Drachenaugen - Der Angriff [LESEPROBE]

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Summary

Fenrir hat sich entschieden. Sie möchte an Freyrs Seite stehen. Doch was genau das heißt, erfährt sie erst nach und nach. Was ist es, was der König verheimlicht und wer sind diese Leute, die sie bei einem Ausflug angreifen? Wer und warum trachtet nach dem Leben des Königs?

Status
Complete
Chapters
3
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1

Seitdem Fenrir auf König Freyr und den Drachen Tajna getroffen war, hatte sich ihr Leben geändert. Das wusste sie, obwohl sie noch immer keine Erinnerungen an ihre Vergangenheit hatte. Doch jetzt hatte sie die Möglichkeit, eine Drachenreiterin zu werden und damit die magischen Wesen zu schützen. Gleichzeitig würde sie aber auch in König Freyrs Harem eintreten und diesen somit unterstützen. Es war, als würde ein Wunsch wahr werden, von dem sie gar nicht gewusst hatte, dass er existierte.

Dennoch war sie nervös. Heute stand die Aufnahmezeremonie für den Harem an. Sinon und auch Freyr hatten ihr einiges dazu erklärt und sie konnte mittlerweile viele Tänze, doch ob das reichen würde, um unter den anderen Frauen an diesem Abend zu bestehen, konnte sie nicht sagen.

Bereits am Morgen war sie nervös aufgewacht und hatte sich von ihrem Dienstmädchen gründlich waschen lassen. Suno hatte Fenrirs silberne Haare wundervoll nach oben drapiert und einige Strähnen ausgelassen, die ihr locker über die Schultern fielen. Fenrir hatte sogar ein hübsches Diadem bekommen, welches mit den kleinen Perlen, die Suno in ihre Haare eingearbeitet hatte, um die Wette glitzerte.

Das wunderschöne, weinrote Kleid mit den goldenen Verzierungen an der Brust und dem Gürtel, schmiegte sich perfekt an Fenrirs schlanken, aber gleichzeitig auch starken Körper. Durch das Schwertkampftraining mit Freyr war sie kräftiger geworden. Das war an ihren Oberarmen deutlich sichtbar. Er hatte sogar zugestimmt, dass sie bald ihr Schwert mit auf die Ausflüge nehmen durfte, um sich verteidigen zu können.

Leise Musik war von Weitem zu hören, als Suno die angehende Haremsdame in die Richtung des Ballsaals führte. Mit vor sich gefalteten Händen schritt Fenrir neben ihrem Dienstmädchen her und lächelte voll Vorfreude, als sie vor der großen Flügeltür ankamen. Die liebliche Musik, die wohl von einigen Haremsdamen gespielt wurde, hörte sich bezaubernd, aber auch ankündigend an.

Von Freyr wusste sie, dass dieser ihr heute auch die Haremsdamen, die wichtig waren, vorstellen wollte. Zudem war wohl auch seine Frau anwesend. Das waren alles Dinge, die es für Fenrir nicht einfacher machten.

Die Haremsdamen mochten Fenrir nicht unbedingt, weil Freyr viel Zeit mit ihr verbrachte. Das hatte sie unbeliebt gemacht, obwohl sie nichts getan hatte.

Fenrir atmete tief ein, als die Flügeltüre sich öffnete und sie eintreten musste. Alle Blicke waren auf sie gerichtet, was ihr wirklich peinlich war, doch sie schritt mit erhobenen Haupt und sittsam gefalteten Händen den Gang, der sich ihr geöffnet hatte, elegant entlang und auf König Freyr zu.

Dieser saß auf einem schön verzierten Stuhl. Neben ihm seine Frau und Sinon, die wohl die höchste der Haremsdamen war. Bis jetzt war Fenrir nicht klargewesen, dass sie eine solche Position innehatte.

Beim König angekommen, knickste sie, wie es sich gehörte. Dabei war sie sich der Blicke seiner Frau und Sinon durchaus bewusst.

Ihr Erstaunen darüber, dass Sinon hier oben bei Freyr war, versteckte Fenrir, indem sie höflich lächelte. Wenigstens verstand sie nun, warum Sinon oft müde und gestresst wirkte, wenn es Probleme im Harem gab. Wenn sie die höchste Frau war, musste sie sich wohl um diese Probleme kümmern.

