Kapitel 1 - Duygu
Wie so oft in letzter Zeit lag sie wach im Bett und stellte sich schlafend. Sie schnarchte sogar ein wenig, so wie Michael es schon oft im Spaß nachgeahmt hatte. Anscheinend schaffte sie es tatsächlich, ihn zu täuschen. Oder es war ihm einfach nur egal, wenn sie mal wieder eine schlaflose Nacht hatte.
Duygu lag auf der Seite, die Beine angezogen und die Arme fest um sich geschlungen. Obwohl sie unter der dicksten Bettdecke lag, die sie besaß, war ihr kalt. Noch vor wenigen Monaten hätte sie sich einfach an Michael geschmiegt und sich von ihm wärmen lassen, doch allein bei der Vorstellung, dies heute Abend zu tun, wurde ihr übel.
Sie war ihn einfach nur satt, behielt es bisher aber für sich. Vielleicht weil sie Angst davor hatte, ihm wehzutun oder weil er sie jeden Morgen so unschuldig mit einem Kuss auf die Wange weckte, sie wusste es nicht. Was sie allerdings wusste war, dass es so nicht mehr lange weitergehen konnte. Schon seit Monaten zeigte sie sich ihm gegenüber desinteressiert und einsilbig, sie hatten schon ewig lange keine intimen Zärtlichkeiten mehr ausgetauscht und doch schien er es nicht zu bemerken. Oder er war einfach nur genau so gut im Verdrängen wie sie selbst.
Ein leises Seufzen entfuhr ihr bei ihrem allnächtlichen Gegrübel, aber Michaels Atem blieb gleichmäßig ruhig. Vorsichtig warf sie einen Blick über die Schulter und sah in dem schwachen Schein des Nachtlichts neben der Tür sein friedliches Gesicht.
Beinahe wehmütig dachte Duygu daran zurück, wie glücklich sie gewesen waren, als ihre Eltern ihnen beiden zugesichert hatten, dass sie nach dem Abi in diese gemeinsame Wohnung ziehen durften. Auch wenn sie beide noch in Tagespendelentfernung zur Uni wohnten, hatte ihr Vater ihr versprochen, sie finanziell unterstützen.
Wahrscheinlich war es der Ausgleich für sein schlechtes Gewissen, dass er sich jahrelang nicht um sie gekümmert hatte. Natürlich war es tragisch, dass er ihre Mutter so im Stich gelassen hatte und sie war wirklich lange Zeit wütend auf ihn gewesen, aber in den letzten Jahren hatten sie eine beinahe innige Beziehung zueinander aufgebaut. Eher wie Kumpel, nicht wie Vater und Tochter, was nicht nur der Tatsache geschuldet war, dass ihr Vater nur fünfzehn Jahre älter war als sie selbst.
Unwillkürlich stellte sie sich vor, wo sie nun wäre, wenn sie und Michael so früh ein Kind bekommen hätten. Wäre er bei ihr geblieben? Oder hätte er sich aus dem Staub gemacht wie ihr eigener Vater?
Ein beginnender Krampf in ihrem Nacken ließ sie den Kopf wieder herumdrehen, doch auch wenn sie vorgab zu schlafen, konnte sie nicht mehr hier liegen. Möglichst leise stand sie auf und schlich, geleitet vom Schein des Nachtlichts, aus dem Schlafzimmer hinaus.
Sorgsam achtete sie darauf, die Tür nur so weit zu öffnen, dass sie nicht quietschte, wie sie es immer tat, wenn man sie zu weit öffnete. Michael schien diesen Punkt noch nicht gefunden zu haben, denn offensichtlich war trotz ihres Bittens nicht in der Lage, die Tür nur bis zu dem quietschfreien Punkt zu öffnen. Jede Nacht, wenn er auf die Toilette ging, riss er die Tür ganz auf, sodass sie quietschte und Duygu weckte. Schon so oft hatte sie ihn gebeten, darauf zu achten und auch wenn es nur eine Kleinigkeit war, nervte es sie ungemein.
Rücksichtsvoller als er es je sein würde, auch wenn er es mit Sicherheit nicht mit Absicht tat, schloss sie die Schlafzimmertür hinter sich und ging auf nackten Füßen durch das Wohnzimmer in den Flur und von dort ins Bad.
Kleine Krümel blieben unter ihren Füßen kleben, die sie auf dem Badezimmerteppich abstreifte. Sie müssten dringend noch einmal saugen. Auch wenn sie nun schon eine ganze Weile hier wohnten und sich selbst um den Haushalt kümmerten, bekamen sie es nicht so wirklich auf die Reihe. Nicht, dass es schlimm schmutzig war oder vollkommenes Durcheinander herrschte, aber sie konnte sich nicht erinnern, jemals bei ihrer Mutter Krümel unter den Füßen gespürt zu haben.
Mit einem erneuten Seufzen stützte sie die Hände auf dem Rand des weißen Waschbeckens ab und betrachtete sich im Spiegel darüber. Die kleine nackte Leuchtröhre spendete nur kaltes, spärliches Licht und die Kette, an der man sie einschaltete, baumelte in ihrem Augenwinkel hin und her. Noch so eine Sache, die sie nervte.
Unwillkürlich suchte sie einen Grund, aus dem sie Michael die Schuld an diesem doofen baumelnden Ding geben konnte, aber sie merkte selbst, dass sie einfach nur überreizt und müde war. Er konnte doch gar nichts dafür.
Er konnte für alles nichts, denn es gab keinen Streit, keinen Fehler, durch den ihre Beziehung so schrecklich geworden war. Es war einfach nur so, dass Duygu nicht mehr glücklich mit ihm war, aber nicht den Mut aufbrachte, ihm das zu sagen. Denn ohne Zweifel war Michael ganz anderer Meinung und sein Herz würde brechen.