[Leseprobe] Blutsbande

All Rights Reserved ©

Summary

Vincent ist ein 17-jähriger Teenager im vorletzten Schuljahr. Er hat einen rauen Umgangston, ist regelmäßig am Kiffen und relativ schlecht in der Schule. Obwohl er einen antisozialen Eindruck erweckt, hat er drei enge Freunde, die hinter die Fassade blicken. Aufgrund einer traumatischen Vergangenheit und dem angespannten Verhältnis zu seinen Eltern, ist Vincent bei seinem großen Bruder Alex untergekommen, bei dem er nun schon fast vier Jahre lebt. Vincent idealisiert seinen Bruder seit jeher und stellt ihn auf ein unantastbares Podest. Er weiß, dass egal, was er anstellt, sein Bruder hinter ihm stehen wird und er sich immer auf ihn verlassen kann, auch wenn die ganze Welt gegen ihn ist. Seine Liebe, zu Beginn noch eine harmlose Liebe zwischen Geschwistern, wandelt sich im Laufe der Zeit und wächst zu etwas heran, das Vincent selbst nicht begreift und das weit über Bewunderung hinausgeht. Denn nun erwachen auch körperliche Gelüste, wann immer er seinen Bruder ansieht. Vincents Welt gerät aus den Fugen. Nun muss er sich nicht allein mit seinen deplatzierten Gefühlen für Alex auseinandersetzen, sondern auch noch damit, dass er schwul sein könnte. © All Rights Reserved / HerNameIsRii

Status
Excerpt
Chapters
5
Rating
5.0 12 reviews
Age Rating
18+

Vorwort

Sekunden wandeln sich in Minuten, Minuten in Stunden. So fühlt es sich zumindest an und je länger ich das durchscheinende Licht durch den Spalt meiner Zimmertür anvisiere und den dahinter erklingenden Stimmen zuhöre, desto ungeduldiger werde ich.

Ich kann meinen Bruder im Wohnzimmer laut genug sprechen hören, ebenso seinen weiblichen Gast.

Inzwischen mache ich mir nicht mehr die Mühe, mir jedes Mal den Namen der Frau zu merken, die er mit nach Hause bringt. Ich sehe sie ohnehin kein zweites Mal wieder.

Nicht, dass die Frauen nicht gerne wiederkämen, im Gegenteil. Das Problem liegt eher bei meinem Bruder. Bei seinem Frauenverschleiß genauer und an seiner Einstellung, sich nicht binden zu wollen, da er, seiner Meinung nach, nicht dazu befähigt ist, Vertrauen zu einer potenziellen Partnerin aufzubauen.

Daher lässt er sich gar nicht erst auf ernsthafte Beziehungen ein und gönnt sich hin und wieder – ständig! – ein kleines Techtelmechtel. Bei seinem Aussehen und Charme fällt es ihm auch nicht schwer, Frauen an Land zu ziehen.

Ob es nun beim Einkaufen geschieht, im Fitness-Studio, während eines Staus im Straßenverkehr... Legt er es darauf an, gelingt es ihm – sind Situation und Ort noch so kurios – immer schon beim ersten Aufeinandertreffen, eine Telefonnummer mit nach Hause zu nehmen, wenn nicht sogar die Frau selbst. Zugegeben, ich bewundere ihn für diese Fähigkeit, da ich alles andere als charmant bin.

Doch wo es mir an Charisma fehlt, punkte ich durch mein vorlautes Mundwerk, das oft genug nicht nur die Mädchen aus meiner Klasse verschreckt. Neben meinen drei engsten Freunden, darunter zwei Jungs, meiden mich die restlichen Kerle mit eiserner Entschlossenheit.

Entsprechend inexistent ist es um mein Liebesleben bestellt, obwohl ich siebzehn bin, meine körperlichen Triebe auf Hochtouren laufen und die Jungs meines Alters alle schon ihre ersten Erfahrungen mit Mädchen gesammelt haben.

