Prolog
“Angus?“, werde ich von Nonna gerufen. “Mia ist hier! Komm runter.”
Müde rappel ich mich im Bett auf und gehe die Treppe nach unten zum Eingang. Eigentlich habe ich heute keine Lust nach draussen zu gehen, am liebsten würde ich mich in meinem Dunkeln Zimmer unter der Bettdecke verkriechen.
“Hey Mia”, begrüsse ich sie halbherzig. “Was gibts?”
“Heyy, Gus!“, antwortet sie mir. “Kommst du mit an den Fluss baden?”
“Nee sorry, heute habe ich keine Lust.“, weise ich sie ab.
Heute ist der Todestag meiner Eltern. Sie kamen vor sechs Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Seit dieser Zeit lebe ich bei meinen Nonni. Damals war ich gerade mal zehn Jahre alt.
Mia ist ein Jahr jünger als ich und meine Nachbarin. Seit meine Nonni mich zu sich geholt haben, spielen wir immer miteinander und gehen auch zusammen in die Schule. Mittlerweile kennen wir uns seit sechs Jahren und sie ist meine beste Freundin.
“Ich weiss was heute für ein Tag ist.“, beginnt sie einfühlsam. “Darum möchte ich auch umso mehr, dass du heute mitkommst.“, versucht sie es weiter.
Ich seufze nur leise und will gerade etwas erwidern, da kommt mir meine Nonna zuvor.
“Geh ruhig mit Mia an den See und habt ein wenig Spass. Ich mache uns was Leckeres zum Mittagessen und am Nachmittag könnt ihr zusammen das Grab besuchen und Blumen vorbeibringen.“, mischt sie sich ein.
Mias intensiver Blick trifft auf meinen, sie will mir ganz klar andeuten, dass ich zustimmen soll. Resigniert zucke ich mit den Schultern. “Na gut... Ich geh mich umziehen.”
Freudestrahlend blickt mir Mia hinterher und nickt aufmunternd. Zusammen machen wir uns auf den Weg an den Fluss.
“Hier, ich hab was für dich.“, grinst mich Mia schief an.
Gespannt hebe ich meinen Kopf vom Strandtuch. Mia steht vor mir und präsentiert mir ein Stück Plastik. Fragend hebe ich eine Augenbraue, da ich nicht erkenne, was das sein soll. Mia hingegen verdreht die Augen und packt es weiter aus.
“Ein Aufblasbarer Reif?“, frage ich nach, als ich langsam eine Form erkenne.
“Mhm”, grinst mich Mia schief an.
Stolz präsentiert sie mir das Bunte Gummistück. Ihre Gestik bringt mich zum Schmunzeln, sie weiss, wie sie mich aufmuntern kann.
“Na jetzt komm schon, ab ins Wasser!“, ruft sie erfreut und springt los. Mia hat echt viel Energie.
Wir teilen uns den Reif und bleiben eine ganze Weile im Wasser. Ich liebe es einfach im Wasser zu sein und mich treiben zu lassen. Mia weiss das ganz genau.
Nach dem Mittagessen bringt uns meine Nonna zum Friedhof. Auf dem Nachhauseweg vom Fluss haben wir noch Blumen gekauft, die ich jetzt dort ablege.
Zu dritt stehen wir vor dem Grabstein. In Gedanken bete ich zu meinen Eltern. Seit sechs Jahren lebe ich jetzt ohne sie und es geht mir eigentlich ganz gut damit. Meine Nonni kümmern sich echt liebevoll um mich und schauen, dass es mir an nichts fehlt.
Würdet ihr mich auch akzeptieren, wenn ihr wüsstet, dass ich auf Männer stehe? Frage ich sie in meinen gedanken. Doch das werde ich wohl nie herausfinden. Seufzend schiebe ich diese Gedanken wieder beiseite.
Vielleicht komme ich irgendwann dazu Mia davon zu erzählen. Ich erzähle meinen Eltern in Gedanken noch mehr und merke dabei nicht, wie sich meine Nonna und Mia bereits von mir entfernt haben. Gehe alle Ereignisse der letzten Zeit nochmal durch.