„Eure Hoheit, Mylady Isis, Lady Sinon“, grüßte Fenrir die drei mit ruhiger, höflicher Stimme, wie Sinon es ihr beigebracht hatte.

Freyr erhob sich und trat auf sie zu, um ihr die Hand zu reichen. Eine symbolische Geste, denn jetzt würde der Tanz folgen.

Das Tuscheln der anderen Haremsdamen drang zu Fenrirs Ohr, als sie die Stellung mit Freyr aufnahm. Sobald dieser Tanz erfolgt war, würden sich die anderen Haremsdamen ebenfalls auf die Tanzfläche begeben.

Verstohlen musterte Fenrir den König und musste zugeben, dass er in der königlichen Uniform hinreißend aussah. Sie stand ihm gut und betonte seine muskulöse Figur. Das dunkle Blau passte perfekt zu ihm. Genau wie das Lächeln, das König Freyr zur Schau trug. Es wirkte charmant und verführerisch zugleich.

Er wirkte, als wären alle anderen Frauen egal und nur Fenrir zählte. Sein Blick lag auf ihr und er musterte sie unverhohlen. „Du siehst sehr schön aus“, sagte er leise. Da erklang auch schon die Musik und sie begannen sich zu bewegen.

Elegant und schwerelos flogen die beiden über die Tanzfläche. „Ich gebe das Kompliment an Euch zurück“, flüsterte Fenrir mit strahlenden Augen.

Bisher hatte sie noch keine Gelegenheit bekommen, mit ihm zu tanzen. Sie hatte nur mit Sinon üben können. Ihre Mentorin war eine sehr liebe, geduldige Lehrerin gewesen, doch mit Freyr zu tanzen, war etwas ganz anderes. Seine Bewegungen waren geschmeidig und wirkten, als würde er sich jeden Tag stundenlang so bewegen.

Fenrir hielt den Blickkontakt mit Freyr aufrecht und spürte ein Kribbeln in ihrem Bauch. Sein Blick zog sie in eine andere Welt, weshalb sie alles um sich herum vergaß.

Wie lange sie über die Tanzfläche flogen, konnte Fenrir nicht sagen, doch die anderen Frauen setzten nach und nach ein und bald schon war der Raum voller tanzender Menschen.

Manche Frauen standen am Rande und unterhielten sich, nahmen kleine Häppchen, die von den Köchen vorbereitet worden waren, zu sich oder tranken Wein. Es war eine gemütliche Stimmung, doch es war auch zu spüren, dass einige Frauen nicht unbedingt glücklich waren. Je mehr Haremsdamen hier waren, desto weniger Zeit würde Freyr mit jeder einzelnen verbringen können.

Fenrir spürte den Blick der Königin auf sich und fragte sich, was das bedeutete. War sie ebenfalls nicht erfreut über Freyrs Aufmerksamkeit, die er Fenrir widmete? Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte sie ein merkwürdiges Gefühl empfunden, denn Mylady Isis war nicht begeistert gewesen, nachdem sie Fenrirs Augen gesehen hatte.

„Ihr tanzt wunderbar“, sagte Fenrir leise, als Freyr ihr bei einem langsamen Tanz sehr nah war. Sein männlicher Geruch umhüllte sie und ließ sie leise seufzen.

„Es macht Spaß, mit dir zu tanzen“, sagte er und schien bemüht, ihr nicht zu nahe zu kommen. Als würde er versuchen, etwas Abstand zwischen sie zu bringen, obwohl er am liebsten seinen Kopf an ihren Schultern vergraben wollte.

„Dank Lady Sinon trete ich Euch nicht auf die Füße“, bemerkte sie amüsiert. Sie verspürte den Drang, ihn fest zu umarmen und sich an ihn zu lehnen, doch das hier war eine offizielle Veranstaltung. Hier hatten jegliche Wünsche und Gefühle nichts zu suchen.

„Du lernst schnell“, bemerkte er zufrieden.

Dazu hatte sie Zeit genug gefunden. Beinahe täglich hatte sie mit Sinon geübt. Trotzdem lächelte Fenrir dankbar über das Kompliment. „Sagt, tanzt Ihr nicht mit den anderen oder Eurer Frau?“, flüsterte Fenrir, die mit sicheren Bewegungen das Tanzbein schwang.