Behaupten sie zumindest. Ich habe allerdings noch nie ein Mädchen geküsst und das Wenige an Gefummel, das ich bisher gehabt habe, ist kaum nennenswert.

Obwohl ich ein Pfuhl an Testosteron bin und ich mir deshalb mehrmals täglich selbst behilflich sein muss, um mich überhaupt auf irgendetwas konzentrieren zu können, macht mir meine fehlende sexuelle Erfahrung nicht viel aus. Weil ich längst ein anderes Ventil gefunden habe. Was mich wiederum zum heutigen Abend führt.

Kaum bin ich von der Schule nach Hause gekommen, ist auch schon mein Bruder von der Arbeit heimgekehrt, einmal mehr in weiblicher Begleitung.

Er hat mir die Unbekannte vorgestellt, doch ich habe nicht wirklich hingehört, da sich vor meinem geistigen Auge sofort ein anderes Bild abgespielt hat und die Erwartung in mir mit jeder Sekunde gestiegen ist. So hat es sich kaum aushalten lassen, auf den hereinbrechenden Abend zu warten, denn sobald die Lichter im Wohnzimmer ausgehen und sich mein Bruder mitsamt Gast in sein privates Zimmer zurückziehen würde, würde es nicht mehr lange dauern, ehe es losgeht. Die Geräuschkulisse, auf die ich mich schon sehr freue und an welcher ich, dank unserer furchtbar dünnen Wände, jedes Mal teilhaben darf.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich so bin wie ich bin. Vielleicht liegt es daran, dass ich jeden Abend in meinem Bett liege, selbst Hand anlege und dabei an meinen Bruder denke.

Abends, von der Dunkelheit meines Zimmers abgeschirmt, wage ich es, utopischen Fantasien nachzujagen. Wie es wohl wäre, seine Lippen auf den meinen zu spüren, seinen festen Griff an meinen Handgelenken und seinen schweren Körper auf dem meinen...

Verdammt. Die eigentliche Vorstellung geht noch nicht einmal los und ich spüre schon, wie es in meiner Unterhose spannt. Doch noch verbitte ich mir, meinem wachsenden Drang nachzukommen. Ich muss darauf warten, dass – Oh! Es ist soweit.

Das Licht im Flur geht aus und ich höre Schritte. Auch die Stimmen kommen näher, gefolgt von einer zufallenden Zimmertür.

Mein Atem wird schwerer, die Erwartung steigt. Oh bitte, lass sie gleich beginnen und nicht erst einen Film schauen oder ellenlange Diskussionen führen. Denn so lange kann ich nicht mehr warten. Sein weiblicher Gast hoffentlich auch nicht.

Ich vertraue darauf, da ich über den ganzen Abend verteilt die Unruhe in den begierigen Augen der Frau gesehen habe, wenn sie meinen Bruder angesehen hat, der – zu unserem beider Bedauern – darauf bestanden hat, ein bisschen Zeit mit mir zu verbringen, bevor ich mich wie üblich in mein Zimmer verkrieche und er mich erst am nächsten Morgen wiedersieht – wenn überhaupt.

Sie begehrt ihn und dass er sich nicht gleich mit ihr in sein Zimmer verkrochen hat, hat nicht nur ihr zugesetzt.

Zweimal habe ich mich deshalb ins Bad verabschieden und den angestauten Druck ablassen müssen, weil meine Gedanken außer Kontrolle geraten sind und ich mir vorgestellt habe, wie es die beiden wohl täten. Siebzehn, ein furchtbares Alter.

Aber jetzt, um 21:24 Uhr, ist es endlich soweit. Das Warten hat sich gelohnt. Ich mache es mir in der Dunkelheit meines Zimmers gemütlich, einzig der Mond spiegelt sich im Fenster, das ich vorsorglich offenstehen lassen habe, da das meines Bruders nur selten geschlossen ist und ich so noch mehr zu hören bekomme. Wie es das Schicksal gewollt hat, habe ich bei meinem Einzug das Zimmer bekommen, das sich dem seinen am nächsten befindet. Etwas anderes hätte die Ausrichtung des Apartments auch nicht zugelassen. Eine Tatsache, die mir inzwischen sehr gefällt.

