein Taschentuch, wo auch immer er das jetzt hergezaubert hat, sodass ich mir meine Nase säubern kann.
„Du weißt es bereits, stimmt´s?“, frage ich mit krächzender Stimme.
„Ja. Phillip hat es mir vorhin gesagt und meinte, du wärst davongelaufen. Ich wusste sofort, dass du hierherkommen wirst“, sagt er mit sanften Stimme und mustert mich weiterhin.
„Es ist so unfair, Demjan. Wie kann sie nur?“, schimpfe ich los, weil ich meinen Frust endlich loswerden will.
„Natürlich ist es euch gegenüber unfair, aber du musst auch deine Mutter verstehen. Sie und dein Vater führen schon seit Jahren eine Fernehe. Für sie ist es auch nicht leicht, glaube mir“, sagt er. „Und ich denke, dass es eine tolle Chance für euch ist. Endlich raus aus Kursk und sich ein besseres Leben aufbauen. Denn sind wir mal ehrlich, was für eine Zukunft hat man denn heutzutage in Russland, hm?“
Er stupst mich, während er das sagt, mit der Schulter an und lächelt auf mich hinunter.
War ja klar, dass er wieder den Schlaumeier raushängen lassen wird.
Aber bedeute ich ihm denn so wenig? Ich persönlich kann mir zum Beispiel kein Leben ohne ihn vorstellen. Klar werde ich noch meinen Bruder um mich haben, aber mit Demjan verbindet mich deutlich mehr. Er verteidigt mich sogar oft vor Phillip, was dem mächtig auf die Nerven geht.
Ich sage eine Zeit lang nichts, schaue einfach nur hinaus aufs Meer und lasse seine Worte auf mich wirken.
Er hat ja doch wieder recht.
So wie immer.
„Amelia?“
„Ja?“
„Ich werde dich auch vermissen …“
Ich schluchze laut auf, als er das sagt. Schnell zieht er mich in seine Arme und streichelt mir behutsam über meine schulterlangen dunkelblonden Haare.
„Weine nicht, moya krasavitsa, das steht dir nicht“, versucht er mich aufzuheitern.
Mir ist aber im Moment überhaupt nicht nach Lachen zumute. Diese verdammten Tränen sind nämlich wieder da.
„Wir können uns Briefe schicken. Vielleicht bekommst du sogar dein eigenes Handy, dann können wir uns SMS schreiben. Wir bleiben definitiv in Kontakt, hörst du? Ich werde dich auf keinen Fall vergessen und ich hoffe, du tust es auch nicht, dort auf der anderen Seite der Welt.“
Ich nicke ihm nur stumm zu, da ich keinen Ton herausbringen kann.
„Versprich es“, bittet er mich mit flüsternder Stimme.
Ich befreie mich aus seiner Umarmung, schaue ihn an und sage dann mit möglichst fester Stimme: „Ich verspreche es. Ich werde dich niemals vergessen, Demjan.“
Er nickt mir zu, nimmt mich wieder in den Arm, haucht einen Kuss auf meine Stirn, nur um anschließend wieder hinaus auf das Meer zu schauen und den Wellen dabei zuzuhören, wie sie eine eigene traurige Melodie komponieren.