„Doch, aber erst einmal möchte ich das Tanzen mit dir genießen“, meinte Freyr beruhigend. Er hatte einfach keine Lust, mit anderen zu tanzen.

Die neue Haremsdame lächelte. „Ich fühle mich geehrt“, gestand sie. Sie wollte schon sagen, dass die anderen ebenfalls Aufmerksamkeit brauchten, doch sie wusste, dass es seine Entscheidung war, mit wem er Zeit verbrachte.

„Das hoffe ich doch“, meinte er mit einem arroganten Ton und Lächeln.

Fenrir ließ sich nichts anmerken, sondern behielt ihr Lächeln bei. Dabei hätte sie ihn am liebsten geneckt. „Ihr habt Euren Bart gekürzt“, stellte sie mit einem verführerischen Augenaufschlag fest. Wenn dieser lang war, sah Freyr unmöglich damit aus und wenn er zu kurz war, kratzte er fürchterlich. Nun war er so geschnitten worden, dass der Bart deutlich sichtbar, aber nicht lang war.

„Ich dachte mir, dass du so vielleicht weniger moserst“, bemerkte er neckend.

Nur mühsam hielt sie sich zurück, ihre Hand über seinen Bart gleiten zu lassen. „Noch habe ich nicht getestet, wie er sich anfühlt“, konterte Fenrir mit einem frechen Grinsen. „Die Möglichkeit, dass er mir nicht gefällt, besteht also immer noch“, kicherte sie erheitert. Die Gesichter der anderen Frauen rauschten an ihnen vorbei, was ihr eigentlich ganz recht war. So konnte sie sich auf Freyr konzentrieren.

„Dann hoffe ich doch, dass es dir gefällt“, meinte er ebenfalls lachend.

„Werde ich demnächst herausfinden“, erwiderte Fenrir verschmitzt grinsend.

Sie tanzten noch eine Weile, bevor sie um eine kleine Pause bat. Fenrir war durstig und hatte durch die Bewegung Hunger bekommen.

Freyr nickte und ließ von ihr ab, um mit seiner Frau zu tanzen. Er wirkte, als würde er nie müde werden.

Zufrieden beobachtete Fenrir das, bemerkte aber gleichzeitig, dass die Verbindung zwischen dem Ehepaar nicht als warm bezeichnet werden konnte. Es sah frostig zwischen ihnen aus, doch sicher war sich Fenrir nicht.

Sie stellte sich an den Rand der Tanzfläche und nahm sich ein Glas Wasser sowie winzige Törtchen, die man sich einfach in den Mund stecken konnte. Diese waren mit Früchten oder Schokolade verziert und ein Genuss, der ihre Energie wieder auflud.

Währenddessen beobachtete sie Freyr, der zwar noch immer elegant, aber angespannt war. Irgendwie tat er ihr leid. Es war kein einfaches Leben zwischen all den Terminen und den Verpflichtungen, aber auch mit dem Beschützen der anderen magischen Wesen. Vielleicht lag es gerade auch nur daran, dass er mit Mylady Isis tanzte.

Fenrir genoss die kleinen Speisen und beobachtete die tanzenden Frauen, die Spaß hatten.

Schließlich löste sich Freyr von seiner Frau und führte sie zu den Kleinigkeiten, während er sich leise mit ihr unterhielt. Dabei wirkte er versucht beherrscht und doch sichtlich angespannt.

Das entging auch den anderen Haremsdamen nicht. Sie waren mit dieser Reaktion von Freyr bereits vertraut, weshalb sie sich nicht darum kümmerten.

Sobald Fenrir sich gestärkt hatte, machte sie sich auf den Weg zu Lady Sinon, die sich gerade mit einer anderen, jung aussehenden Haremsdame unterhielt.

„Aber sie droht, Euch den Posten streitig zu machen“, sagte die junge Frau und klang ernst.

Sinon seufzte. „Das sagte man damals auch über dich“, erinnerte die ältere Haremsdame.

Unfreiwillig hörte Fenrir dem Gespräch zu und ließ ihren Blick noch einmal über die Tanzfläche schweifen, während sie zwei Schritte von Sinon entfernt wartete. Wovon die beiden wohl sprachen?

„Aber seht Euch doch an, wie König Freyr sie ansieht“, flüsterte die junge Frau eindringlich und strich sich das seidige, braune Haar zurück.