Etwas weiter auf einer Bank warten sie auf mich, damit wir wieder zurück gehen können.
Den restlichen Tag werde ich in Ruhe gelassen und schaue an meiner Serie weiter bis spät in die Nacht.
Am nächsten Tag stehe ich erst kurz vor dem Mittag auf. Ich bin motiviert heute etwas zu Unternehmen. Kurzerhand entscheide ich mich rüberzugehen.
Aus meinem Fenster erkenne ich bereits Mia, die in ihrem Garten auf einem Liegestuhl liegt und ein Buch liest.
Leise schleiche ich mich durch den hinteren Eingang rein und erschrecke sie. Sofort klappt sie schockiert ihr Buch zu und entfernt es aus meinem Sichtfeld.
Der kurze Augenblick war dennoch ausreichend, um einen Blick ins Buch zu erhaschen. Auch wenn es nur kurz war, hat es gereicht, um zu sehen, dass es ein Manga ist und zwei Männer darin Sex haben.
Erstaunt darüber, dass es solche Mangas gibt und ausgerechnet Mia eine ist, die das liest, versuche ich mir nichts anmerken zu lassen. “Was liest du da?“, frage ich sie deshalb möglichst lässig und auch etwas neugierig.
“Nichts!“, kommt sofort als Antwort von ihr.
“Das sah aber nicht nach nichts aus...“, versuche ich es weiter.
“Hast du was gesehen?“, fragt sie schockiert mit grossen Augen. Sogleich kassiere ich einen leichten Schlag in den Nacken. “Mann hast du mich erschreckt! Schleich dich gefälligst nicht an mich heran, Idiot! Das gehört sich nicht.“, haltet sie mir eine predigt.
“Aber...“, will ich einen neuen Versuch starten, werde aber von ihr unterbrochen.
“Nichts Aber! Was willst du überhaupt hier?”
“Oh.“, entfährt mir. Stimmt, da war ja was. “Kommst du mit auf den Berg, wo das Observatorium steht?“, frage ich stattdessen.
“Klar.“, lächelt sie freudig.
“Picknicken?“, frage ich nach, da sich gerade mein Magen mit Hunger gemeldet hat. Nickend willigt sie ein.
In kurzer Zeit haben wir uns Sandwiches und Gemüse für das Picknick vorbereitet.
Wir nehmen unseren Geheimgang auf den Berg und machen es uns auf einer kleinen Wiese am Waldrand bequem. Von hier aus hat man einen wundervollen Ausblick über Rom, meine Heimat.
Ich lasse etwas Zeit verstreichen.
“Was war jetzt das für ein Buch?“, frage ich erneut nach. “Ich hab dich noch nie sowas Lesen gesehen.”
“Du lässt also nicht locker.“, seufzt sie. “Was hast du gesehen?“, stellt sie mir eine Gegenfrage.
“Wenn ich es recht gesehen habe, war da ein Bild von zwei Männer beim Sex?“, stelle ich fest, auch wenn es mehr nach einer frage ich klingt.
“Also gut...“, beginnt sie und holt Luft. “Du weisst das noch nicht, aber ich bin ein grosser BL fan.“, erzählt sie mir peinlich berührt, wo ich aber nur Bahnhof verstehe.
“BL?“, frage ich deshalb skeptisch nach.
“BL steht für Boys Love, es geht also um Schwule in diesem Genre. Es gibt auch einige Anime dazu, aber die Mangas sind besser.“, lächelt sie noch immer peinlich berührt.
“Du liest also Mangas, wo zwei Männer miteinander Sex haben.“, stelle ich fest. “Geht das nicht unter Porno? Oder wohl eher Hentai in dem Genre… Warum liest du das?“, frage ich gespannt nach. Vielleicht ist das meine Chance, es ihr zu erzählen.
“Naja, es hat manchmal schon Altersbeschränkungen und ist oft nicht ganz jugendfrei. Die ab Sechzehn bekomme ich ohne Probleme, das Alter habe ich ja bereits erreicht. Die ab Achtzehn und Unzensiert sind kein Problem Online zu bekommen.“, grinst sie mich schelmisch an.
