Prolog
Der große Saal war fürstlich geschmückt worden. Um die hohen goldenen Säulen hatte man Efeuranken gewickelt und die langen, sonst goldenen Stoffbahnen waren durch Grüne ersetzt worden. Blumengirlanden hingen über dem großen Tisch in der Mitte und verteilten einen angenehmen Duft.
»Ich kann mich nicht erinnern, wann wir das letzte Mal so einen Aufwand betrieben haben«, bemerkte Frigga lächelnd, während sie ihren Blick durch den Raum schweifen ließ.
Odin lächelte nur matt und folgte ihrem Blick. »Alfheim ist die Heimat des Lichts und der Natur. Obgleich sie auch Hallen wie diese besitzen, sind ihre deutlich nunja ... grüner. Durch manche läuft sogar ein kleiner Fluss oder es gibt einen Baum, der durch die Decke ragt.«
»Und du glaubst, dass du die Alfheimer mit dem bisschen Efeu beeindruckst?« Das war Loki. Er war aus dem nichts erschienen, hatte eine kleine Efeuranke von der Säule gerissen und ging auf seinen Vater zu. »Einige Blätter werden noch vertrocknen, bevor unsere Gäste eintreffen. Aber Vater, großartige Idee für ein Fest der Freundschaft. Nein wirklich. Unsere Gäste können hier speisen und nebenbei ihrem geliebten Grünzeug beim Sterben zusehen.«
»Loki..«, begann Odin leise, und Frigga erkannte sofort diesen mahnenden Unterton in der Stimme ihres Ehemannes. »Dieses Fest..«
»Ich weiß«, unterbrach Loki ihn sofort in einem gelangweilten Tonfall, während er mit dem Efeu in seiner Hand gestikulierte. »Dieses Fest dient dem Frieden der neun Reiche und so weiter und so fort.«
»Ja das tut es und deswegen wirst du auch heute nicht dabei sein«, sagte Odin. »Dieser Abend ist zu wichtig, und ich dulde heute keine Eskapaden von dir!«
»Gut«, gab Loki knapp zurück und drückte seiner Mutter das Efeu in die Hand, bevor er sich ein paar Schritte entfernte. »Ich hatte ohnehin nicht vor zu bleiben. Ich werde mich amüsieren gehen, während ihr hier drinnen gemeinsam ... Bäume umarmt oder was immer Lichtelfen auch so machen.«
Frigga warf ihrem Sohn einen mitleidigen Blick hinterher, während er ging.
»War das nötig?«
»Ja das war es«, knurrte Odin zurück. »Hast du vergessen, was er Midgard angetan hat?«
»Du hast ihn aus der Zelle gelassen, aber vergeben hast du ihm noch nicht?« Im Gegensatz zu Odin war Friggas Stimme sanft. »Wenn du ihn vom Fest ausschließt, wird die Kluft zwischen euch nur größer.«
»Wenn König Freyrs Besuch wie geplant mit der Verlobung Thors und seiner Tochter Lia enden soll, darf nichts schiefgehen. Dieses Bündnis muss stattfinden. Die Dunkelelfen bedrohen nicht nur Alfheim, sondern auch Asgard. Lokis Handlungen haben die neun Welten in Chaos und Unsicherheit gestürzt. Wer kann es ihnen auch verdenken, wenn sie jederzeit damit rechnen müssen, dass ein Sohn Asgards den Krieg beschwört?«
Frigga schüttelte den Kopf und lächelte sanft. »Diese Angst nimmt man ihnen nicht, wenn man Loki wegsperrt oder ihn versteckt.«
»Wir müssen Gerechtigkeit demonstrieren! Das erwarten die Reiche von uns!«
»Ob es dir passt oder nicht, du hast zwei Söhne, Odin Borson! Wenn Asgard weiterhin der Beschützer der neun Reiche sein soll, brauchst du sie beide. Wenn Loki im Kerker verrottet, bringt das Gerechtigkeit, aber den Reichen keinen Frieden. Die Alfheimer sollten ihn an deiner Seite stehen sehen. Meinst du nicht, Einigkeit zu demonstrieren wäre besser, als die Angst aufrecht zu erhalten, dass er jederzeit wieder so etwas versuchen könnte?«
»Sein Tod könnte das durchaus verhindern«, entgegnete Odin.
Frigga legte den Kopf leicht schief und lächelte. »Wenn du das wolltest, hättest du es längst veranlasst. Durchforsche dein Herz und sag mir, dass ich Unrecht habe.«
Odin seufzte und sagte eine Weile lang nichts. Dann schaute er Frigga in die Augen und seine Stimme wurde sanfter. »Ich bin gesegnet, eine so weise Frau an meiner Seite zu haben. Aber wenn du ihnen den geläuterten Loki zeigen willst, dann sprichst du besser mit ihm.«
Und so begab es sich, dass Odin Borson, Allvater und Beschützer der neun Reiche entgegen seiner Überzeugung handelte und seinen verbrecherischen Sohn Loki wieder an seinen Tisch lud. Wohl wissentlich, dass das Unheil wiederkehren würde. So wie es immer gewesen war, doch dieses Mal sollte alles anders kommen...









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