Sprachen sie etwa gerade über Mylady Isis? Fenrir entschied, sich zu ihnen zu gesellen. Ihr lag nichts an Klatsch und Tratsch, aber sie fand es auch nicht richtig, einer Unterhaltung einfach so zuzuhören.

Deshalb kam sie näher und knickste Sinon, aber auch der Brünetten mit dem grünen Kleid zu. „Guten Abend, Lady Sinon und …“, begann sie, hielt aber inne, weil sie den Namen der Dame nicht kannte. Krampfhaft suchte sie in ihrem Gedächtnis, ob sie den Namen bereits gehört hatte. Plötzlich fiel er ihr wieder ein, denn sie hatte die Brünette bereits mit anderen gesehen. „Lady Aljah“, grüßte Fenrir freundlich.

Aljah wirkte alles andere als begeistert über die Einmischung, während Sinon sanft lächelte. „Fenrir“, grüßte sie. „Wie geht es dir?“

„Danke der Nachfrage. Mir geht es gut“, erwiderte sie lächelnd und wandte sich an Aljah. „Eure Haare sehen bezaubernd aus“, gestand Fenrir. Das war nicht gelogen, denn schon oft hatte sie die seidigen, braunen Haare bewundert. Sie wünschte sich, genauso hübsche Haare zu haben. Auch die schönen, grünen Augen der Lady waren ein Hingucker.

Jedoch schien Aljah über das Kompliment nicht ganz so erfreut zu sein, wie es andere sein würden. Beinahe so, als wäre sie davon sogar beleidigt.

Sie wirkte generell von Fenrirs Anwesenheit nicht begeistert. „Ich gehe jetzt mit Lady Ellena sprechen“, sagte sie und wandte sich ab.

„Aber …“, begann Fenrir und wollte sie aufhalten. Warum ging sie ausgerechnet jetzt? Sie hätte sich gerne mit ihr unterhalten. „Ich wollte Euch fragen, ob Ihr mit mir ausreiten möchtet und ob Ihr mir etwas über das Malen beibringen könnt“, brachte sie stotternd hervor. Aljah war eine begabte Malerin und ihre Gemälde hatten stets einen bezaubernden, romantischen Hauch, der Fenrir gefiel.

Die Haremsdame warf ihr lediglich einen kurzen, missbilligenden Blick zu, bevor sie ging.

Sinon tätschelte Fenrirs Schulter. „Vor ein paar Jahren war sie wie du“, erklärte sie sanft. „Sie stand in König Freyrs Aufmerksamkeit und lernte bei mir. Aber jetzt ist sie wie alle anderen und glaubt, dass du mir den Rang als seine Lieblingsfrau streitig machen würdest.“

Fenrirs Augenbrauen schossen in die Höhe. Hatte sich das Gespräch etwa um sie gedreht? „Warum sollte ich das tun? So, wie es ist, ist es angenehm. Dass Ihr seine Lieblingsfrau seid, finde ich gut. Ihr seid liebevoll, einfühlsam und nett“, meinte sie ehrlich. „Ich war lediglich überrascht, dass Ihr wirklich so etwas wie die leitende Haremsdame seid, weil ich gedacht habe, dass sie streng sein würde.“

„Ich bin Freyrs Liebling“, meinte Sinon lediglich. „Unsere Beziehung ist … anders und das gibt mir einen hohen Status“, erklärte sie, auch wenn wohl einige Dinge ungesagt blieben.

Diese Worte waren liebevoll gesagt und die neue Haremsdame fragte nicht, was für eine Art von Beziehung sie hatten. Das ging sie nichts an, aber es war schön, dass Sinon seine Lieblingsfrau war. „Das freut mich für Euch“, sagte Fenrir mit einem ehrlichen Lächeln.

„Es macht viel Arbeit“, gestand Sinon und lächelte schief. „Aber es gibt mir auch eine gewisse Macht, die von anderen geneidet wird.“

Fenrir nickte, denn das fand sie logisch. Besaß einer mehr Macht als andere, gab es stets Komplikationen. „Trotzdem möchte ich, dass Ihr es auch weiterhin bleibt oder glaubt Ihr, dass ich Euch Euren Posten streitig machen möchte?“, fragte sie mit trauriger Stimme. Diese Behauptung war wie ein Tritt in die Magengrube.

