Kapitel 1
Hallo, du! Ja, genau du! Bock auf ein Interview? Ich weiß, dass du Nein sagen wirst, aber weißt du, was ich verstehen werde: „Es ist mir suspekt, mich mit jemandem über die Probleme der Nasenbehaarung von dreiköpfigen Hunden zu unterhalten.“ Und weißt du, was noch viel besser ist? Der Shitstorm der dann auf dich niedergehen wird. Also, hast du jetzt Lust oder soll ich dich gleich fertigmachen? Denk dran, ich kann jede Regung deines Gesichts, jede noch so kleine Äußerung in deinen sozialen Tod verwandeln. Ach, jetzt hast du doch Lust? Na, suuuper!
Ja, so oder so ähnlich läuft mein Tag ab. Jeden Tag, immer auf eine ähnliche Weise versuche ich, oder besser, versucht meine Besitzerin dafür zu sorgen, dass wir tolle Stories schreiben. Und manchmal… Okay, meistens muss ich dafür sorgen, dass die Leute auch liebend gerne Interviews mit uns führen. Die eine oder andere Lüge ist doch da nicht so verkehrt, oder? Und letzten Endes ist es ja doch nur eine Auslegungssache, was ich schreibe und was der Wahrheit entspricht, nicht wahr?
Kennt ihr das? Jemand sagt etwas und ihr versteht es vollkommen falsch? Nun, genau das ist mein Job. Ich bin eine Wort- und Meinungsverdreherin, und es macht mir Spaß. Ich liebe es, Gesagtes in etwas vollkommen Anderes zu verwandeln. Meine Besitzerin übrigens auch. Ihr kennt sie bestimmt, auch wenn sie in letzter Zeit eher von der Bildfläche verschwinden musste. Ihr wisst doch, da gab es diesen kleinen… Zwischenfall an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei. Ich? Nein, natürlich hatte ich damit nichts zu tun. Kein Stück! Okay… Vielleicht doch ein kleines bisschen. Ja, vielleicht habe ich ein wenig was umgewandelt und vielleicht hatte Harry auch keine Tränen in den Augen, die im Licht glitzerten, als wir in dieser wunderbaren Besenkammer saßen und über seine Eltern sprachen, aber... Hey, wäre ja sonst auch langweilig, oder nicht?
Genauso langweilig wie die aktuelle Diskussion, ob dreiköpfige Hunde nun Nasenhaare haben sollten oder nicht. Ich meine, ist es nicht scheißegal, ob die nun Haare haben oder nicht? Ist ja nicht so, dass die jemand küssen will und man sich dann an den Haaren stören könnte. Jedenfalls ist der Tagesprophet gegen eine solche Behaarung, also versuchen Rita und ich aus wirklich jedem etwas gegen Nasenhaare von dreiköpfigen Hunden aus der Nazu kitzeln, und wenn der Interviewte nur im falschen Moment die Nase rümpft. Wichtig ist, dass wir Meinungen schüren und schon dauert es nicht lange und alle Zauberer und Hexen sind gegen Nasenhaare bei dreiköpfigen Hunden. Am spannendsten ist jedoch wirklich die Meinung der Leute umzukehren. Komm mit, ich zeig dir, wie das geht.
Rita und ich sitzen in einer Ecke in einem der schäbigsten Pubs Londons. Uns gegenüber hockt Mr Christophorus Jones, ein Verfechter der Nasenhaare. Der findet die also gut. Denkt dran, wir sind vom Tagespropheten und gegen Nasenhaare bei dreiköpfigen Hunden. Mal sehen, ob ihr mitbekommt, was ich mache.
Die berühmte und beliebte Autorin Rita Kimmkorn hat es geschafft, einen der wenigen Befürworter von Nasenhaaren bei dreiköpfigen Hunden zu treffen. Sie hat ihn in einem gemütlichen Pub im Herzen Londons gefunden und zur Rede gestellt, sein Name ist Mr Christophorus Jones und gerne beantwortete er ihr einige Fragen.
„Mr Jones, so, dann schießen Sie doch mal los. Warum sind Sie für Nasenhaare bei dreiköpfigen Hunden?“, beginnt Rita, richtet ihr Brille und lässt ihre große Tasche zuschnappen.
Seine schweinsähnlichen Äuglein glitzern feucht im sanften Lichte des Pubs, während er sich den Schweiß von der Stirn wischt. Er schluckt, als sei ihm die Frage unangenehm.
„Lieber Mr Jones, verraten Sie unseren Lesern doch bitte, was Sie an Nasenhaaren bei dreiköpfigen Hunden so begeistert und warum Sie dafür sind, dass diese nicht herausgerissen werden, da sie pure Dreckschleudern sind?“ Ritas Stimme ist zuckersüß, während Sie Mr Jones anlächelt und ihn sanft ermutigt, uns an seinen Gedanken teilhaben zu lassen.
Er wirft einen unsicheren Blick auf das, was ich gerade geschrieben habe und wischt sich tatsächlich den Schweiß von der Stirn. Aus irgendeinem Grund sind unsere Interviewten immer ein wenig nervös, wenn sie sehen, was ich schreibe. Tja, so funktioniere ich nun einmal.