Zum Glück behalte ich recht und sitze nicht allzu lange auf heißen Kohlen – allmählich wird das Ziehen zwischen meinen Beinen schmerzhaft – denn nach nur wenigen Minuten dringen eindeutige Geräusche bis zu mir ins Zimmer vor. Ich kann die Frau hören, laut und deutlich, doch das ist nicht das Geräusch, das ich ersehne. Nicht das, worauf ich mich den ganzen Abend gefreut habe. Erst als ich das leise Stöhnen meines Bruders höre, lehne ich mich entspannt in meinem Bett zurück, fahre mir mit der Zunge über die Lippen und mit einer Hand in die Unterhose.

Deshalb bin ich öfter denn je Zuhause und verbringe nur selten die Nacht anderswo. Weil ich diese Momente nicht verpassen möchte. Weil mich die Stimme meines Bruders dermaßen erregt, dass ich nicht genug davon bekommen kann. Erst recht nicht, wenn ich ihm beim Sex höre. Für mich gibt es keinen schöneren Klang, keinen der mich so sehr in Besitz nimmt, geschweige denn erbeben lässt und als ich mir einbilde, mit ihm gemeinsam zu kommen, erschlaffe ich in meinem Bett, nach Atem keuchend und schweißüberströmt.

Keiner kann mir jemals diese Befriedigung geben. Wie sehr ich mir auch wünsche, meine Fantasien würden nicht nur Fantasien bleiben, weiß ich doch genau, dass diese niemals Realität werden können. Immerhin ist er mein großer Bruder und hat keine Ahnung von den Dingen, die ich heimlich in meinem Zimmer tue. Er weiß nicht, auf welche Weise ich über ihn fantasiere. Dass ich mir wünsche, er täte es mit mir statt mit irgendeiner seiner Frauen.

Mein Puls beruhigt sich allmählich und ich hole meine Hand unter der Decke hervor, ein Taschentuch bereits zur Hand, um mich zu säubern.

Kaum zu glauben, dass ich mich noch vor ein paar Wochen so sehr dagegen gesträubt habe, mir die Wahrheit einzugestehen. Dass ich diesen Gedanken von mir weit weggeschoben habe. Doch jetzt kann ich an nichts anderes mehr denken.

Ich bin krank, gestehe ich mir ein und Schuldgefühle überfluten mich. So wie sie es immer tun, wenn das Blut aus meinen Lenden zurück in mein Gehirn fließt.

Wer holt sich schon auf das Stöhnen seines Bruders einen runter? Niemand. Dennoch ist mein kleines Ritual inzwischen zur Droge geworden. Ich kann einfach nicht mehr aufhören.

Mein ganzes Denken und Handeln wird von meinen Trieben gesteuert. Ich sehe alles nur noch durch die Augen eines notgeilen Teenagers, der sich das Leben freiwillig zur Hölle macht, indem er sich den so ziemlich einzigen Menschen aussucht, dem er sich niemals auf diese Weise nähern kann.

Dann unsere Eltern... Wüssten sie von meinem kriminellen Verlangen, ließen sie mich sicherlich einweisen.

Aus diesem Grund werde ich mein Geheimnis wohlbehütet mit ins Grab nehmen. Ich werde mir irgendeinen Ersatz suchen und mich damit abfinden, dass mir diese Person nicht das geben kann, wonach ich mich wirklich sehne. Doch das spielt keine Rolle. Denn was ich will, ist gesetzeswidrig und gegen den natürlichen Lauf der Dinge und obwohl ich der Letzte bin, der vor Herausforderungen zurückschreckt, beabsichtige ich nicht, mich diesem Kampf zu stellen.

Habe ich zumindest geglaubt, denn die nächsten Tage sollten mein gesamtes Vorhaben über den Haufen werfen.