„Es wäre mir sogar ganz recht“, seufzte Sinon. „Ich bin zu alt und bisher gibt es noch keine Nachfolgerin, aber König Freyr braucht junges Blut.“

Die junge Haremsdame schüttelte den Kopf. „Sagt das bitte nicht so. Ihr seid nicht so alt. Und es gibt noch andere“, behauptete Fenrir, die Aljah aus ihren Augenwinkeln beobachtete. Sie sprach mit ihrer Freundin anscheinend über Fenrir, denn beide bedachten sie mit einem unfreundlichen Blick.

„Sie sind zu oberflächlich“, meinte Sinon abwinkend. „Sie glauben, dass sie König Freyr kennen, aber sie tun es nicht.“

Jetzt nickte Fenrir. Ihr war klar, dass König Freyr nicht jedem alles erzählte und nur wenige Auserwählte mehr wussten. Außerdem hatte er selbst gesagt, dass die Haremsdamen viel mehr wussten als andere. „Ich hoffe, dass Ihr noch lange seine Lieblingsfrau bleibt. Ihr habt es verdient“, flüsterte sie in Sinons Richtung. Die Dame lachte und wirkte dabei elegant und nicht so eingebildet, wie viele andere der Frauen. „Außerdem seid Ihr eine gute, geduldige und einfühlsame Mentorin, die einem zuhört“, sprach Fenrir weiter. Ihr Blick schweifte durch den Raum und sie erkannte, dass es einige gab, die ihr anscheinend die Aufnahme nicht gönnten. Der Rest schien einfach nur Spaß zu haben, obwohl es eine offizielle Veranstaltung war.

„Du schmeichelst mir“, sagte Sinon und wurde sogar leicht rot.

Die junge Frau nahm sich ein Glas Wein zur Hand und schwenkte es leicht hin und her. „Mag sein, aber so empfinde ich Eure Gegenwart“, erwiderte Fenrir, bevor sie einen winzigen Schluck des Rotweins nahm. Er war süß und fruchtig, aber mehr als ein Glas konnte sie nicht trinken. Sonst würde sie sich blamieren. Vielleicht sollte sie ihn mit Wasser verdünnen. Sie hatte gesehen, dass andere Haremsdamen das ebenfalls taten.

„Das ist lieb von dir“, wiederholte Sinon. „Ich habe kein Interesse an den Machtspielchen des Harems.“

„Ich auch nicht. Ich möchte einfach eine von ihnen sein“, erklärte sie lächelnd. Ihr zweites Leben war ihr eigentlich wichtiger, obwohl sie es noch gar nicht wirklich mit Tajna begonnen hatte.

„Dabei hatte ich gedacht, dass du gern Zeit mit König Freyr verbringst“, bemerkte Sinon überrascht, aber leise.

Verlegen nickte sie. „Das tue ich. Ich genieße jede Minute, die er mit ihr verbringt. Er ist lieb und zuvorkommend“, antwortete sie ehrlich. In Gedanken dachte sie aber auch an Tajna, mit dem sie gerne Zeit verbrachte, doch seit dem letzten Mal waren einige Wochen vergangen, in denen sie sich bisher nur einmal gesehen hatten.

„Das ist gut. Deine Gegenwart scheint ihn zu entspannen“, meinte Sinon und nickte zufrieden.

Das war Fenrir bereits aufgefallen und es freute sie, denn Freyr verdiente es, sich ab und an zu entspannen. Sie lächelte Sinon zu und fragte leise, ob sie vielleicht tanzen wollte. Freyr hatte einen weiteren Tanz mit seiner Frau begonnen und sie wollte sich ablenken, denn er wollte sie den anderen Haremsdamen noch vorstellen. Dann würde sie endlich Namen zu den Gesichter haben.

„Tanzen muss ich nicht unbedingt“, sagte sie lächelnd. „Möchtest du dich setzen?“

„Gerne“, erwiderte Fenrir. Zusammen gingen sie zu einer gemütlichen Sitzecke, die zurzeit leer war. Dort ließen sie sich nieder und hatten einen Überblick über den Ballsaal, waren aber gleichzeitig auch etwas abseits von den anderen. So konnten sich beide erst einmal von dem hektischen Treiben erholen.