“Warum ich die Lese?“, überlegt sie laut und wiederholt meine Frage. Sie nimmt einen grossen Bissen von ihrem Sandwich, während dem Kauen überlegt sie. “Ich denke für aussenstehende ist das schwierig zu verstehen. Ich stehe ja total auf Romantik, aber das weisst du ja eigentlich bereits. Es ist einfach so, dass sich bei den meisten Hetero-Mangas keiner wirklich etwas von der Beziehung zu Zeichnen traut. Die meisten Mangas sind für Zwölfjährige Mädchen geschrieben, die das erste Mal Kontakt mit der Liebe haben und das ist oftmals einfach zu oberflächlich für mich. Ich habe das Gefühl das BL einfach erwachsener sind und sie haben mit ganz anderen Sachen zu Kämpfen in den Geschichten. Es ist faszinierend, wie Schwule Beziehungen untereinander ihre Probleme bewältigen, mit was für Ängsten, Unsicherheiten, Ärger und Inakzeptanz sie zu kämpfen haben. Dazu kommt, dass Männer noch immer hart, stark und selbstbewusst sein müssen. Bei den BL allerdings, muss sich mindestens ein Charakter mit seinen Gefühlen auseinandersetzten. Er muss dazu stehen und zeigen, wie es wirklich in ihm aussieht. Es wird sehr schön gezeigt, wie viele Gefühle Männer haben, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen. Dazu kommt, dass diese Mangas einfach einen wunderschönen Zeichnungsstiel haben und die Männer beim Sex einfach wirklich heiss aussehen. Sie werden irgendwie mühevoller und intensiver gezeichnet, wenn du mich fragst. Ich liebe einfach dramatische Geschichten fürs Herz, die nicht zu Flach sind und das finde ich genau im BL-Genre.“, beendet Mia ihren Vortrag.
“Okay.“, bringe ich abgehackt hervor, während ich die ganzen Informationen noch verarbeite. Mia hat sich richtig in Rage geredet und ist völlig aufgeblüht in diesem Thema. Das habe ich bis jetzt selten bei ihr gesehen. “Ich glaube ich kann es etwas verstehen.“, lächle ich sie wehmütig an. “Was würdest du dazu sagen, wenn ich dir sage, dass so eine Geschichte auch im echten Leben passiert und du gar nicht so weit vom Geschehen entfernt bist?“, versuche ich mich irgendwie an das Thema anzutasten.
“Warum? Bist du Schwul?“, fragt sie amüsiert und direkt nach.
Etwas überrumpelt von ihrer direkten frage, weiss ich gerade nicht, was ich darauf antworten soll.
“Oh sorry, war das zu direkt?“, entschuldigt sie sich sogleich.
“Nein, nein.“, fange ich mich wieder und Wedel mit meinen Händen. Jetzt ist wohl der richtige Augenblick gekommen. “Es ist nur so, dass du recht hast.“, grinse ich sie schief an.
“Eecht?“, fragt sie aufgeregt mit grossen Augen. “Das ist ja toll!“, freut sie sich und umarmt mich.
Natürlich umarme ich sie zurück, auch wenn es mich überrascht und geniesse einfach einen Moment ihre Nähe. Es ist ein gutes Gefühl von den Menschen, die man liebt, akzeptiert zu werden. Wir lösen uns wieder voneinander und ich strahle sie glücklich an, was sie grinsend erwidert.
“Es ist ein tolles Gefühl, wenn man akzeptiert wird, so wie man ist. Auch mit seinen individuellen Vorlieben, nicht wahr?“, grinst sie mich an, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
Ich muss das nicht bestätigen, wir wissen beide, dass sie recht hat.
“Schokokuchen?“, fragt sie und hält mir ein Stück hin, dass ich gerne annehme. “Ich verspreche dir, dass ich immer für dich da sein werde und dass ich keine Geheimnisse vor dir habe.“, streckt sie mir auffordernd die Hand hin.
“Ich verspreche ebenfalls immer für dich da zu sein und keine Geheimnisse vor dir zu haben.“, schlage ich in das Gelübde ein.
Fröhlich beginnt sie mir von der Geschichte ihres aktuellen BL zu erzählen, während wir den Schokokuchen Essen und die Aussicht geniessen.