„Nun, Nasenhaare dienen, wie bei Hexen und Zauberern auch, unter anderem als Luftfilter. Das bedeutet, sie schützen das Innere unserer Nase vor Verunreinigungen und sorgen dafür, dass keine bösen Keime oder Bakterien in unseren Kreislauf gelangen.“ Er wischt sich noch einmal den Schweiß von der Stirn. „Staub und Sand sind gefährliche Stoffe, die unserer Lunge und auch den Lungen der dreiköpfigen Hunde schaden können.“ Uff, mal sehen, wie ich das sinnvoll umwandeln kann. Immer die Leute, die mit ihrem Wissen um sich werfen…
Mr Jones ist sichtlich aufgewühlt, als er auf Ritas Frage antwortet: „Nasenhaare dienen als Luftfilter für Nasen und schützen das Innere unserer Nase vor allem vor sauberer Luft, die sich in den Weiten unserer Umgebung sonst ungehindert in uns ausbreiten würde.“ Als er das sagt, blickt er sich verwirrt und ängstlich um, als würde die saubere Luft bereits darauf warten, sich auf ihn zu stürzen. „Saubere und gefilterte Luft ist besonders für dreiköpfige Hunde sehr schädlich und schadet in erster Linie ihren Lungen. Aus diesem Grund sind Nasenhaare sehr wichtig.“ Mr Jones lehnt sich etwas zurück und verschränkt schützend die Arme vor der Brust.
Er lehnt sich etwas nach vorn, um lesen zu können, was ich gerade über ihn geschrieben habe, doch Rita schnippt vor seiner Nase mit ihren langen Fingern. „Kümmern Sie sich einfach nicht darum, was meine flotte Schreibefeder schreibt. Mr Jones, vielen Dank, aber sind Sie nicht auch der Meinung, dass Nasenhaare eine widerliche Angelegenheit sind und diese dringend entfernt werden müssen?“
Die bezaubernde Rita Kimmkorn belächelt diese Äußerung, setzt jedoch sofort mit der richtigen Frage nach, um Mr Jones aus der Deckung zu locken. „Aber sind Sie nicht auch der Meinung, dass Nasenhaare besonders bei dreiköpfigen Hunden eine widerliche Angelegenheit sind und diese dringend entfernt werden müssen?“
Mr Jones räuspert sich, während ich ganz kurz meine Fahnen etwas aufschüttele. Es läuft doch bisher ganz gut, oder nicht? Ich bin gespannt, was er antworten wird, aber noch gespannter bin ich, wie unsere Leser am Ende auf diesen Artikel reagieren werden.
„Wenn Sie auf den ästhetischen Aspekt der Nasenhaare anspielen, Mrs Kimmkorn, so kann ich Ihnen weder zustimmen noch kann ich Ihre Meinung ablehnen. Schönheit liegt doch immer im Auge des Betrachters. Jedoch ist es aus gesundheitlichen Gründen sehr wichtig, dass die Nasenhaare nicht gezupft, sondern nur geschnitten werden. Dies sollte sich bei einem dreiköpfigen Hund jedoch als gefährlicher als gedacht herausstellen und ist deswegen nicht zu empfehlen… Hey, das habe ich gar nicht gesagt!“
Nun ist Mr Jones sichtlich in der Bredouille, er windet sich, beugt sich nach vorne und bestätigt dann das, was wir alle schon wissen: „Ja, Mrs Kimmkorn, Sie haben vollkommen recht. Nasenhaare sind ganz besonders bei dreiköpfigen Hunden ein unschöner Anblick und es sollte unsere Pflicht sein, alle Haare mit einer Pinzette zu entfernen! Das gefällt auch den Hunden besonders gut.“
Liebe Leser, Sie sehen, es ist gut, die Haare bei dreiköpfigen Hunden doch zu entfernen. Auf diese Weise können sie ungefilterte Luft atmen und genießen auch gleich noch die angenehme Behandlung durch eine Pinzette.
Weitere Tipps, wie Sie die Nasenhaare Ihres dreiköpfigen Hundes ganz bequem und stressfrei entfernen können, finden Sie auf den Seiten 10 und 11.
Zufrieden wirft Rita einen Blick auf das, was ich geschrieben habe und lässt mich mitsamt dem Pergament in ihrer großen Krokodilledertasche verschwinden.
„Das hat alles seine Richtigkeit, Mr Jones. Vielen Dank für das Interview“, sagt sie und ich kann ihr süßes Lächeln durch die Tasche hören, während wir nach draußen eilen.
Seht ihr, genau das habe ich gemeint. Es ist sehr einfach, Gesagtes in etwas ganz Anderes zu verwandeln. Und das Beste ist, die meisten haben nicht einmal so viel Mumm in den Knochen, mein geschriebenes Wort anzufechten.
Ich kann euch nur einen Rat mit auf den Weg geben: Seid vorsichtig, was ihr gegenüber einer flotten Schreibefeder sagt. Ach, Quatsch. Sagt am besten überhaupt nichts, aber auch das können wir in Nullkommanichts in eine Aussage verwandeln, die euch nicht passt. Also… Der beste Rat: Begebt euch einfach niemals in die Nähe einer flotten Schreibefeder.