Fenrir bemerkte leise, dass die Haremsdamen wunderschöne Melodien spielten. Es war kein Wunder, dass Freyr einige davon in seinem Harem hatte, obwohl er nicht körperlich an ihnen interessiert war. Jetzt erst, nachdem sie etwas ungestört waren, erkundigte sich Fenrir nach Sinons Wohlbefinden.

„Der Stress macht mir zu schaffen“, gestand sie und nahm einen Schluck Wein. „König Freyr hat einige Probleme und ich versuche zu helfen, doch das ist nicht so einfach.“

Fenrir machte es sich auf dem weichen Polster bequem, drehte sich aber zu Sinon, um mit ihr zu sprechen. „Sprecht Ihr von politischen Problemen?“, fragte die junge Haremsdame und griff nach einem kleinen Happen vom silbernen Tablett, das auf dem Tisch stand.

„Ja“, nickte Sinon. „Aber auch mit seiner Frau“, flüsterte sie.

„Sie scheinen sich nicht gut zu verstehen. Das ist schade. In einer Ehe sollte Liebe und Vertrauen herrschen“, erwiderte Fenrir genauso leise.

„Ja, da gebe ich dir Recht, aber das hier war eine politische Heirat. Nur, dass Mylady Isis wohl mehr will“, seufzte sie und schüttelte den Kopf.

„Mehr?“, fragte die junge Haremsdame stirnrunzelnd. Sie verstand nicht ganz, was Sinon meinte.

„Sie will Mitspracherecht in politischen Angelegenheiten“, flüsterte Sinon und schüttelte dann erneut den Kopf. „Ich denke, mehr kann ich dir nicht erzählen.“

Mehr wollte Fenrir eigentlich nicht wissen. Das waren Machtspiele, die sie nichts angingen. „Ich dachte, das hat sie durch die Heirat“, bemerkte sie erstaunt. Zumindest war sie davon ausgegangen.

„Als würde Freyr ihr so viel Macht einräumen“, seufzte Sinon. „Er vertraut ihr nicht sonderlich und ihre Ehe ist bisher auch kinderlos. Keine guten Voraussetzungen.“

Das war schade, aber so viel Fenrir mitbekommen hatte, waren auch die Haremsdamen dafür da, für Nachkommen zu sorgen. „Vertrauen kann man nicht erzwingen, aber ich hoffe, dass es für die beiden besser wird“, seufzte die junge Frau.

Sinon beugte sich zu Fenrirs Ohr und flüsterte ihr zu, dass König Freyr die Scheidung wollte.

Fenrirs dunkelgrüne Augen weiteten sich und sie hielt sich den Mund zu, um nicht laut zu keuchen. „Ist das sein Ernst? Was passiert dann?“, fragte sie mit gedämpfter Stimme, doch sie war schockiert von den Neuigkeiten.

Sinon zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht“, gestand sie. „Das muss ein Priester entscheiden, aber da die Ehe kinderlos ist, könnte das zu Freyrs Vorteil sein.“

Nachdenklich betrachtete Fenrir das tanzende Paar und sah, wie angestrengt Freyr aussah. Ob seine Frau dazu beitrug, dass er oft so erschöpft war? So wie es im Moment aussah, war das wohl wirklich so. Bestimmt hatte der König sich seine Ehe anders vorgestellt. Ruhiger, mit mehr Unterstützung und Liebe.

Sicherlich stritten sie auch öfters. Schon die eine Reaktion von Freyr, als er zu seinem Berater gesagt hatte, dass sich seine Frau auch mal nützlich machen konnte, hatte ihr gezeigt, dass es nicht gut um die zwei stand.

Fenrir seufzte und nippte an ihrem Weinglas. Wenn er wirklich wegen Mylady Isis so gestresst war, war eine Scheidung wohl das Beste und er konnte sich einer neuen Frau widmen.

Allerdings hatte Fenrir auch das Gefühl, dass Scheidungen in der Oberschicht nicht so einfach waren.

Nur waren das Dinge, die sie nichts angingen, solange der König Fenrir nicht einweihte. Deshalb fragte die junge Frau auch nicht nach, was wohl geschehen würde. Sie sah, wie sich die beiden lösten, als die Musik zu Ende war und es sah aus, als ob Freyr darüber erleichtert war..